Garanas oder Die Litanei von Matthias Mander, 2001, CzerninGaranas oder Die Litanei.
Gedichte von Matthias Mander (2001, Czernin-Verlag).
Besprechung von Hermann Josef Spital aus Rezensionen-online *Sz*, 2/2002:

Der mehrfach mit Literaturpreisen geehrte Matthias Mander hat seit acht Jahren kein Buch mehr herausgebracht. Mit seinem nun im Czernin-Verlag Wien erschienenen Roman "Garanas oder die Litanei" hat er sich viel vorgenommen. Er zeichnet ein Bild unserer wirtschaftlichen Situation angesichts der zunehmenden Globalisierung, die durch die neuen elektronischen Medien in Gang gesetzt wurde, und von den damit tiefgreifend veränderten Bedingungen wirtschaftlichen Handelns geprägt ist. Mander weiß, wovon er spricht; in seinem Berufsleben war er selbst als Industriemanager in führender Stellung tätig. Schon in seinen früheren Büchern hat er aus den Erfahrungen dieser industriellen Welt heraus geschrieben. Es bleibt bemerkenswert: Obwohl unser Leben in vielfacher Weise von der Großindustrie geprägt ist, ist die Letztere literarisch merkwürdigerweise kaum ein Thema.

Doch geht es dem Autor keineswegs nur um dieses Thema in seiner gesellschaftlichen Gestalt; Mander stellt vielmehr den Menschen in die Mitte. Sein Anliegen ist es, sowohl die in dieser modernen Industrie- und Börsenwelt maßgeblich handelnden Menschen als auch die durch das Handeln der in dieser Welt Mächtigen Betroffenen in ihren ganz unterschiedlichen Denkweisen Gestalt werden zu lassen.

Schließlich macht er sich Gedanken darum, was sein Schreiben und was seine literarische Arbeit eigentlich bewirken. Er möchte verständlicherweise nicht ins Leere hinein schreiben; vielmehr möchte er durch sein Schreiben auch Wirkung erzielen. Er will die Menschen betroffen machen und sie aufwecken; sie sollen die Zusammenhänge erkennen, von denen ihr Leben zutiefst beeinflusst ist - und sie sollen handeln, mitgestalten an ihrem jeweiligen Platz und nicht nur anderen das Feld überlassen.

Mander weiß, dass er die Wirklichkeit durch sein Schreiben niemals vollständig und restlos ins Wort bringen kann. In einem dem Buch vorangestellten Text heißt es "Nicht Wirklichkeit ist geschildert, schon gar nicht die ganze, sondern eine der vielen ihr unterlegten Erfahrungs- und Bewußtseinsschichten. Nicht die entwickelten Sachverhalte stimmen, sondern Perspektive und Diktion: der Roman ist Schnittbild, Schichtendurchleuchtung, deren Wellenlänge für dieses Wahrnehmen gewählt ist. Kurzum: der Roman ist real, der Inhalt irreal, schließliche Teilsiege gab es nie."

Wenn das so ist - und weil Mander das so sieht - muss auch der Leser seine Aufmerksamkeit auf das richten, was die geschilderten Verhältnisse und Vorkommnisse in seinem Bewusstsein bewirken. Er ist dazu herausgefordert, sich mit dem Geschriebenen - d.h. nach dem eben Gesagten aber: mit der Beurteilung durch den Autor - auseinander zu setzen. Kann und will er dessen Urteil teilen, oder kommt er zu anderen Ergebnissen? Der Roman ist also nicht einfach Unterhaltung, sondern er fordert Auseinandersetzung heraus. Und nur durch solche Auseinandersetzung können wir menschlich wachsen und bereichert werden. Und nur, wenn solche Auseinandersetzung bei uns stattfindet, hat die aufgewendete Mühe des Autors ihren Sinn.

Zwei literarische Formelemente sollen uns in diese Auseinandersetzung hineinziehen. Da ist zum einen der Umstand zu nennen, dass Mander sozusagen einen doppelten Erzähler konstruiert. Es gibt den Herrn Zisser, dem das schreckliche Unrecht, von dem berichtet wird, geschieht. Zisser aber erfindet eine literarische Figur, die im Mittelpunkt des Romans steht, die handelt, kämpft, leidet, empfindet. Diese Figur mit dem Namen Hans Benedikter ist ganz und gar sein Produkt und führt das aus, was Zisser eigentlich ausführen möchte oder müsste. Und sie erleidet auch, was Zisser eigentlich erleiden müsste. Angesichts all des so bitter Erlebten entlastet sich Zisser, indem er nicht in der ersten Person schreibt, sondern sein Empfinden in die erdichtete Figur hineinlegt. Denn ihm selbst ist die literarische Gestaltung all des Erlebten zu schwer: er fühlt sich damit überfordert. So verfremdet er sich und sein Erleben in diese Figur hinein. Das gibt ihm die Möglichkeit, sozusagen aus einem gewissen Abstand heraus in Worte zu fassen, was er erlebt hat.

