Freud wartet
auf das Wort.
Buch von Georges-Arthur
Goldschmidt (2006).
Besprechung von Hans-Jürgen Heinrichs in der Frankfurter Rundschau, 23.8.2006:
Der 1928 in Hamburg geborene und in Paris lebende
Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt schließt mit seinem
neuen Buch Freud wartet auf das Wort an seine vor sieben Jahren
erschienene Studie Als Freud das Meer sah an. Hochgeschätzt für seine
kongenialen Übersetzungen ins Französische und für seine essayistischen wie für
seine literarischen Arbeiten, hat er mit seinen Studien zur Sprache Sigmund
Freuds und der Psychoanalyse eine faszinierende poetisch-linguistische Recherche
vorgelegt.
Als Freud das Meer sah und Freud wartet auf das Wort handeln von
einem ganz ungewöhnlichen Paradoxon: Etwas bleibt bei der Übersetzung Freuds
seiner Sache nach gleich, obwohl es in den verschiedenen Sprachen zumeist sehr
unterschiedlich benannt wird. Die zentralen Begriffe der Psychoanalyse sind nur
annäherungsweise vom Deutschen in eine andere Sprache zu übertragen. Jede
Sprache sei, so Goldschmidts Überzeugung, nur eine entstellte,
"abgelenkte" Grundsprache. Sein Augenmerk ist in beiden Bänden auf
die Vorgänge der Entstellung und Verschiebung gerichtet, auf das, was im Reden
und Schreiben nicht gesagt wird oder, wie er es immer wieder ausdrückt, was
nicht "durchkommt". Nimmt man die beiden Arbeiten, die im französischen
Original bereits 1988 und 1996 erschienen sind, als Einheit, so ist man als
Leser zutiefst beeindruckt von der Beharrlichkeit im Argumentieren und der in
immer neuen Anläufen untermauerten und belegten These von der Mangelhaftigkeit,
die der Sprache eigen sei, und dass gerade darin ihre Produktivkraft beschlossen
liege.
Der Schriftsteller, der Psychoanalytiker und der Übersetzer halten sich genau
an diesem Ort auf und arbeiten sich am Ungenügen ab. In diesem Sinn ist für
Goldschmidt überhaupt jede geistige Arbeit eine Tätigkeit des Übersetzens.
Dabei schließt er immer wieder die politische Dimension ein und benennt die am
eigenen Leib erlebte historische Manifestierung des "Unheimlichen" im
Nationalsozialismus.
Gerade in seinen Ausführungen zum Unheimlichen -
am Schluss des Bandes - erweist sich die Produktivkraft seines Zusammendenkens
von Literatur und Psychoanalyse. In Deutungen, die ihresgleichen suchen, zeigt
er, wie in diesem Wort, das fast nicht übersetzbar ist, das Entsetzen ausgedrückt
ist: "Es ist, als wäre das Unheimliche der Abgrund im Grund der Worte ...
Selbst die heimeligsten und beruhigendsten Orte sind von der Präsenz des
Unheimlichen bedroht." Im Begriff des Unheimlichen fällt für Goldschmidt
die individuelle Erfahrung des Kindes mit der kollektiven Erfahrung eines ganzes
Volkes zusammen.
Es ist nicht nur die besondere sprachliche Form des Freud'schen Werkes, die im
Zentrum der beiden Essays steht und die ja auch schon viele Schriftsteller und
Theoretiker vor ihm fasziniert hat; die übergeordnete Fragestellung, von der
sich der Autor leiten lässt, ist vielmehr eine kulturanthropologische: die
Sprache Freuds im Lichte jenes Verdrängten zu analysieren, das im
Nationalsozialismus wirksam wurde.
Goldschmidt traut der Psychoanalyse tatsächlich eine enorme kulturanalytische
Bedeutung zu: Wenn man die Psychoanalyse einsetze, um die "Tiefenstruktur
des deutschen Imaginären" zu erforschen und zu deuten, dann ließen sich
eine Fülle von bisher nicht oder nur vereinzelt betrachteten Aspekten des
Nationalsozialismus im Zusammenhang erklären; etwa in Bezug auf die Relationen
zwischen Homosexualität, Gewalt und Verdrängung.
