Max Frisch, Sein Leben in Bildern, 2011, Suhrkamp, von Volker HageMax Frisch.
Sein Leben in Bildern, Biografie über Max Frisch (2011, Suhrkamp, von Volker Hage).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 27.3.2011:

Zum 100. Geburtstag von Max Frisch
Erinnerung an den weltberühmten Schriftsteller, der heuer 100 geworden wäre. Noch bleibt so manches geheim.

Er war nicht zufrieden mit seinem Gesicht. Hängende Augenlider, "asiatisch kleine Nase". Max Frisch war unzufrieden, dass er überhaupt ein Gesicht hatte: So begrenzt, so geprägt, so gefangen... Vor 20 Jahren (4. April) starb der weltberühmte Schriftsteller in Zürich. Freunde streuten die Asche im Garten seines Hauses in ein Feuer, tranken gemeinsam Wein, erinnerten sich.

Vor 100 Jahren (15. Mai) war er in Zürich zur Welt gekommen, Sohn eines aus Niederösterreich stammenden Maklers und Architekten, der einen Schuldenberg zum Abtragen hinterlassen hat. Zwei Gedenktage, die dafür sorgen, dass Max Frisch erneut von Biografen genau angeschaut wird.

Versprochen

Wobei wohl Einigkeit darüber herrscht: Es kam ihm darauf an, lebendig zu bleiben. Nicht versteinert zu werden. Offen zu sein. Experimentierfreudig. Die Absichten zählten, nicht Rücksichten. Und dass er erotisch recht interessiert war, ist auch nicht anzuzweifeln. Bevor sich Max Frisch im Sommer 1949 ins Haus des Verlegers Peter Suhrkamp nach Sylt zum Schreiben zurückgezogen hatte, musste er seiner Frau versprechen, dass ihn nicht seine damalige Geliebte Helga begleitet. Das tat er.

Auf Sylt wartete bereits Tetta, in die er sich kurz zuvor verliebt hatte... Aber eine allumfassende Biografie ist unmöglich, solange die Stiftung, die seinen Nachlass verwaltet, nicht alles herzeigen darf.

Sie darf es nicht, weil Max Frisch selbst die "Sperre" seines intimen Berliner Tagebuchs, seiner Notizbücher sowie der Korrespondenz mit Ingeborg Bachmann und anderen Frauen, mit denen er sein Leben geteilt hatte, verfügte. "Es soll kein Ehemann eben mal schauen können, ob etwas war zwischen seiner Frau und mir." (Max Frisch 1982 im Interview mit Spiegel-Redakteur Volker Hage) Zwar endet 2011 die sogenannte Verschlussfrist. Aber man hat bereits mitgeteilt, dass der Persönlichkeitsschutz der Betroffenen gewahrt bleiben wird.

Verloren, gefunden

Wohl auch deshalb beschränkt sich der Weltwoche-Redakteur Julian Schütt in dem Buch "Max Frisch - Biographie eines Aufstiegs" auf die Jahre 1911 bis 1954, also auf jene Zeit bis zum Erscheinen des Roman "Stiller", in dem sich ein überforderter Mann selbst sehr fremd geworden ist. Er will nicht Stiller sein, sondern White. Ein unbeschriebenes Blatt folglich. Stiller findet seine Identität nicht mehr, und Max Frisch hat sie dadurch gefunden. Übersetzungen ins Französische, Spanische, Italienische - Millionenauflage - ein Weltautor.

Er trennte sich von Ehefrau und drei Kindern, er übergab sein Architekturbüro den Mitarbeitern, er zog sich aus der gutbürgerlichen Züricher Gesellschaft zurück, um frei zu sein fürs Weiterschreiben. Frisch ließ alles fallen, um zu überleben. Die von ihm im Stich gelassene Tochter Ursula Priess beklagte sich in ihrer Bestandsaufnahme "Sturz durch alle Spiegel" (2009): "Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material."

