1.) - 3.)

Galizische Geschichten.
Roman von Andrzej Stasiuk (2002, Suhrkamp - Übertragung Renate Schmidgall).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 20.9.2002:

Roman mit Speckbär
Andrzej Stasiuk las im Literaturhaus aus den "Galizischen Geschichten" und aus "Neun"

Die Beskiden sind eine raue Landschaft. Karg ist es hier, an den Ausläufern der Karpaten, direkt an der polnischen Grenze, und die Szenerie ist geprägt vom Verfall, dem die Ahnung einer voran gegangenen besseren Zeit innewohnt. Hier lebt der Schriftsteller Andrzej Stasiuk als der Außenseiter, der er stets gewesen ist und betreibt einen kleinen, unabhängigen Verlag. Stasiuk, der keinen Schulabschluss besitzt und keine Ausbildung, der im kommunistischen Polen für 18 Monate im Gefängnis saß, weil er aus der Armee desertierte, ein unbeugsamer Hüne mit tiefblauen Augen und robusten Schuhen. Stasiuk, der spätestens seit seinem essayistischen Roman Die Welt hinter Dukla auch in Deutschland als Schriftsteller große Anerkennung erfährt.

Im Literaturhaus stellte er mit seiner Übersetzerin Renate Schmidgall seine zwei jüngsten Bücher vor. Die Galizischen Geschichten sind in der Einsamkeit der Beskiden angesiedelt; ihre Protagonisten sind Traktorfahrer, Provinzpriester oder, wie in der vorgetragenen Erzählung Die Nacht, das Gespenst des Mörders Kosciejny, der durch sein Dorf geistert, unsterblich und zur körperlosen Existenz verdammt, "lebenshungrig mehr als die Lebenden", durch die Kirche, wo er ins Weihwasser greift, das unberührt bleibt, über den verwitterten Dorffriedhof ("nach zehn Schritten hörte er auf, die Toten zu beneiden"), zu den Fenstern der Gehöfte, hinter denen sich das triste Leben abspielt.

Es ist eine einzigartig beklemmende Atmosphäre, die Stasiuk hier auf engem Raum in einer (auch in der Übersetzung noch) stark rhythmisierten Sprache herauf beschwört; seine Metaphern sind originell und treffend; Landschafts- und Bewusstseinszustand formieren sich zu einer staunenswert gestalteten Einheit, und immer wieder gelingen Stasiuk großartige Sätze: "Im Juli ist es nie ganz dunkel, denn die Nacht ist voller Stimmen."

Diese Engführung von geographischem und psychischem Raum findet sich auch in Stasiuks im Frühjahr erschienenen Roman Neun, mit dem Unterschied, dass seine von Angst und Bedrohung getriebenen Protagonisten hier in schnellen Schnitten durch das Warschau der Neunzigerjahre hetzen, drei Männer und drei Frauen in einem existentialistisch grundierten Kabinett des Schreckens - ein paranoider Kosmos, in dem die moralischen Kategorien ebenso abhanden gekommen sind wie eine eigene Orientierung in der Welt.

Mit Zosia will noch nicht einmal ihr Kater mehr reden, "der hatte schon genug"; unruhig läuft sie durch ihre Wohnung, das im Badezimmer eingelassene Wasser lässt sie kalt werden, denn sie kann die Gegenwart des Spiegels nicht ertragen. Für die sechzehnjährige Syl dagegen, die von dem Drogenhändler Bolek als Gespielin gehalten wird und die ihn als Dank dafür liebevoll "Speckbär" nennt, sind das größte Glück ein paar neue Schuhe - es ist nicht zuletzt die Gier nach Geld und Konsum, die Stasiuks Figuren zu dem macht, was sie sind. Dass er ein großer Autor ist, demonstrierten die vorgetragenen Passagen mit Nachdruck. Der unangenehmen didaktischen Einschübe der Übersetzerin hätte es da gar nicht bedurft.

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2.)

Galizische Geschichten.
Roman von Andrzej Stasiuk (2002, Suhrkamp - Übertragung Renate Schmidgall).
Besprechung von Matthias Schnitzler in Die Welt, 21.9.2002:

Bitte Erlösung
Neue Erzählungen zeigen Andrzej Stasiuk auf dem Weg zur Meisterschaft

Nach der Lektüre von Andrzej Stasiuks besten Büchern schaut man für Augenblicke mit anderen Augen auf die Welt, bis die ursprüngliche Dioptrie das Licht wieder auf gewohnte Weise bricht und die Zeit ihr nervöses Großstadttempo wieder aufgenommen hat. Dann kann man erahnen, was Stasiuk bewog, 1986 Warschau zu verlassen und in ein abgeschiedenes Dorf in den Beskiden zu ziehen. Erst hier, unweit der Grenze zu Slowakei und Ukraine, wurde der Schriftsteller Stasiuk geboren.

Mit den "Galizischen Geschichten" liegt nun ein schmales Werk von 130 Seiten vor, das in Polen bereits zwei Jahre vor "Die Welt hinter Dukla", Stasiuks erfolgreichstem Buch, erschien. Die "Opowiesci galicyjskie" sind wie "Dukla", aber mit Menschen darin. Beide Bücher gehören nicht nur geografisch, sondern vor allem in ihrem Versuch realistischer Weltbeschreibung aus poetisch-metaphysischem Blickwinkel zusammen. Die melancholisch-schönen und erdigen Geschichten über die Einwohner eines Dorfes am Rande der Karpaten nach dem Untergang des Kommunismus füllen Stasiuks Mikrokosmos, dessen lichtdurchflutete Leere er in "Dukla" magisch verzauberte, auf einmal mit Leben.