Goldschmidts Interesse an der Psychoanalyse - als Instrument der Aufklärung -
wird besonders deutlich in seiner Auffassung vom Unbewussten; es lehre uns, dass
es kein Vergessen gibt, dass mittelbar oder unmittelbar alles wiederkomme. In
dieser Bestimmung kulminiert sein Interesse an der Verflechtung des Unbewussten
und der Wiederkehr des Verdrängten in der Erinnerung mit seiner Leidenschaft für
die besondere sprachliche Form des Unbewussten, das den Strömungen und Tiefen
des Meeres gleiche.
Im ersten Band widmete sich Goldschmidt sehr eindringlich dieser Analogie des
Unbewussten zur Bewegtheit des Meeres. Und in einer ähnlichen metaphorischen
Umschreibung charakterisierte er die deutsche Sprache als eine, die auf dem
Wechsel von Hebung und Senkung des Brustkorbs, auf An- und Abstieg aufgebaut
sei. "Es ist, als berge die deutsche Sprache die ursprüngliche Brandung
der See, bewahre ihr Wiegen, Ebbe und Flut."
Im zweiten Band nun nimmt Goldschmidt diesen Faden wieder auf, geht auf die
Transparenz der deutschen Sprache ein, um aber sogleich auch in diesem Punkt
seine Hauptthese zu festigen, dass auch die Durchsichtigkeit letztlich eine Täuschung
sei, auch das Deutsche bringe nicht mehr als die "unpassende Äußerung
eines Sagen-Wollens" zustande. "Das Deutsche hat keinen anderen Status
als die anderen Sprachen, es kann nur aufgrund seiner grammatischen Möglichkeiten
äußerlich besser darüber hinwegtäuschen."
Die Übersetzung macht aus demselben, so stellt Goldschmidt verwundert fest,
etwas anderes. Aber gerade weil Übersetzung unmöglich sei, sei sie unumgänglich.
Ihn interessiert die paradoxe Frage, wie es nicht geht, wie die Unmöglichkeit
beharrt. In einer schier unglaublichen Fülle von Beispielen erörtert er die
unterschiedlichen Wortbildungen im Deutschen und im Französischen und knüpft
auch hierin an die empirische Basis der vorangegangenen Studie an. War es dort
in allererster Linie ein derart unscheinbares Präfix wie "ver", das
seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog und ihn zu der These verleitete, dass
ohne dieses "ver-" etwa in dem Wort "Verdrängung" Freud
vielleicht niemals die Psychoanalyse hätte begründen können, so widmet er
sich jetzt all den Begriffen, die im Deutschen ganz anders gebildet werden und
anders klingen als im Französischen.
Zum Beispiel: "durcharbeiten" - man sieht jemanden gleichsam mit den Armen rudern - wird im Französischen zu einem trockenen, artifiziellen "perlaborer"; ganz ähnlich die behelfsmäßigen Übersetzungen von Abfuhr und Icheinschränkung, von Unbewusstem, Trieb und Triebregung, Verdrängung, Verschiebung usw. "Der französische Text bewegt sich immer auf einer anderen Zugänglichkeitsebene als der deutsche ... Im Französischen gibt es eine Art Abschwächung des Besonderen zugunsten des Allgemeinen ..."
Das Gesagte, das Gemeinte
Hinter die Sprachlichkeit können wir letztlich
nie zurückgehen. Und gerade in diesem Sinne vermag Goldschmidt besonders
eindringlich zu zeigen, dass sich alles in der Sprache abspielt, ja, dass
vielleicht sogar die Ausweitung des Wortes "Seele", die Freud vornimmt
(was ihm die deutsche Sprache gestattet), ein Verwirrspiel der Sprache sein könnte.
Aber wenn sich doch alles in der Sprache abspielt oder, wie Goldschmidt einmal
sagt, die Sprache "Klartext redet", dann können wir gar keine
Aussagen über Nichtsprachliches machen.
Somit steht auch eine Aussage wie die über die "Unzulänglichkeit der
Sprachen angesichts des Gemeinten" in Frage. Das Gesagte ist doch das
Gemeinte, wenn auch in verschlüsselter Form. Und gerät nicht auch eine
Formulierung wie die, dass das Wesen der Sprachen das "Sprachliche an
sich" sei, in die Nähe des Jargons der Eigentlichkeit, den Goldschmidt geißelt?
Vielleicht verführt uns ein Denken, das sich in diese Gewässer wagt, immer
wieder zu unvermeidbaren Unschärfen und Verirrungen.
[...diese und weitere Besprechungen
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