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1.) - 2.)
Fremdwörterbuchsonette.
Gedichte von Ann
Cotten (2007, Edition Suhrkamp).
Besprechung von Ina
Hartwig in der Frankfurter Rundschau,
17.8.2007:
Ab und an taucht ein Wunderkind auf. Das ist
immer irritierend. Auch weiß man nicht, ob das Wunderkind eines bleiben wird.
Über die Zukunft des Wunderkinds lässt sich nichts vorhersagen. Das wiederum
wirkt dann fast schon wieder beruhigend, menschlich. Aber erst einmal bleibt
einem nur, zu staunen - über eine Begabung, die weder Lebensalter noch
Ausbildung noch Biographie zu erklären vermögen. Wie kann es sein, wie macht
die das bloß?
Ja, die. Denn es handelt sich um ein weibliches Wesen. Ann Cotten ist ihr Name,
und sie schreibt die erstaunlichsten Gedichte. Doch bevor wir ausführlicher
werden, sei einem Missverständnis vorgebeugt: Eine Streberin ist die 1982 in
Iowa geborene Autorin nicht. Als sie im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern
aus den USA nach Wien kam, wo sie eingeschult wurde, legte sie eine
widerborstige Mischung aus Hochmut und Verweigerung an den Tag. Heute ist es ihr
peinlich, wie sie sich gegenüber der netten Lehrerin benommen hat. Aber es sei
eben so gewesen, dass sie schon lesen konnte und die anderen nicht. Deutsch
allerdings musste sie noch lernen. Sie grinst schüchtern, als sie mit Wiener
Zungenschlag von ihren ersten Schülerinnenpirouetten berichtet.
Seit letztem Jahr lebt Ann Cotten in Berlin, wie
kann es anders sein. Aber es ist nicht das übliche Prenzlauerbergberlin der
Jeunesse dorée, das sie sich zum Wohnen ausgesucht hat. Ann Cotten logiert in
einer WG in Neukölln, wo neuerdings Kopftuchschönheiten durch die grauen Straßen
schweben und ansonsten - wie schon vor zwanzig Jahren - die Arbeitslosen aus den
Fenstern hängen.
Ann Cotten hat die Journalistin aus Frankfurt auf die MS Hoppetosse bestellt,
ein Kneipenschiff, das am Rande des Treptower Parks vor Anker liegt. Sie
bestellt Weißwein und zieht nervös an einer Zigarette. Es ist nicht ganz
leicht, mit der jungen Lyrikerin - "ich sehe mich nicht als Lyrikerin"
- ins Gespräch zu kommen, was an einer natürlichen Zurückhaltung liegen mag
oder auch an der jugendlichen Radikalität, die Ann Cotten umweht.
Zusammen mit Gleichgesinnten betreibt Ann Cotten die Website "www.forum-der-13.de".
Dort hat die Frühaufsteherin unter dem Datum des 13. August, Uhrzeit 6.14, ein
Manifest veröffentlicht, in dem steht: "Literatur dient nicht zur
Unterhaltung." Ob die diversen Lesungen im legendären Café Burger und
anderswo, an denen Ann Cotten teilnimmt und die fotografisch auf der erwähnten
Website dokumentiert sind, nicht doch eine Prise Unterhaltung bieten? Jedenfalls
hält hier ein Milieu zusammen, das blendend organisiert ist und sich dabei auch
noch prächtig amüsiert.
Das Motiv, Ann Cotten zu treffen, liegt aber natürlich nicht darin begründet,
dass sie ein Paradeexempel des vitalen jungen deutschen Lyrik-Jetsets ist. Der
Grund ist schlicht und ergreifend ein Buch, vielmehr ein Büchlein, nämlich Ann
Cottens im Frühjahr in der edition suhrkamp erschiene "Fremdwörterbuchsonette".
