1.) - 3.)
Gedichte.
Gedichte von Nicolas
Born (2004, Wallstein-Verlag, hrsg. von
Katharina Born).
Besprechung von
Michael
Braun am 7.12.2004
im Deutschlandfunk:
Fremdheit des Lebens
Gedichte von Nicolas Born
Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © M.B. I Deutschlandradio
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2.)
Gedichte.
Gedichte von Nicolas
Born (2004, Wallstein-Verlag, hrsg. von
Katharina Born).
Besprechung von Peter
Henning in der Neue
Zürcher Zeitung vom 9.12.2004:
Erdabgewandter Haarausfall
Vor 25 Jahren starb Nicolas Born.
Geblieben sind seine wunderbar an der Wirklichkeit entlang geschriebenen
Gedichte
Da war das ebenso frontale wie empfindsame Hineingehen in die Dinge, Landschaften und Menschen, und ein fast müheloses Einverwandeln in Sprache, so als hätte nicht auch er Schreiben erst mühselig gelernt. Und als die Krankheit ihn zu entstellen begann, hörte er einfach auf, für mich Brandes zu sein. Erst als er gestorben war, merkte ich, wie er langsam wieder in mir zu sich kam.«
Dies schreibt Hermann Peter Piwitt in seinem 1982 erschienenen Band Deutschland. Versuch einer Heimkehr. In Piwitts Aufzeichnungen wird er Brandes bleiben – gestorben aber ist er 1979 als jener Nicolas Born, dessen Romane, Gedichte und Erzählungen auch heute, 25 Jahre nach seinem Tod, unverändert herausfordernd, gebrochen melancholisch, ja bis zu einem gewissen Grad aufrührerisch vor uns liegen. Texte, die – scheinbar unempfindlich geworden gegen die Raserei der Moden – noch immer jenes »frontale wie empfindsame Hineingehen in die Dinge« aufweisen, das sie über die Jahre nur hat wertvoller werden lassen: Romane wie seine bohrende Medienkritik Die Fälschung von 1979 oder der drei Jahre zuvor erschienene, literarisch auf die Spitze getriebene Beziehungskrieg Die erdabgewandte Seite der Geschichte, für den Born 1977 den Bremer Literaturpreis erhielt und damit schlagartig einem größeren Publikum bekannt wurde.
Hinterlassen hat Nicolas Born ein nicht eben umfangreiches Werk, das, wenn zuletzt auch ein wenig in Vergessenheit geraten, in der deutschen Literaturlandschaft dieser Jahre fest verankert ist.
Wie wohl kein zweiter bundesdeutscher Schriftsteller seiner Generation war Klaus Born, wie er mit bürgerlichen Namen hieß, in seinen Büchern, seinem Auftreten und seinen Reden in der Öffentlichkeit ein engagierter Ankläger der modernen Medien- und Industriewelt; jener »Megamaschine«, wie er sie nannte, die menschliche Gefühle per Werbespot simuliert und nur noch Fälschungen, Leben aus zweiter Hand produziert.
Eine widerständige Haltung, die auch die von seiner Tochter Katharina zusammengestellte und vorzüglich kommentierte Neuausgabe seiner Gedichte dokumentiert. Ein längst überfälliger Schritt, der ungeteilten Beifall verdient. Denn die nun endlich in Gänze vorliegenden Gedichte Borns sollen den Auftakt zu einer Gesamtausgabe seiner Werke bilden. Die Sammlung, die neben den seit langem vergriffenen Bänden Marktlage, Wo mir der Kopf steht und Das Auge des Entdeckers die Folge Keiner für sich, alle für niemand aus den Jahren 1972 bis 1978 enthält, stellt auch eine ganze Reihe neuer, bislang unveröffentlichter Gedichte aus dem Nachlass vor. Allem voran den frühen Zyklus Echolandschaft, den Born wohl Mitte der sechziger Jahre selbst zur Veröffentlichung vorgesehen hatte, später aber aus guten Gründen verwarf. Denn gerade diese frühen, in ihrer Qualität stark schwankenden Versuche erscheinen noch allzu geprägt von der Suche nach einem eigenen Ton. Gleichwohl entdeckt man in Gedichten wie Etat bereits den »späten« Born, der sich virtuos die Klischees der Alltagssprache auf der Zunge zergehen lässt.
