Gegen alle Widerstände von Gabriele Fritsch-Vivié, 2013, Hentrich&HentrichGegen alle Widerstände.
Der Jüdische Kulturbund 1933-1941, Fakten, Daten, Analysen, biographische Notizen und Erinnerungen von Gabriele Fritsch-Vivié (2013, Hentrich&Hentrich).
Besprechung von Rudolf Damm für die Rezensionen-Welt, 09/2013:

Der Jüdische Kulturbund...
...und was sich dahinter verbirgt!

Einen Überblick über dieses Werk, das einen weiteren Mosaikstein über das Leben, Überleben und Sterben deutscher Juden  in den Jahren des 3. Reiches hinzufügt, kann man aus der Feder der Autorin Gabriele Fritsch-Vivié in der „Lyrikwelt“ nachlesen. Von vornherein meinen Dank an die Autorin, der das Verdienst gebührt, unser Wissen über die menschenverachtende Politik der nationalsozialistischen Machthaber gegenüber der verfemten und verachteten Gruppe der „Nichtarier“, seien es nun prominente Künstler wie Kurt Gerron, der gezwungenermaßen Regie führte in der NS-Pseudo-Dokumentation über das KZ Theresienstadt „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ und der Ende 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde oder der überlebende Kurt Geschonnek, der spätere Defa-Star (im Westen u.a. bekannt geworden durch „Jakob der Lügner“ nach dem gleichnamigen Roman von Jurek Becker) oder einfach nur Menschen mit ursprünglich  bürgerlichen Berufen, denen der „Kulturbund“ die einzige Möglichkeit zum Überleben bot und deren Versuche die Zeit der Unkultur zu überleben, zu erhellen. In der Geschichte der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bürger Deutschlands in den 12 Jahren der Terrorherrschaft begegnet man immer wieder dem Hinweis auf den „Jüdischen Kulturbund“, ohne aber genauer zu erfahren, was sich dahinter verbirgt, welche Aufgaben er hatte und was er unter diesen Bedingungen zu leisten vermochte – diese Lücke ist mit diesem Werk gefüllt. Ursprünglich hieß diese Einrichtung „Kulturbund Deutscher Juden 1933“, aber schon 1935 musste er sich – wie ist es im Nachhinein nicht anders zu erwarten - in „Jüdischer Kulturbund, Berlin e.V.“ umbenennen: „deutsch“ war allein die „Herrenrasse“!

Der Satz des Journalisten und Schriftstellers Leo Hirsch (1903-1943): „Das Bekenntnis zur Kunst, zum Geist und zur schöpferischen Unterhaltung trotz allem“ ist das Leitmotiv, das die Autorin ihrem Werk voranstellt. Hirsch wird neben vielen anderen Persönlichkeiten ausführlich behandelt und der Leser erfährt, dass er u.a. der Verfasser einer „Praktischen Judentumskunde“ ist, die damals vom Kulturbund veröffentlicht wurde, „denn das deutsche Judentum hatte wenig Wissen vom religiösen Alltag, dem abzuhelfen schien ihm in der augenblicklichen Situation besonders notwendig“. (G. Fritsch-Vivié, Gegen alle Widerstände, S. 236) Im Bertelsmann Verlag wurde dieses Buch 1962 neu aufgelegt.

Mich berührt es immer wieder zutiefst, wenn ich feststellen muss, dass mein Geburtsjahr das Todesjahr eines Menschen ist, dem die damaligen Machthaber das Prädikat „Mensch“ abgesprochen haben. Die eigene Geschichte ist so für mich untrennbar mit der Suche nach der Wahrheit der Geschichte meines Landes verbunden und das macht mich wenig  stolz darauf, Deutscher zu sein.

