Gedichte
1950-95.
Gedichte von Hans Magnus Enzensberger (1995,
Suhrkamp).
Besprechung von Hartmut Ernst, Homepage Kübelreiter:
Der
Auswahlgedichtband, der verschiedene Arbeiten des süddeutschen Literaten vereint,
enthält z.B. ein so wichtiges Gedicht wie die "Verteidigung der Wölfe gegen die
Lämmer", das in seiner naiv anmutenden Diktion Vorläufer und Grundfigur aller
politisch nicht korrekten Texte ist.
Im Gefolge Brechtscher Lyrik ist bei Enzensberger nie lange zu rätseln, was gemeint sein
könnte. Die Bedeutung der Texte steht immer recht klar vor Augen. Die platte Realistik,
gepaart mit souveräner Formbeherrschung, stellt ein eindeutiges Ziel vor Augen.
Enzensberger war nie ein Vertreter der Ansicht, daß Lyrik etwas Besonderes sei. Man habe
sie schlichtweg so zu behandeln, wie einen erzählenden Text. Und doch nutzt der Autor das
Mittel der knappen und verkürzten Sprache, um zuletzt jene Ratlosigkeit hervorzurufen,
die sich stets einstellt, wenn man das Gefühl hat, hier sei etwas mit besonderer Mühe,
Kunstfertigkeit oder Bedeutungsschwere vorgenommen, ohne schließlich den Punkt auf das i
zu setzen.
Enzensberger aber will - im Unterschied zu vielen anderen "Dichtern" - auf
diesen Mangel, dieses Blablabla, diese Leerstelle im Text aufmerksam machen, statt sie zu
überschreiben mit seichten Beschwichtigungen oder notdürftigen Erklärungen.
Enzensbergers Gedichte sind hart. Sie fügen sich nicht der schnittigen Konversation und
Weichmacher-Lyrik - es sei denn, sie persiflieren sie. Dadurch gewinnen die Texte an
Dichte und Authentizität.
Bemerkenswert ist zudem, daß viele seiner Gedichte eine anfangs vorausgesetzte
Grundstruktur ausbauen, ergänzen und immer weiter verfeinern. Es ist ein Spiel mit dem
vorhandenen Material, das aber zuletzt zerstört oder zumindest verändert wird. Nein,
diese Gedichte kann man nicht liebhaben! Aber man muß sie kennen.
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