Gefundenes Fressen von Jean Krier, 2005, Rimbaus

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Gefundenes Fressen.
Gedichte von Jean Krier (2005, Rimbaud).
Besprechung von Michael Braun im Saarländischen Rundfunk, Bücherlese vom 26.11.2005:

Es ist etwas Schwereloses in diesen Gedichten, eine Fließbewegung, die aus maritimen Quellen kommt. Sie halten hartnäckig Kurs auf das Meer als absoluten Sehnsuchtsort. Der in Luxemburg lebende Lyriker Jean Krier gehört zu den Dichtern, die in ihren Gedichten eine Fusion von zwei Unendlichkeiten anstreben - eine Fusion von Sprache und Ozean. Er schreibt Gedichte, die in ihrer rhythmischen Bewegung und ihrer vokabulären Textur ebenso fluid sein wollen wie die Wellen des Meeres. Seinen poetischen Standort hat er in seinem neuen Gedichtbuch  „Gefundenes Fressen“ meist an der bretonischen Küste errichtet, bei der Ile D´Ouessant, wo schon ein Großteil der Texte im vorangegangenen Band „Sehstücke“ angesiedelt war. Auch diesmal hält die bretonische Küste alle Ingredienzien des Utopischen bereit: die Weite, das unberechenbare Spiel des Windes, das Blau des Himmels und den „Schaum der Tage“, den Jean Krier in einer Anspielung auf den anarchistischen Dichter Boris Vian heraufbeschwört.

In diesen Gedichten begegnen sich deutsche und französische Sentenzen, ein poetische Gratwanderung auf der Sprachgrenze, die Jean Krier spielend leicht bewältigt. Aber seine scheinbare Leichtigkeit der Naturbeschwörung stößt oft unerwartet an die Grenzen einer grausamen politischen Wirklichkeit. Auf schwelgerische Anrufungen des Meeres folgen plötzlich Evokationen des Todes. Im ersten und stärksten Kapitel des Buches, der Motive einer existenziellen Selbstbesinnung versammelt, ist es der Tod der Eltern, der das lyrische Ich im „Schaum der Tage“ aufschrecken lässt. Vor der Kulisse des unendlichen Meeres tauchen in kleinen Erinnerungsblitzen die Gestalten der Mutter und des Vaters auf.

Ich zitiere das Gedicht „Sind Schäume“: „Wäre Mattigkeit danach und sanfter langer Schlaf. / Aber Totengelage am Strand u alte schlaffe Haut. / Der Vater kam immer nach Haus. Kein Stein / auf dem andern. Aber Schweiß. Zum Überlaufen / in der Scheune hinten das Fass. Mutter u Mutter / schöpften schwitzend u keuchend. Totengelage / von der Dämmerung bis. Als wäre noch Herbst / und die Blätter fielen von ganz. Und einer, der / holte die Kastanien aus dem Feuer. Plötzlich steht er auf der Düne oben, sieht sich, wie er oben / da steht und wie er sich oben da stehen sieht.“

Im zweiten Kapitel, das sich auf Reisebilder konzentriert, scheint sich das Ich nach einer Überfahrt übers Mittelmeer ganz in Schwärmerei zu verlieren. Ein Gedicht über Tunesien beginnt so: „So ist Gott groß aber an solchem Tag, wo der Himmel / so tief oben wie das Meer und ein Nachmittag ist.“ Aber im vorangegangenen Gedicht, das die tunesischen Glücksversprechen in sich einströmen lässt, werden auch verstörende Signale gesetzt, die auf die Ankunft des Schrecklichen deuten: „Der Tod ist heiß u weiß, / die Verstorbenen wollen ans Licht.“ Wer nach dem Gang durchs tunesische Paradies am Ende des Textes angekommen ist, wird jäh mit der Datierung des Gedichts an den „heißen und weißen Tod“ erinnert. „Tunesien an Ostern“, heißt es da, und man darf das als Fingerzeig auf den El Kaida-Anschlag im tunesischen Djscherba lesen, der im April 2002 alle exotischen Blütenträume des Westens platzen ließ. Nicht immer gelingt Jean Krier diese subtile Verflechtung des Naturschönen mit dem politisch Schrecklichen, am allerwenigsten im dritten Kapitel, das sich mitunter in ausladenden Selbstkommentaren verliert. Aber sein neues Buch „Gefundenes Fressen“ enthält eine ganze Menge bildkräftiger, intelligenter und inspirierter Gedichte, die diesem viel zu wenig bekannten Autor endlich die Aufmerksamkeit der Lyrik-Community sichern sollten.

