Fundbüro von Siegfried Lenz, 2003. Hoffmann und Campe1.) - 5.)

Fundbüro.
Roman von Siegfried Lenz (2003, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur vom 30.06.2003:

Humane Utopie
"Fundbüro": Siegfried Lenz' neuer Roman

"Zu entscheiden, was Zufall und was Notwendigkeit ist, sei ihm mitunter schwergefallen, aus Prinzip indes halte er der Notwendigkeit mehr zugute. . . . (und wie er) feststellte, daß er sich gelegentlich genötigt fühle, an Mysterien zu glauben. Vielleicht klinge es merkwürdig, aber er müsse daran glauben, an ein bestimmtes Mysterium des Findens oder, genauer, des Wiederfindens." Kein Esoteriker spricht da, sondern der Mathematiker Cassou, der mit seinem Kollegen Fedor Lagutin bei einem TU-Fest über Getrenntwerden, Verlieren und Wiederzusammentreffen philosophiert.

Henry Neff und Fedor hatten sich gefunden - zufällig und notwendig und mysteriös. Der exzellente Wissenschaftler aus Baschkirien kommt, auf Einladung der Technischen Hochschule Hamburg, am Bahnhof an, verliert eine Tasche mit wichtigen Unterlagen. Noch ehe er das Fundbüro aufsucht, bringt ihm der dortige Mitarbeiter Henry die Mappe. Auf wunderbare Weise fügen sich heitere Hilfsbereitschaft und liebenswürdige Höflichkeit zu einem sehr humanen Paar. Henry und Fedor, der Einheimische und der Fremde, verkörpern in Siegfried Lenz' neuem Roman "Fundbüro" die Utopie einer natürlichen, zwanglosen Menschlichkeit. Gewalt von Motorradprolos und perfide Worte von Uni-Mitgliedern gegen Fedor zeigen, dass es "nur" eine Utopie ist. Der Fremde flüchtet zurück in die Heimat. Eine Freundschaft stirbt, eine Liebe, die von Henrys Schwester Barbara, auch.

Lenz, der immer gelassener, immer mutiger seinen Weg der sanften Subversivität geht, des untergründig glucksenden Humors, der konsequent gehaltenen Linie der Menschenliebe, erzählt von einem Anti-Karrieristen, von einem, der in die Generation Golf passt wie ein Sprengsatz. Henry Neff aus bestem Hamburger Haus will nichts - oder sehr viel. Er möchte sich bei der Arbeit wohl fühlen. Und das tut er auf dem "Abstellgleis" Fundbüro. Der Chef ist Hannes Harms, ein ruhiger, kluger Mann, der einst als Zugführer die Schuld eines anderen auf sich genommen hat. Albert Bußmann, der sich rührend um seinen alzheimerkranken Vater kümmert, erweist sich als routinierter Detektiv. Aus im Zug verlorenen, vergessenen, zurückgelassenen Beuteln, Taschen und Rucksäcken filtert er die Identität der Besitzer heraus. Und da ist noch Paula Blohm, deren Mann als Synchronsprecher fast nie zu Hause ist. Henry verehrt sie und versucht, sie mit unbeschwertem Werben herumzukriegen.

Siegfried Lenz erzählt im und durch den bescheidenen Alltag dieser Menschen Alternativen zum gängigen geltungs- und arbeitssüchtigen Lebensentwurf, er weist zugleich auf Untiefen hin wie den massiven Stellenabbau bei der Deutschen Bahn. Und auf Lernprozesse: Bruder Leichtfuß Henry, der alles für ersetzbar hält, wird eines Besseren belehrt - hier bietet das Motiv Fundbüro viele Möglichkeiten. Und er erfährt auch, dass sein Grundsatz "ich halte mich da raus" nicht funktioniert. Am Ende des Romans, als die Gang einen Postboten attackiert, hält er sich nicht mehr raus, stellt sich schlicht an dessen Seite. Seine Solidarität löst die der Nachbarn aus. Alle helfen zusammen, zeigen Zivilcourage gegen den Angst-Terror.

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Fundbüro von Siegfried Lenz, 2003. Hoffmann und Campe2.)

Fundbüro.
Roman von Siegfried Lenz (2003, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 02.07.2003:

Fundsache Mensch
Heute erscheint der neue Roman von Siegfried Lenz. Startauflage: 100 000.

