Gedichte von Nicolas Born, 2004, Wallstein1.) - 3.)

Gedichte.
Gedichte von Nicolas Born (2004, Wallstein-Verlag, hrsg. von Katharina Born).
Besprechung von
Michael Braun am 7.12.2004 im Deutschlandfunk:

Fremdheit des Lebens
Gedichte von Nicolas Born

Peter Handke hat einmal in einem Gedenkblatt die Frage gestellt, warum denn über die Gedichte seines toten Freundes Nicolas Born nicht ebenso viel begeistertes Geschrei herrsche wie über die Lyrik des für seine Radikalität bewunderten Rolf Dieter Brinkmann. Wie berechtigt diese Frage noch immer ist, bewiesen im vergangenen Jahr die Autoren einer viel diskutierten Lyrik-Anthologie, die in devoten Reminiszenzen den wilden Poeten Brinkmann hochleben ließen, während sie den lyrisch komplexeren Nicolas Born offenbar gründlich vergessen hatten. Das mag daran liegen, dass die bei Brinkmann üblichen schrillen Feinderklärungen in den Werken des mit 42 Jahren gestorbenen Alltagsrealisten vom Niederrhein nicht zu finden sind. Nicolas Borns skeptische Utopien und melancholisch-hellsichtige Erkundungen seiner Lebenswelt sind ästhetisch sehr viel schwerer fassbar.

Die stillen Provokationen dieses Dichters leben von der Verhaltenheit seiner poetischen Gestik, von präzisen Momentaufnahmen des Alltags und der genauen Beobachtung eines zunehmend bedrohlichen Weltzustands. Als er im Nachwort zu seinem 1972 publizierten Band "Das Auge des Entdeckers" den Begriff der Utopie ins Spiel brachte, standen gleich die linken Freunde Spalier, um ihn ins systemkritische Milieu einzugemeinden. Dabei hatte sich Born ausdrücklich von einer Literatur abgesetzt, die nur auf "die Misere abonniert" ist. "Jeder", so schrieb Born damals, "ist eine gefährliche Utopie, wenn er seine Wünsche, Sehnsüchte, Imaginationen wiederentdeckt unter dem eingepaukten Wirklichkeitskatalog."

Die kritische Ausgabe mit sämtlichen Gedichten Nicolas Borns, die soeben im Göttinger Wallstein Verlag erschienen ist, hat nun den längst fälligen Versuch unternommen, mit einigen Legendenbildungen um den vor 25 Jahren gestorbenen Dichter aufzuräumen. Die entscheidende Prägung empfing der junge Born nämlich nicht, wie bislang kolportiert wurde, von seinen kulturrevolutionär gestimmten Berliner Freunden Hans-Christoph Buch und Hermann Peter Piwitt, sondern von dem Dichter Ernst Meister, mit dem er 1959 in Kontakt gekommen war. Der Ehefrau Ernst Meisters verdankt Born auch den Einfall, sich den Künstlernamen Nicolas zuzulegen. So steht auch die um 1960 konzipierte, aber nie veröffentlichte Gedichtsammlung "Echolandschaft" noch ganz im Bann von Meisters Sprachmagie.

Zu den größten Verdiensten dieser kritischen Ausgabe gehört die Neuakzentuierung des Born-Bildes, das bislang Hans-Christoph Buch und Hermann Peter Piwitt mit ihren biographischen Skizzen geformt hatten. Die Herausgeberin der Ausgabe, die Born-Tochter Katharina, entdeckt in ihrer sorgsamen Rekonstruktion der Lebensgeschichte Nicolas Borns viele neue Facetten im Leben ihres Vaters. Hier werden auch erstmals die Gedichte aus dem Nachlass veröffentlicht, die man nach einem verheerenden Brand in Borns Haus im Jahr 1976 vernichtet glaubte. Die dokumentierten Arbeitsprozesse an einzelnen Gedichten zeigen einen Autor am Werk, der die scheinbare Leichtigkeit und Beiläufigkeit seiner Gedichte in strenger formaler Selbstdisziplinierung hergestellt hat.

