Gedichte von einem polnischen Juden von Isachar Falkensohn Behr, Wallstein1.) - 2.)

Gedichte von einem polnischen Juden.
Gedichte von Isachar Falkensohn Behr (2002, Wallstein-Verlag
, hrsg. Andreas Wittbrodt).
Besprechung von Roland Mörchen aus Jüdische Allgemeine, 2002:

Der Hügel Gipfel, der Wälder Wipfel
Isachar Falkensohn Behrs „Gedichte von einem polnischen Juden“ von 1772

Folgt man dem Herausgeber Andreas Wittbrodt, so war es die Rezension des jungen Goethe, die Isachar Falkensohn Behrs anakreontischen Gedichten von einem polnischen Juden eher geschadet als genützt hat. 1772 war der Frankfurter Shooting-Star der Literaturszene auf das soeben publizierte Büchlein aufmerksam geworden, ohne ihm viel Gutes abgewinnen zu können. Grund genug für spätere Kritiker, dem jugendlichen Urteil des späteren Dichterfürsten rückblickend Recht zu geben.
Doch auch der Dichter Isachar Falkensohn Behr selbst, schlug im Vorwort selbstkritische Töne an. Er habe „schwerlich Neues“ geleistet, räumte er ein. Auch fürchtete er antisemitische Sottisen und Vorurteile. Mag sein, daß Falkensohn Behr mit seiner literarischen Selbsteinschätzung die Leser vor allem gnädig stimmen wollte. Schließlich betrachtete er sich nicht als professionellen Lyriker. Eher versuchte er sich als Hobby-Dichter, dessen Liebe zum Schrifttum auch später noch gelegentlich gedruckte Gestalt annahm. Zum Beispiel huldigte er Katharina der Großen im Poem - ein Verfahren, das er seinen preußischen Vorbildern abgeschaut hatte.
Im Berufsleben war der 1746 geborene Falkensohn Behr ein promovierter Mediziner, den es über Berlin (wo ihn Moses Mendelssohn förderte), Leipzig, Halle und Kurland nach Rußland verschlug. Er trat dort zum russisch-orthodoxen Glauben über, um auch Christen behandeln zu dürfen, und praktizierte zuletzt als Militärarzt. Er starb 1817 in Kamenez-Podolsk.
Auch bei heutiger Lektüre der Poeme hält sich die Begeisterung in Grenzen, trotz des klugen Nachworts von Herausgeber Andreas Wittbrodt, der die Gedichte als Zeugnisse ihrer Zeit und des kulturellen Umfeldes liest. Falkensohn Behr rühmt Ramler und Mendelssohn, besingt den Frühling, den Freund, das Landleben oder die spröde Schöne. „Wie lieblich hüllt mich dieser Hain / Bey schwüler Luft im Kühlen ein!“, reimt er oder auch: „Es grünt der Hügel Gipfel, / Es rauscht der Wälder Wipfel, / Von Blumen glänzt die Flur.“
Nach literarischen Kriterien wären diese Lieder und Oden keine Wiederentdeckung wert. Aber sie sind es als wohl erste Buchveröffentlichung eines Juden in deutscher Sprache. Dabei hatte es Falkensohn Behr gewiß schwer. Nahmen ihn Deutsche nicht ernst, weil er ein Jude war, so ignorierten ihn Juden, weil sie in ihm womöglich einen Renegaten sahen. Der Autor aber war sich seiner religiösen Herkunft genauso bewußt wie seiner Außenseiterstellung. Der Geist der Integration, den Wittbrodt aus den Versen herausfiltert, legt den Band als bikulturelles Dokument einer deutsch-jüdischen Verständigung nahe. Darin liegt der Wert dieser Veröffentlichung.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Jüdische Allgemeine

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Gedichte von einem polnischen Juden von Isachar Falkensohn Behr, Wallstein2.)

Gedichte von einem polnischen Juden.
Gedichte von Isachar Falkensohn Behr (2002, Wallstein-Verlag, h
rsg. von Andreas Wittbrodt).
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 12.3.2003:

Hüpfend Herz
Die vergessenen Gedichte von Isachar Falkensohn Behr

Dass zwischen Ersterscheinen eines Buches und seinem Nachdruck 230 Jahre ins Land gehen, dürfte eine Seltenheit sein. Die 1772 veröffentlichten Gedichte von einem polnischen Juden jedoch mussten just diese Zeitspanne in nahezu vollständiger Vergessenheit ruhen und erleben erst heute ihre Renaissance. Der Herausgeber Andreas Wittbrodt und der Göttinger Wallstein Verlag hieven damit ein kultur- und literaturhistorisch bedeutsames Dokument aus dem Dunkel der Archive - handelt es sich doch bei diesen Gedichten um die mutmaßlich erste Publikation eines jüdischen Dichters in deutscher Sprache.

