Frühjahrskollektion.
Gedichte von Kurt
Drawert (2002, Edition Suhrkamp).
Besprechung von Jan Volker Röhnert aus dem titel-magazin,
2002:
Unmittelbare Gegenwart und ein Hauch von Transzendenz
Manche Gedichte suchen sich die zu ihnen passende
Gegenwart; umgekehrt sucht sich die jeweilige Gegenwart wiederum die zu ihr
passenden Gedichte. In den seltensten Fällen geschieht es, dass die Gegenwart
im Gedicht mit der gesellschaftlichen Gegenwart außerhalb des Gedichts
zusammentrifft, ohne dabei in bloße Konformität oder Affirmation einzumünden.
Die Gedichte aus Kurt Drawerts Frühjahrskollektion sind Beispiele dieser
seltenen Art gleichsam verdoppelter Gegenwart. Dies ersieht man schon am Titel,
der den kommerziellen Verwertungszusammenhang einer Jahreszeit und die Absicht
des Autors, zum Frühjahr eine lyrische Sammlung "auf den Markt zu
bringen" selbstironisch in eins setzt. "Die leichte / Lektüre, in
leichte Träume verpackt, / das leichte Gefühl, wenn sie leicht / wieder endet.
... Fast so wunderbar leicht wie der Schritt, / wenn man aufsteht und kündigt",
lesen wir in dem Gedicht "Leicht", wo er die von der
Bewusstseinsindustrie gepriesene Leichtigkeit des Seins konsequenterweise ad
absurdum führt: In Drawerts Gedichten herrscht die unmittelbare Gegenwart –
z. Bsp. Magenspiegelungen, Fitnessstudios oder auch elektronische Simulationen
der Natur. Jedoch erliegt er der Gegenwart nicht. Immer ist da ein Anflug von
Transzendenz, der die Gedichte gleichzeitig ihrem jeweiligen Zusammenhang zu
entziehen und andere Möglichkeiten des Daseins, so unwahrscheinlich sie auch
seien, wach zu halten vermag. Ein Beispiel dafür, dass
Baudelaires vorüberhuschende
Passantin in den Köpfen heutiger Lyriker noch immer spukt, bietet
"Kontakte":
Ich sah sie, hinter den Scheiben,
sprechen, sah, daß sie allein war,
und daß sie mich nicht sah,
und sprach. Hinter ihrem Fahrzeug,
am Straßenrand,
zwei zueinander geneigte,
sehr nackte Platanen,
dahinter die tote Fabrik,
darüber der Mond,
etwas gesplittert vom Winter.
Dann fuhr ich weiter,
und ich fuhr lange ohne Erinnerung hin.
Die Fahrtstrecken jedoch, an denen die Erinnerung
des Dichters zu Wort kommt – Erinnerung nämlich an zurückgelegte Reisen,
u.a. an die französische Atlantikküste, nach Polen oder durch Russland – gehören
zu den schönsten von Drawerts Kollektion. Wie schon in Marcel
Beyers Erdkunde und Dieter
M. Gräfs Westrand, so kommt auch bei Drawert dem Reisen eine neue lyrische
Bedeutung zu, die dem Schwinden der Entfernungen, den neuen geopolitischen
Verschiebungen (bei Beyer am deutlichsten durch die "ostwärts"-Route
dokumentiert), den Unschärferelationen zwischen Nah und Fern, Fremd und
Vertraut in der Gegenwart Rechnung trägt. Innerhalb einer Verszeile legt sein
Blick mitunter Zusammenhänge dar, wie sie außerhalb der Poesie nur umständlich
wiedergegeben werden könnten, etwa, wenn er die Beine der "Engel der
Landstraße" (gemeint sind die Prostituierten an der deutsch-tschechischen
Grenze) als "ein geöffnetes Sparbuch" bezeichnet, "das sehr
scheue Männer / im geilen Licht ihrer Autos / wenden und wenden." Unübertroffen
seine "Feldpostkarte" aus der Gegend "Südlich von Arcachon"
– da ist kein Wort zuviel gesagt, da wird keine Behauptung unangezweifelt in
Zeilen gesetzt angesichts der kaum wiederzugebenden Simultanität von Dünen,
Meer, Trümmern des Atlantikwalls und eines menschlichen Zwiegesprächs:
"... kurz danach ist immer alles schön, // ich weiß nicht, wer das gesagt
haben wird, / wir haben zu viel gelesen und zu wenig gesehen, / andererseits,
wir haben zu viel gesehen und zu wenig / berührt ..."
Es ist müßig, bei einem Autor, der hier seinen dritten Gedichtband vorlegt,
darauf hinzuweisen, dass er eine unverwechselbare dichterische Stimme besitzt.
Natürlich sind es die Anklänge an Krolow
oder Brinkmann oder
"William Carlos Williams / zum Beispiel" (den nennt er selbst), oder
den polnischen Freund Zbigniew
Herbert, dem ein Gedicht gewidmet ist, die in den Sinn kommen und die
Drawert selbst wohl als letzter verleugnen würde; denn woher immer seine
Anregungen auch stammen mögen (man schaue sich weiter dazu die Gedichte
"Letzte Tage in Bordeaux" und "Don Alfonso" an), er
transponiert sie, respektvoll und eigensinnig zugleich, in seine persönliche
Tonart (und wie virtuos und vielstimmig die sein kann, zeigen gerade die
Gedichte des letzten Kapitels). Die Dinge beim Namen zu nennen und ihnen dennoch
keine Gewalt anzutun, die Zustände klar zu konturieren und sie dennoch offen zu
lassen für mögliche Überraschungen – das ist Drawert, at its best, wie hier
in folgendem Liebesgedicht:
Ich wollte noch sagen, ich liebe dich,
glaube ich,
sehr,
aber da war mir der Hörer
schon aus den Händen und auf die Kacheln
des Bodens gefallen.
Doch ich mochte es,
dir in der Ferne näher zu sein
als in der Nähe die Ferne zu spüren,
hob das Telefon auf und versuchte
das alles,
alles noch einmal.
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