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Leseprobe I Buchbestellung 1205 LYRIKwelt © Michael Braun

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Gefundenes Fressen von Jean Krier, 2005, Rimbaus2.)

Gefundenes Fressen.
Gedichte von Jean Krier (2005, Rimbaud).
Besprechung von Jürgen Ritte in der Frankfurter Rundschau, 21.12.2005:

Wie ein junger Hund
"Gefundenes Fressen" - Neue Gedichte von Jean Krier

Ein gefundenes Fressen ist das, was glückliche Fügung einem vorsetzt. Gefundenes Fressen , das ist der Titel des neuesten und dritten Lyrikbandes des Luxemburger Autors Jean Krier, und eine glückliche Fügung für den Leser ist es, dass sich hier ein unerhört neuer, unverwechselbarer und damit dem Ohr gleich einprägsamer Ton in der deutschsprachigen Lyrik der Gegenwart vernehmen lässt. Einen solchen Eindruck, ein solch gefundenes Fressen, setzte uns zuletzt ein Thomas Kling vor oder, um einen Altmeister zu zitieren (und damit die Klasse anzuzeigen, in der Jean Krier spielt), ein Peter Rühmkorf . Ähnlich wie diese erfindet auch Jean Krier die Sprache der Lyrik neu - aus verbalem Strandgut, aus Worthülsen, Sprachmüll, aber auch aus klassischen Reminiszenzen, Anspielungen, Alltagspoesie. Seine streckenweise virtuos arrangierten Gedichte sind Sprachkritik und Fest der Sprache zugleich, lauschen dem, was dem sensiblen Ohr des Autors vorgesetzt und zugetragen wird, die poetischen Möglichkeiten ab.

Das "gefundene Fressen" ist unsere Sprachkulisse, die Sprache, die in uns spricht und auf uns einspricht, und Jean Krier spielt mit ihr wie junger Hund, dem beim Spaziergang ein besonders saftiger Knochen zwischen die Pfoten geraten ist, den er benagt, dem er eine stets neue Form gibt, bevor er ihn sich endgültig einverleibt. Als Beispiel ein Gedichttitel, der gleich beim verspielten Stöbern und Schnuppern im Inhaltsverzeichnis des sehr schön gemachten, von Max Neumann mit einer Titelillustration versehenen Bandes auffällt : die "BaugeRÄTErepublik" - besser, ironischer, distanzierter kann man das, was Berlin heute ist und was als historische Möglichkeit in dieser Stadt einmal angelegt war, in einem Wort nicht kondensieren und konfrontieren.

Oder schauen wir gleich ins Eingangsgedicht, "Böse" : Liebes und Nettes ist da in der Tat nicht zu entdecken. Stattdessen setzt es ein mit einem "Beigeschmack von totem Wasser ", auch von einem Mord im Hohlweg ist die Rede, "und dann nach Festen zwischen Speiseresten die Fetzen / von Manifesten". Von Festen zu Fetzen. Und es geht weiter mit aggressiven "Katzentatzen, Ehefratzen" und "Spatzen", die nichts von den Dächern zu pfeifen haben, denn sie fallen tot von denselben herunter. Und so geht es weiter. Es ist ein - absichtlich böses, zersetzendes - Spiel mit sprachlichen Versatzstücken, mit " -etz " und " -atz""-Lauten, es ist, Phonetik und Schriftbild synthetisierend, ein " ätzendes" Spiel.

"liebe, lobe, labe, leuchte"

In Gefundenes Fressen präsentiert Jean Krier 60 Gedichte, verteilt auf drei Abteilungen. Gegenständlich lassen sich oft maritime Landschaften ausmachen (wie schon in Bretonische Inseln, 1995, oder Tableaux/Sehstücke, 2002) , die das metaphorisch-poetische Feld von Strandgut und Stranden, von Ätzung und salziger Zersetzung hervorbringen. Jean Krier erweist sich dabei als ein - in der Lyrik seltener - Meister des langen Verses, ein Beleg für sein rhytmisches, musikalisches Können. Doch schließt dieses Können "kurze" Formen, wie sein geradezu barock jublilierendes Stück "Liebeslaute" nicht aus ("Liebe, liebe Liebe, lobe, labe, leuchte… "), das man zu den schönsten Gedichten auf die Liebe zählen darf, die aus den letzten Jahren in deutscher Sprache vorliegen. Ein Kabinett- und Anthologiestück.

Gefundens Fressen ist im Aachener Rimbaud-Verlag erschienen, wo Krier mit Ernst Meister oder Yves Bonnefoy eine angemessene Nachbarschaft findet. Damit gibt es keine Entschuldigung mehr dafür, ihn nicht zu kennen und, schlimmer, nicht zu lesen.

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