Isachar Falkensohn Behr, ihr Verfasser, wurde 1746 im polnischen Zamošc oder im lithauischen Salantin, wo er nachweislich aufwuchs, geboren. Gotthold Ephraim Lessings Bruder Karl zufolge zog es Falkensohn Behr 1768 zunächst als Kaufmann nach Königsberg - ein Beruf, den er bis zum Verlust sämtlicher Handelswaren ausübte. Falkensohn Behr selbst bestätigt dies in seiner Ode "An die Hoffnung": "Mein Fuß betrat / Kaum die blühende Stadt Preussens, die sich voll Stolz / Am besegelten Hafen thürmt, / Und ins friedliche Thor handelnde Völker zieht; / Zeigt' ein Goldesverlust mir schon, / Wandelnd Erz sey kein Quell steter Zufriedenheit. / Ich Unglücklicher! jammert ich". Wie Falkensohn Behrs tatsächlicher Geburtsort ist auch dies nicht mehr lückenlos nachweisbar.

Sicher ist, dass der hochbegabte, polyglotte Falkensohn Behr sich an der Königsberger Universität einschrieb und später seinen "Schritt nach Berlin leitet", um Medizin zu studieren. Hier fand er Gönner und Förderer im bewunderten, "durch Weisheit verewigten" Moses Mendelssohn und in Karl Wilhelm Ramler - später als "Barde an der Spree" und "Teutoniens Stolz" von ihm besungen. Ramler, an Horaz geschulter Dichter, Herausgeber von Rokoko-Anthologien und Professor an der Berliner Kadettenanstalt, nahm sich des jungen Falkensohn Behr an und ermunterte ihn, Verse im damals gängigen anakreontischen Stil zu verfassen. So entstanden die Gedichte von einem polnischen Juden, die (wie ein weiterer, 1783 auf französisch veröffentlichter Band) anonym erschienen. Ihren Verfasser jedoch zog es bald darauf nach Russland, wo er, so die spärlichen Quellen, bis zu seinem Tod im Jahr 1817 als Quarantäne- und Militärarzt tätig war.

Als Autor war er zu diesem Zeitpunkt längst wieder in Vergessenheit geraten - anders als sein erster Rezensent Johann Wolfgang Goethe, der als noch nahezu Unbekannter Falkensohn Behrs Gedichte in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen besprochen hatte - wenig vorteilhaft allerdings. Er fand die Gedichte mittelmäßig und, anders als der Titel vermuten ließ, gänzlich der deutschen anakreontischen Tradition verhaftet. Dieses Goethe'sche Urteil dürfte einiges dazu beigetragen haben, dass Falkensohn Behr schon bald in Vergessenheit geriet. Was die Qualität der Gedichte angeht, ist man sich bis heute tatsächlich recht einig geblieben.

Auch Andreas Wittbrodt räumt ein, dass es sich bei Falkensohn Behrs Poesie weder "um ein vergleichsweise anspruchsvolles Œuvre" handele, noch "um ein gesellschaftlich brisantes Werk wie etwa die Essayistik Ludwig Börnes. Und erst recht nicht handele es sich um ein sowohl gesellschaftlich brisantes als auch literarisch anspruchsvolles Werk, wie etwa Heinrich Heines Deutschland, ein Wintermärchen. Zu angepasst schienen und scheinen die Verse an das damalige deutsche Umfeld, an die Lyrik der Anakreontik, die sich dem geselligen Umtrunk und der kecken Werbung verschrieb, in der sich der abgewiesene Dichter gramgebeugt doch in artig gedrechselten Reimen nach einer Schafzucht auf dem idealisierten, Klischee gewordenen Land sehnt.

"Angesichts der Präzision und Intensität, mit der Falkensohn Behr den anakreontischen Diskurs aufgreift, kann die Einstufung seiner Gedichte als Produkte einer literarischen Akkulturation beziehungsweise Assimilation kaum verwundern. Zweifellos lag die Demonstration seiner Fähigkeit, die Quasi-Normen der Anakreontik zu erfüllen, auch in Falkensohn Behrs Absicht", schreibt Wittbrodt in seinem ungemein aufschlussreichen Nachwort und plädiert gleichwohl für eine Neubewertung der Gedichte von einem polnischen Juden - unter Hinweis auf die bislang nicht ausreichend gewürdigte "Bikulturalität" des Buches.

Diese äußere sich neben Verweisen auf eine formgebende "hebräische Ode" und die damals unkonventionellen, in die zitierte "Ode an die Hoffnung" eingeflochtenen biographischen Details nicht zuletzt im Vorwort Falkensohn Behrs, in dem ein an Mendelssohn geschulter, aufklärerischer Anspruch deutlich wird: "Erregen nicht die Worte: pohlnischer Jude, in der Seele das Bild eines Mannes, schwartzvermummt, das Gesicht verwachsen, die Blicke finster, und rauh die Stimme? wird die angewöhnte misverstandene Frömmigkeit einiger zärtlichen Leserinnen, das Bild nicht grässlicher malen, als es meine armen Landesleute wirklich sind?"
Falkensohn Behr tritt diesem Bild mit tändelnden Versen und einem "voll Empfindung hüpfend Herz" entgegen, was die gelegentlich auftauchenden gewichtigeren, weil an die eigene Existenz rührenden Zeilen umso überraschender erscheinen lässt und das gesamte, überdies durch sein Nachwort geadelte Buch zu einer lohnenden Entdeckung macht - ein Buch, das im Übrigen, wie das Impressum vermerkt, "auf alterungsbeständigem Papier" gedruckt ist. Das mag für die kommenden 230 Jahre ein Anlass zur Hoffnung sein.

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