Gesammelte Gedichte von Friedrike Mayröcker, 2004,SuhrkampGesammelte Gedichte 1939-2003.
Gedichte von Friederike Mayröcker (2004, Suhrkamp - hrsg. von Marcel Beyer).
Besprechung von Nico Bleutge in Neue Zürcher Zeitung vom 31.12.2004:

Wilder Honig
Friederike Mayröcker pflegt die Einheit von Kunst und Leben

Berühmter als ihre Hand- und Herzliebe zu Ernst Jandl ist wohl nur Friederike Mayröckers Arbeitszimmer, jene Schreibhöhle mit all den Bücherstapeln und Regalen, den Schachteln und Plastic-Körbchen, aus denen Hunderte von Zetteln hervorquellen. Irgendwo dort muss sie an ihrem Tischchen sitzen und arbeiten, vor sich die Hermes Baby, ihre heiss geliebte Schreibmaschine. «Ich bin verheiratet mit meiner Hermes Baby - ich knie mich so hinein wie der Glenn Gould in sein Klavier», hat sie einmal verraten. Die erste Maschine hat sie sich mit 22 gekauft, da war sie gerade Lehrerin geworden. Und weil bei dieser Schreibmaschine das «ß» fehlte, benutzte sie fortan ein «sz». Auch das ein kleiner Mythos.

Schreibstoffe

Eigentlich ist es merkwürdig, wie sehr sich Friederike Mayröckers Werk ins Reich der Legenden verabschiedet hat. Denn auf den ersten Blick wirken viele ihrer Texte, die Prosatexte zumal, wie Mitschriften des eigenen Lebens. Wahrnehmungsfäden und Hautspuren, Erinnerungsreste und kleine Gedanken laufen hier ineinander, verschlingen sich, um plötzlich hart geschnitten in einem Zitat zu enden. Zugleich aber zeigt sich schnell, dass nicht nur das Stimmengemurmel der Texte, sondern auch all das, was wie konkret erfahrene Realität aussieht, immer schon als künstlerisches Bild angelegt ist. - Trotzdem ist dieses eigene Leben der Fundus, aus dem sie ihren Schreibstoff gewinnt. Die Kindheit in Wien, in der sie schon früh ein wehmütiges Kunstgefühl verspürte. Die enge Beziehung zur Mutter, der sie bis zuletzt aus ihren Büchern vorgelesen hat. Und natürlich die lange Liebes- und Schreibliaison mit Ernst Jandl. Dazu wachsen, von Jahr zu Jahr stärker, die Erfahrungen der eigenen Lektüre, eine geradezu manische Lesewut überkommt die Schreibende immer wieder, die alle Autoren - Schriftsteller, Philosophen, Maler vor allem - über Zitate in die Texte schleift. Wenn es überhaupt so etwas wie ein Stempelchen gibt, das man Friederike Mayröcker aufdrücken könnte, dann ist es die romantische Sehnsucht nach einer Einheit von Leben und Kunst.

Diesem Traum von der absoluten Poesie kann man jetzt in einem fast 900 Seiten starken Wälzer nachgehen. Zum 80. Geburtstag der Autorin hat Marcel Beyer ihre «Gesammelten Gedichte» herausgegeben, sorgfältig sortiert nach der Entstehung und flankiert von einem genauen editorischen Nachwort. Man mag es ein wenig bedauern, dass durch diese chronologische Lesart die Komposition der einzelnen Gedichtbände aus dem Blick gerät. Doch Beyer hat die ursprüngliche Anordnung im Anhang genau verzeichnet - und das Hin-und-her-Blättern gehört bei der Mayröcker-Lektüre ohnehin dazu. Endlich hat man ihre «Nerven Stenographien» in Gänze zur Hand und kann die Entwicklung ihres Schreibens verfolgen. Dazu gibt es gut hundert unveröffentlichte Gedichte. In einem findet sich dies: «wilder Honig so 1 kl. wildes / Honig Gedicht».

Nicht nur der Rhythmus ihrer Gedichte, sondern auch die jüngsten Prosaarbeiten verraten etwas über die ersehnte Einheit von Leben und Kunst. Sie beginne jeden Tag, heisst es in dem kleinen Prosagewächs «Die kommunizierenden Gefässe», indem sie versuche, jede noch so unscheinbare Verrichtung, jeden Handgriff in Worte zu fassen. Schon in der Morgendämmerung sitzt die Ich-Erzählerin im Bett, die Schreibmaschine auf den Knien, und tippt die ersten Zeilen. Auch ihre Träume werden dabei zum Stoff, aber es sind allenfalls Verbalträume: «Ich träume in Wörtern und Sätzen, schreibe sie auf und arbeite mit ihnen bei Tag.» Bücher werden gnadenlos auf Worte und Stellen hin durchsucht, die sich in den Texten anwenden liessen.

Am wichtigsten jedoch sind die haarfeinen Wahrnehmungen und Irritationen eines «Augen- / Ohrenmenschen», der ohne Sprache nicht sein kann: «Ginster des AUGEN TRIEBS - ach schauen! schauen ! : sich / einverleiben die Berührung der Hand des Fuszes (spirituell) oder / Verheiszung eines Glücks» liest man in dem Gedicht «Azuren / Auroren». All dies ist ihr das «manische Zungenmaterial», mit dem sie in das Schreibgeschehen eintaucht: «So werden Lebens Schritte zu Worten übersetzt, sage ich, so wird Leben zu Sprache verwandelt.» Jedes Ding, «was du dazu ernennst», kann zum Kunstwerk werden.

Wollust und Depression

Allerdings bleiben die Dinge in diesem alchemistischen Sprachdenken nicht unverändert, im Gegenteil: «Das ist 1 Schreiben hinter dem Schreiben, sage ich, es löst sich alles in Sprache auf, aber manchmal frage ich mich auch, wo ich das Leibliche (Stoffliche) meiner Texte finde.» In einer Art euphorischem Zustand, einer «Beseelung», wie es einmal heisst, schafft die Schreibende die Dinge zu Sprache um. Doch die Verwandlung endet fatal: Zurück bleibt ein Nichts. Vielleicht deshalb wechselt sich die «Wollust des Schreibens» mit Phasen der Depression ab, in denen es scheint, als sei alles nur Betrug: «kein Wort und kein Satz vorhanden, der absolute Zusammenbruch des Gehirns».

An dieser Stelle möchte man die Dichterin gerne trösten. Denn das «Leibliche» - ihre Honiggedichte zeigen das allesamt - hat sich nicht nur auf die Seite dessen verlagert, was man mit einem etwas unschönen Begriff den «Akt des Schreibens» nennen könnte. Jenes Durchströmtsein von Sprache, wenn der ganze Körper zu pulsieren scheint und die Silben noch in den Fingerspitzen spürbar sind. Vielmehr kehrt es wieder in den Texten, als Rhythmus, als «talismanische Kraft» kunstvoll verschlungener Lautgirlanden, die sich vor dem Leser nach und nach ausbreiten. Die ihn umgarnen und an sich ziehen, die ihn aber zugleich etwas sehen und hören lassen: «diese ganze sichtbare Geheim Welt» und das «Zirpen von Weltfülle». - Wie schade ist es, dass man dieses wunderbare Zirpen kaum mehr in Friederike Mayröckers eigenem Tonfall hören kann. Nur noch selten verlässt sie die Wohnung, um auf einer Lesung mit ihrer leisen, immer ein wenig schläfrig klingenden Stimme dem «Wirrwarr der 1000 Zungen» zu huldigen. Doch die «Gesammelten Gedichte» sind ein Trost. Und gewiss kein kleiner.

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