1.)
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Gegen den Tag.
Roman von Thomas Pynchon (2008,
Rowohlt - Übertragung
Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren)
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand, Focus, 19.05.2008:
Dieser Roman ist eine Zumutung. Ein Biest von einem Buch.
Schwer zu bezwingen, unmöglich zu zähmen, kaum zu bewältigen. Es lässt einen
nicht los, krallt sich fest, plättet, erdrückt. Allein der schiere Umfang
schreckt ab. Fast 1600 Seiten umfasst „Gegen den Tag“, der neue Roman des
großen, genialen, verschrobenen US-Autors Thomas Pynchon, der jetzt (wunderbar
ins Deutsche übertragen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren) bei Rowohlt
erschienen ist.
Und doch ist er, wie Fernsehkritiker Denis Scheck in FOCUS schrieb, ein „langes
Empfehlungsschreiben an die Akademie in Stockholm“, an die ehrwürdigen
Herrschaften, die den Nobelpreis für Literatur vergeben. Vielleicht trauen sie
sich ja in diesem Jahr, den 71-jährigen Pynchon zu küren, der immer wieder auf
ihrer Shortlist auftaucht. Pynchon, den Verrückten, das Phantom, das Phänomen.
Schon in den 60er-Jahren beschloss er, ein Zeichen gegen den klatschsüchtigen
Literaturbetrieb zu setzten und verschwand nahezu vollständig von der
Bildfläche.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.focus.de]
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2.)
Gegen den Tag.
Roman von Thomas Pynchon (2008,
Rowohlt - Übertragung
Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren)
Besprechung von
Steffen Richter in der NRZ vom 21.6.2008:
Die „Paranoia querulans", der Querulantenwahn ist keine
krankhafte Veranlagung. Sondern Triebkraft einer Kunst, die Einspruch gegen das
Bestehende sein will. Und kaum ein lebender Schriftsteller ist offensichtlicher
von dieser rigorosen Missbilligung der Realität getrieben als Thomas Pynchon.
Deswegen kommt die Literatur mit seinen Romanen zu sich selbst. Ein neuer
Pynchon, das heißt: Bewusstseinserweiterung marsch!
Mexikanische Revolution, sibirische Abenteuer
Als „Gegen den Tag" 2006 im US-Original erschien, wurde Pynchon von übellaunigen
Kritikern dennoch gerupft. Klar. Mit 1600 Seiten ist der Roman nicht nur ein
dickes Buch, er ist eine Zumutung. Doch das Format gehört zu einem Plan, der
diverse Grenzüberschreitungen vorsieht. Raum und Zeit sind hier anders als
anderswo.
Die Geschichte spielt zwischen der Weltausstellung von 1893 in Chicago und dem
Ende des Ersten Weltkriegs. Von den USA führt sie über Europa bis nach Sibirien.
Im Zentrum steht Webb Traverse, tagsüber ein gewerkschaftlich engagierter
Minenarbeiter, nachts ein anarchistischer Bombenleger. Der wird im Auftrag des
Bergwerkbesitzers Scarsdale Vibe umgebracht - der Mann störte den Kapitalismus.
Und während seine Tochter ausgerechnet den Mörder ihres Vaters heiratet, wäre es
an den Söhnen Kit, Reef und Frank, diesen Vater zu rächen.
An Frank entspinnt sich eine Western-Story, die in die Mexikanische Revolution
mündet. Reef sehen wir in unübersichtliche Spionageaktivitäten auf dem Balkan
verwickelt. Und Kit, den mathematisch begabten Jungen, treibt es über die Yale
University nach Göttingen und später nach Irkutsk. Über allem schwebt das
Luftschiff der Himmelsbrüder vom Abenteuer-Netzwerk „Freunde der Fährnis". Das
allerdings entstammt einer Groschenroman-Serie à la
Jules Verne.
Was Pynchon zu einem labyrinthischen Textgewölbe verbaut, ist die gärende Welt
am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Die Wut über die Ungleichverteilung der Güter
wird geschürt von der modernen Massengesellschaft, die technische Moderne ist
Wunderkammer und Büchse der Pandora zugleich. Da werden spinnerte mathematische
Ideen zu Geheimwaffen, das gerade erfundene Flugzeug gerät zum Bomber. Doch sind
nicht alle Fantasien der Ratio geopfert. Man begegnet einem alpinen Urvieh
namens Tatzelwurm, sprechenden Kugelblitzen und lesenden Hunden.
Geschichte ist bei Pynchon nie etwas Entschiedenes. Sie zersplittert in ihre
nicht verwirklichten Möglichkeiten und ihre verborgenen Nachtseiten. Die Welt
ist aus den Fugen. Thomas Pynchon sei Dank. Und was dieser vermeintlich
historische Roman an Zeitgenossenschaft transportiert, schlägt jedes auf
aktuelle Politik getrimmte Erzählen. (NRZ)
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3.)