Man lernt Born kennen als einen Autor, der alles persönlich nimmt und in seinen wundervoll ungeschützten Ich-Gedichten listig Widerstand gegen die Zumutungen des modernen Lebens leistet, ja gegen alles, was ihn einengt, festlegt, determiniert. Denn was Born vor allem auszeichnet, ist sein unprätentiöser Umgang mit sich selbst. Schonungs- und tabulos schreibt er den eigenen antrainierten Automatismen nach, auf der Suche nach den Deformationen des Individuums an sich. So heißt es in dem berühmten Gedicht Selbstbildnis: »Oft für kompakt gehalten / für eine runde Sache / die geläufig zu leben versteht – / doch einsam frühstücke ich / nach Träumen / in denen nichts geschieht. / Ich mein Ärgernis / mit Haarausfall und wunden Füßen / einssechsundachtzig und Beamtensohn / bin mir unabkömmlich / unveräußerlich kenne ich / meinen Wert eine Spur zu genau / und mach Liebe wie Gedichte nebenbei. / Mein Gesicht verkommen / vorteilhaft im Schummerlicht / und bei ernsten Gesprächen. / Ich Zigarettenraucher halb schon Asche / Kaffeetrinker mit den älteren Damen / die mir halfen / wegen meiner sympathischen Fresse und / die Rücksichtslosigkeit mit der / ich höflich bin.«
Born glaubt bei aller Subjektivität an die Moral, die er gleichwohl zu ironisieren versteht. Er glaubt daran, dass Erkenntnis und Bewusstmachung einen besseren Menschen hervorbringen. In dem Gedicht Notausgang heißt es: »Wechsele den Arzt / wenn es dir wieder besser geht / aber vergiss nicht / dir eine Wunde offenzuhalten.«
Lesend verfolgen wir den Weg des Dichters: vom Gebrauchslyriker, der die genau Alltagsbeobachtung jeder Metapher vorzieht, zum späteren, ins Gelingen verliebten Utopisten und weiter zu einem engagierten »Träumer nach Vorne«, einem Aufklärer, dessen Lyrik in ihren besten Momenten visionäre Züge trägt. Doch wer war jener »Gedichtmann«, als den ihn Peter Handke einmal bezeichnete, wer jener »Brandes«, den Piwitt rückblickend als »einsamen Wolf auf dem geraden Weg vom Ruhrpott nach Burg Todeslust« beschreibt?
Nicolas Born wird am letzten Dezembertag des Jahres 1937 in Duisburg geboren, und wächst als Sohn eines Dorfpolizisten in Praest, unweit der holländischen Grenze, auf. Mit vierzehn beginnt er eine Lehre als Chemiegraf und arbeitet zehn Jahre für eine Essener Großdruckerei, die Druckvorlagen für Werbeschilder herstellt. Die karge Industrielandschaft des Ruhrgebiets mit ihren Zechen und gleichförmigen Wohnsiedlungen wird ihm noch Jahre später beengend und bedrohlich erscheinen. Als farblose, sinnentleerte Todeslandschaft wird sich das Ruhrgebiet immer wieder in seinen Gedichten, vor allem aber in seinem unverändert wuchtigen, 1976 erschienenen und in sich wohl geschlossensten Roman Die erdabgewandte Seite der Geschichte als grauer Hintergrundfilm unter die Bilder und Szenen legen. Und während zu jener Zeit etwa Rolf Dieter Brinkmanns rohe, unfrisierte Horrorstillleben aus der hoffnungslosen Perspektive des angeekelten Zuschauers entstehen, die das Kaputte und Defekte nur mehr in schemenhaften Umrissen darzustellen vermögen, schreibt Born längst seine, einen grassierenden Sinntod diagnostizierenden Chroniken. Ende der achtziger Jahre aber, in denen jede Innerlichkeit als Weinerlichkeit verpönt wird, geraten Borns Gedichte und Romane mehr und mehr in Vergessenheit. In einer Zeit politischer Stagnation ist kein Platz für eine Literatur, die anschreibt gegen Oberflächlichkeit und Konsum. Heute, in dieser konjunkturschwachen Zeit, scheint die Stunde seiner Bücher und der damit verbundenen gesellschaftlichen Analysen und Diagnosen wiedergekommen zu sein.
