Gassenblicke von Raymond Dittrich, 2002, WiesenburgGassenblicke.
Texte und Fotos von
Raymond Dittrich (2002, Wiesenburg).
Besprechung von Susanne Parth für
kultura-extra, 1.9.2002:

Eine kleine Kulturgeschichte städtischer Gassen

Fester Einband mit glatter Oberfläche. Schamottfarbige kräftige Blätter. Klassische Proportionen, hervorragend gebunden. Beim Durchblättern: Texte, Zitate, Gedichte, Schwarzweiß-Fotografien und Reproduktionen historischer Dokumente. Man hält ein Buch in der Hand, das schon auf den ersten Blick etwas verspricht: Historische Einblicke und zeitgenössische Impressionen rund um das Thema Gasse, zusammengefügt zu einem vielschichtigen aber schlüssigen Ganzen.

Tatsächlich hält das Buch mehr, als dieses erste Versprechen.

Gegliedert in 2 Teile, die sprachlich und durch die schwarzweißen Gassenblicke eng miteinander verwoben sind, erfahren die Leser etwas über die Geschichte, den Alltag und das Leben der Gasse in den letzten 500-600 Jahren.

Teil I. ist mehr der historischen Entwicklung verpflichtet. Hier erfährt man etwas über die Etymologie der Begriffe Gasse, Gassenhauer usw, über die Bedeutung und die Veränderung der Gassennamen und über die Schwierigkeiten städtischer Planung und der Sozial- und Alltagsgeschichte, die sich am Beispiel Gasse veranschaulichen lassen. Unterlegt mit zahlreichen Zitaten aus gut recherchiertem Quellenmaterial wird unterhaltsam über die Geschichte der Pflastermeister, über Pflasterzolltarife und den Hygieneproblemen in den Gassen berichtet.

So zitiert Dittrich einen Ausschnitt des Berliner Gassen-Reglements zur Straßenreinigung, dass 1735 von Friedrich Wilhelm I. erlassen wurde:

"Zu dem Ende sollen die Bürger und Einwohner [...] alle 2. Tage vor ihren Häusern bis auf die Mitte des Stein=Dammes zu fegen, und im Sommer bey trockener Zeit jedesmahl überall vorhero mit Wasser zu sprengen sich anschicken und fertig halten, jedoch soll denen, so des Morgens fegen sollen, Tages vorher, und denen, so des Nachmittags fegen, soll des Morgens zuvor durch die Gassen=Meister oder Auflader das Gassenfegen angesagt werden, damit der Koth nicht liegen bleibe, noch voneinander gefahren oder getreten werde, sondern durch die Karren nach ihren Nummern Tages darauf gleich weggeholt werden könne."
(Berliner Gassen-Reglement 1735; Ausschnitt)


Auch über die Geschichte der Gassenbeleuchtung gibt es einiges zu Lesen. Einzelne Verordnungen dazu gab es schon im 15. Jahrhundert, aber die "Geschichte der zentral organisierten Beleuchtung, der festen Installation von Gassenlaternen beginnt in Paris des späten 17. Jahrhunderts". Der Bedarf an Beleuchtung wuchs und das "organisationsfreudige Berlin bildete 1803 sogar eine 60 Mann starke ‚Erleuchtungs-Invaliden-Kompanie'".
Und obwohl diese "Errungenschaft für das Gemeinwesen zu sein schien" gab es ebenso Einwände. Als Beispiel führt Dittrich eine Polemik der Kölnischen Zeitung aus dem Jahre 1819 auf - hier ein kleiner Ausschnitt daraus:

"Jede Straßenbeleuchtung ist Verwerflich

aus theologischen Gründen; weil sie einen Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint. Nach dieser ist die Nacht zur Finsterniß eingesetzt, die nur zu gewissen Zeiten vom Mondlicht unterbrochen wird. Dagegen dürfen wir uns nicht auflehnen, den Weltplan nicht hofmeistern, die Nacht nicht in den Tag verkehren wollen -

[...]

aus medizinischen Gründen; die Öl und Gasausdünstung wirkt nachhaltig auf die Gesundheit schwachleibiger oder zartnerviger Personen, und legt auch dadurch zu vielen Krankheiten den Stoff, indem sie den Leuten das nächtliche Verweilen auf den Straßen leichter macht, und ihnen Schnupfen, Husten und Erkältung auf den Hals zieht -

[...]"

Die Geschichten aus dem Alltagsleben in den Gassen, den damit verbundenen meist beengten und hygienisch unzureichenden Wohnverhältnissen werden durch literarische Erinnerungen und historische Fakten untermauert.

Teil I. liest sich wie eine unterhaltsame Lektüre, die dennoch nicht auf Quellenmaterial verzichtet. Er endet mit der Bedeutung der Gasse als romantische Quelle der Inspiration für Dichter des vornehmlich 19. Jahrhunderts und bildet so eine gelungene Überleitung zu Teil II.

Dieser setzt sich wie ein Patchwork aus literarischen Impressionen zusammen. Neben Hinweise auf weitere - tschechische, italienische, spanische und deutsche - Autoren des 20. Jahrhunderts, sind es hier hauptsächlich lyrische und prosaische Texte von Dittrich selbst, die empfindsam seine Eindrücke der Gasse wiedergeben und Aspekte schildern, die wir selbst aus unseren Spaziergängen durch die alten gassendurchzogenen Stadteile kennen. Diese Sammlung der kleinen ‚literarischen Stücke' schließt schließlich mit einem Gedicht - gleich einem nostalgisch-schmunzelnden Nachruf.

Überlebt Oder: Gasse in der Großstadt

Nur durch Zufall
zu entdecken
(und besser wohl, ich verschweige,
wo sie ist).

Abseits von Verkehrsadern,
Einkaufsstraßen, gläsernen Palästen,
Betonfassaden.

Stehengelassen oder
durchs Raster gefallen
der Abrisspläne
ehrgeiziger Städteplaner.

Diese paar Meter
holprigen Wegs,
verschmitzter Häuser,
sich selbst ein Rätsel.

Errötend fast der Backstein
im Schimmern einer mickrigen Birne

vor dem Wunder,
überlebt zu haben.

Raymond Dittrich


Das Buch ist eine wunderbare Lektüre zum Schmökern und drin Rumblättern. Und es macht darüber hinaus neugierig: Auf die Literatur von Raymond Dittrich selbst, aber auch auf die zahlreichen literarischen Hinweise und kulturhistorischen Spuren, die er gibt, darauf, ihnen selbst ein wenig nachzugehen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kultura-extra.de]

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