Gedichte wieder hergestellt von Peer Schröder, Edition KellnerGedichte wieder hergestellt.
Gedichte von Peer Schröder (2001,
Edition Michael Kellner, mit Zeichnungen von Stephan Balkenhol).
Besprechung von
Michael Schmidt für die Rezensionen-Welt, 2001:

Alternativer Anlage-Geheimtip
Dem Major und Ritter de la Motte Fouqué und dem Hauptmann und Reichspostinspektor Dr. Stramm zujeeignet

Wer zwey Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an, empfahl der Göttinger Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg im Jahre 1775. Wer dieses Buch, die Gedichte Peer Schröders, jetzt anschafft, wird sich dereinst, wenn er denn unbedingt muß, einen dieser schnieken italiänischen Anzüge anschaffen können, die derzeit das je individuelle Markenzeichen südamerikanischer Drogenbarone und rot-grüner Parteifunktionäre in Deutschland sind.
Dieses Buch ist ein æchter Anlagetip: Außer den Gedichten von Peer Schröder enthält es Zeichnungen des virtuosen Bildhauers Stephan Balkenhol, von dem die Deutsche Bank sonst nie genug für ihre Kunstkatakomben bekommen kann. Es lohnt sich also, zuzugreifen, bevor der Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit diesem Tip nachklappt. Ein Geheimtip, den die bekanntlich stets oberflächlichen Reichen bislang übersehen haben: Balkenhols eher mit monumentalen Skulpturen als mit subtilen Zeichnungen verbundener Name erscheint auf dem Titelblatt, nicht aber gleich auf den ersten, gierigen Blick auf dem Umschlag des Buches.
Peer Schröder hat seine Gedichte seit Mitte der siebziger Jahre gesammelt, nicht alle, das hätte leicht einen doppelt so starken Band ergeben können, sondern eine Senator - Schröder - Chef - Auswahl, souverän zusammengestellt aus gedruckten und - wahrscheinlich auch einigen wenigen bislang - ungedruckten Texten, stattliche 96 Seiten inklusive Titelei, Zeichnungen und Impressum. Die einleitende editorische Notiz liest sich wie eine Literaturgeschichte der kleinen, teils in Spirit-Carbon-Umdrucken verlegten oder als geheftete Fotokopien verteilten literarischen Magazine der letzten dreißig Jahre:
Einige der hier versammelten Gedichte erschienen, teilweise in ihrer Orginalfassung, in diesen Zeitschriften: Analle, Auf die rauschende Laterne!, Der Sanitäter, Falk, Gegner, Loose Blätter Sammlung, Schorli Morli, Zeitschrift für angewandtes Alphabet und Kunst,& wo sonst noch? fragt sich Peer Schröder, der ewige Debütant, der nie rezensiert wird und diesen Umstand mit großer Gelassenheit - man vgl. die Portraitzeichnung des Künstlers mit untergeschlagenen Armen auf S. 26 - erträgt, ununterbrochen DAS VERSCHWINDEN DES GEDICHTS IM GEDICHT praktizierend:
"Ich hasse diesen Literaturpessimismus" (S. 76),
lautet sein diskretes Bekenntnis zugunsten von "O Mosenthal o Dingelstedt" (ebd.), zwei völlig vergessenen Kasseler Autoren des 19.Jahrhunderts. Und die sonst noch auf PANZERHAUBITZEN spezialisierte kurhessische Metropole K. ist DER MITTELPUNKT dieses poetischen Universums, dessen Peripherie Örtlichkeiten mit so geheimnisvoll anmutenden Namen wie Braskereidfoss in Südostnorwegen, die legendäre Buch Handlung Welt in Hamburg, der Harz, Witzenhausen, Landwehrhagen und Bonaforth bilden:
REHLAUF
In der alten Land