Was man später "Neue Subjektivität" genannt hat - in diesen Gedichten ist es am differenziertesten entwickelt: Ein instabiles, unruhiges Ich, das sich neugierig in die Welt hinein tastet und nach verlässlichen Orientierungen sucht. Nicht immer gelingt es Born, dieses Ich von bräsigen Exhibitionismen freizuhalten. Wenn sein lyrisches Subjekt lamentiert: "Und wieder sitze ich im Suff am frühen Morgen" - so ist das ein Vorbote der später epidemisch werdenden Geschwätzigkeit der Alltagslyrik. Konzentrierter wirken die frühen Gedichte in dem Band "Marktlage" von 1967, in dem der Dichter auf die ihm vertraute Lebenswelt und die Menschen des Reviers blickt.

Er weigere sich, schrieb Born in einem Brief an Günter Kunert, sich von den herrschenden Identitäts-Konstruktionen einfangen zu lassen. Er wolle lieber ohne Identität sein und "zusammengesetzt sich fühlen aus lauter sich gegenseitig abstoßenden Fremdorganen." Dieses Bewusstsein des Ich-Verlusts hat ihn in den späten Gedichten fast erstickt. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Krebstod im Dezember 1979 wird nun ein Dichter wieder entdeckt, der die Fremdheit des Lebens und den Zusammenbruch der Utopien in unvergesslichen Versen fixiert hat: "Mit uns macht die Geschichte Schluss. / Am genauesten sieht man sie wenn der Zug / langsam entlangfährt an den Rückseiten der Städte / Lagerhallen Höfe, die Kehrseite der Wäsche/ und der Blumenfenster/ die erdabgewandte Seite der Geschichte."

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Gedichte von Nicolas Born, 2004, Wallstein2.)

Gedichte.
Gedichte von Nicolas Born (2004, Wallstein-Verlag, hrsg. von Katharina Born).
Besprechung von Peter Henning in der Neue Zürcher Zeitung vom 9.12.2004:

Erdabgewandter Haarausfall
Vor 25 Jahren starb Nicolas Born. Geblieben sind seine wunderbar an der Wirklichkeit entlang geschriebenen Gedichte

Da war das ebenso frontale wie empfindsame Hineingehen in die Dinge, Landschaften und Menschen, und ein fast müheloses Einverwandeln in Sprache, so als hätte nicht auch er Schreiben erst mühselig gelernt. Und als die Krankheit ihn zu entstellen begann, hörte er einfach auf, für mich Brandes zu sein. Erst als er gestorben war, merkte ich, wie er langsam wieder in mir zu sich kam.«

Dies schreibt Hermann Peter Piwitt in seinem 1982 erschienenen Band Deutschland. Versuch einer Heimkehr. In Piwitts Aufzeichnungen wird er Brandes bleiben – gestorben aber ist er 1979 als jener Nicolas Born, dessen Romane, Gedichte und Erzählungen auch heute, 25 Jahre nach seinem Tod, unverändert herausfordernd, gebrochen melancholisch, ja bis zu einem gewissen Grad aufrührerisch vor uns liegen. Texte, die – scheinbar unempfindlich geworden gegen die Raserei der Moden – noch immer jenes »frontale wie empfindsame Hineingehen in die Dinge« aufweisen, das sie über die Jahre nur hat wertvoller werden lassen: Romane wie seine bohrende Medienkritik Die Fälschung von 1979 oder der drei Jahre zuvor erschienene, literarisch auf die Spitze getriebene Beziehungskrieg Die erdabgewandte Seite der Geschichte, für den Born 1977 den Bremer Literaturpreis erhielt und damit schlagartig einem größeren Publikum bekannt wurde.

Hinterlassen hat Nicolas Born ein nicht eben umfangreiches Werk, das, wenn zuletzt auch ein wenig in Vergessenheit geraten, in der deutschen Literaturlandschaft dieser Jahre fest verankert ist.

Wie wohl kein zweiter bundesdeutscher Schriftsteller seiner Generation war Klaus Born, wie er mit bürgerlichen Namen hieß, in seinen Büchern, seinem Auftreten und seinen Reden in der Öffentlichkeit ein engagierter Ankläger der modernen Medien- und Industriewelt; jener »Megamaschine«, wie er sie nannte, die menschliche Gefühle per Werbespot simuliert und nur noch Fälschungen, Leben aus zweiter Hand produziert.

Eine widerständige Haltung, die auch die von seiner Tochter Katharina zusammengestellte und vorzüglich kommentierte Neuausgabe seiner Gedichte dokumentiert. Ein längst überfälliger Schritt, der ungeteilten Beifall verdient. Denn die nun endlich in Gänze vorliegenden Gedichte Borns sollen den Auftakt zu einer Gesamtausgabe seiner Werke bilden. Die Sammlung, die neben den seit langem vergriffenen Bänden Marktlage, Wo mir der Kopf steht und Das Auge des Entdeckers die Folge Keiner für sich, alle für niemand aus den Jahren 1972 bis 1978 enthält, stellt auch eine ganze Reihe neuer, bislang unveröffentlichter Gedichte aus dem Nachlass vor. Allem voran den frühen Zyklus Echolandschaft, den Born wohl Mitte der sechziger Jahre selbst zur Veröffentlichung vorgesehen hatte, später aber aus guten Gründen verwarf. Denn gerade diese frühen, in ihrer Qualität stark schwankenden Versuche erscheinen noch allzu geprägt von der Suche nach einem eigenen Ton. Gleichwohl entdeckt man in Gedichten wie Etat bereits den »späten« Born, der sich virtuos die Klischees der Alltagssprache auf der Zunge zergehen lässt.

Man lernt Born kennen als einen Autor, der alles persönlich nimmt und in seinen wundervoll ungeschützten Ich-Gedichten listig Widerstand gegen die Zumutungen des modernen Lebens leistet, ja gegen alles, was ihn einengt, festlegt, determiniert. Denn was Born vor allem auszeichnet, ist sein unprätentiöser Umgang mit sich selbst. Schonungs- und tabulos schreibt er den eigenen antrainierten Automatismen nach, auf der Suche nach den Deformationen des Individuums an sich. So heißt es in dem berühmten Gedicht Selbstbildnis: »Oft für kompakt gehalten / für eine runde Sache / die geläufig zu leben versteht – / doch einsam frühstücke ich / nach Träumen / in denen nichts geschieht. / Ich mein Ärgernis / mit Haarausfall und wunden Füßen / einssechsundachtzig und Beamtensohn / bin mir unabkömmlich / unveräußerlich kenne ich / meinen Wert eine Spur zu genau / und mach Liebe wie Gedichte nebenbei. / Mein Gesicht verkommen / vorteilhaft im Schummerlicht / und bei ernsten Gesprächen. / Ich Zigarettenraucher halb schon Asche / Kaffeetrinker mit den älteren Damen / die mir halfen / wegen meiner sympathischen Fresse und / die Rücksichtslosigkeit mit der / ich höflich bin.«

Born glaubt bei aller Subjektivität an die Moral, die er gleichwohl zu ironisieren versteht. Er glaubt daran, dass Erkenntnis und Bewusstmachung einen besseren Menschen hervorbringen. In dem Gedicht Notausgang heißt es: »Wechsele den Arzt / wenn es dir wieder besser geht / aber vergiss nicht / dir eine Wunde offenzuhalten.«

Lesend verfolgen wir den Weg des Dichters: vom Gebrauchslyriker, der die genau Alltagsbeobachtung jeder Metapher vorzieht, zum späteren, ins Gelingen verliebten Utopisten und weiter zu einem engagierten »Träumer nach Vorne«, einem Aufklärer, dessen Lyrik in ihren besten Momenten visionäre Züge trägt. Doch wer war jener »Gedichtmann«, als den ihn Peter Handke einmal bezeichnete, wer jener »Brandes«, den Piwitt rückblickend als »einsamen Wolf auf dem geraden Weg vom Ruhrpott nach Burg Todeslust« beschreibt?

