Gefährliche Launen von Nora Iuga, 2007, Klett-Cotta1.) - 2.)

Gefährliche Launen.
Ausgewählte Gedichte von Nora Iuga (2007, Klett-Cotta - Übertragung Ernest Wichner)
Besprechung von Michael Braun in freitag 12 vom 23.3.2007:

Der Engel beisst mir in die Hand
Die letzte Surrealistin Europas: Nora Iuga und ihre Gedichte "Gefährliche Launen"

Ein berühmter Blechtrommler hat vor vielen Jahren ihr Leben verändert. Sein trotzig entfachter Lärm, den er gleichermaßen gegen die Welt der Erwachsenen wie gegen politische Willkürherrschaft entfachte, wurden ihr zum Vorbild. Viele Jahre lang beschäftigte sich Nora Iuga, die rumänische Poetin, mit dem Übersetzen von Günter Grass´ Blechtrommel. Die Trommelschläge des rätselhaften Zwergs Oskar wurden schließlich auch Taktgeber für ihre Gedichte. Sinnlichkeit und groteske Phantastik, Schelmenhaftigkeit und politische Renitenz - die Merkmale des "Blechtrommel"-Romans werden als poetische Antriebskräfte auch in den Gedichten der Nora Iuga wirksam.

In einer scharfsinnigen Glosse zum späten Bekenntnis von Grass, ein Teil der Mordmaschinerie der Waffen-SS gewesen zu sein, hat die Dichterin kürzlich sein Verhalten aus der Doppel-Struktur der "Blechtrommel" abgeleitet: "Er wurde zum Mann und zum Schriftsteller, die Milch aus einer dionysischen und einer apollinischen Brust saugend - Rasputin und Goethe, der obskure Quacksalber und der allwissende Olympioniker." In diesem Konkurrenzkampf apollinischer und dionysischer Prinzipien im Sinne Nietzsches steht in Nora Iuga eigener Dichtung der Sieger bereits fest: Es sind die Energien des Dionysischen, also des Rauschhaften, ungebändigt Dynamischen und Sprunghaften, die Nora Iuga in ihren Gedichten freisetzt.

Das mag auch mit der turbulenten Herkunftsgeschichte der Dichterin zusammenhängen: Die 1931 in Bukarest geborene Tochter eines Musikers und einer Tänzerin, deren Eltern wiederum aus Ungarn, Serbien und Deutschland stammten, begleitete als Kind ihre Mutter auf ihren Tourneen durch ganz Europa, bis der Zweite Weltkrieg diesem nomadisierenden Künstlerleben ein Ende setzte. Es ist wenig verwunderlich, dass der despotische Kommunismus des Ceaucescu-Regimes mit der sprühenden Phantastik ihrer Gedichte nicht zurecht kam. In Nora Iugas zweitem Gedichtband Gefangen im Kreis von 1970 entdeckten die aufgescheuchten Kulturwächter des Regimes einen "morbiden Erotismus". Das reichte für ein Publikationsverbot, so dass die Dichterin acht Jahre lang keine einzige Zeile mehr veröffentlichen konnte. Diese Zeit nutzte die Autorin, um einige kulturelle Brücken zu bauen zwischen der rumänischen und der deutschen Literatur. Sie begann zu übersetzen und konzentrierte sich auf einige Meisterwerke der phantastisch fabulierenden Erzähltradition, wie etwa die Märchen von Wilhelm Hauff, die Erzählungen von E.T.A. Hoffmann oder eben die Blechtrommel von Grass. Ihr literarisches Temperament hat Nora Iuga auch früh zu den Verfahrensweisen des Surrealismus geführt - eine Passion, die sich bis heute in ihren Gedichten manifestiert.

So ist die einst vom Beamtensohn Isidore-Lucien Ducasse alias Lautréamont eingeführte Urformel des Surrealismus, die lyrische Schönheit gleiche der "zufälligen Begegnung zwischen einem Regenschirm und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch", auch für Nora Iuga prägend geworden. Bereits das Titelgedicht ihres 1968 in Rumänien publizierten Debütbandes Es ist nicht meine Schuld spricht von einem absonderlichen Witwen-Ritus, bei dem es zu eigenartigen Begegnungen kommt: "Die Witwen tanzen um den Brunnen / die Witwen der auf dem elektrischen Stuhl / eingeschlafenen Pferde. // Es ist nicht meine Schuld / ruft eine grüne Witwe/ wenn ich eine Kröte brauche / um Schilfrohr zu werden." Hell flackernde Bilder und absurde Visionen vermischen sich in dieser Weise auch in den folgenden Gedichtbänden der Autorin zu einer Poetik der unablässigen Überraschung.

Vielleicht ist es ihr 1996 in Rumänien erschienener Band Die Nachtdaktylographin, der in seinem Titel am prägnantesten die Verfahrensweisen dieser Gedichte andeutet. Es sind lyrisch konzentrierte Mitschriften von Tagträumen, nächtlichen Phantasmagorien, kleinen alltäglichen Snapshots und jäh aufleuchtenden Visionen des Begehrens, die Nora Iuga zu Gedichten organisiert. Und es gibt tatsächlich auch einen äußerst lebendigen "Erotismus" in den Texten, der aber nicht fragwürdig "morbide" ist, wie einst die Alarmisten der rumänischen Kulturpolitik behaupteten, sondern immer wieder überrascht mit großer skurriler Frische und origineller Drastik. Je älter diese Dichterin wird, desto kühnere Bildfindungen zum Drama von Liebe und Schmerz, Eros und Tod scheinen ihr zu gelingen.

Dabei artikuliert sich auch eine "masochistische Intensität", wie nun ihr jüngerer Kollege Mircea Cartarescu im Nachwort zu ihrem Auswahlband Gefährliche Launen anmerkt, den die Autorin gemeinsam mit ihrem Übersetzer Ernest Wichner für das deutsche Publikum zusammengestellt hat. Das Buch setzt ein mit einigen wenigen lyrischen Proben aus den sechziger Jahren und endet mit den grell-assoziativ geflochtenen Prosagedichten des jüngsten Buches Das Mädchen mit den tausend Falten (2005). Und immer scheint da ein Begehren die vertraute Ordnung der Welt zu sprengen. Genuss und Leid ist dabei kaum mehr zu unterscheiden: "ich höre die sonate der welt / und treibe mir einen nagel durch die handfläche / zu spüren was jesus gespürt hat / so verschwindet aus meinem ohr die schönheit / und kehrt verzehnfacht in mein fleisch zurück".

Bereits 2004 hatte die Stuttgarter Edition Solitude einen ersten Versuch unternommen, die eigensinnige Surrealistin Nora Iuga in Deutschland vorzustellen. Ernest Wichner hatte die Gedichte des sensationellen Gedicht-Zyklus Der Autobus mit den Buckligen übersetzt, Herta Müller hatte dazu ein Nachwort geschrieben. Die Reaktionen des Literaturbetriebs fielen jedoch sehr matt aus. Dabei hätte man bereits hier eins der bedeutendsten Gedicht-Werke des späten Surrealismus entdecken können. Das lyrische Ich dieses Zyklus entpuppt sich als die sehr virile und ziemlich gefräßige Kunstfigur "Sam", ein Frauenverschlinger wie einst Brechts "Baal", der sich in ungezügeltem Vitalismus auf die Welt wirft, ohne das Rätsel der eigenen Existenz begreifen zu können. In kleinen grotesken Episoden tastet sich diese Kunstfigur durch ihren kleinen Kosmos aus "Buckligen" und anderen auffälligen Menschenwesen. Es ist ein wunderbarer schwarzhumoriger Surrealismus, der hier zelebriert wird - und Nora Iuga erweist sich einmal mehr als eine große Dirigentin des Phantastischen.

Manchmal wirken diese lyrisch-narrativen "Sam"-Geschichten wie ins Abnorme verrutschte Märchen, dann wieder konstruiert Nora Iuga schrille blasphemische Konfrontationen von Vampirismus und göttlichem Eros. Im schnellen Wechsel der grotesken Perspektiven gibt es keinen Halt für etwaige Sinn-Deuter, die dem surrealistischen Tumult der Bilder eine Ordnung abgewinnen möchten. Dieser "Sam" ist schwer greifbar: "es macht mir spaß über die stränge zu schlagen / es macht mir spaß bei rot über die straße zu gehen / auf der brust trage ich ein tigertattoo / und ein schaf auf der linken schulter / manchmal vergesse ich meine frau in der schublade / manchmal lecke ich die tinte von den tellern/...von sonnenaufgang kommen die mongolen / aus dem westen der engel / er beißt mir in die hand".

Mit großer metaphorischer Verve hat Nora Iuga das Bildspektrum des modernen Gedichts erweitert. Es wird allerhöchste Zeit, dass wir uns vom eigensinnigen Surrealismus dieser Dichterin, von ihren tätowierten Buckligen und beißenden Engeln endlich die Augen öffnen lassen.

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Gefährliche Launen von Nora Iuga, 2007, Klett-Cotta2.)

Gefährliche Launen.
Ausgewählte Gedichte von Nora Iuga (2007, Klett-Cotta - Übertragung Ernest Wichner)
Besprechung von Jan Wagner aus der Frankfurter Rundschau, 25.4.2007:

Was der Wal verschlingt
Die glücklichen Gedichte der Rumänin Nora Iuga

"Wer bin ich? Eine Frau, nachts an der Schreibmaschine, in der kleinen Küche einer Blockwohnung am Rande von Bukarest. Die Nachbarn grüßen mich, weil sie mich mitunter im Fernseher sehn, wo ich Hüte anprobiere und Gedichte lese, die gut klingen, aber leider unverständlich sind. Ich wundere mich, dass ich ihnen nicht lächerlich vorkomme - ich habe zu erwähnen vergessen, dass ich 75 Jahre alt bin und nur über die Liebe schreibe." So verschmitzt und so scheinbar bescheiden beginnt ein Selbstporträt der rumänischen Dichterin Nora Iuga.

