1.) - 2.)

Galgenlieder.
Gedichte von Christian Morgenstern (1905).
Besprechung von Hartmut Ernst, Homepage Kübelreiter:

Das aus "Galgenlieder", "Palmström", "Gingganz" und "Palma Kunkel" bestehende Gedichtkonglomerat eignet sich bestens zur Irritation gewöhnlicher Erwartungshaltungen gegenüber der Lyrik. Von wegen: tief und schwersinnig! Hier kommen das Wortspiel und der hintergründig- oberflächliche Witz auf ihre Kosten. Das bisherige, von Experten andächtig bestaunte Arsenal klassischer Dichtkunst ist Morgenstern nicht mehr länger heilig: Er formt munter lose Stilblüten und Kalauer aus der ehrwürdigen Sprache. Er schafft die museal erstarrte Form um zur Chiffre einer neuen, anarchischen Bedeutungslosigkeit, die den Interpretatoren lange Zeit Ärger und Mühe bereitet hat. Dabei ist alles ganz einfach: Man nimmt nur Worte, Silben, Laute, und gibt ihnen in beliebiger (aleatorischer) Kombination einen neuen Kontext. Und schon ist ein Gedicht fertig.

Morgenstern zählt seiner Respektlosigkeit gegen die ehrwürdige Lyriktradition wegen zu den "underdogs" der Lyrik: gerne gescholten oder schlichtweg ignoriert. Aber Kunststücke, wie z.B. "Fisches Nachtgesang", das seine eigene (metrische) Form zum Inhalt hat und sich selbst als inhaltsleere Struktur präsentiert, sind einfach nicht wegzudenken oder lediglich als Ausfälle zu etikettieren.

Es ist bekannt, daß Morgensterns Gedichte gerade wegen ihrer oberflächlichen Naivität und ihrer anarchischen Freude am Nonsens junge Menschen zu eigenen dichterischen Versuchen ganz ungezwungen ermutigen. Das spielerische Ausprobieren und der experimentelle Umgang mit Sprache sind kaum je so dicht und unmittelbar erfahrbar, wie in den "Galgenliedern". Insofern hat hier ein großer Dichter sein Ziel erreicht.

Leseprobe I Buchbestellung 0401 © LYRIKwelt

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2.)

Galgenlieder.
Gedichte von Christian Morgenstern (1905/2005, hrsg. von Gerd Haffmans bei Zweitausendeins).
Besprechung von Christoph Pollmann aus dem titel-magazin vom 12.4.2007:

Endlose Sinn- und Sinnlichkeitsspiele
Er war ein Wortapotheker, ein genialischer Schelm und Sprachphilosoph - und er hatte viele Fans: u.a. Tucholsky, Hesse... Vor hundert Jahren zum ersten Mal erschienen, ein echtes Neuentdeckungsmuss!

Wer je mit der deutschen Sprache gehadert hat, mit ihrer vermeintlichen Härte und komplizierten Kühle, wer je glaubte in Klang und Rhythmus ließe sich dieses Idiom nie mit den romanischen vergleichen, der nehme sich diesen Dichter zur Brust – und er wird mit ihm das Deutsche wieder tief in sein Herz schließen. Wieder? Warum wieder? Weil es uns als Kinder schon so viel Freude bereitet hat mit seinem geheimnisreichen Raunen. Nehmen wir zur Vor- und Verführung nur einmal Das Hemmed:

Kennst du das einsame Hemmed?
Flattertata, flattertata.
Der´s trug ist baß verdämmet!
Flattertata, flattertata.
Es knattert und rattert im Winde.
Windurudei, windurudei.
Es weint wie ein kleines Kinde.
Windurudei, windurudei.
Das ist das einsame Hemmed.

Ja, ihr kombifahrenden, toskanaflüchtigen Pädagogen, lehrt Deutsch mit dem „Galgenliedevangelium“ und es wird eine der beliebtesten Sprachen der Welt werden und nicht mehr diese nutzgebundene Buchhalterexistenz führen müssen, in die ihr sie getrieben habt!

Morgensterns Verspieltheit nahm Baselitz die Idee der umgedrehten Bilder vorweg, wie auch Christo das Verhüllen im großen Stil, er ersann die Großleinwand und die Cyberbrille – all dies im Vorüberstreifen seines genialischen Geistes. Und doch blieb er in seinem viel zu kurzen Leben der Leise unter den Modernen, nahm die Grundfragen dieser Umbruchszeit in sich auf und verwandelte sie in eine wundersam potenzierte Quintessenz, aus der noch Meister wie Robert Gernhardt tief und endlos schöpfen konnten.

Harmoniesuche oder Harmoniesucht?

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern trug die Welt mitsamt ihren unscheinbarsten Erscheinungsformen im Herzen, das merkt man all seinen Liedern an. Und er wollte mit dieser Welt auch auskommen. Man könnte ihm in diesem Zusammenhang natürlich vorwerfen, dass er geradezu „harmoniesüchtig“ war, aber das greift nicht nur zu kurz, sondern geradezu ins Nichts! Vielleicht mag es den einen oder anderen auch verwundern, bei Morgenstern von Harmonie zu lesen, schrieb er doch zahlreiche Grotesken, voll makabrer Details. Doch allein ein kurzer zweiter Blick auf seine Verse entblößt das Schalkhafte dieses Humors. Aus den Galgenliedern spricht so viel kindliche Heiterkeit und Unbefangenheit, die ganze Welt erscheint als Abenteuerspielplatz, wo erwachsenes Kalkül einfach keinen Platz mehr hat.

Diese Verse, die für „heitere Freunde“ gedacht waren, sind stets als spöttische Seitenhiebe auf Ideologen und Technokraten zu lesen. Das Wichtigtuerische wird diesen Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Menschen wie ein Teppich unter den Füßen weggezogen! Und landen sie, dann auf einer blühenden Sommerwiese...

Allein das Vorwort des erdachten Herausgebers Lic. Dr. Jeremias Mueller ist in seiner gestelzten Brillanz monumental nichtssagend: eine wunderbare Travestie auf alle Vorworte, die (er-)klären wollen und im Grunde nichts anderes als ominöse Verdüsterungen sind. Morgensterns Figuren und seine Sprache hingegen entziehen sich dem ideologischen Anspruch von Sinnhaftigkeit, der Sprache fast immer angedichtet wird.

Doch sein „Beiwerkchen“ – wie er es selbst nannte – ist und bleibt ein Kurort freien Geistes. Aus seinen unsinnigen, besser: sinn-gelösten Versen wird ein Sinn- und Sinnlichkeitsspiel ohne Ende. Und damit sich das alles auch wirklich ereignen kann, was in dieser Poesie für uns bereitliegt, bedarf es eines Lesers, der ihm – man möchte sagen: barfüßigen Herzens – auf die Traumscholle folgt...

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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