"Der Verlust" war in den 70er Jahren einer der schwächeren Romane von Siegfried Lenz: Da fiel einer aus der Welt, weil ein tragisches Schicksal über ihn kam und ihn der Sprache beraubte. "Verlierer und Verlorene" könnte sein neuer, 14. Roman heißen, der heute mit einer enormen Startauflage von 100 000 Exemplaren erscheint. Siegfried Lenz ist auf ein bilderreiches Brennglas für jene kleinen Tragödien gestoßen, die sich am Rande des Wegs vom Rheinischen in den globalen Kapitalismus abspielen: ein Fundbüro der Bahn. Da fällt einer, mitten in der Welt, weil eine wirtschaftsgläubige Gesellschaft über ihn kommt und ihn der Arbeit beraubt. Deshalb heißt der neue Roman auch so einfach wie möglich, so bildhaft, so sinnfällig wie möglich: "Fundbüro".

Ordnung mit Gefühl

Wo sonst wird so heftig gejammert und gestrahlt wie in diesem leicht muffigen Biotop der Verlierer? Fundbüro klingt nach Ordnung mit Gefühl. Verlorengegangenes aufzuheben ist eine zivilsatorische Errungenschaft, die alle Schussel dieser Welt als höfliche Geste zu schätzen wissen. Wer aber je mit dem berüchtigten Suchdienst der seligen Bundesbahn zu tun hatte, erinnert sich nur zu gut, dass es Höflichkeit mit ruppigem Umgangston gibt - und dass der deutsche Kuschelkapitalismus in der Vorwendezeit auch turmhohe Formularstapel vor dem eisigen Wind der Markt- und Dienstleistungsgesellschaft bewahrt hat.

Um so besser, dass Siegfried Lenz auch hier andere Farben als Schwarz und Weiß zur Verfügung hat. Die behördliche Betulichkeit des Fundbüros malt er mit sanfter Ironie aus, um seinen Helden mittenrein zu setzen: Henry, 24, ein Lesezeichensammler, der leidenschaftlich Eishockey spielt und noch lieber Menschen versteht. Ein Filou, der fast alles in Frage stellt und um keine Antwort verlegen ist, solange sie nicht in Verantwortung ausartet. Ein junger Held, dem wir kaum in die Augen schauen können, weil er fast kein Gesicht hat.

Es gibt den ICE schon und die D-Mark noch, in Genf (?) verhandelt die EU über die Ost-Erweiterung. Deutsche verprügeln baschkirische Mathematiker und nigerianische Briefträger, weil sie nicht wie deutsche Mathematiker und deutsche Briefträger aussehen. Und Henry lernt, dass Zustände vom Zusehen nicht besser werden. So kommt er, anfangs noch der Neue im Fundbüro von irgendwo, zum Schluss an der Karriereleiter kaum noch vorbei. Dabei ist er doch gerade erst einen Schritt zur Seite gegangen, um Platz zu machen für den Betriebsalkoholiker, den die Controller eigentlich schon aussortiert hatten.

Controller! "Ich traue ihm zu", heißt es im "Fundbüro" über einen dieser Scharfrichter der Neuen Ökonomie, "dass er bei Gelegenheit sein eigenes Gutachten begutachtet." Ja, Siegfried Lenz ist wieder ganz auf der Höhe der Zeit, nachdem er zuletzt mit "Arnes Nachlaß" (1999) eine sozialpsychologische Studie im beinahe geschichtslosen Raum absolviert hatte. Nein, Siegfried Lenz ist selbstverständlich kein Globalisierungskritiker mit der großen Argumentschleuder, sondern ein freundlicher Zubedenkengeber. Selbst die hässlichen Fratzen der zu kurz gekommenen Ausländerfeinde bekommen Motorradhelme übergestülpt, damit man über sie nachdenken kann.

All das macht Lenz mit leichter Hand und einigem Amüsement, mit Amtsdeutsch-Parodien, Scherzen und zarten Herzenseinblicken, mit winzigen Spannungsmomenten und ausgiebigen Opa-erzählt-jetzt-mal-vom-Kriech-Passagen, mit Merksätzen wie "Glück ist Widerspruchsfreiheit".

