Gedichte.
Neuedition der Ausgabe von 1957 von Rudolf Borchardt (2003, Klett-Cotta - Hrsg. von Gerhard Schuster und Lars Korten).
Besprechung von Hans-Albert Koch in Neue Züricher Zeitung vom 06.01.2004:

Dichter und Gärtner
Späte Aufzeichnungen von Rudolf Borchardt

«Er ist ein merkwürdiger Kopf, halb genial und halb dilettantisch, echter Dichter, sobald er parasitische Dichtung schreibt, ein falscher Dichter, sobald er sie aus dem eigenen Inneren schöpft, der wahre Alexandriner, der fremde Bildung mit grösserer Intensität und mit grösserer Reinheit empfindet als die eigenen Gefühle - übrigens unter den heutigen Dichtern einer der wenigen, der die historischen Wissenschaften kennt und achtet, das heisst einer der wenigen wirklich gebildeten, und der nicht Barbarei zur Schau trägt; im übrigen ein unterhaltendes und wunderbares Geistesfeuerwerk.» So schildert Karl Vossler, der berühmte Münchner Romanist, 1923 in einem Brief an Benedetto Croce einen Besucher, der zweifellos zu jenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts gehört, deren Bedeutung erst spät erkannt worden ist. Grössere Aufmerksamkeit zieht der Name auf sich, nachdem seit gut einem Jahrzehnt Gerhard Schuster neben die Ende der fünfziger Jahre begonnene 14-bändige Ausgabe der Werke eine nicht weniger umfassende Edition der Korrespondenz dieses Dichters gestellt hat, die das geistesmächtige Briefgespräch Borchardts gerade mit solchen Zeitgenossen dokumentiert, die ein waches Bewusstsein für das janusköpfige Gesicht Europas nach dem Ersten Weltkrieg hatten.

Dante-Übersetzer

In engstem Briefgespräch verbunden mit dem Wiener Hugo von Hofmannsthal und dem Bremer Rudolf Alexander Schröder, studierter Altphilologe nicht nur, sondern einer der besten Kenner der Antike zu seiner Zeit überhaupt, ein deutscher Dichter zugleich, der seinen Landsleuten nicht nur einen Dante schenken wollte, wie dies schon etliche Übersetzer vor ihm versucht hatten, sondern einen mittelhochdeutschen Dante, den es im 14. Jahrhundert nicht gegeben hat, der jedoch nach Borchardts Meinung unbedingt vonnöten gewesen wäre, hatte der «leidenschaftliche Gärtner» - so der Titel seines bedeutenden Spätwerks - Rudolf Borchardt Jahrzehnte zurückgezogen in der Toskana nahe Lucca gelebt und gearbeitet, ein leidenschaftlicher Gärtner auch der Literatur, als solcher vor allem Übersetzer, mehr noch Nachdichter und Essayist. In Deutschland, dessen Staatsbürgerschaft er weiterhin führte, hielt sich der gebürtige Königsberger, Sohn eines konvertierten jüdischen Kaufmanns, fast nur zu gelegentlichen Vortragsreisen auf. Der Protestant Borchardt leugnete seine jüdische Herkunft und wollte als nichts anderes denn als Protestant und Preusse gelten. Zu diesem Zweck unterdrückte er nicht nur entsprechende Angaben, publizierte sogar gefälschte Daten.

«Um Weihnachten 1942 zerriss mit einem ersten Stosse der Wirklichkeit der Schleier, hinter dem wir unsere alte Welt immer noch behütet glaubten», beginnen Borchardts erst jetzt aus dem Nachlass bekannt gemachte Aufzeichnungen über die letzten Jahre in der Lucchesia, denen der Autor den Titel «Anabasis» gab - in einer Geste grosser historischer Anspielung, wie er sie liebte, auf das gleichnamige Werk des Sokrates-Schülers Xenophon, der den strapaziösen Rückzug der griechischen Söldner des jüngeren Kyros aus dem Innern Kleinasiens schildert. Borchardts Text beginnt mit dem schmerzlich empfundenen Auszug aus der während zehn Jahren bewohnten toskanischen Villa und endet 1944 kurz vor der Flucht, durch die er auch seine drei Söhne dem Waffendienst im deutschen Heer entziehen konnte. Von deutschen SS-Schergen - es war die Zeit der Kämpfe zwischen Alliierten und Deutschen um Florenz, in denen auch diese Stadt schwerste Schäden erlitt - entdeckt, wurde die Familie ins Reich deportiert, doch liess der den LKW bewachende Feldgendarm die Gefangenen in Innsbruck frei. Warum - man weiss es nicht, doch wohl beeindruckt von den Gesprächen der Familie, denen er hatte zuhören können. Wenige Wochen später starb der Dichter am Ort seiner Zuflucht in Tirol an Erschöpfung. Die Tagebuchaufzeichnungen der Tochter Corona und die Erinnerungen des Sohnes Cornelius ergänzen den Text zu einem so eindrucksvollen wie bedrückenden Gemälde der Zeit, deren Ereignisse der Herausgeber in einem Stellenkommentar und einer detaillierten Chronik erläutert....Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0104 LYRIKwelt © NZZ