Für immer Kolumbus von Jörg Bartel, 2017, KlartextFür immer Kolumbus.
Kolumnen 2011-15 von Jörg Bartel (
2017, Klartext Verlag, hrsg. von Jens Dirksen).
Besprechung von Bettina Schack aus der NRZ vom 02.12.2017:

Das Alltägliche sprachlich veredelt

In Italien, dem Land, in dem er zu Studentenzeiten ein Jahr gelebt hat, konnte Jörg Bartel in sich hineinhorchen. Da war er nicht, wie im Deutschen, Journalist, da war er einer, „der Journalist macht“, wie es im Italienischen heißt. Machte er dort aber nicht, er war ja im Urlaub. Und zurück zu Hause schrieb er über diesen Moment der Frage nach dieser seiner Identität. Jörg Bartel: Familienvater, Katzen-Dosenöffner, Sprachkünstler und vor allem Mensch.

Miniaturen des Alltags

Jens Dirksen hat die schönsten Kolumnen des 2015 viel zu früh von uns gegangenen Leiters des NRZ-Feuilletons im Buch „Für immer Kolumbus“ veröffentlicht. Am Donnerstag las er gemeinsam mit Rolf Steinebach, einem Jugendfreund Bartels, Geschichten aus der Kolumbusstraße in der Alten Apotheke in Dinslaken.

Die Karten wurden ausschließlich unter NRZ-Lesern verlost. Und die Resonanz – mehrere hundert Bewerbungen auf die nur 70 Plätze – zeigte, dass Jörg Bartel unvergessen ist.

Es war die Art, wie Bartel den Alltag in kleine Miniaturen aus funkelnden Formulierungen goss. So anschaulich, dass man meinte, man säße beim Lesen mit auf der vergilbten Couch hinter den lila Fensterläden, sprühend vor Wortwitz und überhöht durch Bezüge zu Kunst, Kultur - ja der ganzen Menschheitsgeschichte - mit denen er dem scheinbar Trivialen eine tiefere, humane Bedeutung gab.

Das Katz-und-Maus-Spiel mit den Worten: Da wird Nachbars Gartenteich von den fischhungrigen Katzen ent-Stör-t, setzen sich missliebige Falten im Geschenkpapier als Falten auf der gerunzelten Stirn fort.

Mit der gleichen Virtuosität spielt Bartel mit den Fallhöhen zwischen Überhöhung und Bodenständigkeit. Zieht für die alltägliche Phänomene, die jeder aus eigener Erfahrung kennt und doch meist unreflektiert hinnimmt, Statistiken, Vergleiche von historischer Tragweite oder zumindest von Nietzsche heran. Webt das Familienleben mit Katzen in das große Ganze ein und lässt so einen jeden spüren, dass jenes aus diesem erst hervorgeht.

Lachen mit Wehmut

Jörg Bartel hat 1999 die menschelnde Kolumne bei der NRZ nicht erfunden, er trat damit in die Fußstapfen von Gerd Fischer. Aber er hat in dieser Rubrik mit Worten und Gedanken Miniaturen gemalt, deren Farben nicht verblassen. Nach dem Schock über Bartels plötzlichen Tod im Sommer 2015 brauchte Jens Dirksen zwei Jahre, die Kraft zu finden, die Texte für ein Buch zu sichten und auszuwählen.

„Sein Tod ist für uns immer noch unfassbar“, erklärte Manfred Lachniet, Chefredakteur der NRZ, in der Alten Apotheke, Jens Dirksen kämpfte beim Schlussapplaus mit den Tränen. Denn so, wie sich jeden Samstags die lila Fensterläden öffneten und die Leser in das Wohnzimmer zu Kater Jones hineinschauten, so ist Jörg Bartel in der von ihm geschaffenen Kolumnenwelt weiter lebendig. Der Saal in der Alten Apotheke hallte am Donnerstag vor Lachen und es war dieses helle Lachen, dass durch leise Wehmut besonders herzlich wird. „Es ist toll zu sehen, wie die Texte funktionieren“, so Dirksen sichtlich gerührt

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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