Mit seiner 1976 erschienenen Erdabgewandten Seite der Geschichte hatte Born unerschrocken auf die Gefangenschaft des Einzelnen in der Äußerlichkeit reagiert und zugleich ein kühnes Stück zeitgenössischer Prosa gegen den Selbstbetrug vorgelegt; zwei Jahre später, Anfang 1978, fuhr er für zweieinhalb Monate nach Beirut, um an den Kriegsschauplätzen im Libanon Stoff für seinen neuen Roman zu sammeln. Und er muss es als große schriftstellerische Herausforderung empfunden haben, den mörderischen Bürgerkrieg, der zu jenem Zeitpunkt längst zu einem internationalen Medienspektakel geworden war, in seinem ganzen Ausmaß darzustellen.
Unterwegs als »Agent der verloren gegangenen Wahrheit« wird Georg Laschen, der Held seines wohl berühmtesten Romans Die Fälschung, als Kriegsberichterstatter eines großen Hamburger Magazins in den Libanon entsandt. Doch zum Zusehen verurteilt, leidet er immer massiver an seiner Position als Berichterstatter, der in Form von Tickermeldungen, Schlagzeilen und zynischen Kommentaren die Geschehnisse des Krieges zu leicht konsumierbaren Vierfarbreportagen aufpoliert. Angesichts der absurden Situation an den Kriegsschauplätzen verdichten sich für Laschen die äußeren Bilder Beiruts immer erschreckender zu Metaphern für seine eigene, am Fieber des Fälschens erkrankte Seele. Und hier beginnt für ihn eine Krise, in der es nicht mehr allein um authentischen Journalismus geht, sondern längst auch um sein eigenes Leben.
Dem Krebstod nahe erlebt Nicolas Born in den letzten Novembertagen des Jahres 1979 die Auslieferung seines Romans. Er stirbt am 7. Dezember 1979 in Breese, in der Marsch bei Dannenberg, im Alter von nur 41 Jahren.
Geblieben sind seine Romane und seine wunderbar an der Wirklichkeit entlang geschriebenen Gedichte.
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3.)
Gedichte.
Gedichte von Nicolas
Born (2004, Wallstein-Verlag, hrsg. von
Katharina Born).
Besprechung von Michael
Braun in der Frankfurter Rundschau, 15.12.2004:
An den Rückseiten der Städte
Die schönen, quälenden Seventies: Der
vor 25 Jahren verstorbene Dichter Nicolas Born fühlte und schrieb wider das
linke Klischee
Peter
Handke hat einmal in einem Gedenkblatt die Frage gestellt, warum denn über
die Gedichte seines toten Freundes Nicolas Born nicht ebenso viel begeistertes
Geschrei herrsche wie über die Lyrik des für seine Radikalität bewunderten Rolf
Dieter Brinkmann. Wie berechtigt diese Frage (noch immer) ist, bewiesen im
vergangenen Jahr unfreiwillig die Autoren der heftig diskutierten Anthologie Lyrik
von Jetzt (DuMont Verlag), die in devoten Reminiszenzen den wilden Poeten Brinkmann
hochleben ließen, während sie den lyrisch komplexeren Nicolas Born gründlich
vergessen hatten. Tatsächlich sind schrille Feinderklärungen in den Werken des
1979 mit nur 41 Jahren gestorbenen Alltagsrealisten Born nicht zu finden.