Nicolas Born wird am letzten Dezembertag des Jahres 1937 in Duisburg geboren, und wächst als Sohn eines Dorfpolizisten in Praest, unweit der holländischen Grenze, auf. Mit vierzehn beginnt er eine Lehre als Chemiegraf und arbeitet zehn Jahre für eine Essener Großdruckerei, die Druckvorlagen für Werbeschilder herstellt. Die karge Industrielandschaft des Ruhrgebiets mit ihren Zechen und gleichförmigen Wohnsiedlungen wird ihm noch Jahre später beengend und bedrohlich erscheinen. Als farblose, sinnentleerte Todeslandschaft wird sich das Ruhrgebiet immer wieder in seinen Gedichten, vor allem aber in seinem unverändert wuchtigen, 1976 erschienenen und in sich wohl geschlossensten Roman Die erdabgewandte Seite der Geschichte als grauer Hintergrundfilm unter die Bilder und Szenen legen. Und während zu jener Zeit etwa Rolf Dieter Brinkmanns rohe, unfrisierte Horrorstillleben aus der hoffnungslosen Perspektive des angeekelten Zuschauers entstehen, die das Kaputte und Defekte nur mehr in schemenhaften Umrissen darzustellen vermögen, schreibt Born längst seine, einen grassierenden Sinntod diagnostizierenden Chroniken. Ende der achtziger Jahre aber, in denen jede Innerlichkeit als Weinerlichkeit verpönt wird, geraten Borns Gedichte und Romane mehr und mehr in Vergessenheit. In einer Zeit politischer Stagnation ist kein Platz für eine Literatur, die anschreibt gegen Oberflächlichkeit und Konsum. Heute, in dieser konjunkturschwachen Zeit, scheint die Stunde seiner Bücher und der damit verbundenen gesellschaftlichen Analysen und Diagnosen wiedergekommen zu sein.

Mit seiner 1976 erschienenen Erdabgewandten Seite der Geschichte hatte Born unerschrocken auf die Gefangenschaft des Einzelnen in der Äußerlichkeit reagiert und zugleich ein kühnes Stück zeitgenössischer Prosa gegen den Selbstbetrug vorgelegt; zwei Jahre später, Anfang 1978, fuhr er für zweieinhalb Monate nach Beirut, um an den Kriegsschauplätzen im Libanon Stoff für seinen neuen Roman zu sammeln. Und er muss es als große schriftstellerische Herausforderung empfunden haben, den mörderischen Bürgerkrieg, der zu jenem Zeitpunkt längst zu einem internationalen Medienspektakel geworden war, in seinem ganzen Ausmaß darzustellen.

Unterwegs als »Agent der verloren gegangenen Wahrheit« wird Georg Laschen, der Held seines wohl berühmtesten Romans Die Fälschung, als Kriegsberichterstatter eines großen Hamburger Magazins in den Libanon entsandt. Doch zum Zusehen verurteilt, leidet er immer massiver an seiner Position als Berichterstatter, der in Form von Tickermeldungen, Schlagzeilen und zynischen Kommentaren die Geschehnisse des Krieges zu leicht konsumierbaren Vierfarbreportagen aufpoliert. Angesichts der absurden Situation an den Kriegsschauplätzen verdichten sich für Laschen die äußeren Bilder Beiruts immer erschreckender zu Metaphern für seine eigene, am Fieber des Fälschens erkrankte Seele. Und hier beginnt für ihn eine Krise, in der es nicht mehr allein um authentischen Journalismus geht, sondern längst auch um sein eigenes Leben.

Dem Krebstod nahe erlebt Nicolas Born in den letzten Novembertagen des Jahres 1979 die Auslieferung seines Romans. Er stirbt am 7. Dezember 1979 in Breese, in der Marsch bei Dannenberg, im Alter von nur 41 Jahren.

Geblieben sind seine Romane und seine wunderbar an der Wirklichkeit entlang geschriebenen Gedichte.

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Gedichte von Nicolas Born, 2004, Wallstein3.)

Gedichte.
Gedichte von Nicolas Born (2004, Wallstein-Verlag, hrsg. von Katharina Born).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 15.12.2004:

An den Rückseiten der Städte
Die schönen, quälenden Seventies: Der vor 25 Jahren verstorbene Dichter Nicolas Born fühlte und schrieb wider das linke Klischee

Peter Handke hat einmal in einem Gedenkblatt die Frage gestellt, warum denn über die Gedichte seines toten Freundes Nicolas Born nicht ebenso viel begeistertes Geschrei herrsche wie über die Lyrik des für seine Radikalität bewunderten Rolf Dieter Brinkmann. Wie berechtigt diese Frage (noch immer) ist, bewiesen im vergangenen Jahr unfreiwillig die Autoren der heftig diskutierten Anthologie Lyrik von Jetzt (DuMont Verlag), die in devoten Reminiszenzen den wilden Poeten Brinkmann hochleben ließen, während sie den lyrisch komplexeren Nicolas Born gründlich vergessen hatten. Tatsächlich sind schrille Feinderklärungen in den Werken des 1979 mit nur 41 Jahren gestorbenen Alltagsrealisten Born nicht zu finden.