Der Band zählt 80 Seiten, enthält ebenso viele Gedichte und ist seine 8,50
Euro mehr als nur wert. Denn diese "Fremdwörterbuchsonette" sind ein
Füllhorn an virtuosen Etüden, guten und fiesen Gefühlen, rasanten
Schlauheiten und gewitzten Verführungen. Der kaum zu durchdringende, großartig
rhythmisierte Mix wird zusammengehalten - oder zusammengequirlt - von einem
alten Formprinzip, dem Sonett. Genau, dem "Fremdwörterbuchsonett",
einem Gattungsjoke Ann Cottens.
Gelegentlich ist der Ton lustig und leicht und erinnert ein bisschen an Gernhardt
("Wir stemmen ohne es zu wissen /die kompliziertesten Prämissen").
Meist aber ist eher die Wiener Schule als Background zu spüren. Als Ann Cotten
in der Stadtbibliothek noch zu Schulzeiten auf H.C.
Artmann, Reinhard
Priessnitz und Liesl
Ujvary - eine ihrer späteren Förderinnen - stieß, löste das einen
kreativen Schock aus. Eine (Sprach-)Welt ging unter für die Tochter
amerikanischer Auswanderer. Eine neue trat an die Stelle.
Die asymmetrische Frisur, die Ann Cotten einen Touch von Punk verleiht, weht
wild durcheinander. Die Hoppetosse schaukelt auf der Spree. Inzwischen hat eine
Gruppe französischer Touristen auf dem Terrassendeck Platz genommen. Ann Cotten
ist eine suchende, leise Sprecherin, ihre Gedichte zu kommentieren scheint ihr
unangenehm zu sein. Sie lässt sich entlocken, dass ihr Umgang mit Fremdwörtern
"abenteuerlich" sei. (Na klar sind sie das! Das ist ja gerade das Schöne.)
Dabei sind manche dieser Fremdwörter offenkundig gar keine (mehr), sondern
eklektisch-lexikalische Assoziationsreste; sind im digital-global-anglophonen
Sumpf angeschwemmte Wortschnipsel ("intermission/n's ironie-mist"),
bei denen dann die Zweisprachigkeit Ann Cottens, ihre Vertrautheit mit dem
Amerikanischen und dem Pop zum Tragen kommt. Ein Gedichtpaar, genau in der Mitte
des Bandes, ist denn auch Daniel Johnston gewidmet, dem depressiven Sängergenie
aus Texas. Der herzergreifende Ausflug an die gefährliche Grenze von Poesie und
Krankheit endet mit dem Vers "ich hoffe nur, du schläfst noch unterm Baum
da vorn."
Manche Verse Cottens klingen vielleicht etwas zu weise für eine Fünfundzwanzigjährige:
"An etwas, warum dann nicht an dir? musste das Schöne scheitern,/um
richtig schön zu sein." Andere wiederum fangen brillant die vagen
jugendlichen Triebe ein. "Wörter sind nicht von ihrer Semantik zu lösen",
sagt Ann Cotten - und dichtet sich zielsicher durch die semantischen Wogen der
Abstraktion hindurch, um immer wieder bei den Küssen zu landen, die in ihren
Sonetten Männer und Frauen und Frauen und Frauen rege austauschen.
"Frauenphantasie ist kein Begriff", diktiert Ann Cotten der
Journalistin ins Notizheft, und: "Die Muse ist unverschämt."
Ja, das ist sie wohl. In Wien hat Ann Cotten als Studentin im British Bookshop
gejobbt, jeweils samstags. Immer in der Mittagspause schrieb sie ihre Fremdwörterbuchsonette;
das dauerte etwas über ein Jahr. Während der Woche wurden sie ausgebrütet, da
kam die unverschämte Muse bestimmt öfter zu Besuch.
Es wäre noch über vieles zu sprechen, über den Thüringer Sonderling Johann
Karl Wezel etwa, über den Ann Cotten promoviert. Über ihre Prosapläne.
Oder über Amerika, dessen Doppelmoral sie anekelt. Doch manchmal erinnert sie
sich wehmütig an die flimmernde Hitze der menschenleeren Landschaft bei Kansas,
in der das kleine Mädchen einsam einem Zug hinterherlauscht.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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2.)
