Gedächtnisformate von Marcus Roloff, 2006, Gutleut Verlag

Gedächtnisformate.
Gedichte von Marcus Roloff (2006, Gutleut Verlag).
Besprechung von Dr. Andreas Möller, Berlin für die Rezensionen-Welt, 11/2006:

Marcus Roloff hat nach fast zehn Jahren einen neuen Gedichtband vorgelegt, der 54 großenteils unveröffentlichte Texte enthält. Es ist sein zweiter. Und doch ist Roloff seit der Veröffentlichung von „Herbstkläger“ (1997) alles andere als unproduktiv gewesen. Anthologien und Zeitschriften haben seine Gedichte gedruckt, unter ihnen die mittlerweile eingestellte „Neue deutsche Literatur“ und das im S. Fischer Verlag erscheinende „Jahrbuch der Lyrik“ des Jahres 2005.

Nun also „Gedächtnisformate“. Der Band, dessen Titel nach schablonenhafter Erinnerung klingt, ist in drei thematische Sammlungen mit 14 und zweimal 20 Gedichten unterteilt. Sie heißen „gärten & schlösser“, „märzspaziergang“ und „formate“. Der Autor, so scheint es, will den Leser mitnehmen auf eine Reise zu den Orten der Vergangenheit, die, so selbstverständlich sich das lyrische Ich auch gegen den Versuch des biografischen Erhellens behauptet, Stationen im Leben des Lyrikers Marcus Roloff sind.

So finden sich vor allem in „gärten & schlösser“, eine Verdrehung des Topos der märkischen Schlösser und Gärten, Gedichte wie „glambecker see“, „wannsee [einundzwanzigster elfter]“, „ahlbecker strasse im winter“, „maria am ostbahnhof“, aber auch „frankfurt süd“, die Namen von Orten und Landschaften von Lebensphasen in Neustrelitz, Berlin und Frankfurt aufrufen. Immer wieder wird Roloffs Sprache dabei durch antike und religiöse Bilder durchkreuzt, die nie akademisch wirken, sondern Teil der Gedächtnisprotokolle sind. Dazu passt, dass der Band eine Reihe von Widmungsgedichten enthält.

Das Etikett Landschaftslyrik, gegen das sich Dichter wie Huchel oder Bobrowski zeitlebens gewehrt haben, trägt aus diesem Grund bei Roloff nicht. Denn den Landschaften haftet nichts vom Gefühl sentimentaler Erinnerung an. Das Gesehene verharrt in der Andeutung und wirkt dadurch flüchtig und flaneurhaft. Am Ende sind es die Namen, die für sich stehen und dadurch magisch wirken, während die Umrisse der Plätze und Orte verschwimmen. „mein gedächtnis hat / löcher“, heißt es im Gedicht „u-bahnhof“, das in nur wenigen Zeilen ein schaurig-schönes Bild der ermordeten Rosa Luxemburg malt, das einem Fahrgast vom Schlage Roloffs beim Passieren des U-Bahnhofs Rosa-Luxemburg-Platz kommen mag.

So ist es die Sprache, die Heimat im Wort, die das eigentliche Thema der Gedächtnisformate Roloffs bildet. Der Autor nimmt mit seiner selbstreflexiven Sprachkritik den zugegebenermaßen dicksten Faden der modernen Lyrik auf und stellt ihn ins Zentrum seines Schreibens. Das Anfangsgedicht der abschließenden dritten Sammlung heißt bezeichnenderweise „fragezeichen“. „ist sprache was ist sprache geheul / ist sprache ein fluch ein segen ist / sprache die säge mit der man die namen  zersägt die höhle in der die dinge hausen […].“

Eines der komischsten Gedichte in diesem bemerkenswerten Band trägt den Titel „interimsgöttingen“ und mag während eines Intermezzos des Autors in Göttingen entstanden sein. „: du bist die / kleinstadt, die ewig / teilnahmslose prinzessin / auf dem gebügelten bett- / zeug“, heißt es darin. Man ist geneigt, die Zeilen Heines in der „Harzreise“ zu bemühen, wonach die kleine Stadt an der Leine vor allem mit dem Rücken hübsch anzusehen sei. Roloffs Lyrik kommt ohne solche Gymnastik aus.

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Leseprobe I Buchbestellung 1106 LYRIKwelt © Andreas Möller