Geburtsort Berlin von Monika Maron, 2004, S. FischerGeburtsort Berlin.
Buch von Monika Maron (2004, S. Fischer).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 7.11.2003:

Nachdenken über Berlin und über sich
Monika Marons neuer Textband

Nachdenken über Berlin - das kann reizvoll sein. Monika Maron legt mit ihrem jüngsten Band Reflexionen vor über die Stadt und die eigene Befindlichkeit in dieser Stadt; als sie noch Teil der DDR war und nach der Wende. Leider ist das Ergebnis wenig eindrucksvoll.

Ein Kaleidoskop von Eindrücken, von Erinnerungsschnipseln, das ist "Geburtsort Berlin". Ein schmales Bändchen mit acht Kapiteln, das erste, ganze zwei Seiten lang, erzählt von dem Kind Monika, das in klassenkämpferischem Selbstbewusstsein den Menschen das "von" vor dem Namen absprach und gegen den Protest der Erwachsenen Fontane die Hälfte seines Namens strich. Das ist nicht witzig, sondern beklemmend, und beim Weiterlesen kommt der Gedanke auf, dass dies ein Prolog sein könnte, ein Beispiel für fanatischen Eifer und die späte Scham darüber.

Es geht so weiter: persönliche Geschichte zwischen den Ideologien. Das zweite Kapitel erzählt vom Gymnasium, vom Hinübergleiten aus der Übereinstimmung mit dem Regime zur Kritik daran. Ist "Geburtsort Berlin" der Versuch einer Rechtfertigung?

Vor allem ist es ein Bekenntnis zu Berlin, der Stadt, in der die Autorin mit Unterbrechungen immer gelebt hat. Manches ist sehr schön; wie die junge Frau in plötzlichem Ausbruch Liebe zu ihrer Stadt empfindet; Liebe, die nicht Ausdruck von Lebensfreude ist, "sondern eher ein Erkennen und die Zugehörigkeit zum Erkannten". Umso schwerfälliger wirkt dagegen ein Satz wie dieser: "Wäre Berlin eine Person gewesen, hätte sie zu uns gehört und nicht zu denen."

Die Geschichten sind seltsam diffus, wie die Schwarzweiß-Fotos von Jonas Maron, dem Sohn, die dem Band beigegeben sind. Vieles ist gefällig zu lesen, durchdrungen von der hemdsärmeligen Heiterkeit des Alltags, in der politischen Ortung aber bleibt das Buch ungenau, obwohl es sie anzustreben scheint. Dass Monika Maron die Stieftochter des ehemaligen DDR-Innenministers ist, dass sie erst für die Stasi gearbeitet hat und später als "feindliche Person" geführt wurde, erwähnt das Buch nicht. Wer es weiß, versteht einiges besser.

Biografisch mag man diese Texte dennoch nicht nennen, weil sie zu artifiziell sind, gleichzeitig sind sie zu subjektiv, um symptomatisch zu sein. Wo die Impressionen das Ost-West-Verhältnis streifen, können sie berühren. Aber manchmal sind sie polemisch und überflüssig. Was die Autorin, geboren 1941, gedacht hätte, wenn der Krieg 20 oder 30 Jahre länger gedauert hätte - "hätte ich geglaubt, das Leben sei Krieg?" - diese Frage ist müßig. Sie regt nicht zum Weiterdenken an, auch nicht, wenn man sie, wie wohl beabsichtigt, auf die DDR überträgt. Denn die Antwort ist natürlich Ja: Wer in einem Zusammenhang lebt, glaubt immer, dies wäre die Wirklichkeit, und er hat Recht.

So verklingt die teils pathetische, teils rotzige Liebeserklärung an Berlin letztlich in irrlichterndem Ja-aber, und so liebenswürdig sich das letzte Kapitel mit der Überschrift "Eigentlich sind wir nett" auch anbietet - Verständnis stellt sich letztlich kaum ein. Übrigens auch nicht mit dem Preis. 13,90 Euro für 125 großgedruckte Seiten, das ist reichlich.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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