Gefühlte Nähe.
Roman in 23 Paarungen von Harald Martenstein (2010, C. Bertelsmann).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 4.9.2010:

Harald Martenstein und die unfassbare Frau
Kult-Kolumnist Harald Martenstein erzählt das Leben einer Frau – aus der Sicht ihrer 23 Liebhaber. Auch wenn man immer mehr von jener „N.“ erfährt, ist man ihr am Ende kein Stück näher gekommen.

Die gefühlte Temperatur ist oft kälter als die reale. Wie ist das mit der „gefühlten Nähe”?

„Zeit”-Kolumnist Harald Martenstein erzählt diesen Roman „in 23 Paarungen“: Er kreist um eine Frauenfigur, die in 23 Kapiteln von Mann zu Mann flattert. Ein Psycho-Puzzlespiel. Die Idee hat ein bisschen was von Schnitzlers „Reigen” und viel von Jurek Beckers wunderbarer „Amanda herzlos”; kurz: die Latte liegt hoch. Martenstein erzählt ein ganzes Leben allein von jenen Momenten her, in denen Männer „N.” nahe kommen. Oder sie ihnen.

Der erste ist ihr Lehrer Rühl. Nachts schlüpft N. im Schullandheim in sein Zimmer, es folgen Schlüpfrigkeiten, die Rühl als „unerlaubten intimen Kontakt” beschreibt. N., die Abgebrühte.

Dann beobachtet ein Kollege die auf der Toilette masturbierende N. – er wird sie nie ansprechen, „weil er zu wissen glaubte, dass die Realität den Bildern seiner Phantasie nicht würde standhalten können. Die gefühlte Nähe genügte ihm.” N., die Ferne.

Betrogene und Betrügerin zugleich

Der schwarze Musiker Sam heiratet N.; sie will von ihm ein Kind; das aber bekommt Sam mit seiner Geliebten Liza. N., die Betrogene.

N., die Betrügerin: Röhricht, Vollmann, Born heißen für N. nacheinander schlicht „Bärchen”. Martenstein gelingen kleine Porträts der Verlassenen, Verzweifelten: „Rost fragte sich, was er mit dem Teil seines Lebens, der ihn mit N. verband, diesen fünf Jahren, nun anfangen sollte, diesen Erinnerungen, die jetzt zu nichts mehr gut waren und für die niemand sich jemals interessieren würde.”

So lebensprall diese Männerfiguren gezeichnet sind, so blass und dünn bleibt N., der noch nicht einmal ein voller Name vergönnt ist. Die Figur ist in all ihrer Tragik ein Klischee. Oder ist Tragik stets klischeehaft? Wir alle kennen ja eine N.: Sie ist unsere beste Freundin, die immer für eine Geschichte gut ist. Die wir bedauern (und beneiden). Die sich erst nicht entscheiden konnte unter all den Chancen. Die später zu schnell aufgab. Oder schlicht Pech hatte.

Fast wäre der Aristokrat Klaus von Schlieffen Vater von N.s Kind geworden. Weil aber der Gärtner des Schlösschens auf den Schwangerschaftstest pinkelte und ihn so unschön verfälschte, ahnte N. ja nichts von ihrer guten Hoffnung und verlor das Ungeborene beim Helikopterskiing.

Der Vorschlag mit den Handschellen

Spätestens hier ahnen wir, dass Martenstein es nicht gut meint mit seiner Heldin. Dass ihm womöglich das eigene Konstrukt aus dem Ruder lief, thematisiert er charmant: Lover Nummer 22 ist ein Buchautor, dem in einer „exemplarischen Biografie der Gegenwart in Fragmenten und Bruchstücken” die Hauptfigur unversehens zur „Leerstelle” wurde, zum „Phantom”.

Das ist witzig, da erkennen wir ihn wieder, unseren Martenstein. So wie in den schrägen Planungen für ein Sex-Wochenende: „Drei Wochen vor dem Termin kam der Vorschlag mit den Handschellen... Sie hatte auf dem Hotelprospekt die Betten genau in Augenschein genommen. Es gab Bettpfosten. Das sah sehr, sehr gut aus in dem Prospekt.”

Auch der Leser wünscht sich ja Handschellen für diese Hauptfigur, die einfach nicht zu fassen ist. Martensteins clowneske, absurde erzählerische Eskapaden, so unterhaltsam sie sind, verhindern eine Annäherung. Gleichzeitig lässt er keinen Raum, die Leerstelle mit eigenen Fantasien zu füllen (weil seine einfach nicht zu toppen sind). So gilt am Schluss eine Weisheit, die Liebhaber Nummer drei einst prägte: „Erzählen heißt verstehen. Stimmt natürlich nicht immer.”

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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