Gegen die Abwertung der Welt von John Berger, 2003, HanserGegen die Abwertung der Welt.
Essays von John Berger (2003, Hanser - Übertragung Hans Jürgen Balmes).
Besprechung von
Angela Schader in Neue Züricher Zeitung vom 29.3.2003:

Vom Erscheinen und Verschwinden der Welt
Essays von John Berger

Zeit seines Schaffens hat der Kunstkritiker und Romancier John Berger dem abstrahierend-theoretischen Ansatz misstraut. Eine vorab auf Komposition und Farbgebung abhebende Würdigung von Frans Hals' letztem grossem Gruppenbild, den «Regentinnen des Altmännerhauses», weist er schon Anfang der siebziger Jahre in seiner berühmt gewordenen BBC-Serie «Ways of Seeing» als «Mystifikation» zurück; eine solche ästhetisierende Sicht, verdeutlichte Berger damals mit marxistischer Emphase, diene nur den Interessen einer privilegierten Minderheit, welche die im Kunstwerk dokumentierte Historie in ihrem Sinne interpretieren und damit «retrospektiv die Rolle der herrschenden Klasse rechtfertigen» wolle. Berger selbst möchte aus Hals' Gemälde vorab etwas über die Beziehung zwischen dem alten, verelendeten Maler und den hochmögenden Damen herausgelesen haben. Aber: Liesse sich dies nicht gerade auch auf der Ebene der Formsprache tun - wo sich das reale Machtverhältnis verkehrt, der Maler die Porträtierten den Gesetzen seiner Kunst unterwirft?

Dreissig Jahre nach «Ways of Seeing» ist Berger seinen Positionen im Grundsatz treu geblieben. Sein jüngster Essayband ist soeben in der behutsamen, äusserst geglückten Übertragung von Hans Jürgen Balmes bei Hanser erschienen. Texte zur bildenden Kunst werden darin flankiert von einem vehementen Plädoyer «Gegen die grosse Niederlage der Welt», einem zeitkritischen Hörstück und einem Briefwechsel Bergers mit dem Zapatistenführer Subcomandante Marcos; ebenfalls in Briefform gehalten ist «Der Apfelgarten», eine halb aus der Wirklichkeit, halb aus der Phantasie geschöpfte Geschichte um Gefängnisse, Mausefallen und - so die bitter-poetische Pointe zum Schluss - die Tatsache, dass ein Apfelbaum doppelt so viel Raum zum Leben braucht, wie einem Menschen in der Zelle zugestanden wird.

Die propagandistische Schärfe der eingangs zitierten Attacke gegen die analytische Kunstkritik kommt in dem Band glücklicherweise nur selten zum Tragen; sie äussert sich vorab in den Plädoyers gegen die Globalisierung, welche sogar diejenigen mit Skepsis lesen dürften, die dieser Entwicklung selbst nicht unkritisch gegenüberstehen. «Gegen die grosse Niederlage der Welt» setzt ein grosskalibriges sprachliches Geschütz ein, das durch Undifferenziertheit und mittlerweile zu häufigen Gebrauch nicht mehr wirken kann; zudem schwächt der Text seine eigene Argumentation durch fragwürdige Schlüsse. Warum soll die Behauptung, dass die neue Weltordnung «fanatisch und totalitaristisch» ist, ausgerechnet durch die Tatsache bewiesen sein, dass es weltweit hundert Millionen Strassenkinder gibt? Und was ist von der Behauptung zu halten, dass die Globalisierung «Nationalstaaten wie zum Beispiel die Sowjetunion oder Jugoslawien untergräbt»?

Glücklicherweise kommt dieses Stück erst gegen Ende des Bandes, wenn der Leser seine Irritation schon mit einer beträchtlichen Dankesschuld aufwiegen kann. Die oft nur wenige Seiten umfassenden Betrachtungen zum Schaffen einzelner Künstler - die Spannweite reicht von Rembrandt und Michelangelo bis zu Antonioni und dem finnischen Photographen Pentti Sammallahti - bewegen sich zwar in klaren Grenzen: Es geht ausschliesslich um figurative Kunst, und die Reflexion zielt primär auf die Beziehungen zwischen Künstler, Modell und Betrachter (wobei Berger blosse Vermutungen über die Vorgehensweise des Künstlers sprachlich manchmal etwas nahe an die Tatsache rückt); technische Aspekte dagegen werden nur selten berührt. Aber immer wieder stösst man auf Gedanken, die zumindest ein nichtprofessioneller Kunstbetrachter als kleine Erleuchtung wahrnehmen und bewahren wird.