Dabei ergibt sich aber eine vermutlich zunächst unerwartete Wirkung: Benedikter gewinnt zunehmend an Selbständigkeit (auch seinem literarischen Schöpfer gegenüber). Er entfaltet sein eigenes Profil. Das schafft die Möglichkeit, noch auf einer weiteren Bewusstseinsebene das Geschehene und Getane zu betrachten. Den einzelnen Kapiteln der Erzählung sind kursiv gedruckte Bemerkungen hinzugefügt, die als Zissers "Tastatur" bezeichnet werden. "Tastatur" enthält das Stammwort "Tasten". Damit soll vielleicht zum Ausdruck gebracht werden, dass die uns Menschen mögliche Erfassung der Wirklichkeit immer nur ein "Ertasten" ist und nie einfach die volle Realität erreicht. Es handelt sich jeweils um unsere je persönliche Sicht. Der Leser wird so ein weiteres Mal in die Auseinandersetzung hineingeführt; er kann (und muss) sich fragen: Wie siehst Du das denn?

Damit komme ich zu einem zweiten formalen Stilmittel, das der Autor anwendet. Es ist schon im Titel des Romans genannt: "die Litanei." Mit diesem Stilmittel bringt Matthias Mander zum Ausdruck, dass er das, was er zu berichten hat, nicht durch Konzentration auf einige wenige Figuren, mit denen sich der Leser dann identifizieren kann, zu sagen gedenkt, sondern dass die ganze Breite des Geschehens und die Vielzahl der Betroffenen durch litaneiartiges Aufzählen der vielen einzelnen Erfahrungen deutlich und bewusst machen will; er will zeigen, wie das, was wenige Mächtige in Bewegung zu setzen vermögen, vielen Ohnmächtigen Leid, Verarmung und Verzweiflung bringen kann. Auch das ist Realität in unserer Welt und unserer "vernetzten" Gesellschaft, wo alles mit allem zusammenhängt.

Um der Verdeutlichung willen führe ich einen solchen litaneiartigen Text an: " Herr Linditsch, Sohn einer armen polnischen Witwe in Wien, Wäscherin nach dem ersten Weltkrieg; kam als Kostenrechner zu Byloff&Nandor (der im Mittelpunkt stehenden Industriefirma), wurde dort in drei Jahrzehnten zum Abteilungsleiter der Betriebsbuchhaltung: zeitlebens übergenau, pedantisch, Kettenraucher, starb mit einer apfelgroßen Lungengeschwulst ... Herr Glinserer, der auf viele Monate hinaus jede Arbeit vorplante und damit nicht nur sich selber beruhigte, sondern auf alle Mitwirkenden Zeitdruck ausübte und den Vorgesetzten ein bisschen unberechtigt imponieren konnte. - Herr Flori, der Betriebsrat, der sein neues, selten benütztes Auto in der Garage täglich einen halben Meter vor und zurück schob, damit das Öl in Getriebe und Kreuzgelenken nicht erstarrte. - Der stille freundliche Ingenieur Brandl, Betriebsrat zwar, aber ganz antriebslos, sanft, fehlte plötzlich: es war Selbstmord. Friedhelm Pils, NAPOLA-Zögling, Faschist durch und durch, Menschenängstiger und -schinder, brüllte immer unter vier Augen die Mitarbeiter an, zeugenlos brach er ihren Stolz, genoß dann seine Vormacht. Er sprach schlauerweise zwanzig Jahre lang kein einziges politisches Wort, brachte es so immerhin bis zum Maschinenverwalter.Freund Lind, die brave Arbeitslok, rund um die Erde einsetzbar, installierte jenes Islamische Konferenzzentrum, das dann im Regionalkrieg zerbombt wurde." (101) Mit wenigen, charakteristischen Bemerkungen kommen in den Litaneien die Menschen in ihrer Vielzahl zu Gesicht; das ergibt ein besonderes Bild. Es mag dem Leser Geduld abfordern, macht aber gleichzeitig deutlich, dass sich hinter der trockenen Zahl "700 Entlassungen" Menschenschicksale verbergen, die in Zahlen allein nicht ausgedrückt werden können..