Straße abgerutschter Unterfütterung die

die Bundesstraße

an dem Hang hinter Landwehrhagen

wo`s runtergeht nach Bonaforth

die Kehren zigmal schneidet

zwischen Auto- und Eisenbahn

ging dort Seume

zwischen Auto- und Eisenbahn

steckt ein Lauf

auf der Lichtung

schnell mit

der Elektrischen

hänge am Trittbrett

ungesäumt

ohne Fuß

Die - elektrische - Eisenbahn hat Stephan Balkenhol übrigens auf S.39 sehr schön gezeichnet; auf einem sanft ansteigenden, vielbögigen Viadukt repräsentiert sie die vielfältigen intertextuellen B-Züge dieser ganz unprovinziellen Gedichte, Außenseiter der deutschen Klassik, Expressionisten, amerikanische Beat-Poeten vor allem.
Einige Gedichte beziehen sich allen Ernstes, als wärens Spiegel-Artikel, aufs Jahr 1977; Chausseebäume beispielsweise, und gewiß Symbole aus/überwundenen Jahrhunderten, werden hier genannt, wie in einem Roman von Theodor Fontane. Warens Dinosaurier, die sich einstens an ihnen die Köpfe einrannten, oder alljährlich zehntausend aufrechte Mitglieder des ADAC?
Wer in dreißig Jahren so wenig schreibt, ist offenbar immer am Kürzen, wie in einer historisch-philologischen Ausgabe dieser Gedichte am Beispiel der Widmungsgebräuche mit wissenschaftlicher Akribie leicht nachzuweisen wäre. Haikus, eine emeritierte Lieblingsform Peer Schröders, lassen sich, wenn sie nicht geschwätzig sind, eben nur um einstige Widmungen kürzen. Dann lauten sie so:

LIEDCHEN
Im Schnee die Lokomotive tanzt

Auf dem Bahnhof einen kleinen Halt

Puht! Fort! Gavotte!

Oder so:

EIN SEEMANNS LEBEN

Der Seemann mag Zwetschgen

und die saugt er aus

bevor er segelt

Diese Drei- beziehungsweise Dreipluseins-Zeiler erscheinen in einer Weise aphoristisch geprägt, daß man vom west-sprachlichen Haiku als dem verhinderten Aphorismus der faulen Socke sprechen möchte: eine alltägliche, alltagsweltliche Beobachtung wird durch extreme sprachliche Präzisierung signifikant, ohne sich freilich dem aphorismentypischen Zwang zur Pointe zu beugen. Gleichwohl enthalten sie im letzten Glied eine unerwartete Wendung.
Andere Gedichte, entschiedene Non-Haikus, sind erkennbar länger; sie umfassen, den Titel nicht zu zählen, etwa vier Zeilen, um das Bild eines Bildes zu erzeugen und aus dem Leser einen Sehenden zu machen, wobei der Transformationsprozess durch einen Reim markiert wird:
1912 MALT ALEXEJ VON JAWLENSKY BLAUE BERGE

Höcker drei Dromedar

gut gestartet stehen

Haus Schornstein Rauch

in Bewegung zu sehen

Fünf Zeilen gar, die Widmung nicht einmal eingerechnet, vermögen eine andere expressionistische Malerei in knappster Sprache zu evozieren:

BAHNHOF BEI UNTERGEHENDER SONNE
Aquarell von Ernst Ludwig Kirchner 1934

Schienen unruhig rot

Loks schwarz die Öffnungen

Stromabnehmer auf dem Rangiergleis

Puffer Räder rot schwarz

Waggonschlag

Wie einleitend gezeigt, finden sich in dem zu besprechenden Bande auch Gedichte von sechs oder noch mehr Zeilen Umfang, wenig überraschend, wenn man Kassel als Kulturhauptstadt des Spätbarock bedenkt. Indessen ergibt doch bereits die im Modus des Vollzitats vollzogene Analyse der kurzen Gedichte eine bemerkenswerte Asymmetrie: Während das Jawlensky - Gedicht je drei Wörter in vier Zeilen umfaßt, ohne jeden Zweifel ein poetisch kühner Hinweis auf das Entstehungsjahr der Blauen Berge, verteilt das Kirchner gewidmete Gedicht 16 Wörter auf fünf Zeilen. Die Gesamtzahl der Wörter des Gedichts ergibt durch einfache Verdopplung 32, die beiden am Entstehungsjahr des Gedichts fehlenden Wörter lassen sich leicht, entweder durch Teilung oder durch Verdopplung des einsamen Kompositums in der letzten Verszeile aus dem philologischen Hosenbein schütteln. Wie alt mag die Erbtante des Autors sein, wie violett die Latzhose des Pflaumen verzehrenden Matrosen in seinem Gedicht?
Wer das auszählen will, wird schon seine Hose ins Versatzamt tragen müssen.
Für einen Rückenakt, wie er beziehungsreich auf dem rückwärtigen Umschlag des Buches abgedruckt ist, benötigt Stephan Balkenhol, der andere Minimalist dieses Spar-Buches, auf Seite 93 mit der Sprezzatura eines Dilettanten an eine antike Säule gelehnt, übrigens etwa fünf, teils nachgebesserte Striche. Und zwei Punkte, für die Grübchen:

so mag

ich sie gerne

so mag ich sie gerne


… die Gedichte und Zeichnungen dieses Hosentaschenbuches, in dem sich ein Poet und ein Zeichner gefunden haben.

Professor Dr. phil. Michael Schmidt
Germanistisk institutt
Det humanistiske fakultet
Universitetet i Tromsø
N-9037 Tromsø

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