Nie war Stasiuk dem Katholizismus näher, nie war sein Mitleid mit dem Schicksal der Menschen deutlicher zu spüren. Immer wieder ist von Erlösung die Rede. Das kleine Buch birst vor Fülle an dörflichen Lebensgeschichten, als wollte Stasiuk das Meisterwerk des Genres, das 1000-Seiten-Epos "Die Bauern" seines Landsmanns und ersten polnischen Literatur-Nobelpreisträgers Reymont, auf kleinstem Raum verdichten....Fortsetzung

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3.)

Galizische Geschichten.
Roman von Andrzej Stasiuk (2002, Suhrkamp - Übertragung Renate Schmidgall).
Besprechung von Jan Ochalski in der NRZ, 24.8.2003:

Stasiuks Geisterstunde
Gute Erzählungen über das Irgendwo im Nirgendwo im polnischen Teil von Galizien, das in einer ewigen Zwischenzeit lebt.

Eine Zwischenzeit gibt es nicht. Eine Zeit zwischen der Zeit? Und es gibt sie doch: Eine Untote und die Geschöpfe, die sie gebar.Dort, wo der westlich orientierte Leser das Draculareich vermutet, am nordöstlichen Karpatenrand, also nirgendwo, lebt jetzt der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk. Erst war das Warschau der 80er Jahre seine Stadt, mit dem spontanen Widerstand der Heranwachsenden gegen das KP-Regime und das Kriegsrecht. Für Stasiuk endete er mit einer Gefängnisstrafe wegen Kriegsdienstverweigerung, aber auch mit dem Entschluss, Schriftsteller zu werden und das Miterlebte in Texten festzuhalten. ("Wie ich Schriftsteller wurde", erschienen in der edition suhrkamp) Aus den Warschauer Jugendlichen, die alles ablehnten, was Staat bedeutete wurden derweil Börsenmakler, IT-Manager, in Kürze: das ungeduldige Begrüßungskomitee der EU-Erweiterung. Im Sog der Erwartung schienen ganze Landstriche in Vergessenheit zu versinken, was zählten schon entfernte Regionen, in denen man nur vorbeiziehende Schatten der Vergangenheit sah. Und Geister. Dorthin zog Stasiuk: an den Rand der Karpaten, wo er schreibt und mit seiner Frau einen kleinen Buchverlag betreibt. Es war mal ein Vielvölker-Eckchen, ein Stück Galizien, in dem Ruthenen, Juden, Polen, Slowaken in notgedrungener Verbundenheit lebten, die deswegen funktionierte, weil man halt zusammenleben musste. Dann wurden die einen ermordet, die anderen vertrieben. Noch andere wanderten aus, einige neue kamen hinzu und wurden allmählich von dem Rest der plötzlich durchstartenden Welt vergessen.

Die Nachhaltigkeit des Krieges

Die sichtbare Nachhaltigkeit des Krieges: "Vor den Häusern sind Gewölbekeller, verwilderte Obstgärten, und die Luft ist von Geistern gesättigt." Stasiuks "Galizische Geschichten", die auf die deutsche Übersetzung sieben Jahre lang warten mussten, sind eine wunderbar ruhige, sehr poetische Hommage auf diese schier unwirkliche Wirklichkeit, wie Balladen über die versunkene Atlantis: man hat etwas gehört, nebulöse Spuren gesichtet, nichts Greifbares. Schicksale wie Nebelschwaden ziehen vorbei, und ich weiß nicht, habe ich es nur geträumt? Dabei schreibt Stasiuk über solch lebensnahe Dinge wie Malochen, Saufen, Liebe, Eifersucht, Tod. Und wenn ein Mord geschieht, dann wird da nicht mal ein Dorfkrimi draus: Der Mörder kommt, sticht zu, geht wieder, und alle schauen zu und es gibt kein Warum. Da wird das Dorf für einen Augenblick so, wie jedes andere es werden könnte. Doch bald erscheint auf der Polizeiwache der Geist des Mörders, er hat sich das Leben genommen. "Geht´s dir schlecht dort?", fragt der Dorfpolizist. "Nichts zum Greifen, nichts zwischen den Fingern."

Wie auch in der Welt diesseits. Alle warten auf eine Erschütterung, die nicht kommen will. Und Stasiuk weiß nur zu gut, dass sie nicht kommen kann. Er stellt kein Denkmal der galizischen Vergangenheit auf, das haben Joseph Roth und so viele andere längst getan. Stasiuk schreibt die galizische Geschichte weiter, wie diese auch immer nach den Kataklysmen des vergangenen Jahrhunderts weiter verlaufen mag. Eine Sterbende, die nicht sterben kann.

Die neue Welt, das neue Europa, schleicht sich im Schutz der bunten Blätter von Illustrierten heran. Alte Frauen, die hier 70 Jahre lang gelebt haben, stehen da wie aus der Arche entlassene Tiere und betrachten die grellen Zeichen des neusten Testaments. Und es vergehen weitere Jahrzehnte, die alten Frauen werden immer noch dastehen, und die bunten Zeichen des neusten Testaments werden immer noch die gleichen: Attrappen aus Illustrierten und TV-Serien. (NRZ)

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