Der Polizistensohn Klaus-Jürgen Born aus Praest am Niederrhein, einem Dorf unweit der holländischen Grenze, war im April 1963 als wortkarger, introvertierter Mann nach Berlin ins Literarische Colloquium gekommen, wo der gelernte Chemigraph umgehend die Initiationsriten des literarischen Betriebs durchlief. Gemeinsam mit Peter Bichsel, Hubert Fichte, Hermann-Peter Piwitt und Hans Christoph Buch saß er in Walter Höllerers legendärem Seminar "Prosaschreiben", um bald darauf bei Dieter Wellershoff vorzusprechen, der damals nicht nur Lektor im Verlag Kiepenheuer & Witsch war, sondern als Schlüsselfigur einer neuen Bewegung, der "Kölner Schule", agierte. Als 1965 bei Kiepenheuer & Witsch Borns Romandebüt Der zweite Tag erschien, rubrizierte man den literarischen Neuling prompt als einen weiteren Vertreter jener phänomenologisch orientierten Beschreibungsprosa. Die Helden seiner bekanntesten Romane, Die erdabgewandte Seite der Geschichte (1976) und Die Fälschung (1979), werden dann durch eine persönliche Lebenskrise immer tiefer in ein Gefühl der Lähmung hineingetrieben.

Schmerzhafter Tribut

Für den Enthusiasmus seiner ersten literarischen Erfolge im Berliner Dichter-Milieu musste Born bald einen schmerzhaften Tribut entrichten: 1966 zerbrach seine erste Ehe, er verließ sein Elternhaus in Essen und ging endgültig nach Berlin. Auf der Flucht vor den Kollektivräuschen der Linken siedelte er in späteren Jahren mit seiner zweiten Ehefrau Irmgard und seiner Tochter Katharina ins Wendland über, wo sich gerade die Protestbewegung gegen das atomare Endlager in Gorleben formiert hatte.

Aus dem strengen Wahrnehmungs-Protokollanten des Romans Der zweite Tag war 1967 der Dichter Nicolas Born geworden, der im Klappentext seines lyrischen Debüts Marktlage das Evangelium der neuen, offenen Poetik verkündete: "Weg von Symbol, Metapher, von allen Bedeutungsträgern... die Gedichte sollen roh sein, jedenfalls nicht geglättet; die rohe, unartifizielle Formulierung, wird wieder Poesie..." In diesem ersten Gedichtband hat sich noch die Lebenswelt der Menschen aus dem Revier eingelagert; in knappen Strichen zeichnet Born das Bild einer untergehenden Nachkriegsgesellschaft, deren Realien zum "Verrott" geworden sind. In den tektonischen Schichtungen dieser alten Gesellschaft wächst noch undeutlich ein neues Ich heran, das nach "Veränderungen" hungert.

Als er im Nachwort zu seinem Band Das Auge des Entdeckers (1972) den Begriff der Utopie ins Spiel brachte, standen gleich die linken Freunde Spalier, um ihn ins systemkritische Milieu einzugemeinden. Dabei verachtete Born nichts so sehr wie jene lamentierende Literatur, die auf "die Misere abonniert" ist.

Die entscheidende Prägung empfing der junge Born keineswegs von dem kulturrevolutionär gestimmten Berliner Freundeskreis um Buch und Piwitt, sondern von dem Dichter Ernst Meister, mit dem er 1959 in Kontakt gekommen war. Von Meisters Sprachmagie, betonte er später, habe er vieles "über die Genauigkeit und die Unsicherheit der Sprache" gelernt. Dieser Sprachempfindlichkeit verdankte Born, dass er resistent blieb gegen die stilistische Lässigkeit und politische Naivität der Autoren aus dem Umkreis der Studentenbewegung. "Ein Gedicht muß dunkle Stellen haben", schrieb er in einer Rezension zu einem Band Ernst Meisters - eine Lektion, die er auch in seinem Band Das Auge des Entdeckers beherzigte.

