Frl.Ursula von Heiner Link, 2003, RowohltFrl. Ursula.
Roman von Heiner Link (2002, Rowohlt).
Besprechung von Maja Rettig aus titel-magazin, 2002:

Kapitale Komik und tragische Erkenntnis

Es geht ihnen hauptsächlich um das Eine. „Scherers erster Verkehr“, „Sex im Fahrzeug“, „Erster Versuch an Frl. Ursula“ sind exemplarisch die Episoden in Heiner Links Roman „Frl. Ursula“ überschrieben: Es sind locker gereihte Frauenepisoden einer lockeren Männer-Runde. Einer Golfclub-Männer-Runde.
Man erzählt sich von ersten und von aktuellen Versuchen an Frauen, verschweigt dabei die Abfuhren nicht, auch nicht eventuelle Liebesgefühle. Selbstverständlich ist man verheiratet, aber Ehefrauen kommen nur als unschöne Anblicke auf dem Sofa vor, mit offenem Mund vor laufendem Fernseher unschöne Geräusche machend. Als Begierdeobjekte kommen sie allenfalls für die anderen aus der Runde in Frage, siehe „Scherers Frau und ich“ oder „Hummelts Frau und ich“. Neben Sex spielen zwar auch Macht und Geld eine Rolle, aber beides hat man bereits zur Genüge. Man kann Prostituierte großzügig vom Schwarzgeld entlohnen und entspannt darüber diskutieren, ob bei einer ersten Verabredung besser mit dem Jaguar oder mit dem Porsche vorzufahren wäre.

Das alles ist unheimlich komisch. In begnadet hoher Frequenz und gleichbleibend souveräner Lässigkeit landet Link komische Treffer, indem er das Niedere und das Banale in amtsprachliche Korrektheit zwingt: „Meine Herren, sagte Scherer zur Bekräftigung ihrer äußeren Erscheinungskraft“; „Es habe für ihn nie zur Disposition gestanden, sein Bier woanders einzunehmen“; „Der neue Flipper sei immer zunächst Scheiße gewesen“; „Ihren Wunsch, sie zu begleiten, beschied ich natürlich erneut abschlägig“; „der Gebrauchtwagenhändler Unterberger erzählte einen Witz, von dem mir leider nur noch die Pointe erinnerlich ist“. Seitenweise ist man versucht, Heiner Links Witz wiederzugeben, der wirklich unheimlich komisch ist, wahnsinnig komisch.
Und keinesfalls harmlos oder gemütlich komisch. Nicht erst gegen Ende, der Golfclub unternimmt eine Reise nach Kuba, als die Komik ins Surrealistisch-Absurde umschlägt (durchaus von der Genialität eines Lautréamont), nicht erst hier, im langen Delirium des Ich-Erzählers, der eine Revolution und sich als Revolutionsführer imaginiert:
„Wissenschaftler und Philosophen halten Zettel in die Menge, ihre Bände dürfen natürlich in keiner Familienbibliothek fehlen. Wider die Abstinenz!, brülle ich. Erste Pillen werden geworfen, die Situation eskaliert zu Recht oder auch nicht. Der Abstinenzler ist intolerant, heißt es. Dies bringt mich in einen ungeheuerlichen Erklärungsnotstand, ich habe aber kaum Zeit, darüber nachzudenken, da bereits die Fotografen aufdringlich sind und zudem von Praktikanten Fragebogen, die Streiklage betreffend, verteilt werden.“
– Nicht erst hier trägt der Witz groteske Züge, ist er leise von Krise grundiert. Schwarz und klaustrophobisch ist nämlich im Grunde die Welt der versammelten Männer, ihre unentrinnbare Saturiertheit, in der sie nur von ihrer Gier mittelmäßig unterhalten werden. Mehrfach wird unvermittelt das Vorgefühl einer Katastrophe angedeutet, wird die Johanniskrautdosierung kurzfristig um das Zehnfache erhöht oder versucht, mit einer Runde Golf „eine kleine Depression möglicherweise durch eine andere zu verscheuchen.“ Einer von ihnen schließlich schießt sich in den Mund, nachdem er einen Untergebenen vorgeführt und gefeuert, einer Untergebenen, um sie rumzukriegen, dessen Stelle versprochen hat (die aber ohnehin wegrationalisiert werden wird) und anschließend im heimischen Wohnzimmer seine Frau mit offenem Mund vor dem Fernseher hat Geräusche machen hören. Hier liegt die Tragik und verbindet sich zu der Tragikomik, um die es Heiner Link immer ging.
Und die wiederum gänzlich unzynisch, in keiner Weise überlegen daher kommt. Das verhindert schon allein die Ich-Perspektive. Der Erzähler spricht von seinen eigenen Amouren in der gleichen trockenen Weise, wie er die der anderen referiert; damit ist die Erzählung wesentlich vom Ton der Selbstironie geprägt. Die Position des Ich-Erzählers in der Männerrunde ist indes eine eigentümlich doppelte: Er ist einerseits vollwertiges Mitglied der geschilderten Wohlstands-Groteske, lässt sich sogar noch weiter mitten hineinziehen, in den Golfclub nämlich – und ist doch unerkannt fremd unter ihnen. Mehrfach probt er absurde Aufstände, sein Rausch-Traum vom Revolutionsführer hat Vorläufer: Er verbockt gründlich und vorsätzlich das Golfspiel zur Platzreife. Er schmiert heimlich rätselhafte Sätze in die Clubhaus-Toilette – die dann aber noch nicht einmal von ihm selbst stammen, sondern von Peter Handke. Und schon als Abiturient rebelliert er als „moderner Verweigerer“ gegen den Wunsch der Mutter, er solle Rechtsanwalt werden: Indem er sich für Volkswirtschaftslehre entscheidet. Eine wirkliche Rebellion ist in dieser Welt nicht möglich oder sinnlos; es bleibt als Trost und Waffe, für Erzähler wie Leser, die Komik. Welt und Selbst werden in ihrer Kläglichkeit auf die Bühne gehoben und zum besseren Witz.

„Frl. Ursula“ ist das konsequenteste und kohärenteste Buch von Heiner Link, dem intelligenten Chronisten aus den Untiefen der Mittelmäßigkeit, dem anarchischen Humoristen und treffsicheren Parodisten. Sein Freund und Kollege Norbert Niemann zeichnet in einem Nachwort Links Werden und Wollen über seine sieben Bücher noch einmal nach. Links grundsätzliches Misstrauen gegen Geschichtenerzählbarkeit, also gegen jede Überführung der Lebenskontingenz in eine Handlungsstringenz, ist zwar auch hier Prinzip – was in der Episodenhaftigkeit zum Ausdruck kommt, oder in der Voranstellung der Romankapitelparodie „1,2,3“ vor den Gesamttext. Aber gerade in seiner Schilderung einer grundsätzlichen Absurdität des Normalen erreicht dieser Roman eine so große, pointierte Dichte. „Frl. Ursula“ ist von kapitaler Komik und zentraler Erkenntnis. Es ist Heiner Links bestes Buch.

Bestürzenderweise ist es auch sein letztes. Heiner Link starb im Mai 2002 mit 42 Jahren bei einem Motorradunfall.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0503 LYRIKwelt © titel-magazin