1.) - 2.)
Für die Nacht
geheuerte Zellen.
Gedichte von Ulrike
Draesner (2001, Luchterhand-Literaturverlag).
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig aus der
Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:
Stimmen umgeben uns allerorten, Tag und Nacht. Es tönt aus den ubiquitären Lautsprechern von Radios, Fernsehern, Walkmen; selbst am Telefon zersingt oder zerquäkt unfehlbar jemand die Stille der Weiterverbindung. Stimmkultur scheint ein Fremdwort geworden zu sein.
Aber es gibt ganz anachronistische Gelegenheiten, bei denen man zuweilen Stimme und Stille als glückliches Paar erlebt: die Dichterlesung. Sieht man ab von den weihevollen Kündern mit pathetischen Pausen oder den Alleinunterhaltern Typ Skilehrer, die ihren Schrott mit Schwung unters Volk schleudern, trifft man nicht ganz selten kluge Lesende, die unprätentiös ihren Wortwagnissen klangliche Tiefe verleihen.
Wer einmal bei einer Lesung Ulrike Draesners war, wird auch im neuen Gedichtband für die nacht geheuerte zellen ihre eindringliche, rhythmisch reiche Vortragsweise nachhallen hören, die sich nie in den Vordergrund drängt und unschätzbare Aufschlusshilfe bietet. Dabei ist "Aufschluss" wörtlich zu verstehen, denn obwohl diese Lyrik keineswegs hermetisch zu nennen ist, erleichtern das laute Lesen und manches Wissen den Zugang erheblich. Deshalb fügt Draesner am Ende einige "Anmerkungen" zu den Gedichten an, die Realien und Zusammenhänge erläutern, nicht aber als Interpretationsvorgaben verstanden sein wollen.
Wie jeder geglückten Poesie kann man sich Draesners Gedichten zuerst über Rhythmus und Klang nähern:
morphiumbienen
ihre gelbschwarzen streifen
ein glibbriger klacks
in die arterie gespritzt -
schon hebt sich ein haariges bein
senkt sucht (so sehr behaart)
Auch ohne Titel ("op") und Untertitel ("narkose") versetzen die Nasale der narkotischen Insekten, die schwebenden Betonungen und Alliterationen dieses Gedichts in betäubendes Verdämmern, nehmen sie Willen und Widerstand, bereiten sie vor auf die folgenden schmerzlichen Zeilen. "op" gehört zu zehn Gedichten über eine Abtreibung, die unter der Überschrift "bläuliche sphinx" und dem Rubrum "metall" versammelt sind.
Draesner teilt die sechs Kontinente ihrer Gedichtwelt, wie sie erläutert, den fünf "traditionellen Elementen der Akupunktur", Holz, Feuer, Erde, Wasser, Metall, sowie der nichtzugehörigen, "fremden" Luft zu. Wer deshalb esoterische Dunkelheit erwartet, findet sich bald enttäuscht. Ihre Verse haben nichts gemein mit dem Ungefähren. Vielmehr gewinnen sie ihre Wirkung aus der Genauigkeit, ein Phänomen, das Adorno 1954 in einem Fan-Brief an Thomas Mann aus Anlass der Erzählung Die Betrogene beschreibt: "Denn irre ich mich nicht, so stößt man auf den paradoxen Sachverhalt, dass die Beschwörung solcher Bilder, also das eigentlich Magische des Kunstobjektes, um so vollkommener gerät, je authentischer die Realien sind. (...) Im Augenblick kommt es mir vor, als wäre durch jene Art Genauigkeit etwas von der Sünde abzubüßen, an der jegliche künstlerische Fiktion laboriert; als wäre diese durchs Mittel der exakten Fantasie von sich selbst zu heilen."
Mit dem paradoxen Wort von der "exakten Fantasie" trifft man den Gedichtkosmos von Draesner sehr genau. In 67 Gedichten durchschreitet und durchleuchtet sie unseren Weltkreis: von den Genen und den Organellen der Zelle über den Alltag der Körper von Mensch und Tier bis zu den Großstadtlandschaften und den weiten Räumen der Literatur und Geschichte.
