Gedichte von Rose Ausländer, 2001, S. Fischer

Gedichte.
Gedichte von Rose Ausländer (2001, S. Fischer).
Besprechung von Hauke Hückstädt aus der Frankfurter Rundschau, 12.5.2001:

Eine Tote, die das Leben liebt
Zeichen stellen der Zeit eine Falle: Eine Jubiläumsedition zum 100. Geburtstag von Rose Ausländer

Wozu einer Toten gratulieren? Was sagen? - Am 3. Januar 1988 stirbt Rose Ausländer, "Schwester Celans", wie man auch von ihr gesagt hat. Sie stirbt in Düsseldorf, im Nelly-Sachs-Haus. Und sie liegt in D-Dorf beerdigt, auf dem Nordfriedhof, dem dortigen Jüdischen Friedhof. Sie ist 86 Jahre alt geworden, die letzten zehn davon durch Krankheit ans Bett gebunden, aber schreibend, immerfort schreibend. Zum Ende ist ihr alles zum Gedicht geworden: "Ich bin eine Tote / die lebt / und das Leben liebt".

Gestern, am 11. Mai 2001, wäre Rose Ausländer 100 Jahre alt geworden. Und Helmut Braun, der Nachlassverwalter Ausländers und Herausgeber ihrer Gesammelten Werke, hat für den S. Fischer Verlag, zu dem die Autorin Anfang der Achtziger Jahre wechselte, eine wohlfeile Jubiläumsausgabe zusammengestellt und mit einer editorischen Notiz versehen. 3000 Gedichte hat diese Autorin geschrieben, von denen bis heute knapp 2400 veröffentlicht sind. Diese Versflut erklärt sich am ehesten aus Rose Ausländers Selbstauskünften, dass ihr das Schreiben ein Trieb war: "Schreiben war Leben. Überleben!" Die unkündbare Umarmung von Leben und Werk, von Biografie und Poetologie wurde selten deutlicher als bei ihr. Vor hundert Jahren, im damals österreichisch-ungarischen Czernowitz als Rosalie Scherzer geboren, wandert sie zwanzigjährig gemeinsam mit Ignaz Ausländer nach Minneapolis aus und publiziert dort ihre ersten Gedichte. Sie wird Staatsbürgerin der USA, bleibt das aber nicht lange, da sie vor allem der erkrankten Mutter wegen, die sie pflegt, schon bald wieder nach Czernowitz zurückreist oder es vorzieht, sich in Wien und Bukarest aufzuhalten. Folgenschwer wird die Aberkennung dieser Staatsbürgerschaft für sie, als 1941 SS-Truppen Czernowitz besetzen, die Stadt, in der zwei Jahre zuvor auch ihr erster und von ihr späterhin verschollen gegebener Gedichtband Der Regenbogen ("Unfassbar, dass ich jemals so geschrieben habe!") verlegt wurde. Sie überlebt das Ghetto und entkommt ihrer Deportation durch die dunkle, über ein Jahr währende Flucht in Kellerverstecken. Sie lernt den Dichter Paul Celan kennen, den sie während einer Europareise in den fünfziger Jahren, inzwischen wieder New Yorkerin, wiedersehen wird.

Das Werk der Rose Ausländer wird erst viel später habbar. 1965, das Jahr ihrer endgültigen Rückkehr in die BRD - da ist sie also Mitte Sechzig - erscheint der nach dem gleichnamigen Gedicht betitelte Band Blinder Sommer. Es ist ihre vielleicht bedeutendste Publikation, ein Solitär, der, wenn in seiner Zeit auch unbeachtet geblieben, bereits alle Motive und Motivationen ihres folgenden Schaffens in eine streng durchkomponierte Fassung bringt.

Helmut Braun hat sechs große thematische Felder in ihrem Lebenswerk ausgemacht und die nun vorliegende Jubiläumsausgabe danach aufgebaut. So plausibel und sinnvoll eine solche Strukturierung ist, so bedauernswert ist es, dass weder aus seiner editorischen Notiz, noch aus den Registern für Gedichttitel und Gedichtanfänge erkenntlich wird, aus welcher Zeit und aus welchen Primärquellen die hier versammelten Gedichte stammen. Dieses etwa 400 Gedichte umfassende Leinenbändchen könnte und sollte zwar in jeder Jackentasche Platz finden, genügt aber nicht im geringsten auch nur halbwegs interessierteren Ansprüchen. Das mag gezollter Tribut an die nunmehr achtbändige Werkausgabe sein. Schade ist es dennoch. So zuckeln die Gedichte wie nach Ladung gekoppelte Waggons von unbestimmter Herkunft hintereinander her, bestimmt und gesteuert allein durch die thematischen Großkapitel (1. Bukowina-Heimat-Kindheit-Mutterbzeihung, 2. Judentum, 3. Shoa, 4. Exil, 5. die Sprache des Gedichtes sowie 6. Gedichte von Liebe und Tod).