Beim Lesen des Buches stieß ich auch auf den Namen Camilla Spira - eine Schauspielerin, deren Namen mein Vater mir gegenüber sehr häufig erwähnte – er war wohl das, was man heute einen Fan von ihr nennt. Was er möglicherweise nicht wusste, oder mir gegenüber nie erwähnt hat, war die Tatsache dass sie nur durch eine dramatische Lüge – sie verleugnete ihren jüdischen Vater - das Leben ihrer Tochter und ihr eigenes vor dem Vernichtungstod retten konnte. Sie erscheint auf einem Foto, das im September 1943 auf der Bühne des niederländischen Durchgangslagers Westerbork aufgenommen wurde.

Einen Namen möchte ich neben den insgesamt über 300 Namen im Personenregister noch hervorheben: Kurt Singer (1885-1944 Theresienstadt), ohne den, wie Frau Fritsch-Vivié betont, es den „Kulturbund“ gar nicht hätte geben können: er… „war  der Sachwalter, Leiter, Manager und Lotse, kurz, der gerade in dieser Zeit so unbedingt notwendige Spiritus rector.“ (a.a.O., S. 56) Sie nimmt ihn gegen den in letzter Zeit laut gewordenen Vorwurf der Kollaboration in Schutz, in dem sie sagt: „ Die Diskussion darüber … während jener Zeit ist nicht abgeschlossen, scheint aber von einer puristischen Auffassung hinsichtlich aktiver Unternehmungen in einer Diktatur auszugehen.“ (a.a.O., S. 56)

Der Leser wird sich nach der Lektüre ein abschließendes Urteil bilden können – so erhellend und wichtig ist dieses 273 Seiten umfassende akribische Werk, dank der Arbeit der Autorin nicht nur für den Historiker, sondern auch für den allgemein an der Aufarbeitung unserer Vergangenheit Interessierten! Ich wünsche dem Buch viele, viele Leser!

>Ergänzung zur Besprechung des Buches von Gabriele Fritsch-Vivié „Gegen alle Widerstände – Der Jüdische Kulturbund 1933-1941“ Berlin 2013

„Die jüdischen Künstler wurden überall ausgeschlossen. Sie durften nur noch in ihrem von Hinkel überwachten Kulturbund auftreten. Dort saßen die Menschen zusammengepfercht; berühmte Sänger kamen, der weltbekannte Alexander Kipnis tröstete mit seiner Kunst seine Glaubensgenossen. Aus den Tönen der „Zauberflöte“ hörte man Hoffnung und Sehnsucht nach einer einzigen Stunde des Friedens. Julius Bab“ ( 1880 – 1955, deutscher Dramatiker, Mitbegründer des Kulturbundes) „ sprach vom Theater, von seinen Erlebnissen mit Schauspielern. Auch er zeigte, wie man mit Stolz und Würde ein schlimmes Schicksal tragen kann. „Der Max Reinhardt hat einmal gesagt“, erzählte er, „wenn die Juden Theater spielen, ganz gut, wenn die Christen Theater spielen, auch ganz gut, aber wenn Juden und Christen zusammen spielen – himmlisch, wunderbar! Die Welt kann einstürzen, aber dann lebt noch unsere Zauberwelt.“

Menschen, die niemals Konsequenzen daraus gezogen hatten, daß sie der jüdischen Rasse angehörten, fanden sich zu brüderlicher Gemeinschaft. Im Jüdischen Kulturbund hatten sie zu sich selbst gefunden, und wenn Rosenstock ( 1895-1985,“ ein hervorragender Dirigent mit einer großen Fähigkeit, junge Musiker und Sänger zu führen, was für den Kulturbund mit seinem zusammengesetzten, noch gar nicht aufeinander eingespielten Orchester besonders wichtig war“ Gabriele Fritsch-Vivié, a.a.O., S.61) das Kleine Orchester dirigierte , dann war es für viele, als lauschten sie den Weissagungen der Propheten.“ ( Max Tau, Das Land das ich verlassen mußte, Hamburg 1961, S. 261 f.)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0913/1013 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rudolf Damm/lyrikwelt.de