Eine Novelle als Lehrstück

Da, wo andere Geschichten ein Ende haben, hat Lenzens neue Geschichte aber leider eine belehrende Absicht. Was auch daran liegt, dass der von Marcel Reich-Ranicki einst so klug erkannte Prosasprinter Lenz wieder auf die Langstrecke gegangen ist. Bis Seite 35 ist "Fundbüro" eine exzellente Kurzgeschichte. Und bis zum dramatischen Höhepunkt im vorletzten Kapitel ist es eine gute Novelle. Die freilich schleppt sich nur noch mit letzter Kraft ins Ziel. (NRZ)

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Fundbüro von Siegfried Lenz, 2003. Hoffmann und Campe3.)

Fundbüro.
Roman von Siegfried Lenz (2003, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Wolfgang Platzeck aus der WAZ vom 09.07.2003:

Worte aber bleiben stecken für immer"
Alte Meisterschaft zeigt Siegfried Lenz in "Fundbüro".

Nach den schwächeren Romanen "Die Auflehnung" und "Arnes Nachlass" durfte man von dem Erzähler Siegfried Lenz nicht unbedingt noch einmal etwas Außerordentliches erwarten. Doch das "Fundbüro", mit dem sich der 77-Jährige zurückmeldet, steht großen Werken wie "Deutschstunde" und "Heimatmuseum" nicht nach.

"Wenn ich das Wort ,Ziel´ höre, dann denke ich gleich an Zielbahnhof und höre die Durchsage: Endstation, hier Endstation, alle aussteigen." Henry Neff will nicht an einem Ziel anlangen, nach dem nichts mehr kommt, weil er womöglich für die Welt und diese für ihn verloren ist. In einem Alter, in dem andere die ersten Schienen für ihre Karriere legen, wählt der 24-jährige Bahnangestellte bewusst das "Abstellgleis": das Fundbüro im Bahnhof einer norddeutschen Großstadt.

Privat spielt Henry Eishockey, sammelt er Lesezeichen; das Fundbüro mit seinem regen Publikumsverkehr gibt ihm die beglückende Gelegenheit, anhand der herrenlosen Gegenstände das Leben von Menschen zu lesen, zu dechiffrieren, die bei aller Unterschiedlichkeit eine Gemeinsamkeit antreibt: ein Verlust.

Das Fundbüro ein Sammelbecken für Verlorenes und Vergessenes, für Dinge mit und ohne Wert, ein Minikosmos des Lebens, in dem Schicksale verhandelt werden: Gelassen variiert Lenz das Thema des Verlierens und (Wieder-) Findens. Je souveräner Henry bei der Identifizierung der Eigentümer, je vertrauter sein Umgang mit den Kollegen und vor allem der etwas älteren Paula wird, desto deutlicher erkennt er die vielfältigen Spielarten und Tragweiten von "Verlust".

Es gibt Dinge, die einfach nicht zu ersetzen sind. Und manches findet man irgendwann, ohne es verloren zu haben. Zivilcourage etwa, die Einsicht in die Notwendigkeit zu handeln, wenn reden nichts mehr fruchten würde. Diese Erkenntnis befällt Henry gegen Ende des Romans, wenn eine Motorrad-Gang, die ihn selbst auch schon angepöbelt hat, vor dem Haus einen farbigen Briefträger niederschlägt. Da greift Henry zum Eishockey-Schläger und stellt sich der Bande.

Dem, was wie ein filmreifer Showdown beginnt (und dank Lenz´ Erzählkunst keiner wird), vorausgegangen ist die Geschichte einer intensiven Freundschaft und eines weiteren Verlustes. Henry hatte den Eigentümer einer Tasche identifiziert, hatte sie diesem zum Hotel nachgetragen. Damals war eine enge Beziehung zwischen ihm und dem baschkirischen Mathematiker Fedor Lagutin entstanden, der als Gastdozent an die TH geladen war. Die gleiche - oder engere? - Freundschaft verband bald auch Fedor und Henrys Schwester Barbara.

Als Fedor einst von der Motorrad-Gang angegriffen worden war, hatte er das weggesteckt. Dann aber, bei einer Institutsfeier, hatte sich eine Frau am Nebentisch laut über den strengen Ziegengeruch beklagt; Fedor war gegangen und nach Baschkirien zurückgereist. Und Henry, der Sprache so oft als unzulänglich erfahren hatte, hatte im Abschiedsbrief gelesen: "Den Pfeil, der dich trifft, kannst du herausreißen, Worte aber bleiben stecken für immer".