Eine bedeutende Lyrikerin? - Ja! Eine der besten, vielleicht nicht die Beste ihrer Zeit, die geprägt ist durch die Erfahrungen von Krieg, Verfolgung, Widerstand und Ohnmacht. Eben solchen Umständen und Extremsituationen, unter denen noch jede Kunst angeschlagen, gleichsam Deckung suchend einen Schritt zurück in die Seile traditioneller Formen fällt. Und dies im Falle Rose Ausländers bestärkt und angetrieben von einem unbedingten Urvertrauen in die Sprache, der zwar aufgrund des erlittenen Schocks "der Reim in die Brüche ging", die ihr ansonsten aber, wie sie es so oft formulierte, Luft zum Atmen war. Die Sprache und sie: "Wir verstehen uns aufs Wort / wir lieben einander". Sie hat, es sind nicht ihre stärkeren Gedichte, dazu etliches geschrieben: "Unbeschriebenes Blatt I", "Papier II", "Zwischenzeilwort", "Handwerk", "Sätze" oder "Zeichen II" lauten die Titel. In "Unbeschriebenes Blatt II" heißt es: "Zeichen stellen / der Zeit eine Falle / Die drei Dimensionen / haben hier Platz". Rose Ausländer hat ihre Gedichte durchnummeriert wie Blockbuster. Mit denen haben sie die Berechenbarkeit und Emotionalität mitunter gemein. Aber sie teilen mit ihnen auch die Solidität der Ausdrucksmittel, die Verweigerung des Hermetischen, obgleich Rose Ausländer Celans neues Modell poetischer Evokation so bewunderte: "Der Tod hatte seinen besten Dichter hervorgerufen."

Vielleicht war es die Verlässlichkeit und Kontinuität mit der die drei für Lyrik relevanten Dimensionen von Ton, Thema und Bildevokation bei ihr übereinkamen, die ihre späte Popularität begründeten. Überraschungen gab es keine. Ihr Alterswerk ist geprägt von einer versöhnlichen Grundhaltung, für die sie ab den Siebziger Jahren viel Anerkennung fand und zahlreiche Literatur-Preise erhielt. Die erstaunlichsten Momente in der Lyrik und lyrischen Prosa Ausländers sind mitunter jene, in denen etwa die Einflüsse des Metropolenlebens in New York die Zeilen diktieren. Nervöse Großstadtwahrnehmungen mitunter, die sie in behutsam bedeutungs- und verkehrsberuhigte Aufnahmen von Straßen- und Menschendschungeln überführt - nicht unbeeinflusst von deutschen Expressionisten wie Georg Heym, aber auch voller Kenntnis der amerikanischen Lyrik ihrer Zeit. Das Gedicht mit dem schönen Titel "Cézanne im Central Park" beschließt sie so: "Seht / das Konkrete abstrakt / das Abstrakte konkret."

In den Schulen wurde den nach ihr kommenden Generationen, die sie lesen sollten, anderes abverlangt. Die späten Gedichte Rose Ausländers sind wohl zu jenen zu zählen, vor denen Deutschlehrer immer gewarnt haben, indem sie sie in bester didaktischer Absicht niemals ihrer Kontexte entlassen haben, die die Schüler dann auf Ergiebigkeit, aber lustlos auspressten. So wenig Verben und Adjektive, so wenig Bewegung und Flirrendes, so viel durchaus erhabene Statik in diesen Gedichten, so viel Wiederholung: Großmutter, warum hast du so große Worte? - Die Antwort, nicht aber Rechtfertigung dafür, muss wohl Ghetto, Exil, sprachliche Heimatlosigkeit lauten.

Was seit Ende des Zweiten Weltkriegs verfasst wurde, was gerade jetzt und in Zukunft geschrieben wird, wird unweigerlich darüber entscheiden, wieviel, wenn überhaupt etwas, die deutschsprachige Literatur von ihr entbehren kann. Das nächste Jubiläum kommt. In fünfzig Jahren. Ein verschmitztes Credo hat sie sich mit dem lyrischen Prosatext "Krokodiltränen" selbst geschrieben, nehmen wir es als Geburtstagsständchen: "Ich salze meine Suppe mit Krokodiltränen. Das Krokodil, ein Geburtstagsgeschenk, liegt in der Küche und weint, weil ich nicht koche, was es gern frißt: Menschen. Ich füttere es mit Literatur. Es verschlingt alles, was ich ihm vorlese, bis auf Gedichte. Lyrik findet es unverdaulich."

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