Zusammenhanglos, rein additiv könnte das wirken, doch verbinden wiederholte und variierte Wörter die Gedichte: "sirren", "summen", "draht", "birken", "frühling", "kern", "fasern", "haarig", "zelle", "sand". Große Wirkung gewinnt diese Lyrik aus ihrer überall spürbaren, unmittelbaren Macht der Evokation:
glasbau, die schenkel
glasbaustein, etwas ansehen
gehen, im bad, rubbeln, abziehen
etwas lebendiges ansehen gehen
in anderen sprachen, im bad:
wachs an den beinen, bienenbänder,
wie wesen? ein ratsch -
brennendes bein. die einzelnen
haare, krumme fühler
am band (was für musik
wäre das mit den
kleinen wurzeln und k
noten in alle richtungen
gedreht?)
Die Poetisierung des Banalen, besser: die Befreiung des Poetischen aus dem Banalen gelingt Draesner mit Leichtigkeit und Genauigkeit, eben mit "exakter Fantasie". Die epilierten Haare verwandeln sich zu Hieroglyphen der Natur; man erinnert sich an Büchners Woyzeck, der die Pilzringe auf dem Feld zu verstehen versucht: "Wer das lesen könnte."
Am erstaunlichsten an diesem Gedichtband ist wohl die Variierungsfähigkeit Draesners. Die düstere Tom-Waits-Großstadt-Ballade findet sich wie das nachdenkliche Landschaftsgedicht, Lyrik über die Eltern wie ein "fußballgedicht", Neun-Zeiler wie Vier-Seiter, Witz wie Wut, Durchgeistigtes neben Leiblichkeit.
Unverkennbar gewährt Draesner gerne ihrer Sprachspielfreude Auslauf, zerschneidet Wörter, zerdehnt und redupliziert sie, traut sie mit klangverwandten Sinnfremden, überspringt die Sprachgrenzen von "tuba", "tube" und "tubus", legt einen "ü"-Teppich aus in "frühsprachen", streut Reime dazwischen und durchstreift unermüdlich die Welt der Wörter auf der Suche nach dem trefflichen. Ungewöhnliche Begriffe aus Sondersprachen wie der Physik, Geologie, Genetik, Botanik und derjenigen von Computerspielen, verwendet sie nie in platter Anbiederung ans Aktuelle oder in stolzem Expertentum, sondern eher wie ein Maler seltene, besondere Farben für seine Gemälde oder Fundstücke aus seiner Umwelt für Collagen.
Angekündigt wurde Ulrike Draesners Lyrikband mit 168 Seiten für 20 Mark, jetzt sind es 144 Seiten für 19,50 Mark - in diesem Fall bedauert man jede Seite weniger und hätte gerne mehr als 50 Pfennig für jede weitere geboten! Es ist wie bei Gottfried Benn, der in 15 Jahren "neunhundertfünfundziebzig Mark" mit seiner Kunst verdiente: Diese Lyrik macht nicht den Autor, sie macht den Leser reich.
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2.)
Für die Nacht
geheuerte Zellen.
Gedichte von Ulrike
Draesner (2001, Luchterhand-Literaturverlag).
Besprechung von Michael
Braun in freitag 37 vom 6.9.2002:
Wechselwirkungen und
Verhältnisse
SOMATISCHE TRäUME
IM POST-DOLLY-ZEITALTER
In ihrem neuen Roman "Mitgift"erkundet
Ulrike Draesner das intersexuelle Niemandsland zwischen den Geschlechtern
Als im Frühjahr 1997 die Sensationsnachricht vom
ersten geklonten Lebewesen, dem Schaf Dolly, über den Erdball eilte, schien das
die Welt der Literatur kaum zu beeinträchtigen. Während die kategorialen
Grundlagen der Naturwissenschaften über der neuen genetischen Revolution ins
Wanken gerieten, blieben die alten, traditionellen Konzepte von ästhetischer
Subjektivität weitgehend intakt. Nur bei ganz wenigen Autoren hat das
Erscheinen des ersten Klons auch die literarischen Wahrnehmungsweisen affiziert.
So erlebte die Schriftstellerin Ulrike Draesner die Urszene gentechnologischen
Triumphes als Erkenntnisschock und Epiphanie. Wenige Wochen nach dem Geburt des
neuen Totemtiers wissenschaftlicher Hybris blätterte sie in den Sonetten
William Shakespeares, in denen sie die Szenen künstlicher Reproduktion präfiguriert fand.
