Gesammelte
Gedichte 1981-2005.
Gedichte von Thomas
Kling (2006, DuMont, Hrsg. von Marcel
Beyer und Christian
Döring).
Besprechung von Thomas Combrink aus der titel-magazin,
2006:
Direkt in den Himmel
Wenn die Sprache des Alltags Einzug hält in
die Lyrik, kann es schnell langweilig werden. Wer mag schon Gequassel im
Gedicht, das ja bekanntermaßen verdichten soll? Bei Thomas Kling ist das zum
Glück ganz anders, denn mit den alltäglichen Ausdrücken beginnt bei ihm eine
Reise durch die Zeit.
Fast eineinhalb Jahre ist es her, dass Thomas Kling
im Alter von 48 Jahren an Lungenkrebs verstarb. Er war ein Lyriker, der vor
allem mit der Sprache der jüngeren Menschen gearbeitet hat, mit einer Sprache,
die der ständigen Erneuerung unterworfen ist, deren Sprecher den Drang zum
Lakonismus und der enormen sprachlichen Verkürzung verspüren. Kling hat diese
neumodischen Formen der Reduktion für seine Lyrik fruchtbar machen können, und
seine Genialität – um es emphatisch zu sagen – lag in der Fähigkeit,
sprachlich die Zeiten zu überbrücken. „CNN Verdun“ heißt es in einem
Gedicht, und plötzlich wird einem schwindelig: Der Erste Weltkrieg ist eines
der Lieblingsthemen von ihm. Das Interesse daran rührt vermutlich von seinem
Großvater her, der 1886 im gleichen Jahr wie Gottfried Benn geboren wurde und
der für Kling die Rolle eines Lehrers übernahm. „CNN Verdun“, in diesen
wenigen Buchstaben steckt das Prinzip von Thomas Klings Literatur: Das
Vergangene heranzuziehen, es zu vergrößern und unter die Lupe zu nehmen, es zu
übertragen auf unsere Verhältnisse. Aber geht das? Wie blicken wir von heute
aus auf die Gräuel des Ersten Weltkrieges? Den Krieg kennen wir als
Medienereignis; Kameras sind vor Ort, wenn heute geschossen wird. Aber wie war
es damals? War es nicht die Feldpost, die die Medien ersetzte? War nicht auch
jeder Soldat gleichzeitig Kriegsberichterstatter?
Verschiebung der Perspektive
Wenn man Kling genau liest, gelangt man unweigerlich zu einem Knäuel von Fragen
und die historischen Verschiebungen der Perspektiven sorgen für neue
Erkenntnisse. Die Geschichte rückt uns auf die Pelle, lässt uns nicht mehr
los, denn Kling setzt sie sprachlich in einen Bereich, der bislang unserem
Alltagsdasein vorbehalten war:
Die Schrift – Echtfoto; gehts jetzt nach Verdun? ins friendly fire? / direkt
in den himmel? Frierend vor nässe. Verdreckte sägende / ärzte, übermüdet.
verdreckte verbände. frisch und vollgesogenan
die front verlegt, um von verdreckten sanitätern – gehts hier / ins studio
Douaumont? stäubchen unter scheinwerferkehlen in / bewegung. CNN Verdun. es tut
sich wochenlang, wiedermal,
nichts. dann gehts ab, tierisch. tierhafte, gebückte schatten, vom /
verfolgerspot erfaßt. alarm und gebildete rufe: mehr licht! holz vom /
wäldchen, am splittern. zustoßtechniken. in schnellem wechsel
geschehen jetzt die schnitte. dann abpfiff, wieder trillerpfeifen, nacht /
-aufschriften, beschriftete nachthimmel. die fans schießen jetzt /
leuchtraketen ab; geht das gut. (…)
Da kommt die ganze Schrecklichkeit des Krieges ungemein rasant auf den Leser
zugeschossen. Das Gedicht wirkt hastig und atemlos wie das, was dort auf diesem
Kriegschauplatz geschildert wird. Dies ist aber nur ein Text aus der von Marcel
Beyer und Christian Döring klug edierten Werkausgabe Gesammelte Gedichte.
Ein voluminöser Band mit über 950 Seiten liegt vor – ein notwendiges Buch,
denn Thomas Kling war ein Lyriker, der stark für den historischen Moment
gearbeitet hat, der die geschichtliche Situation auf die verwendeten
sprachlichen Mittel hin überprüft und sich gewehrt hat gegen ein allzu
einschmeichelnden, verharmlosenden Ton in der Lyrik.
[...diese
und weitere Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe
I Buchbestellung 1106
LYRIKwelt © titel-magazin