Gedichte und
Prosagedichte 1949-2001.
Gedichte und Prosagedichte von Hans-Jürgen Heise (2002, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Walter Neumann in der Stuttgarter Zeitung
vom 19.7.2002:
Stufen
der Poesie
Hans-Jürgen Heises Gedichte
Schon mehrfach hat der Lyriker Hans-Jürgen Heise in umfangreichen Werkausgaben
Stufen der Fortentwicklung seiner Poesie demonstriert. Die neue Sammlung
"Gedichte und Prosagedichte 1949-2001", die auf rund fünfundzwanzig
Einzelpublikationen basiert, hebt sich jedoch entscheidend von allen früheren
Zusammenstellungen ab.
Zum ersten Mal hat Heise, der im Oktober mit dem Kunstpreis des Landes
Schleswig-Holstein ausgezeichnet wird, die Prosagedichte mit aufgenommen.
Einfache Begebenheiten aus Familie, Kindheit, Alltag bilden die thematischen
Ausgangspunkte. Doch jedes Geschehen verliert im Handumdrehen seinen Realitätsboden,
schnellt mit einem Salto der Fantasie in Bereiche der Skurrilität, die eine auf
den Kopf gestellte Welt vorführen. Surreale Metaphernfelder fordern die
Vorstellungsfähigkeit des Lesers heraus und wirbeln das, was gemeinhin als
Wirklichkeit gilt, gehörig durcheinander. Ein subtiles Lesevergnügen ist hier
aufbereitet.
Ein hoher Grad an Kompetenz - man hätte es früher Meisterschaft genannt -
zeichnet die in drei Abschnitte unterteilte Komposition der eigentlichen Lyrik
aus. Heise hat etliche Gedichte aus früheren Publikationen weggelassen, dafür
neue hinzugefügt. Geschickt sind die Verse so zu thematischen Reihen gefügt,
dass die Spannung von Text zu Text nicht nachlässt und der Band dadurch einen
Lesebuch-Charakter erhält. Da begegnet man einem Polizisten, der "einem
Kind / die unter ein Auto gerollte / Sonne wieder" hervorholt, einem
"pleitegegangenen Eckladen", vor dessen Tür ein Schild "Das
Universum / durchgehend geöffnet" hängt. Da gibt die "Stille ein
Konzert", dem "alles lauscht / sogar der Staub / auf der Brecht-Ausgabe". Der Tod ist ein "Reisender in Sachen Ewigkeit",
ein Tennisspieler greift "einen Glockenton aus der Luft", mit dem er
"ein einsames Match" macht.
Heises bewährter Kunstgriff, "übliche" Worte in einen
bedeutungsfremden Zusammenhang zu stellen und damit überraschende Effekte zu
erzielen, ermöglicht es, Texte wie "Essen auf Rädern" mit Elogen auf
Dichter wie Hölderlin oder
Rimbaud, Autobiografisches mit
Existenziell-Theologischem, Wirtschafts- und Wissenschaftskritik mit
Landschaftsperspektiven zu kombinieren. Die "Frische der Emotion", die
Heise in einem früheren Essay als eine Grundvoraussetzung der Poesie bezeichnet
hat, hält die Neugier von Gedicht zu Gedicht wach.
Ist dieser erste Teil ein weiträumig angelegter poetischer Streifzug durch die
Gefilde der intuitiven Wahrnehmung und Reflexion, so sind die beiden anderen
Abschnitte thematisch enger geschnürt. Teil zwei, "Gozelquelle" nach
einem Flüsschen seiner pommerschen Heimat genannt, umfasst Verse, die
vorwiegend Heises Herkunft und Kindheit gewidmet sind. "Geographie meiner
Erinnerungen" heißt ein typischer Text: "Kindheit: offene Tür /
hinter der stand ein Sarg / mit meiner Mutter darin". Ein Gedicht wird
zugleich zum Symbol des jahrzehntelangen Abgeschnittenseins vom Ursprung durch
die Teilung Deutschlands: "Dich haben sie erschossen / mich vertrieben //
Und nun verteidigen sie / mit Gewehren / Dein Grab / gegen meine Blumen."
Der dritte Teil, "Länder wie Kofferaufkleber", nimmt den Leser mit
auf Reisen zur Iberischen Halbinsel, in den Orient, nach Südamerika. Die
Gedichte zeichnen Bilder von Landschaften und ihren Bewohnern, ihren politischen
und sozialen Verhältnissen. Der Blick des Kosmopoliten durchdringt die
Begrenzungen, die eigene Historie mischt sich ein und löst Grenzen auf. "Für
den Wellenschlag der Karibik / plötzlich taub geworden höre ich / ein
Meeresrauschen / wie vom Band: / die ertrunkene Ostsee bei Deep."
In einem halben Jahrhundert ist diese Lyrik gewachsen, früh hat sie ihren Ton
gefunden und sich nie Trends unterworfen. Die oftmals überarbeiteten Texte (die
Jahreszahlen des Inhaltsverzeichnisses geben detailliert Auskunft darüber)
dokumentieren, was Dichtung an Erhellung unserer Existenz zu leisten vermag,
wenn sie die Sprache als das wesentliche Bewusstseinsmedium des Menschen
begreift und ihre Fähigkeit nutzt, mit Fantasie und Vorstellungskraft die
Wirklichkeit in ihrer paradoxen Vielfalt vorzuführen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stuttgarter-zeitung.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0902/0804 LYRIKwelt © Stuttgarter Zeitung I Walter Neumann