Freund.
Prosa von Marjana Gaponenko (2002, Majak-Verlag).
Besprechung von Norbert Sternmut:

Marjana Gaponenko legt nach ihrem grandiosen Lyrikdebüt "wie tränenlose ritter" (Geest-Verlag / ISBN 3934852-07-6) das sie als größtes Lyriktalent innerhalb der zeitgenössischen, mitteleuropäischen Gegenwartslyrik auszeichnet, das sie bereits als große Lyrikerin in deutscher Sprache für eine kommende Zeit zeigt, einen kleinen, komponierten Band mit lyrischen Prosastücken vor, der dem Thema "Freund" folgt.

Nach Lyrik, die ihr uneingeschränktes, leichtes Talent in solchem Ausmaß offenbart, dass es jedem klar sein muss, dass sich hier große Poesie offenbart, nach Lyrik, die grundsätzlich nicht zu überbieten war, nun also zunächst kein neuer Lyrikband. Erst war ich etwas enttäuscht, dachte an ein neues Lyrikwunder und hielt nun diesen Band in der Hand.

Eine große Lyrikerin? Auf dem Weg zur Prosa ?

Dann las ich den Band und war beruhigt, denn es war keine Enttäuschung. Es ist keine Lyrik, aber es ist... Literatur von feinstem Stil und höchster Ausprägung. Dies zu erkennen geht nicht von einer Minute zur anderen. Marjana Gaponenko fordert unseren Zusammenhang heraus, fordert unsere Ruhe, fordert uns auf zum Wort, das uns erleichtert, das uns fesselt.

Sie beschreibt das Thema "Freund", ihren Freund, "Er liebt – meine schönen leeren Worte" beschreibt die Liebe, einen "Freund", beschreibt sein "Schnarchen" , beschreibt scheinbar autobiographische Begebenheiten und stülpt sie in lyrische Prosastücke. Es sind autobiographische Stücke.

Auch über die Mutter. In fantastischen Bilderwelten entsteigen ihrer weiten Seele "Freundbilder" ,die sich außerhalb einer eigentlichen "Weltsicht" befinden. Bilder einer Beziehung einer Lyrikerin zu einem Freund, einer Landschaft, zu Orten, Erlebnissen, umgesetzt in zarte Wortnetze, liebevolle Bilder. Hier kann man einsinken in Wortmeere, wird Seite um Seite verzaubert, hat man sich erst einmal darauf eingelassen, lässt man sich einfangen von diesen Netzen, die einen bald nicht mehr loslassen, bis man endlich ganz diesen Gebilden zum Opfer fällt. Gleichsam ohne einen psychologischen oder weltanschaulichen Hintergrund verbleibt der Leser ohne Botschaft ohne weiteren Wegweiser, sprechen die Worte für sich, entwickeln in unserem Innern ihr Eigenleben, lassen sich nicht von einem Ich, einem Sein, einem Bewusstsein eindeutig zähmen oder vereinnahmen.

Und dieses macht auch diese lyrischen Prosastücke zu einem geheimen Schatz, der stets mit neuen, rätselhaften Diamanten glänzt und der doch nicht einfach davongetragen werden kann. Diese Literatur lebt. Sie ist im Fluss, im Wandel, lässt sich auch immer wieder neu und auf eine neue Art lesen.

Marjana Gaponenko ist wieder ein kleines Wunderwerk gelungen. Noch hat sie nichts von ihrer Unschuld verloren, ihrer "unerträglichen Leichtigkeit", scheint sie nicht zu wissen, was ihr hier gelingt, was hier vorgeht, wie wir es selbst nur ahnen können. Noch sind ihr "die Augen der Nacht verschleiert" , auch wenn sie weiß: "Nicht mehr lang und wir sind Gleiches und für immer getrennt." Noch ist sie nicht an den Ecken und Kanten, den Verzweiflungen der Jahre gescheitert. Noch blüht ihr die Liebe. "Wie die späteste der Rosen in den Nebelgärten,"

Noch bleibt die Frage: woraus schöpft sie diese sprachlichen Schätze? Aus welchem Bewusstsein, welchem philosophischen Denkmuster kommen sie, wenn sie überhaupt aus einem "Muster" entstehen? Aus welcher Weltanschauung, welcher Erwartung, welcher Hoffnung? Noch trägt sie "den Tag in den Palast". "Als alte Frau werde ich bestimmt wie ein Kind sein." Noch hat sie ihre unverbrauchte Art nicht verloren, schaut mit großen, leuchtenden Augen auf eine Welt und beschreibt sie – unbeschreiblich.

Wir dürfen gespannt sein, ob sie sich im nächsten Werk wieder ganz auf ihre ursprüngliche Lyrik besinnt, dürfen gespannt sein, wie sich dieses poetische Ausnahmetalent sprachlich weiterhin bewegt.

Leseprobe I Buchbestellung 1002 LYRIKwelt © Norbert Sternmut