Fremdwörterbuchsonette.
Gedichte von Ann
Cotten (2007, Edition Suhrkamp).
Besprechung von Wolf
Haas in Der Standard, Wien
vom 26.10.2007:
Mama, komm und hol den Geigerzähler
Ann Cotten, in Österreich aufgewachsene
Autorin mit amerikanischen Wurzeln, veröffentlichte in der edition suhrkamp
ihren ersten, beein- druckenden Gedichtband "Fremdwörterbuchsonette".
"Der Toast springt auf in meine Stille / Kaffee Kaffee Kaffee Kaffee Kaffee" wäre in diesem Land eine Zeile, die den Menschen beim Frühstück durch den Kopf ginge. Die unglücklich Verliebten könnten ihren Herzensbrechern unter die Nase reiben: "... und du, du bist wie dieses Klopapier, das / in großen Rollen dunkel im Behälter kauert, / dass man es lange in die falsche Richtung dreht ...". Und pensionierte Formel-1-Fahrer, die in diesem Land ebenfalls Lyrikfreaks wären, müssten nicht lange nach ihrer Lieblingszeile suchen: "Ich bin ein Wrack und fahre Autodrom."
Wo es am meisten wehtut
Nach Auftritten bei Poetry Slams und verstreuten Text-Publikationen veröffentlichte die 25-jährige Ann Cotten in diesem Frühling ihren ersten Gedichtband. Der Titel Fremdwörterbuchsonette ist Programm, denn im gleichen Maß, in dem die Gedichte ausgesuchte Fremdwörter einkreisen, werden einem beim Lesen die vertraut geglaubten Heimatwörter fremd. Sie serviert den Wörternachschlag aus dem Nachschlagwerk mit jener lächelnden Eleganz, mit der auch Fußballer ihr fieses Nachschlagen tarnen. Bald ist man als Leser im ausgehebelten Zustand so weit, dass man in den Hilferuf der Dichterin einstimmen möchte: "Mama, komm und hol den Geigerzähler! / Etwas stimmt mit diesen Versen nicht!"
Wer einen Gedichtband aufschlägt, tut dies selten mit der Absicht, seine analytische Gehirnhälfte auf Vordermann zu bringen. Eher hat man hinterher das Gefühl, dass man - wie Musil ätzt - "ein Integral auflösen muss, um abzumagern". Ann Cottens Sonette aber, die mit falsch aufgezäumten und rückwärts gehenden Pferden ebenso bevölkert sind wie mit Dieter Chmelar, Ayrton Senna und Aida-Kellnerinnen in Gesundheitsschlapfen, kommen aus der Gegenrichtung, ringen um den Fehler im rationalen System, das sie scheinbar mühelos beherrscht. Man hat beim Lesen das Gefühl, eine gedankenstrenge Asketin bei der lüsternen Selbst-Demontage zu beobachten, ihr dabei zuzuschauen, wie sie ihren eigenen Kopf wider besseres Wissen in den Schraubstock der abartigen Sonettform zwängt, von der Neugier getrieben, wo es am meisten wehtut, wo es zuerst kracht, und was bei der Malträtierung wohl so herauskommt.
Es kommen famose Gedichte dabei heraus, auf den ersten Blick so "schwierig", dass man staunt, wie ihr Puls sich in den Gehörgang gräbt und einem die ebenso klugen wie berührenden und komischen Verse einhämmert, bis man auch jene Stellen, wo man beim Lesen ins Schwimmen gerät, für eine sommerliche Erfrischung hält. Unerschrocken kalauert sie sich von "Ratio" zu "Radio", binnenreimt "während ich mich an deine Zähne lehne" mit einer Leichtigkeit, die jeden HipHopper vor Neid erblassen lässt. Oder in Massen erblassen lassen würde. Lebten wir in einem Land, in dem das Lesen von Gedichten ein Volkssport wäre.
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