Fünfundfünfzigtausendfünfhundertfünfundfünfzig.
Roman von Jacques
Roubaud (2003, Hanser - Übertragung Elisabeth Edl).
Besprechung von Steffen Richter in der Frankfurter Rundschau, 3.9.2003:
Ein Meisterstück
Der Titel sprengte die Zeile: Jacques
Roubauds Roman
Seit Beginn der neunziger Jahre hat Jacques Roubaud
eine Professur für "Formale Poesie" an der École des Hautes Études
en Sciences Sociales in Paris inne. Der Lehrstuhl scheint maßgeschneidert für
einen Mann, der als Mitglied der Schriftstellergruppe OuLiPo (Ouvroir de Littérature
Potentielle / Werkstatt für potentielle Literatur) Mathematik und Poesie zu
verbinden sucht. Wie anderen Nachkriegsavantgarden - dem Nouveau Roman oder Tel
Quel - geht es OuLiPo um die Entmystifizierung des Literarischen. Doch während
die meisten Protagonisten der Avantgardebewegungen seit den Achtzigern zu
traditionelleren Genres zurückgekehrt sind, blieben die "Oulipiens"
ihrem Projekt treu. Bis heute halten sie das avantgardistische Fähnlein hoch,
treffen sich regelmäßig und produzieren weiter Texte.
Im deutschen Sprachraum ist der außergewöhnlich produktive Roubaud vor allem
durch die Trilogie Hortense bekannt geworden. Auch sein Roman von den Fünfundfünfzigtausendfünfhundertfünfundfünfzig
Bällen ist ein Meisterstück aus der Werkstatt des sprachspielenden
Kombinatorikers. Nicht zuletzt, weil er belegt, dass experimentelle Verfahren
keineswegs autoreferentielle Selbstbeweihräucherung zum Zweck haben. Was
Roubaud erzählt, ist eine gleichermaßen einfache wie raffinierte Geschichte
von großer Eindringlichkeit.
Sein Held Laurent Akapo wird 1933 geboren und wächst in der südfranzösischen
Stadt B. auf. Vater John geht während der deutschen Besatzung in den Maquis,
den Widerstand. Wie sein schottischer Freund Tom Wedderburn, Partner ihrer
gemeinsamen Weinhandlung Wedderburn & Akapo wird er infolge Verrats von den
Deutschen verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Wedderburn überlebt, doch
Akapo stirbt kurz nach der Befreiung des Lagers an Typhus. Das allein ist
spannend genug und beweist einmal mehr, dass die Geschichte von Vichy und der
Kollaboration in den französischen années noires zwischen 1940 und 1944 noch längst
nicht zu Ende erzählt ist. Spektakulär wird der Vorgang aber erst durch ein
Versprechen, das Laurent seinem Freund Norbert, genannt NO, im März 1944
gegeben hatte.
Laurent und NO haben sich seit ihrer frühesten Kindheit mit selbstgebauten
Papierschiffchen und Murmeln die Zeit vertrieben. Dann entdecken sie das
Golfspiel und werden Balljungen, Caddies. Nun wetteifern sie im Sammeln von
Golfbällen. Bald aber erscheinen Deutsche auf dem Platz. Mit gespitzten Ohren
erfahren die Jungen aus den Gesprächen von Gestapoleuten, dass ein Résistance-Treffen
verraten wurde. Da Laurent den Platz nicht verlassen kann, bittet er NO, den
Vater zu warnen. Dafür würde er ihm alles geben, was er will. NO will von
Laurent 55 555 Golfbälle. Aber nur solche, die verloren gegangen sind, ins
"Out" geschlagen wurden. Laurents Vater hat seinem Sohn beigebracht,
dass ein Gentleman sein Versprechen hält. So beginnt der Elfjährige, Golfbälle
zu sammeln.
Das oberste Gebot der OuLiPo-Poetiken besteht darin, die literarische Produktion
einer Regel, der so genannten "contrainte", zu unterwerfen, die das
verwendete Sprachmaterial freiwillig beschränkt. Die bekannteste Umsetzung hat
sicherlich Georges Perec
geliefert, als er 1969 mit La Disparition einen "lipogrammatischen"
Roman ohne den Buchstaben "e" veröffentlichte. Schon hier war mehr
verschwunden als nur der wichtige Vokal. Es ging um die Vernichtung der jüdischen
Kultur im Holocaust. Bei Roubaud unterliegt Laurents gesamtes Leben einer
solchen Beschränkung. Alles gibt er daran, dem moralischen Gebot des Vaters zu
entsprechen: Frankreich wird befreit und Laurent sammelt Bälle. Während NO ein
Leben in Saus und Braus führt, verzichtet Laurent auf Ausbildung und Studium,
um professioneller Caddie zu werden. Als ein Gestapomann als Tourist auf den
Golfplatz zurückkehrt, versagt sich Laurent die Rache, weil er seinen Job
verlieren würde. Studenten suchen 1968 den Strand unter den Pflastersteinen,
Laurent sucht weiterhin Bälle. Statt das Mädchen zu heiraten, in das er schon
als Siebenjähriger verliebt war, feiert sein Freund NO die Hochzeit. In den
1990er kauft ein multinationales Konsortium den Golfplatz, Laurent wird
entlassen. Also sammelt er auf eigene Faust weiter, bis er im Alter fast
erblindet. Der Trauerarbeit, der Laurent in Erinnerung an seinen Vater das
eigene Leben widmet, fehlt nicht die furchtbare Pointe.
Italo Calvino, selbst
OuLiPo-Autor, hat den "Oulipien" einmal mit einem Hürdenläufer
verglichen, der gerade deshalb schnell läuft, weil ihm die Hürden im Weg
stehen. Dass Kunst sich produktiv an Regeln reiben kann, Regeln gar den
Kunstanspruch absichern, darin waren sich Aristoteles, die Dramatiker des siècle
classique sowie Calvino, Perec und Roubaud stets einig. Unauffällig lugt immer
wieder Roubauds mit mathematischer Präzision angelegtes Textskelett unter der
Geschichte hervor. Die drei Romanteile umfassen je sechs Kapitel. Überall
finden sich Oppositionen, die den fiktiven Kosmos abstecken - schon NO erscheint
als Negation von Laurent. Doch nicht weniger wahr ist, dass auch das Leben
Laurents erst durch die Selbstverpflichtung Form und Kontur erhält. Ohne sie wäre
er nicht der, der er ist. Was von ihm bleibt, ist seine sympathische Anständigkeit.
Und 55 554 Bälle.
[...diese und weitere Besprechungen
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