1.) - 2.)

Sämtliche Gedichte.
Gedichte von Sarah Kirsch (2005, DVA).
Besprechung von I.R. aus den Nürnberger Nachrichten vom 14.04.2005:

Kassiber aus der rauen Landschaft des Nordens
„Der Droste würde ich gern das Wasser reichen“: Zum 70. Geburtstag der Lyrikerin Sarah Kirsch

„Dieses unvergeßliche Grün/Und ein falber Schein/Über die Erde geworfen ich geh/Durch Sümpfe mein sanfter Hals/stößt vor in ein anderes Leben“. So beginnt ein Gedicht von Sarah Kirsch mit dem Titel „Wegelagerei“, das ihr Grundthema variiert. Mitteilungen vom Vergehen der Zeit, vom Wachsen und vom Welken, vom Verbundensein mit der Natur, vom Wechsel des Klimas und den Grenzerfahrung in einer ihr vertrauten rauen Deichlandschaft. Zum 70. Geburtstag der gegenwärtig bedeutendsten deutschen Dichterin am 16. April hat die Deutsche Verlagsanstalt ihr lyrisches Gesamtwerk neu aufgelegt.

Leitmotivisch führt es durch den Kosmos der Sarah Kirsch, die zurückgezogen in Schleswig-Holstein lebt, wo sie sich inspiriert fühlt vom abgeschiedenen Dasein in dörflicher Stille. Die studierte Biologin scheut öffentliche Präsenz: „Ich spreche lieber durch meine Texte“, sagt sie. Doch wer sie einmal erlebt hat, vor ein paar Jahren etwa beim Erlanger Poetenfest, lernt eine burschikose Autorin mit praktischem Humor kennen.

Den kleinen Rätseln ihrer „Kassiber“ - so nennt sie die poetischen Notizen - lässt sie das Geheimnisvolle. Stimmungen und Schwingungen bedürfen keiner Analyse, der Leser soll dem Rhythmus ihrer Verse nachspüren und die Farben ihrer Bilder nachempfinden.

Dabei ist Sarah Kirschs Werk durchaus im politischen Kontext erfahrbar. Ihre literarische Karriere begann in Leipzig Anfang der sechziger Jahre. Die Dichterin, unter dem Namen Ingrid Bernstein im Südharz geboren, bezog Stellung und eckte in der DDR an, 1977 übersiedelte sie in den Westen und kritisierte Künstlerkollegen, die sich von Stasi und SED in die Pflicht nehmen ließen. Doch in der Poesie unterwandert sie die Alltagsrealität, da herrschen andere Ziele vor: „Der Droste würde ich gern das Wasser reichen“ heißt eines ihrer bekanntesten Gedichte. Sarah Kirsch entwirft darin fantasiereiche Szenen voller Anspielungen und Sinn für Details.

Die Lyrikerin mit der Liebe zum zarten Idyll widmet sich auch der bildenden Kunst: „Beim Malen bin ich weggetreten“ ist der Titel einer Sammlung von Aquarellen und Zeichnungen. Beim Versuch, „Papier und Farbe in Einklang zu bringen“ entstehe eine Art Nirwana, erklärt sie. Darin einzutauchen, bedeute Ruhe und Glück. Etwas davon enthalten ist auch im Droste-Gedicht, wo sie, die Spätgeborene, mit der Verbündeten im Geiste vierhändig Reiterlieder spielt - auf dem Spinett.

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2.)

Sämtliche Gedichte.
Gedichte von Sarah Kirsch (2005, DVA).
Besprechung von Samuel Moser in Neue Züricher Zeitung vom 16.04.2005:

Verse vom Rand der Welt
Sarah Kirschs gesammelte Gedichte zum 70. Geburtstag

Wie sagt doch Voltaires Candide auf das Gerede seines Freundes Pangloss von der besten aller Welten: «Wohlgesprochen, allein es gilt, unseren Garten zu bebauen.» Wenn das jemandem aus dem Herzen gesprochen ist, dann Sarah Kirsch. Auch sie hat die Aufklärung immer wieder unverzagt auf die Füsse gestellt und den eigenen Kopf nicht blind gemacht für die meteorologischen Phänomene, das Aufklaren des Himmels zum Beispiel, des weiten norddeutschen Himmels, unter dem sie seit vielen Jahren wohnt.

Spuren schmerzhafter Trennungen

Aber Schleswig-Holstein wurde ihr, die im Anschluss an die Biermann-Ausbürgerung 1977 die DDR verlassen musste, nie zur Heimat. Es blieb, um mit einem ihrer Gedichte zu reden, bei einer «vorläufigen Verwurzelung». Oder bei einer Verwurzelung im Vorläufigen. Ihren ersten Prosaband, gut gemacht und munter ironisch noch, wie es sich für eine Absolventin des Institutes für Literatur Johannes R. Becher gehörte, nannte sie «Erzählungen aus der ersten Hälfte meines Landes». Spuren schmerzhafter Trennungen (dazu gehört auch die von ihrem «Einstgemahl Prins Herzlos») findet man im Werk Sarah Kirschs auf Schritt und Tritt. Aber immer auch Verwischungen, Entlastungen. Sie hat den «Verhältnissen», die ihr Leben bestimmt haben, nie den Gefallen getan, auch noch ihr Schreiben bestimmen zu können. Wenn die westliche «zweite Hälfte» ihres Lebens zusammen mit der östlichen doch ein Ganzes ergibt, dann ist das die Folge ihres literarischen Werks: eine Frage der gemeinsamen Muttersprache, nicht eines Vaterlandes. Eher aber ist es so, dass die Hälften des Lebens bei Sarah Kirsch zusammengenommen nicht ein, sondern zwei Leben ergeben. Was Sarah Kirsch beschäftigt, ist immer das Gegenwärtige, Vordringliche, Praktische - die «augenblickliche Natur». Das anschaulich Genaue; die Magie dessen, was sich zeigt: «Wie still es ist. Die Glyzinie / klopft mit dem Knöchel ans Fenster.»

Schreiben dient Sarah Kirsch wie ihre Schafzucht im norddeutschen Nebel dazu, «vorhanden zu sein». Beides dient dazu, Boden zu schaffen auf dem Marschland, das im Meer zu versinken droht, aus dem es kommt. Beides dient der Konzentration in einem Leben, das nichts so sehr zum Leben braucht wie die Bewegung, das Reisen. Und beides ist Handwerk. Das Handwerk des «carpe diem»: hart erarbeitete Naturnähe eines Menschen, dem die Nähe zu den Menschen suspekt geworden ist. Einsamkeit ist der Grundtenor im Werk Sarah Kirschs, die den Vergil der agrarischen «Georgica» ebenso wie den der bukolischen «Eklogen» in sich trägt. «Bin ein Hirte weide» heisst eine Gedichtzeile, und wenn man einen Augenblick innehält, was bei einer solchen Meisterin des Enjambements nicht ganz einfach ist, darf man ruhig an anderes denken als an Schafe auf nasskalten Wiesen - etwa an die Lyrikerin selber, die sich am Anblick ihrer weidenden Schafe weidet....Fortsetzung

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