Julian Schütts Biografie endet nach ereignisreichen 500 Seiten mit dem Satz:
"Das war ein Anfang, den ließ er gelten." Davor war die Angst, sein Leben könnte fertig gebaut sein. Ein bürgerliches Leben. Max Frisch hat es versucht. Er hat es - so
Schütt - versucht, um sein allmählich unkontrollierbares Ich zu zähmen. Sich einordnen. Geld verdienen, damit die Familie nach dem Tod und den Schulden des Vaters nicht ganz in die Armut gerät. Einen bürgerlicher Beruf ergreifen, an den heute noch das Freibad Letzigraben mit Restaurant-Pavillon und Sprungturm erinnert. Soldat sein fürs Vaterland. Eine Reiche heiraten. Kinder zeugen. Und dann, plötzlich weltberühmt, sich aus der Enge entfernen. Die drei Kinder durften ihn aber schon in seiner neuen Wohnung in einem Bauernhaus am Zürichsee besuchen; und hinter der Scheune spielen.

Nicht lachen

Man muss ihn ja nicht unbedingt lieben. Es reicht völlig, "Stiller" und "Homo faber" und "Mein Name sei Gantenbein" und "Montauk" zu lesen und "Andorra" und "Biedermann und die Brandstifter" im Theater zu sehen.

Max Frisch hatte immer ein Messer, ein Meister des scharfen Schnitts. Sein Biograf Julian Schütt erfuhr, dass er sich im Freundeskreis auch selbst nicht geschont hatte. Dass er durchaus auch über sich selbst bösartige Bemerkungen gemacht hatte. Aber wehe, man lachte. Das hielt er nicht aus. Dann drehte er's um und tat so, als wären die anderen über ihn hergefallen. Und dann ging er los auf alle.

Wer kann es sich leisten, die Feindbilder abzubauen?

Julian Schütts "Max Frisch - Biographie eines Aufstiegs" begeistert die Kritiker, weil es Distanz hält, auf Wertungen verzichtet, aber trotzdem pointiert durch die Jahre geht. Das Buch ist soeben im Suhrkamp Verlag erschienen (der alle Werke Frischs herausgegeben hat) und kostet 25,60 Euro.

Wer den Schriftsteller vor allem sehen möchte, wird von "Max Frisch - Sein Leben in Bildern und Texten" (Suhrkamp, ebenfalls 25,60 Euro), herausgegeben vom Spiegel -Redakteur Volker Hage, großartig bedient. Viele der Schnappschüsse werden hier erstmals veröffentlicht, dazu Interviews, die Hage mit Frisch in den 1980er Jahren geführt hat.

Hörbuch-Tipp: "Max Frisch - Nicht weise werden, zornig bleiben (Hörverlag, 19,99 Euro). Ein 150 Minuten langes Porträt in Originalaufnahmen 1952 bis 1989.
Als er zwei Jahre vor seinem Tod mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, sprach er: "Voraussetzung für den Frieden wäre der Abbau der Feindbilder. Wer kann sich das innenpolitisch leisten?"

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0411 LYRIKwelt © Kurier

***

Max Frisch, Biographie eines Aufstiegs, 2011, Sihrkamp2.)

Max Frisch.
Biographie eines Aufstiegs, Biografie über Max Frisch (2011, Suhrkamp, von Julian Schütt).
Besprechung von Stefan Gmünder aus Der Standard, Wien vom 2.4.2011:

Der, für den ihn die anderen halten
Zwei Biografien zu Max Frischs 20. Todestag

 In den ersten Maitagen des Jahres 1986, kurz vor seinem 75. Geburtstag, erreichte Max Frisch ein Brief aus Neuchâtel. Sein Absender: Friedrich Dürrenmatt. Nein, es war kein Gratulationsschreiben, das der Kollege sandte, sondern die Besiegelung eines sich lange schon hinziehenden Abschieds - und auch einer Freundschaft: "Lieber Max, (...) Wie es auch sei, wir haben uns beide wacker auseinander befreundet. (... ) Als einer, der so entschlossen wie Du seinen Fall zur Welt macht, bist Du mir, der ebenso hartnäckig die Welt zu seinem Fall macht, stets als Korrektur meines Schreibens vorgekommen. Dass wir uns auseinander bewegen mussten, war wohl vorgezeichnet (...)" Als Max Frisch am 4. April 1991 an Darmkrebs starb, war Dürrenmatt seit vier Monaten tot - Frisch hatte seinen Brief nicht beantwortet.

