Gatterbauerzwei oder Europa überleben.
Roman von Max Blaeulich (2006, Residenz).
Besprechung von Leopold Federmair in Neue Zürcher Zeitung vom 28.10.2006:

Kaltes Gelächter
«Gatterbauerzwei»: Max Blaeulichs irre Grotesken

Zwei Mottos am Eingang des Buchs, eines treffender als das andere. «Unglück ist meist eine Verkettung von Lächerlichkeiten, eine Ansammlung übler Scherze oder niederträchtiger Ideen.» Der Satz stammt von Dostojewski, und Max Blaeulich hat ihn in «Gatterbauerzwei oder Europa überleben» streng befolgt. Lächerlich sind beide Gesellschaftsklassen, aus denen sich das Ensemble in der Zeit um den Ersten Weltkrieg offenbar zusammensetzt: die Rauschkugeln auf der einen Seite, «Tschecheranten», um eines der vielen österreichischen Wörter des Romans zu verwenden; und die blasierten Adeligen auf der anderen Seite. Dazwischen nichts, die Bevölkerung gehört entweder hier- oder dorthin.

Der Sekretär Rosenberger, eine lächerliche Version der Wiener Karl-Kraus-Instanz, gehört zu den Blasierten; der Neger, den es nach Österreich-Ungarn gespült hat, nolens volens zu den Rauschkugeln. Gemeingefährlich sind beide Gruppen, die einen offener, die anderen (auch nicht immer) versteckt. Gemeingefährlich, verkommen, besoffen, mörderisch, selbstmörderisch: Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Der Neger, Gatterbauerzwei, überlebt, aber da das Unglück allmächtig ist, erwischt es ihn am Ende doch. Wen erwischt es nicht? In dieser rhetorischen Frage steckt die ganze Philosophie des Max Blaeulich. Denn «Gatterbauerzwei» ist auch ein philosophisches Buch. Ein Buch der Täuschungen und der Enttäuschungen. Die österreichischen Schriftsteller sind, wenn sie philosophisch werden, Skeptiker bis aufs Mark.

BAROCKE KUNST

Das Dostojewski-Motto stimmt auf eine groteske Tonlage ein. Blaeulich ist ein Meister dieses Fachs, und er befindet sich in bester Gesellschaft: Gogol, Canetti, Gombrowicz, Carlo Emilio Gadda, Sergio Pitol, um nur ein paar Namen zu nennen. Das groteske Genre wiederum ist eine der Blüten barocker Kunst. Als Barockautor erweist sich Blaeulich nicht nur durch seine Figurenzeichnung, sondern auch durch die schweifende, abschweifende, Schräglagen suchende Erzählweise. Monströs sind die erzählten Geschehnisse, monströs ist aber auch die Gestalt des Romans mit seinen Zeitsprüngen, seiner Willkür. Der überwiegende Teil spielt am Vorabend und dann während des grossen Kriegs, aber später fällt plötzlich die Jahreszahl 1927, von einem Besuch Görings in Wien ist die Rede, wir hören das Geplauder der Blasierten in der sogenannten Zwischenkriegszeit – oder hat schon der nächste Krieg begonnen?

Man sieht, die monströse Erzählstruktur entspricht einem monströsen, fratzenhaften Jahrhundert mit seinen ungeheuren Massakern und ideologischen Verblendungen. Blaeulich nimmt sich und seinen Figuren kein Blatt vor den Mund, die Brutalitäten in Wort und Bild können uneingeschränkt defilieren. Auch das gehört spätestens seit Rabelais zur Lust am Grotesken, dieses destruktiv-schöpferische Sich-gehen-Lassen, die verbale Ausschweifung. «Gatterbauerzwei» ist daher über weite Strecken ein Plauderroman: Salongeplauder contra Wirtshausgegröle. Infanterie contra Luftwaffe, Materialismus contra Spiritismus, vereint in derselben Idiotie.

Die Figur Gatterbauerzwei ist ein baumlanger Schwarzer aus Uganda. Wir kennen ihn schon aus «Kilimandscharo zweimeteracht», dem ersten Teil von Blaeulichs Romantrilogie (der dritte soll nächstes Jahr erscheinen). Von politisch korrekter Warte könnte man einwenden, der Schwarze werde, wenn auch umgeben von lauter weissen Rassisten, allzu bestialisch geschildert. Doch das Gegenteil ist der Fall. Im Vergleich zu den mordlustigen Europäern erscheint er mit seiner rationalen Nahkampftheorie – schliesslich will er nur überleben – fast als edler Wilder des 20. Jahrhunderts. Die Bageshu, ein Bantu-Stamm, den schon Sir James Frazer in seinem «Goldenen Zweig» erwähnt, «nährten sich von Menschenfleisch, waren gierig danach, aber wenn sie genug hatten, hatten sie genug. Sie forderten nicht mehr, als sie verschlingen konnten. Sie rissen einem das Herz heraus, das war ihr Kult, aber niemals massakrierten sie jemanden um eines Massakers willen. Die Weissen taten das. Ihr Hass war so grenzenlos, grausam und so ansteckend. Diesen Hass zu züchten, war einfach. Man liess sie zu Tausenden aufeinander losgehen.»

VORZEITIGE ERSCHÖPFUNG

So die Überlegungen von Gatterbauerzwei. Am Ende trägt er selbst dieses Prinzip unabsichtlich in sein afrikanisches Heimatland. Die Schlächtereien unter afrikanischen Stämmen, beruhen sie wirklich nur auf dem Kontakt mit den Weissen, sind sie wirklich nur logisches Resultat des Kolonialismus? Wenn man dem Autor des Romans etwas vorwerfen kann, dann am ehesten, dass er an der Radikalität, die ihn auszeichnet, gegen Ende Abstriche macht. So als hätte ihn die sprachliche Gewaltanstrengung erschöpft. So als würde er ein rasches Ende seines Buchs herbeisehnen. Die Erzählbögen werden plötzlich raffend, die Darstellungen allgemein.

Max Blaeulich schliesst mit einem Kampf zwischen dem Neger und dem Hund. Mit einem solchen Kampf hatte der Roman begonnen – aber müssen sich immer die Kreise schliessen? Das erste Kapitel ist von ungeheurer Wucht, weil der Autor hier seine mächtige Phantasie spielen lässt und das Konkrete imaginiert: die Perspektive eines im Dreck liegenden Menschenwesens, das sich vom Hundewesen nur geringfügig unterscheidet. Der Schluss des Buchs hingegen liest sich wie die Erfüllung einer Pflichtaufgabe. Hier gerät dann das zweite Motto ausser Kraft. Ich habe es mir aus dem Text auf die Anfangsseite geschrieben: «‹Alles Blaue ist ein Irrtum›, sagte sich Rosenberger, ‹das Bläuliche an sich, ein Irrtum.›» Irrtum, Abweichung, Irresein. Und die historischen Wahrheiten, die sich im Blaeulichen Irren aussprechen.

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