Freud und das Nichteuropäische von Edward W. Said, 2004, DörlemannFreud und das Nichteuropäische.
Essay von Edward W. Said (2004, Dörlemann-Verlag - Übertragung Miriam Mandelkow).
Besprechung von Klaus Englert in der Neue Zürcher Zeitung vom 7.12.2004:

Said über Freud

Zwei vom Tode gezeichnete Wissenschafter beschäftigten sich mit der fragilen Identität des Judentums. Der erste ist Sigmund Freud, der sich in den Zeiten antisemitischen Furors nicht davon abhalten liess, nach den Ursprüngen der jüdischen Religion zu fragen, zu der er ein höchst zwiespältiges Verhältnis hatte. Der andere ist Edward Said, der in Jerusalem geboren wurde, in Kairo aufwuchs und in den Vereinigten Staaten zu einem international anerkannten Literaturwissenschafter wurde, zu einem écrivain engagé, der immer wieder die Sache der Palästinenser vertrat, ohne dabei die Interessen der jüdischen Religion zu vergessen. Mit Bedacht hielt Said in London, Freuds letztem Wohnsitz, wenige Monate vor dem eigenen Tod einen Vortrag über den «Mann Moses und die monotheistische Religion».

Die Nähe zu Freud mag überraschen. Denn Said unterstellt Freud, dem Bewunderer abendländischer Vernunft und Mythen, ein eurozentrisches Kulturverständnis. Die Ausnahme, ja sogar eine Geistesverwandtschaft entdeckt er allerdings in jener Spätschrift Freuds, denn darin habe der Wiener Professor jegliche Barriere zwischen den «nichteuropäischen Primitiven» und der europäischen Zivilisation beseitigt. Zu Recht hebt Edward Said die zögerliche, manchmal sogar spekulative und widersprüchliche Argumentation Freuds hervor, der, den eigenen Tod vor Augen, endlich die Wahrheit über den Ursprung seiner Herkunftsreligion aussprechen wollte. Dabei bleibt Freuds Text höchst komplex und scheut keineswegs vor dem heissen Eisen zurück. Er konzediert zwar, dass die Juden «grundverschieden von fremdrassigen Asiaten» seien, aber an keiner Stelle schwächt er seine anfängliche und mit Nachdruck aufgestellte Behauptung ab, Moses, der von ihnen anerkannte Führer, sei eben doch ein «Fremdrassiger», ein Ägypter gewesen....Fortsetzung

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