Shakespeares Sonette, die von Verschmelzungswünschen,
erträumten Vereinigungen und rauschhaften Hochzeiten sprechen, entzifferte Draesner als einen Diskurs des Begehrens, in dem die Geschlechtsrollen zwischen
Mann und Frau offen bleiben und die sexuelle Determination der Liebesakteure
aufgehoben ist. In einer sehr freien "Radikalübersetzung"
transformierte Draesner damals die Phantasien der liebesberauschten
Shakespeare-Figuren in einen Dialog von Klonen, wobei sie mit den Codes und
Jargons der Reproduktionstechnologie ziemlich verschwenderisch umging. Diese
"Radikalübersetzung" der Shakespeare-Sonette, die vor zwei Jahren
unter dem Titel Twin Spins erschien, blieb wegen ihrer extremen
Entfernung vom Urtext problematisch.
In ihren jüngsten Gedichten und ihrem neuen Roman Mitgift hat Ulrike
Draesner ihr zentrales Thema einer Revolutionierung der
Geschlechter-Identitäten im "Post Dolly"-Zeitalter erneut
aufgenommen. Auch hier kreist alles um die komplexen Verhältnisse von Körper
und Sprache, auch hier formulieren die Erzähler und die lyrischen Figuren
unablässig anthropologische Befunde zur Situation der Liebe und des Begehrens
im Zeitalter der künstlichen Reproduktion. Im theoretischen Background lauern
bei Draesner stets die Schriften Lacans und Foucaults, deren Motive bei Bedarf
in die Gedichte und den Roman eingeschmuggelt werden.
In Rhythmus, Bild und Sprache - so erläutert Draesner in einem ihrer Essays -
sei das Gedicht "der Extrakt eines körperlichen Zustandes", der nicht
durch "simple Story-Wirklichkeit" sichtbar gemacht werden könne,
sondern nur durch "Störungen" der semantischen Ordnung, durch
"den krakeelenden oder tanzenden oder hüpfenden Schritt" der
Gedicht-Zeile. Ihre "soma-ma-tischen träume" von den labilen
Aggregatzuständen der Körper und Geschlechter bebildern die Gedichte dabei in
sehr üppiger Weise mit den Fachbegriffen aus Chemie, Biologie, Physik und den
Molekularwissenschaften. Dass die Autorin ihre Gelehrsamkeit weder in den
Gedichten noch im Roman verschweigt, sollte man ihr nicht reflexhaft als
Eitelkeit anlasten, sondern als distinktes Qualitätsmerkmal ihrer Literatur
verbuchen . Denn die systematische Konfrontation der alten metaphorischen
Vokabulare der Poesie mit den Fachsprachen der Wissenschaft erzeugt in diesem
Fall nicht nur semantische Reibungshitze, sondern auch einen Zugewinn an
Präzision.
Auch im Roman Mitgift hat Ulrike Draesner einen Zusammenprall extrem
gegensätzlicher Geistes-, Sprach- und Gefühls-Welten arrangiert. Die
unüberwindbar scheinende Fremdheit zwischen dem Liebespaar Lukas und Aloe
spiegelt sich in ihren konträren Berufsbildern. Lukas ist Astrophysiker,
gewohnt, sich um "Konstellationen, Verhältnisse und Wechselwirkungen"
von Planeten zu kümmern und aus der Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen,
"dass das ganze All aus nichts anderem als aus Bewegungen von Körpern um
Körper bestand". Aloe ist als Kunsthistorikerin und Fotografin nicht nur
vertraut mit den Funktionsweisen des Sehens, sondern auch mit den
Gesetzlichkeiten der Schaulust und des begehrlichen Blicks. Indes liegt über
den "Bewegungen von Körpern um Körper", die sich im Verlauf des
Romans vollziehen, von Beginn an der Schatten des Unheils.
Es ist die genetische "Mitgift" der Figuren, ihr verborgenes
Kindheitsgeheimnis und kollektiv beschwiegenes Geschlechts-Tabu, das die
Liebesgeschichte am Ende in eine furchtbare Familientragödie münden lässt.