Der Polizistensohn Klaus-Jürgen Born aus Praest am Niederrhein, einem Dorf
unweit der holländischen Grenze, war im April 1963 als wortkarger,
introvertierter Mann nach Berlin ins Literarische Colloquium gekommen, wo der
gelernte Chemigraph umgehend die Initiationsriten des literarischen Betriebs
durchlief. Gemeinsam mit Peter
Bichsel, Hubert
Fichte, Hermann-Peter
Piwitt und Hans Christoph
Buch saß er in Walter Höllerers legendärem Seminar
"Prosaschreiben", um bald darauf bei Dieter
Wellershoff vorzusprechen, der damals nicht nur Lektor im Verlag Kiepenheuer
& Witsch war, sondern als Schlüsselfigur einer neuen Bewegung, der "Kölner
Schule", agierte. Als 1965 bei Kiepenheuer & Witsch Borns Romandebüt Der
zweite Tag erschien, rubrizierte man den literarischen Neuling prompt als
einen weiteren Vertreter jener phänomenologisch orientierten
Beschreibungsprosa. Die Helden seiner bekanntesten Romane, Die erdabgewandte
Seite der Geschichte (1976) und Die Fälschung (1979), werden dann
durch eine persönliche Lebenskrise immer tiefer in ein Gefühl der Lähmung
hineingetrieben.
Für den Enthusiasmus seiner ersten literarischen
Erfolge im Berliner Dichter-Milieu musste Born bald einen schmerzhaften Tribut
entrichten: 1966 zerbrach seine erste Ehe, er verließ sein Elternhaus in Essen
und ging endgültig nach Berlin. Auf der Flucht vor den Kollektivräuschen der
Linken siedelte er in späteren Jahren mit seiner zweiten Ehefrau Irmgard und
seiner Tochter Katharina
ins Wendland über, wo sich gerade die Protestbewegung
gegen das atomare Endlager in Gorleben formiert hatte.
Aus dem strengen Wahrnehmungs-Protokollanten des Romans Der zweite Tag
war 1967 der Dichter Nicolas Born geworden, der im Klappentext seines lyrischen
Debüts Marktlage das Evangelium der neuen, offenen Poetik verkündete:
"Weg von Symbol, Metapher, von allen Bedeutungsträgern... die Gedichte
sollen roh sein, jedenfalls nicht geglättet; die rohe, unartifizielle
Formulierung, wird wieder Poesie..." In diesem ersten Gedichtband hat sich
noch die Lebenswelt der Menschen aus dem Revier eingelagert; in knappen Strichen
zeichnet Born das Bild einer untergehenden Nachkriegsgesellschaft, deren Realien
zum "Verrott" geworden sind. In den tektonischen Schichtungen dieser
alten Gesellschaft wächst noch undeutlich ein neues Ich heran, das nach
"Veränderungen" hungert.
Als er im Nachwort zu seinem Band Das Auge des Entdeckers (1972) den
Begriff der Utopie ins Spiel brachte, standen gleich die linken Freunde Spalier,
um ihn ins systemkritische Milieu einzugemeinden. Dabei verachtete Born nichts
so sehr wie jene lamentierende Literatur, die auf "die Misere
abonniert" ist.
Die entscheidende Prägung empfing der junge Born keineswegs von dem
kulturrevolutionär gestimmten Berliner Freundeskreis um
Buch und Piwitt,
sondern von dem Dichter Ernst
Meister, mit dem er 1959 in Kontakt gekommen war. Von Meisters Sprachmagie,
betonte er später, habe er vieles "über die Genauigkeit und die
Unsicherheit der Sprache" gelernt. Dieser Sprachempfindlichkeit verdankte
Born, dass er resistent blieb gegen die stilistische Lässigkeit und politische
Naivität der Autoren aus dem Umkreis der Studentenbewegung. "Ein Gedicht
muß dunkle Stellen haben", schrieb er in einer Rezension zu einem Band Ernst
Meisters - eine Lektion, die er auch in seinem Band Das Auge des
Entdeckers beherzigte.
Solche Töne wurden in der Lyrik-Debatte der siebziger Jahre gar nicht gern gehört.