Der beschwingte Ton dieser Prosa, in der sie Auskunft über ihr Schreiben, über ihr Leben und Lieben gibt, könnte darüber hinwegtäuschen, dass Nora Iuga weit mehr ist als eine wunderliche alte Dame mit einem Faible für extravagante Kopfbedeckungen und Poesie. Das mag noch nicht für den deutschsprachigen Raum gelten, obwohl sie sich seit langem als Übersetzerin und Vermittlerin der hiesigen Literatur engagiert - und obwohl schon Jahre vor dieser umfassenden Auswahl aus dem Gesamtwerk eine schmale Publikation der edition solitude den Versuch unternahm, Nora Iuga auch hierzulande als große europäische Dichterin vorzustellen.

In Rumänien ist sie seit Jahrzehnten ein fester Bezugspunkt in der poetischen Landschaft und jüngeren Dichtern Ansprechpartnerin und Vorbild zugleich - seit 1968, als ihr Debutband erschien, und trotz des Publikationsverbots, mit dem sie in Ceausescus Rumänien schon bald danach für die Dauer fast eines Jahrzehnts belegt wurde. Anlass hierfür war ihre Nähe zur literarischen Gruppe der Oniriker, die wegen Subversionsverdacht aufgelöst wurde, und die, wie Iuga selbst, an die surrealistische Tradition der rumänischen Dichtung anknüpften, die in den dreißiger Jahren begründet worden war. Die Werke Gellu Naums und Ghérasim Lucas waren es damals gewesen, die André Breton mutmaßen ließen, das Zentrum des Surrealismus befinde sich nicht länger in Paris, sondern nunmehr in Bukarest. Es ist also kein Zufall, dass Naum namentlich in der Lyrik Nora Iugas auftaucht, und ebenso überrascht es nicht, dass Iuga, wie die Gründerväter des Surealismus, in vielen Gedichten der Welt des Schlafs, dem Traum und seiner Logik zu ihrem Recht verhilft. "lass meinen kopf unterm kissen/ damit ich nicht höre/ wenn du sprichst im schlaf/ lass mich in meiner finsternis/ an meiner haltestelle/ wo zwei züge ineinander fahren/ ohne zusammenstoß".

Poetologie der Gegensätze

Das ist ein wunderbares Bild, das auch auf Iugas poetisches Verfahren übertragbar scheint, auf eine Poetologie, in der konträre Elemente aufeinanderprallen können, ohne dabei einen lyrischen Totalschaden zu verursachen, sondern um sich zu oft paradoxen, stets überraschenden Vergleichen und Metaphern zu verbinden: "sieh den himmel kopfunter und gewendet wie ein mantel/ eine milch wie sie brav sich zurückzieht/ unter ihren rahm". Anderswo stößt man auf Landschaftsentwürfe und Szenen von bizarrer Schönheit: "Die verlassene Frau gleitet an den Nächten vorbei/ und beleuchtet den Bahnsteig/ mit ihrem schönen Busen".

Und nicht zuletzt die Gedichte über Liebe und Erotik sind es, in denen sich immer wieder Wendungen finden, die so unverkrampft körperbetont wie originell sind ("im geöffneten koffer ist mein geschlecht zu sehen/ gelb und weich wie eine kamelschnauze"), die semantischen Gegensätze verschmelzen, Derbes und Zärtliches, Banales und Exquisites zu einer Einheit werden lassen. Zum Erstaunlichen, nie Gesehenen ist es nur ein kleiner Schritt, eine knappe Wendung: "die wespe findet mich/ mit ihrem feinen stachel/ und sticht mich/ in die südliche kopfgegend/ wo es diese berühmten meere gibt". Iugas Gedichte bringen das fremdartige Bild mit dem Gewohnten auf eine ganz selbstverständliche, nie elitäre und oft hochkomische Art zueinander.

Alles, so scheint es, kann dort seinen Platz finden, ohne dass deshalb an eine surrealistische écriture automatique im traditionellen Sinne zu denken wäre. "Ich notiere alles, ebenso wie der Wal, der unbesehen das Plankton verschlingt winters wie sommers", umschreibt Nora Iuga an einer Stelle ihr ästhetisches Credo. Schöne, befremdliche Meere sind es, auf die man in dieser südlichen Kopfgegend trifft, und von dem poetischen Plankton, das Nora Iuga dort findet und aufbereitet, lässt sich zehren.

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