Solche Töne wurden in der Lyrik-Debatte der siebziger Jahre gar nicht gern gehört. Man hatte sich allzu euphorisch auf "den Glanz des einfachen, direkten Ausdrucks" (Jürgen Theobaldy) eingeschworen. Gegenüber den prahlerischen Allgemeinbegriffen seiner linken Freunde wahrte Born stets Distanz; sein als Flugblatt verteiltes Gedicht "Berliner Para-Phrasen", das ein Demo-Erlebnis in lyrisierte Tiraden ummünzt, hat er später nicht mehr in seinen Band Gedichte 1967 - 1978 aufnehmen wollen.

Dies ist eine der großen Überraschungen, mit denen uns die im Wallstein Verlag erschienene kritische Gesamtausgabe seiner Gedichte nun konfrontiert: Der gegen die "Poetologien der Altvorderen" polemisierende Dichter war in seinen literarischen Anfängen von der "Neuen Subjektivität", zu deren Galionsfigur er später ausgerufen wurde, sehr weit entfernt. Bereits um 1960 hatte er - noch unter seinem Geburtsnamen Klaus-Jürgen Born - eine nie veröffentlichte Gedichtsammlung mit dem Titel Echolandschaft zusammengestellt, die noch ganz vom hohen Ton Ernst Meisters beeinflusst war (dessen Ehefrau Born auch den Einfall verdankte, sich den Künstlernamen Nicolas zuzulegen).

Zu den größten Verdiensten dieser kritischen Ausgabe seiner Gedichte gehört die Neuakzentuierung und subtile Korrektur des Born-Bildes, das bislang Hans Christoph Buch und Hermann Peter Piwitt mit biographischen Skizzen geformt hatten.

Die Herausgeberin der Ausgabe, Borns Tochter Katharina, entdeckt in ihrer sorgsamen Rekonstruktion der Lebensgeschichte Nicolas Borns viele neue Facetten im Leben dieses Dichters. Hier werden auch erstmals die Gedichte aus dem Nachlass veröffentlicht, die man nach einem verheerenden Brand in Borns Haus im Jahr 1976 vernichtet glaubte. Die dokumentierten Arbeitsprozesse an einzelnen Gedichten zeigen zudem einen Autor am Werk, der die scheinbare Leichtigkeit und Beiläufigkeit seiner Gedichte in strenger formaler Selbstdisziplinierung hergestellt hat. Die "Momente der Leere und Versunkenheit", die Born in seinen späten, verzweifelten "Notizen aus dem Elbholz" anspricht, haben sich bereits in die noch zuversichtlichen Gedichte des Bandes Das Auge des Entdeckers eingeschrieben. Was man später "Neue Subjektivität" genannt hat - in diesen Gedichten ist es am differenziertesten entwickelt: Ein instabiles, unruhiges Ich, das sich neugierig in die Welt hinein tastet und nach verlässlichen Orientierungen sucht. Nicht immer gelingt es Born aber, dieses Ich von bräsigen Exhibitionismen freizuhalten. Er weigere sich, schrieb Born einmal an Günter Kunert, sich vom herrschenden Realitätsprinzip und seinen Identitätsangeboten einfangen zu lassen: "Lieber keine Identität. Lieber zusammengesetzt sich fühlen aus lauter sich gegenseitig abstoßenden Fremdorganen."

Dieses Bewusstsein des Ich-Verlusts und des Fremdgesteuertwerdens hat ihn in den späten Gedichten fast erstickt. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Krebstod am 7. Dezember 1979 wird nun ein Dichter wieder entdeckt, der die Fremdheit des Lebens und den Zusammenbruch der Utopien in unvergesslichen Versen fixiert hat: "Mit uns macht die Geschichte Schluß. / Am genauesten sieht man sie wenn der Zug / langsam entlangfährt an den Rückseiten der Städte / Lagerhallen Höfe, die Kehrseite der Wäsche/ und der Blumenfenster/ die erdabgewandte Seite der Geschichte."

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