Gegen den Tag.
Roman von Thomas Pynchon (2008,
Rowohlt - Übertragung
Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren)
Besprechung von Christoph Onkelbach in der
WAZ vom 19.7.2008:
Meine Güte! Schon wieder so ein
Pynchon-Brocken. Unter 1000 Seiten macht es der große Unbekannte der
amerikanischen Gegenwartsliteratur selten. Und nun gar knapp 1600. Wer „Die
Enden der Parabel" durchmessen und „Mason & Dixon" tatsächlich zu Ende gebracht
hat, mag gewarnt sein. Doch das monströse Buch verliert bald seinen Schrecken.
Sicher, es ist ein echter Pynchon, vulgär, komisch, kompliziert, farbenreich,
versponnen, wortprall, doch ist „Gegen den Tag" zwar sein bislang längster
Roman, aber auch sein zugänglichster.
Auf historischen Tatsachen aufbauend, entschwebt die Handlung in die Welt
grenzenloser Fantasie. Deshalb muss der Versuch scheitern, den Inhalt zu
skizzieren, es wäre, als wollte man Pynchons geistreichen Irrsinn auf
Passbildgröße schrumpfen. Gleichwohl: Eine handvoll melancholischer Helden, die
„Freunde der Fährnis", befinden sich mit ihrem Luftschiff auf einer geheimen
Mission rund um den Erdball. Die Reise führt sie von New York über Venedig nach
London, Wien, Göttingen und Mexiko. Endpunkt der Fahrt ist der globale
Sündenfall des Ersten Weltkriegs. Und wohin die seltsame Truppe auch kommt,
überall finden sie die Spuren und Verwerfungen sozialer Unruhen vor.
Die erste Station ihrer Reise ist die Weltausstellung in Chicago 1893. Hier
zeigt sich, wohin das aufziehende 20. Jahrhundert treiben wird. Hinter den
aufgeplusterten Fassaden der „weißen Stadt", die mit allen möglichen
Verheißungen der anbrechenden Moderne lockt, wird der Verfall und die Mordlust
der neuen Zeit schon sichtbar. Denn direkt nebenan arbeiten die berühmten
Schlachthöfe Chicagos auf Hochtouren. Hier spätestens endet der amerikanische
Traum in einer Hölle aus Blut und Eingeweiden: „Hier endlich findet der Trail
sein Ende, zusammen mit dem amerikanischen Cowboy." Und Pynchon lässt einen
seiner Helden das Stichwort der Epoche aussprechen: „Entfremdung." Die
„lehrreiche Stunde des Halsaufschlitzens, Enthauptens, Abhäutens, Ausweidens und
Zerlegens", die ein Besucher der Schlachthöfe erleben darf, nimmt vorweg, was
der Weltkrieg bringen wird.
Deshalb endet Pynchons Welt 1914.
Das Buch lässt sich lesen als umfassende Verweigerung gegenüber der Geschichte.
„Gegen den Tag" ist gemeint als revolutionäres Anti-Programm gegen die Epoche,
als Heraustreten aus der Zeit. Pynchon entwirft eine Gegenwelt, die trotz aller
Absurdität intelligenter und freundlicher ist als die vermeintlich reale. Falls
der Autor eine Botschaft hat, dann könnte sie so lauten: Alles hätte anders
werden müssen. Deshalb lernt Held Lew „neben den Tag zu treten. Es war nicht
direkt Unsichtbarkeit. Sondern ein Woanderssein." Mit dem Weltkrieg haben die
Menschen sich von ihrer Zukunft verabschiedet. Das Buch ist Pynchons Versuch,
eine andere Vergangenheit zu entwerfen, eine, wie sie hätte sein sollen,
getragen von Hoffnungen auf eine doch noch gute Zukunft. Wenn das Anarchie ist,
dann eine von menschenfreundlicher Art.
Und Pynchon möbliert seinen Traumkosmos mit unglaublicher Fabulierkust und
unendlichem Detailreichtum, ein Kraftakt der Widersätzlichkeit gegen die
erkennbare Wahrheit. Gegen diese lässt er antreten sprechende Kugelblitze,
Anbeter des Lichts, denkende Kuchen, Bücherwurmlöcher, absurde
Wissenschaftsgläubige, lesende Hunde, Sexbesessene und Raumzeitrutschbahnen. Er
verästelt spielerisch die Handlung, findet plötzlich Halt an einer Anekdote,
einer Person, deren Geschichte berichtet werden will, gewinnt plötzlich rasant
Fahrt, bis ein kurioser Einfall ihn erneut bremst. Pynchon lässt seine
Erzählungen und Figuren treiben, scheinbar zufällig, als säße er in der
Straßenbahn der Geschichte und schriebe über das Leben eines jeden, der ein- und
aussteigt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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