Dass auch solche Sätze nicht pathetisch wirken, gehört zu den großen Qualitäten des Romans. Selbst oder gerade dort, wo Lenz den Erzählfluss behutsam in Richtung Ausländerfeindlichkeit und Deutschsein lenkt, fehlt ein moralisierender Unterton. Eine heitere Melancholie durchzieht das Buch, das keines Happy-Ends bedarf, um den Leser zwar nachdenklich, aber in tröstlicher Zuversicht zu entlassen.

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Fundbüro von Siegfried Lenz, 2003. Hoffmann und Campe4.)

Fundbüro.
Roman von Siegfried Lenz (2003, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Beatrix Langner aus der Neue Zürcher Zeitung vom 9.07.2003:

Gesucht wird: Menschlichkeit
«Fundbüro» - der neue Roman von Siegfried Lenz

Ein Bahnhofsfundbüro, wenn ein Erzähler wie Siegfried Lenz es zum Schauplatz wählt, ist eine literarische Grossmetapher. Das ganze Verlorenheitsgefühl unserer dauermobilen Ortlosigkeit, Glanz und Elend des Privateigentums und noch die dämmernde Trauer all der verlorenen Sachen lassen sich darin spielend unterbringen. Aber nur äusserst selten gestattet sich der Realist Lenz, kleine moralphilosophische Schildchen an seinen Fundsachen anzubringen. Die Geschichte spielt Ende der neunziger Jahre, sanft umspült vom Fluidum der Zeitlosigkeit. Der ruhige Wechsel von Dialog und (knapper) Beschreibung, der Witz der ausgewählten Dinge mitsamt ihren verstörten Verlier-Besitzern, von der mit Geldscheinen präparierten Puppe über Zahnprothesen bis zum Theatertextbuch, die äusserst sparsame Verwendung von Erzählerkommentar machen dieses Fundbüro zu einem heiteren Mikrokosmos, zu einem Ort, wo «die tägliche Begegnung mit Verlierern» einen anderen Blick auf die Gesellschaft gestattet, einen Blick, der an die Art erinnert, wie Franz Kafka ins Kino ging: nüchtern beobachtend und zugleich jeder sich bietenden Illusion bereitwillig in die Arme sinkend. Diesen Blick verdankt der Roman Henry Neff, 24-jährig, Angestellter in einem Fundbüro der Deutschen Bahn; ein Mensch ohne Arg und Tadel, grundfröhlich, treuherzig, redselig, eine Lenz'sche Figur durch und durch.

Wenn Siegfried Lenz seinem neuesten Roman wiederum (nach «Arnes Nachlass» von 1999) eine Hauptfigur aus der Enkelgeneration gegeben hat, die mehr als ein halbes Jahrhundert jünger ist als er selbst, dann sollte man vernünftigerweise die Gründe nicht in dem Wunsch nach selbstverjüngenden Spiegelungen suchen, sondern nach den ästhetischen Erwägungen fragen, die einen Autor bei der Wahl seiner Charaktere leiten. Mit dem Charme eines grossen Knaben fügt sich Henry in den Kollegenkreis, der aus drei Personen besteht: der etwa dreissigjährigen Paula, dem der Frühpensionierung bereits nahen Albert Bussmann und dem mittelalten Chef des Büros, Hannes Harms. Gemeinsam und gewissenhaft tun sie ihre Arbeit. Sie nehmen die Verlustsachen Reisender entgegen, registrieren sie, verstauen sie in Regalen, forschen diesem oder jenem Stück nach und übergeben es, sofern sich der Besitzer einfindet, gegen Zahlung einer Bearbeitungsgebühr. Über eine gefundene Aktentasche macht Henry, der Eishockey spielt und sogar ein Laster hat, das Rauchen (wie übrigens alle andern Figuren auch), die Bekanntschaft des baschkirischen Mathematikers Fedor Lagutin aus Samara, Flötenspieler mit dem humanistischen Wortschatz des Schiller-Verehrers, und erkennt in ihm seinen sanfteren Seelenbruder.

