Fuga.
Roman von Anke
Velmeke (2003, Beck).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 17.12.2003:
Die Mütter sterben
Anke Velmeke liegt mit ihrem Roman "Fuga" im Trend
Mit Muttersterben gewann Michael Lentz vor
drei Jahren den Klagenfurter Ingeborg Bachmann Wettbewerb, Mutter töten
ist der Titel eines Erzählungszyklus von Jürg
Ammann, und auch das zweite Buch
der 1963 geborenen Anke Velmeke Fuga dreht sich um die gestorbene Mutter.
Sind nach den Vätern in den Siebziger Jahren nun die Mütter an der Reihe?
"Meine Mutter war nicht tot", behauptet der erste Satz des Romans Fuga.
Der Tochter gelingt es zwar nicht, ihr Bild zu vergegenwärtigen. Doch Elemente
von ihr scheinen allgegenwärtig: Sie sieht bei anderen Frauen Haare, die an die
der Mutter erinnern, sie hört deren festen Schritt. Immer wieder mischen sich
solche Wahrnehmungen und Erinnerungen in den Alltag und die Träume der Tochter,
die in einer ungenannten spanischen Stadt gemeinsam mit zwei jungen Männern
eine dunkle Wohnung bewohnt und ein studentisches Leben mit Punkkonzerten,
langen Gesprächen vor Waschmaschinen und erotischen Verlockungen führt.
Insbesondere die Männer verbinden die zwei Generationen, war die Mutter doch
eine selbstbewusste, attraktive Frau, die ihre Liebhaber so häufig wechselte,
dass sie der Tochter schon den Namen ihres Vaters nicht mehr nennen konnte.
Im zweiten Drittel von Fuga löst eine längere Erinnerung die meist ein-
bis zweiseitigen und durch eine Leerzeile getrennten Szenen ab. Sie gilt einer
Reise, die Mutter, Tochter und Liebhaber an den Rhein unternahmen, wo sich die
Tochter die Haare wie die Mutter färbt und sich der Liebhaber, von der Mutter
wortlos dazu aufgefordert, zärtlich auch ihr zuwendet. Die vorsichtigen
Liebkosungen beenden die Innigkeit zwischen den Frauen. Die Mutter ist nicht
mehr die Göttin, und auch Vincent wird nicht der Liebhaber, den die Tochter
sich erträumt. Wo zwei waren, sind nun drei, und das zerreißt die Tochter. Sie
begreift es als Verrat der Mutter: "sie hatte mich ihm gegeben, als Ganzes,
mit Haut und Haar, ein Menschenopfer, dies mein Fleisch, dies mein Blut, (...)
warum verschenkte sie mich, wollte sie mich nicht mehr".
Unerwartet deutlich klingen diese Worte gemessen an den Szenen zuvor,
erstaunlich hoch greifen die christlichen Bezüge nicht nur angesichts des
Endes, in dem der Abschied von der Mutter glückt. Doch Anke Velmeke lässt das
Pathos sofort wieder verklingen und die Erzählerin durch die Bäckereien
tingeln, um deutsche Bonbons zu verkaufen. Einmal kehrt die Erinnerung noch zurück,
dann beruhigt sich die Szenerie erneut, und der vorige Ton, in dem
Alltagsbegebenheiten durch die Nähe und Unmittelbarkeit der Erzählerin leicht
undeutlich und kurzzeitig rätselhaft erscheinen, herrscht wieder vor.
Dass sämtliche Figuren, auch die Erzählerin, diffus wirken, wäre noch verständlich
als Spätwirkung der ungebrochenen Mutterbindung. Doch leider laufen Alltag und
Erinnerung unverbunden nebeneinander her. Ihr motivischer Zusammenhang bleibt
eher vage, die anfangs eingesetzte Farbmetaphorik wirkt aufgesetzt. Fuga
hält beinahe nur die außerordentlich bewegliche, rhythmisch hin- und
hergleitende Sprache zusammen.
Eine Fuge ist der Roman nicht; in ihm spricht lediglich eine Stimme, die der Erzählerin.
Doch um eine Flucht (lat. fuga) handelt es sich, eine Flucht vor der
schmerzlichen Erfahrung des Mutter-Verrats in ein Szene für Szene virtuoses
Wortgestöber. Nur ein Roman entsteht daraus nicht.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau