Gedichte.
Gedichte von Wolfgang Frommel (1937).
Besprechung von Michael Buselmeier
in freitag 26 vom 18.6.2004:

Das Licht der Erwählten

"Argonaut im 20. Jahrhundert" wurde Wolfgang Frommel genannt, dessen Leben um die Pole Dichtung und (Männer-)Freundschaft kreiste. Gleich den Argonauten der griechischen Sage sah er sich und seine Gefährten auf Entdeckerfahrt: "Die see grollt wild, gepeitscht vom nord / Nun gehn wir gleichen schritts an bord: / Du greif das steuer - segle du / Die anker los - wir fahren zu!" Früh schon, nach sozialistischen Anfängen, hat Frommel für sich eine Lichtgestalt gefunden, ein Leitbild mit Charisma, an dem er sich zeitlebens orientierte: den Dichter Stefan George und sein Werk. Wie George besaß auch Frommel die Gabe, Jünglinge zu begeistern und ihnen in krisenhafter Zeit einen Weg zu weisen.

Geboren 1902 als Sohn eines Theologen und Heimatdichters, studierte Frommel ab 1921 in Heidelberg, dem "deutschen Athen", wie der mit ihm befreundete Carl Zuckmayer die Neckarstadt apostrophierte. Er lernte den George-Jünger Percy Gothein kennen und durch ihn den Dichter selbst. 1923 kam es zu einer knappen Begegnung, die keine Wiederholung fand. Ohne vom Meister autorisiert zu sein, begründete Frommel im Zeichens Georges den Verlag Die Runde mit einem Gedichtband, der Huldigungsverse von 16 anonym gebliebenen Autoren enthält.

1932 veröffentlichte Frommel die von Konservativen begrüßte Programmschrift Der Dritte Humanismus, die schon 1936 verboten wurde. 1937 verließ er, ohne unmittelbar bedroht zu sein, das nationalsozialistische Deutschland und gelangte über Florenz und Paris nach Holland. In einem Haus an der Amsterdamer Herengracht versteckte er ab 1942 jüdische Jugendliche. Wenn die Gefahr am größten war, lasen die Untertaucher einander Gedichte Goethes, Hölderlins, Georges vor, wodurch ein Sprachraum der Geborgenheit entstand. Im Gedenken an diese Erfahrungen in der "Pilgerburg" gründete Frommel zusammen mit anderen 1951 die Zeitschrift Castrum Peregrini, die er bis zu seinem Tod 1986 redigierte.

Zu Lebzeiten hat dieses "Genie der Freundschaft" (Frank Schierrmacher) nicht mehr als zwei Gedichtbände veröffentlicht und war als Schriftsteller über die Kreise der legitimen wie der illegitimen Nachfolger Stefan Georges hinaus kaum bekannt. Das vorgestellte Gedicht, das zuerst 1937 erschien, dürfte sein bestes sein und wirkt, zwischen allerlei Epigonalem, wie aus einem Guss. Alles Inhaltliche ist Form und Rhythmus geworden. Das dreihebige daktylische Metrum mit unbetontem Auftakt stößt, durch den Kreuzreim noch verstärkt, eine Bewegung an, die sich unaufhaltsam fortzuzeugen scheint - wäre da nicht die arg konventionell retardierende Schlusszeile.

Dem Gedicht ist etwas Programmatisches, Über-Individuelles, gleichsam Gesetzgebendes eigen, ein pädagogischer Auftrag, ein Füreinander-Einstehen, der Händedruck innerer Verbundenheit, wie etwa zu Zeiten der Verfolgung. Erst in einer Kette mit anderen, meint der Autor, kommt unser persönlicher Reichtum voll zum Tragen, und es entzündet sich "leben an leben". Die Fackel, eine "kostbare last", die von Hand zu Hand weitergereicht wird, verkörpert das Licht des Erwähltseins, Geheimwissen, eine häretische Botschaft: "Die auf der stirn das mal der pilger tragen / Weil sie ein strahl aus fremder welt versehrt / Die wissen voneinander ohne fragen..."

Doch geht es in Frommels Gedichten nicht nur um den Funken, der zeugend überspringt, sondern stets auch um geistige Rückbindung, also um Tradition. Das Wort kommt von tradere, weitergeben, wobei es egal ist, ob es sich um Gegenstände, handwerkliche Fähigkeiten oder um Erfahrungen handelt: "Du reichst ihm was ich dir gegeben / Und sagst ihm was ich dir gesagt..." Der durchökonomisierten Gesellschaft ist solch bewahrende Geste, die an den Generationszusammenhang erinnert, wesensfremd. So wird ein Gedicht wie dieses zum verstörenden Signal.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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