Selten ist ein deutscher Roman zu lesen, in dem so bescheiden, schlicht und natürlich, mit so viel Sympathie von Menschen gesprochen wird, deren Liebenswürdigkeit allein in ihrer Unauffälligkeit liegt. Erst tief im Buch zeichnet sich ein dramatischer Wendepunkt ab. Eine Gruppe gewaltbereiter Motorradfahrer überfällt vor Henrys Haus Menschen, die ihnen durch ihr Äusseres auffallen, unter ihnen der dunkelhäutige Postbote. Auch Henry und Fedor beziehen nacheinander Prügel und werden durch die Tat als Opfer, als Aussenseiter erkennbar gemacht. Als die «sozial verträgliche Bahnreform» den alten Albert Bussmann in den Vorruhestand wegrationalisieren will, bietet Henry an, statt seiner das Fundbüro zu verlassen, obwohl er seine Arbeit von ganzem Herzen liebt, wie man so sagt. Ein guter Mensch, der wie Albert Bussmann bald als menschliches Fundstück abgelegt sein wird in den Regalen der McKinsey-Welt. Henry gehört auf die Seite der Verlierer, zu seinen Kunden.

Wenn es an diesem Roman etwas auszusetzen gibt, dann ist es seine abgeklärte Ruhe oder eben die lebhafte Abwesenheit von Unruhe, das Fehlen einer vibrierenden inneren Spannung, die uns erst fühlen und ermessen liesse, wie schwierig in Wirklichkeit ein moralisches Handeln ist, das uns hier als idealer Wunsch und Wille vorgeführt wird, ein Handeln aus der Mitte des inneren Menschen. Dieser grosse Knabe ist so nett, so sehr mit sich im Gleichgewicht, wie der Roman in seiner Bildstruktur und Komposition so perfekt geschlossen, dass am Ende keine Frage offen bleibt, ausser vielleicht der einzigen, und auf die kommt es an: Warum zum Teufel gibt's so wenige Henry Neffs, wenn es so leicht ist, gut zu sein....Fortsetzung

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Fundbüro von Siegfried Lenz, 2003. Hoffmann und Campe5.)

Fundbüro.
Roman von Siegfried Lenz (2003, Hoffmann und Campe).
Besprechung aus der Der Standard vom 19.07.2003:

Putzige Fundgrube
Freundlich erzählt Siegfried Lenz sein "Fundbüro"

Was macht ein Romancier, von dem man gemeinhin annimmt, dass er seine wesentlichen Werke schon vor geraumer Zeit vorgelegt hat, dessen Name für eine nunmehr historisch gewordene Form-Themen-Konstellation steht? Wie schreibt er, im Schatten seiner selbst?

Seit über fünfzig Jahren veröffentlicht Siegfried Lenz im selben Verlag, und spätestens seit der Deutschstunde (1968) hat er im Parnass der bundesrepublikanischen Literatur einen Platz, zwar nicht so zentral wie Böll oder Grass, Enzensberger oder Walser, aber so fix, dass daran kaum wer rüttelt. Auch Lenz selbst nicht, der gemächlich weitererzählt - "warmherzig" nennt das der Klappentext zum neuen Roman Fundbüro.

Das allzu Grelle, das auftrumpfend Innovative oder das vehement Widerborstige, das ist ohnehin nicht die Signatur des Siegfried Lenz. In Arnes Nachlass hat er 1999 die Irrungen, Wirrungen von norddeutschen Jugendlichen gekonnt geschildert, mit einem (zu distanzierten) Seitenblick auf aktuelle Verhältnisse. Der Roman wirkte, als habe Lenz den frühen Sechzigerjahren ein durchsichtiges Kostüm der späten Neunziger übergezogen. Fundbüro ist nun eine abgewandelte Fortsetzung: Wieder ist der zentrale Ort der Handlung ein kleines abgestecktes Terrain, in dem sich die Welt spiegeln kann, in der Peripherie von großen Kommunikationslinien, diesmal nicht im Schifffahrts-, sondern im Eisenbahnmilieu; die Randfigur der Gesellschaft ist jetzt ein betont sympathischer 24-jähriger Fast-Aussteiger, und die Fäden zieht nach wie vor ein alles überblickender, freundlich ordnender Erzähler mit bedächtigem Witz. Seine Hauptfiguren sind lauter nette Charaktere mit ein paar liebenswürdigen Eigenheiten, den negativ Gezeichneten sind die namenlosen Nebenrollen vorbehalten.

