Fußball ist
alles.
Theaterstück von von Thomas
Brussig (2006, Müchner Theater).
Besprechung von Stephan
Schwarz im Münchner
Merkur, 8.4.2006:
Jeder DDR-Bürger hat die "Wende" zweimal miterlebt. Die letzte hat man noch in bester Erinnerung, die erste ist schon ein Zeitchen her: 1974, als Jürgen Sparwasser, "Kaiser" Franz Beckenbauers sozialistisches Double, sein berühmtes 1:0 gegen die Bundesrepublik schoss. Dazwischen wurde auch geschossen, aber weniger ruhmreich für die DDR-Machthaber, an der Grenze nämlich auf Republikflüchtlinge. Ein grotesker Vergleich, den Autor Thomas Brussig hier aufstellt?
Zunächst möchte man meinen, dass Brussig die
alleinigen Verwertungsrechte an DDR-Themen besäße, vor allem am Thema Wende.
Auch sein 2001 veröffentlichter Monolog "Leben bis Männer" behandelt
diese politisch so bedeutsame Zeit. Das vordringliche Thema allerdings ist, und
jetzt kommt Jürgen Sparwasser wieder ins Spiel, der Fußball.
"Fußball ist alles!", unter diesem Titel spielt Rudolf Waldemar Brem
Brussigs Solo am Münchner "Theater . . . und so fort". Bis zum
bitteren Abpfiff kniet er sich in die Rolle eines kleinen, am Leben
vorbeiphilosophierenden Fußballtrainers aus der Nähe von Magdeburg, leiht den
ebenso intelligenten wie haltlosen Äußerungen dieses schratigen Übrigbleibers
seine Stimme. Fußball ist alles, vor allem ein System, das sich auf alles
übertragen lässt, was mit schießen und treffen zu tun hat. Mit brachialer
Komik (aber die Zwischentöne beachtend) entlarvt Brem seine Figur als
Handlanger einer verhängnisvollen Hierarchie, deren Mechanismen im Sport
harmlos wirken. Erst in der Realität führen sie zum
"Mauerschützenprozess". 90 Minuten ohne Nachspielzeit, in denen ein
Vollgasschauspieler am Abgrund dribbelt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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