Zwischen Max Frischs Zürcher Geburts- und seinem Sterbehaus liegen nur wenige hundert Meter und achtzig Jahre Leben. Erst spät war der Autor nach den Stationen Rom, Berlin, Tessin und New York wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt, wo er sich gegen Atomkraft, Durchkapitalisierung der Gesellschaft, gegen Fernseher, Fernhörer, Fernwisser und für die Abschaffung der Schweizer Armee einsetzte. Das nahmen ihm viele übel, er bekam anonyme Post: Man sollte seine Genitalien den Möwen verfüttern. Oder: "Sie Arschloch aus der Schweiz, vom Kommunismus gevögelt." Noch bei einem allerletzten Ausflug auf den Pfannenstiel nahe Zürich staunte sein Begleiter Volker Schlöndorff (er hatte gerade Homo Faber verfilmt) über die Feindseligkeit, die dem alten Mann entgegenschlug.

Ein Fall für die Welt also. Nicht nur für die politische. Allein auf Deutsch ist Frischs Stiller bis heute zwei Millionen Mal verkauft worden. Es ist die Geschichte eines "Inland-Emigranten", der aus den USA in die Schweiz zurückkehrt und auf das Menschenrecht pocht, sein Leben zu ändern - er scheitert. Eine Million Exemplare sind es vom Roman Homo Faber.

Es mag sein, dass Frischs Bühnenstücke heute etwas antiquiert, zu parabelhaft wirken; seine Prosa aber, die Tagebücher und Montauk sowieso, hält einem Wiederlesen stand. Fast immer geht es bei Frisch um eine elementare Unzugehörigkeit, um die Angst vor Versteinerung, das Verhältnis zwischen Mann und Frau und um die Frage, ob man der ist, für den einen die anderen halten - und der, für den man sich selbst hält. Mehr noch als ein Identitätsproblematik-Spezialist war Frisch allerdings ein Autor der Verwandlung - auch im realen Leben. Anlässlich seines 100. Geburtstags am 15. Mai und seines 20. Todestags kommenden Montag versuchen sich nun zwei Biografien der Person Max Frisch anzunähern. Mit unterschiedlichem Erfolg.

Uneingeschränkt empfehlenswert ist Julian Schütts Max Frisch. Biographie eines Aufstiegs (Suhrkamp), die sich mit den Jahren 1911 bis 1954 auseinandersetzt. Die verschiedenen Quellen akribisch studierend und auswertend, schildert Schütt Frischs Kindheit in einem ärmlichen Zürcher Haushalt. Die enge Bindung zu seiner Mutter, die Ablehnung gegenüber seinem Vater. Dann das frühe Bedürfnis zu schreiben, sein Ich an die Öffentlichkeit zu bringen. Die Arbeit für Feuilletons verschiedener Zeitungen, erste Buchpublikationen. Die Resonanz erscheint Frisch zu gering. Er verbrennt seine Manuskripte im Wald, will nie mehr schreiben, studiert Architektur, gründet sein eigenes Architekturbüro.

Dann der Krieg, in dem sich Frisch auf "geistige Landesverteidigung" setzt. Die Freundschaft mit Brecht, die erste Ehe mit drei Kindern und schließlich die Rückkehr zur Literatur, 1954 der Durchbruch mit Stiller.

Hier bricht die Biografie der frühen Jahre ab. Schütt verfügt über alle Quellen. Anders Volker Weidermann in seiner Biografie Max Frisch (KiWi), der auf entscheidende Materialien - das Berliner Tagebuch und den Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann, mit der Frisch in den 1960er-Jahren lebte - nicht zugreifen kann, weil sie der Dichter sperren ließ.

Zwar sprach Weidermann mit Frischs Ex-Frauen, doch gerade in jene gerüchteumwitterten Terrains, die bis heute die Leserschaft in eine Pro-Frisch- und eine Pro-Bachmann-Fraktion spalten, kann er kein Licht bringen. Zudem wird man den Eindruck nicht los, dass es sich um einen Schnellschuss handelt. Register und Fußnoten fehlen gänzlich, und in der angehängten Kurzbiografie haben sich ärgerliche Fehler eingeschlichen, etwa dass Frisch in seinem Haus im Tessin gestorben sei.

Die Wahrheit sei ein Riss durch die Welt unseres Wahns, schrieb Frisch, der zeitlebens unter gewaltigen Selbstzweifeln litt und selbst sein radikalster Kritiker war.Vielleicht ist es die Mischung aus Persönlichem und Exemplarischen, die diesen Autor so aktuell hält.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

Leseprobe I Buchbestellung 0411 LYRIKwelt © Der Standard

/St.Gm.