"Endlich hatte Henry Nef das Fundbüro entdeckt", so führt der erste Satz zugleich den Ort einer - zurückhaltend gesetzten - existenziellen Metapher ein und jenen jungen Mann, der sich aus dem Wirtschaftswunder- bis New-Economy-Credo von Karriere, Aufstieg, Beförderung nichts macht und sein unbeschwertes Gemüt dem Erzähler direkt aufzudrängen scheint: "Heiter" nennt ihn der zweite Satz, von "vergnügter Neugierde" weiß die nächste Seite, alsdann lächelt er, spricht weiterhin "vergnügt" und zeigt "das junge, treuherzige Gesicht, auf dem ein Ausdruck von Unbekümmertheit lag". Seine Arbeit in diesem Fundbüro des großstädtischen Hauptbahnhofs bezeichnet Henry wiederholt als "interessant", sie sei unterhaltsam und rege die Fantasie an - eine programmatische Voraussetzung für Literatur schwingt mit. Tatsächlich werden da nicht nur die seltsamsten Fundstücke abgegeben, eingeordnet, rückerstattet. Hier waltet eine angenehme, eingespielte Belegschaft, die freilich von Personalkürzungen bedroht ist. Hier treffen auch alle möglichen Schicksale aufeinander, deren Personal bisweilen aus Kurzgeschichten der Fünfzigerjahre zu stammen scheint.

Zum "Besitznachweis" lässt Henry einen Messerwerfer, der seine Arbeitsgeräte im Zug vergessen hat, seine Kunst vorführen, eine Schauspielerin aus dem Rollenbuch rezitieren, ein kleines Mädchen auf ihrer Flöte vorspielen. Mit maßvollem Esprit schildert Siegfried Lenz die Szenen um Verlieren, Suchen und Finden - die Leitmotive des Romans; in diesen kurzen Episoden, vom Gewöhnlichen bis ins Skurrile, spielt er seine erzählerische Souveränität und seine rege Fantasie unterhaltsam aus, sodass im Fundbüro ein Sinnbild einer Welt ersteht.

Weniger gelungen erscheint mir hingegen der durchgehende Plot, die Geschichte des Henry Nef, der Lesezeichen sammelt und Eishockey spielt. Er bemüht sich um seine Arbeitskollegin Paula, deren meist abwesender Mann Synchronsprecher ist und deren Bruder vermutlich zu jener Motorradbande gehört, die Henrys Wohnviertel tyrannisiert und auch bedrohlich auf Fedor Lagutin losfährt. Dem jungen baschkirischen Mathematiker, der auf Einladung der TH in der Stadt weilt, hatte der Finderlehrling die verlorene Aktentasche zurückgebracht - so beginnt eine Freundschaft, worauf sich auch Barbara, Henrys Schwester, und Fedor zu finden scheinen.

Das Interesse am Fremden ist durchaus plausibel erzählt und passt recht gut in das Motivgeflecht des Romans. Die Szene im Völkerkundemuseum - Fedor war gerade ins baschkirische Zelt geschlüpft, als eine Gruppe davor zu ethnologischen Erklärungen anhält - mag zunächst zwar konstruiert wirken, lässt sich aber auch im Zusammenhang mit den Ausführungen des genialen Professor Cassou über den Zufall und das Finden lesen. Die narrative Wahrscheinlichkeit, auf die Siegfried Lenz offenbar aus ist, bröckelt dort, wo Aktualität signalisiert werden soll. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, in der in Mark bezahlt wird, die EU in Genf über die Osterweiterung verhandelt und in der obersten Eishockeyliga so amateurhafte Zustände herrschen wie schon seit dreißig Jahren nicht mehr.

Gewiss, Lenz versteht sein Handwerk, es gelingen ihm eindringliche Schilderungen (nachts in der Hochhaussiedlung: "in vielen Fenstern der mächtigen Klötze wetterte das bläuliche Licht der Fernsehapparate"). Er gibt es aber hier zu hausbacken und idyllisierend. So taucht etwa der abgängige greise Vater des versierten Kollegen Bußmann auf dem Gemüsemarkt wieder auf, als zeitweiliger Stellvertreter eines Drehorgelmannes. Derart löst sich vieles; es geschieht einiges, aber es passiert kaum Einschneidendes. Diese Romanhandlung ist zu gut gepolstert, wie auch der Held nicht wirklich ein Risiko eingeht: Die Familie besitzt ein großes Kaufhaus, der Onkel ist in leitender Position, ausgerechnet bei der Bahn, tätig. Henry Nef ist eine leicht anachronistische Fundsache in einem milden Erzähllicht, als hätten sich die Ansichten eines Clowns mit Amélie Poulain gekreuzt.

Siegfried Lenz bleibt der Alte, dadurch hat er jedoch nichts wirklich aufregend Neues zu bieten. Eine lockere, vergnügliche Urlaubslektüre immerhin schon.

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