Kommen wir zum Inhalt: drei Linien werden da verfolgt. Einmal geht es um das "schnelle Geld"; ohne Rücksicht darauf, dass es der eigentliche Sinn der Wirtschaft ist, Menschen Arbeit und Brot zu geben, werden einzig um der Gewinnmaximierung willen Arbeitsplätze zerstört. Eine Fabrik wird geschlossen, um auf dem betreffenden Grundstück lukrativere Investitionen tätigen zu können. Dabei wird die Öffentlichkeit geschickt hinters Licht geführt durch komplizierte und undurchschaubare Bilanzbehauptungen, die z.T. falsch sind; so etwas ist möglich, wenn die Zusammenhänge immer komplexer werden und die meisten Menschen überhaupt nicht in der Lage sind, eine Bilanz wirklich zu lesen.

Zum weiteren ist die Rede von einem Anlagebetrug: die einfachen Leute werden dazu verführt, ihr Geld zu investieren, mit der Zusage natürlich, dass es sehr gute Erträge bringen wird. Plötzlich stellen sich manche Operationen als betrügerisch und unwirtschaftlich heraus - und das Geld ist futsch.

Zum dritten ist die Rede von Untreue im Umgang mit dem Geld anderer Leute; immer haben die "Cleverle's" die Nase vorn, während die einfachen Leute, die ehrlich gearbeitet und ihr Geld verdient haben, in die Röhre schauen.

Man kann sich fragen (an einer Stelle wird das auch im Roman angesprochen), ob soviel Pech und Unrecht einen einzelnen treffen können. Aber darum geht es nicht. Vielmehr wird die Grundeinstellung des "Immer-mehr-Habenwollens" in ihrer Auswirkung und ihren Folgen für die Gesellschaft herausgearbeitet, insofern ist der "Roman real, der Inhalt irreal".

Gerade in den "Litaneien" wird deutlich, dass die große Mehrzahl - nicht ohne ein Fundament im Nachwirken der christlichen Vergangenheit - um Redlichkeit und Ehrlichkeit bemüht ist. Angesichts dessen, was sie heute oft erleben, müssen sie sich freilich die Frage stellen, ob solches Verhalten sich in unserer Gesellschaft noch "lohnt".

Abschließend muss noch auf einen Umstand hingewiesen werden, der für den Roman prägend ist und schon im Titel aufscheint. "Garanas" ist eine Einöd-Aue in der Steiermark; sie wird bewirtschaftet von einem Vetter der Hauptperson unseres Buches, Max Benedikter. Dieser lebt sehr zurückgezogen und bewirtschaftet sein kleines land- und forstwirtschaftliches Eigentum; er ist bereit, seinen in Not geratenen und durch kriminelle Machenschaften "aufs Kreuz gelegten" Vetter bei sich aufzunehmen, wenngleich ihm die nötigen finanziellen Möglichkeiten fehlen, um mehr als Unterkunft und Nahrung zur Verfügung stellen zu können. So wird dieser Ort Garanas zur "Fluchtburg und Rückzugsstätte", aber auch zu einem seelischen Gesundbrunnen für den tief enttäuschten Städter. Mander arbeitet diese "Rückkehr zu den Wurzeln" sorgfältig und mit großer innerer Beteiligung heraus. Die Landschaftsschilderungen, die übrigens die Örtlichkeiten, um die es geht, so zuverlässig beschreiben, dass man sie als Orts- und Kunstführer benutzen könnte, sind von großer Eindringlichkeit. Sie beziehen auch die religiösen Wurzeln und das heimatliche Brauchtum mit ein. In diesem Zusammenhang lernt man in Max Benedikter einen Menschen kennen, der mit vollem Bewusstsein und persönlicher Entschiedenheit "beim Alten", bei der überlieferten Lebensweise geblieben ist und darin seine Persönlichkeit geformt hat. Dabei wird deutlich, dass durch die rasanten, aber notwendigen und vom Autor nicht abgelehnten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen ein Zwang entsteht, auch die dazugehörige menschliche und kulturelle Form zu finden bzw. lebend zu entwickeln. Dass unser Roman diese Notwendigkeit bewusst macht, ist sicher nicht sein geringstes Verdienst.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, alle in diesem Buch aufgeworfenen Fragen zu nennen. Es bleibt abschließend zu sagen, dass die Lektüre zwar nicht leicht, aber dafür umso lohnender ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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