Man hatte sich allzu euphorisch auf "den Glanz des einfachen, direkten
Ausdrucks" (Jürgen
Theobaldy) eingeschworen. Gegenüber den prahlerischen Allgemeinbegriffen
seiner linken Freunde wahrte Born stets Distanz; sein als Flugblatt verteiltes
Gedicht "Berliner Para-Phrasen", das ein Demo-Erlebnis in lyrisierte
Tiraden ummünzt, hat er später nicht mehr in seinen Band Gedichte 1967 -
1978 aufnehmen wollen.
Dies ist eine der großen Überraschungen, mit denen uns die im Wallstein Verlag
erschienene kritische Gesamtausgabe seiner Gedichte nun konfrontiert: Der gegen
die "Poetologien der Altvorderen" polemisierende Dichter war in seinen
literarischen Anfängen von der "Neuen Subjektivität", zu deren
Galionsfigur er später ausgerufen wurde, sehr weit entfernt. Bereits um 1960
hatte er - noch unter seinem Geburtsnamen Klaus-Jürgen Born - eine nie veröffentlichte
Gedichtsammlung mit dem Titel Echolandschaft zusammengestellt, die noch
ganz vom hohen Ton Ernst
Meisters beeinflusst war (dessen Ehefrau
Born auch den Einfall verdankte, sich den Künstlernamen Nicolas zuzulegen).
Zu den größten Verdiensten dieser kritischen Ausgabe seiner Gedichte gehört
die Neuakzentuierung und subtile Korrektur des Born-Bildes, das bislang Hans
Christoph Buch und Hermann
Peter Piwitt mit biographischen Skizzen geformt hatten.
Die Herausgeberin der Ausgabe, Borns Tochter Katharina, entdeckt in ihrer
sorgsamen Rekonstruktion der Lebensgeschichte Nicolas Borns viele neue Facetten
im Leben dieses Dichters. Hier werden auch erstmals die Gedichte aus dem
Nachlass veröffentlicht, die man nach einem verheerenden Brand in Borns Haus im
Jahr 1976 vernichtet glaubte. Die dokumentierten Arbeitsprozesse an einzelnen
Gedichten zeigen zudem einen Autor am Werk, der die scheinbare Leichtigkeit und
Beiläufigkeit seiner Gedichte in strenger formaler Selbstdisziplinierung
hergestellt hat. Die "Momente der Leere und Versunkenheit", die Born
in seinen späten, verzweifelten "Notizen aus dem Elbholz" anspricht,
haben sich bereits in die noch zuversichtlichen Gedichte des Bandes Das Auge
des Entdeckers eingeschrieben. Was man später "Neue Subjektivität"
genannt hat - in diesen Gedichten ist es am differenziertesten entwickelt: Ein
instabiles, unruhiges Ich, das sich neugierig in die Welt hinein tastet und nach
verlässlichen Orientierungen sucht. Nicht immer gelingt es Born aber, dieses
Ich von bräsigen Exhibitionismen freizuhalten. Er weigere sich, schrieb Born
einmal an Günter Kunert,
sich vom herrschenden Realitätsprinzip und seinen Identitätsangeboten
einfangen zu lassen: "Lieber keine Identität. Lieber zusammengesetzt sich
fühlen aus lauter sich gegenseitig abstoßenden Fremdorganen."
Dieses Bewusstsein des Ich-Verlusts und des Fremdgesteuertwerdens hat ihn in den späten Gedichten fast erstickt. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Krebstod am 7. Dezember 1979 wird nun ein Dichter wieder entdeckt, der die Fremdheit des Lebens und den Zusammenbruch der Utopien in unvergesslichen Versen fixiert hat: "Mit uns macht die Geschichte Schluß. / Am genauesten sieht man sie wenn der Zug / langsam entlangfährt an den Rückseiten der Städte / Lagerhallen Höfe, die Kehrseite der Wäsche/ und der Blumenfenster/ die erdabgewandte Seite der Geschichte."
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