Denn Aloes attraktiver Schwester Anita, die schon in jungen Jahren als Model
reüssiert, ist ihre ursprüngliche Geschlechtsidentität gewaltsam ausgetrieben
worden. Sie kam zum Ensetzen ihrer Eltern als Hermaphrodit zur Welt, als ein
Zwitter mit einer penisartig vergrößerten Klitoris, der mit seiner androgynen
Identität die polare Geschlechterwelt erschütterte. Die Eltern reagierten auf
die geschlechtliche Abweichung mit Gewalt, mit der medizinischen Zurüstung des
Hermaphroditen in eine schöne, öffentlich vorzeigbare Frau. Die als
Katastrophe erfahrene Intersexualität wurde eliminiert zugunsten einer falschen
Eindeutigkeit. Als sich Anita nach der Geburt eines Sohnes die intersexuelle
Identität zurück erobern will, kommt es zur Katastrophe: Anitas Ehemann kann
auf die geschlechtliche Rückverwandlung nur mit Mord und Selbstmord antworten.
Auch in Mitgift geht es also um die Auflösung und die
Neustrukturierung der sozial und sexuell determinierten Geschlechter-Identität,
die Ulrike Draesner schon aus den Sonetten Shakespeares destilliert hat. Obwohl
sich in die Konstruktion des Romans überdeutlich die konzeptionellen
Überlegungen der Autorin eingeschrieben haben, ist hier kein bloß episch
maskierter Essay über den Zusammenhang von Geschlechter-Identität und
Gesellschaftsstruktur entstanden. Zweifellos hat die Autorin all die
postfeministischen Schriften über "gender theory", über
soziokulturelle Zuschreibungen der geschlechtlichen Identität, und all die
Körpertheorien von Donna Haraways A Manifesto for Cyborgs bis hin zu
Michel Serres´ Studie "Der Hermaphrodit" gelesen und in ihren Roman
motivisch eingespeist. Dies aber durchaus zum Vorteil des Textes, der seine
körpertheoretischen Theoreme in vielen berückenden Passagen erzählerisch zu
beglaubigen weiß.
Wenn Lukas und Aloe ihre ersten rauschhaften Verschmelzungen erfahren, so wird
in der synästhetischen Beschreibung von Nähe zugleich schon die unaufhebbare
Fremdheit zwischen den Liebenden markiert: "Sie geriet in eine blättrige,
fluoreszierende Welt. Als grüner Widerschein rutschte Lukas von ihr. Er floh,
wurde dunkel, verfärbte sich rasend schnell, ein Chamäleon, aufgestört in
seinem Baum. Aloe lauschte auf etwas, einen Flügelschlag, ein Echo des Waldes,
in dem sie eben noch gewesen waren. Doch das Grün, das sie sah, war nur der
Widerschein der Lampe im Flur." Die Fremdheit der auseinander fallenden
Körper verschärft sich bald zur sexuellen Indifferenz des einstigen
Liebespaars. In sehr eindrücklichen, sinnlichen Erzählpartien beleuchtet
Draesner den Weg Aloes in die Krise, ihr allmähliches Abgleiten in Magersucht
und ihre zwanghaften Versuche, die rätselvolle Attraktivität der beneideten
Schwester zu erreichen. Lukas und Aloe verlieren im Beziehungsalltag rasch die
Energien des Begehrens und verfallen auf sexuelle Kompensationen. Das Scheitern
ihrer Liebe wird nicht psychologisch motiviert, sondern kühl beschrieben als
ein langsames, aber unaufhaltsames Auseinanderdriften, das den gegensätzlichen
Körpergrammatiken von Mann und Frau und ihrer unterschiedlichen genealogischen
"Mitgift" geschuldet ist. Am Ende nimmt dieser mit ständigen
Blickwechseln, Vor- und Rückblenden gespickte Roman über die Liebe und die
Verwirrung der Geschlechter eine überraschende Wendung. Denn der
Sternenforscher, der sich nach der Trennung von Aloe ganz der Erkundung des
Weltraums gewidmet hat, kehrt nach fünf, sechs Jahren zur verlassenen Geliebten
zurück. Zuvor hat er in einem Observatorium im fernen Chile eine unerhörte
Entdeckung gemacht: Ein riesiger neuer Planet im sogenannten Kuiper-Gürtel, in
fast unermesslicher Entfernung von der Sonne, gibt der Utopie von neuen Körpern
und neuen Lebensformen einen neuen Ort. Ob dieser ferne Planet auch das Symbol
für eine neue Nähe zwischen Lukas und Aloe werden kann, bleibt offen.
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