Die übergreifende Idee, welche in der einen oder anderen Form immer wieder aufscheint, wird in «Schritte zu einer kleinen Theorie der Sichtbarkeit» ausformuliert. Berger setzt darin den durch Medien und Technologie gezeugten Bildern, die «das Erscheinende vom Existierenden zu trennen» drohen, sein Verständnis einer Bildkunst entgegen, die sich gleichermassen aus intensiver Begegnung zwischen Künstler und Dargestelltem und aus Abwesenheit nährt. Denn erst aus dem, was das Modell in seiner Absenz «unsichtbar zurücklässt», konstituiere sich das Bewusstsein des Malers für die Essenz seines Gegenstands. Daraus könne dann die «Ähnlichkeit» zwischen Bild und Dargestelltem erwachsen - jene Qualität, die aus einem planen Stück Leinwand heraus, über Distanzen und Jahrhunderte hinweg, dem Betrachter das Gefühl eines lebendigen Erkennens zu vermitteln vermag.

Wie allerdings wird solche «Ähnlichkeit» aus dem Leben ins Bild übergeführt? «Aber wie wird diese Hitze zu einer Zeichnung? Wie zeichnet sich eine solche Hitze mit Farben? Es geht, aber ich weiss nicht, wie», gesteht Berger ein. Dass er sich über diese - zumindest behauptete - Beschränkung nicht öfter hinweggesetzt hat, mag man bedauern; denn wie die folgende Passage zu Antonioni zeigt, vermag er durchaus, das Ausdruckspotenzial rein formaler Momente zu erschliessen:

In ihm [gemeint ist der erste, kurze Dokumentarfilm des Regisseurs] erkennen wir bereits Antonionis charakteristischen Stil, seine Einstellungen zu kadrieren, als läge das, was ihn wirklich interessiert, immer neben dem Gezeigten; der Protagonist steht nie im Zentrum, denn das Zentrum ist ein Geschick, das wir nicht verstehen und dessen Umrisse noch nicht klar zu erkennen sind.

Auf derartige ein Bild oder Werk durchdringende Einsichten stösst man immer wieder: wenn es von van Gogh heisst, seine Zeichnungen folgten «Energieströmen, die nicht aus seinem Körper kommen»; wenn Berger hinter Morandis Kunst das Interesse an dem Prozess erkennt, «in dem das Sichtbare sichtbar wird, noch bevor das gesehene Ding einen Namen oder einen Wert erhält», und von da aus das stille Leben dieser Bilder erschliesst: «Es sind Orte (alles hat seinen Ort), an denen ein kleines Ding erscheint und wird.» Solche Ursprungsorte findet Berger auch in den prähistorischen Höhlenmalereien der Grotte Chauvet (Ardèche) oder in Zentralsardinien, wo sich das Leben über Jahrtausende, langsam, zäh, zwischen der Übermacht der Felsen und Steine seinen Platz schaffen musste.

Im wie eine zunehmend aus dem Ruder laufende Rundfunksendung gestalteten Hörstück «Ist es, ist es nicht» nimmt der Schriftsteller, der sich seit langem in ein Bauerndorf in der Haute Savoie zurückgezogen hat, seine trotzige Verweigerung der Zeitgenossenschaft selbst aufs Korn: «Ein Hörer fragt an, in welchem Jahrhundert ich um Gottes willen eigentlich lebe. Er findet, ich klinge wie aus dem neunzehnten. - Nein, nein, ich lebe im sechzehnten oder neunten. Was glauben Sie, wie viele Jahrhunderte waren nicht dunkel? Eins von sieben?» Man wünschte, Berger gäbe überall mit so viel Hintersinn zu bedenken, welcher Lichtwert unserer eigenen Epoche zuzugestehen sei.

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