Fremdgänge.
Illustrierter Streifzug von Barbara
Frischmuth (2001, Residenz, hrsg. von Daniela Bartens und Ingrid Spörk).
Besprechung von Maria Renhardt aus Rezensionen-online
*Sz*, März 2001:
Wenn der Morgenwind die Lilie trifft ...
Fetzenmarkt an einem braungoldenen Herbsttag in Grundlsee. Ein ausgestopfter Dachs, darin ein geheimnisvolles Päckchen, das der Ich-Erzählerin unvermutet vor die Füße fällt. Von da an nimmt das tief in der mittelalterlichen Historie grabende neue Buch Barbara Frischmuths sehr rasch seinen Lauf. Langhalslautenbegleitete Verse des türkischen Dichters und Derwischs Nesîmî, ein wilder Traum über kultische Menschenopfer, der Name der Äbtissin Wendlgard vom Leisling. Und nicht zu vergessen: eine express zugestellte Blumenzwiebel der seltenen Iris elegantissima.
Aus diesen ersten Ereigniskoordinaten strickt Frischmuth auch schon eine wunderbare Geschichte über die verschüttete Herkunftsmatrix einer Klostergründerin im Zyklus der Zeit, über (abgedichtete) Schlupflöcher zwischen Jahrhunderten und über tangentiale Berührungen von Orient und Okzident. Die Geschichte, die sich hier auftut, fließt zurück zu alten Mythen, Sagen und Legenden, kehrt ein bei Mystik und Gnosis. Als oszillierende Bewegung zu ausgebleichten Zeichen und verwitterten Spuren, die durch Landschaften, durch Jahrhunderte, durch die Zeit ziehen. Hier mischen sich Reflexion und Historie, Fiktion und Alltagswirklichkeit bunt in das Geschehen. Und zwar wie man es bei Frischmuth kennt, aufgehoben im lustvollen und spannenden Fabulieren.
Das Päckchen scheint einen rätselhaften Briefwechsel zwischen Wendelgard und Nesîmî zu bergen. Zunächst muss der Text aber überhaupt erst ans Licht gehaucht werden - immerhin heißt Nesîmî auf semitisch soviel wie Morgenwind. An der Entschlüsselung beteiligen sich neben der Erzählerin, die vieles mit der Autorin gemeinsam hat, einige Wissenschaftler/innen und der Ortspfarrer, jeweils mit unterschiedlichsten Zugängen und Assoziationen. Wer war Wendlgard überhaupt? Eine Quellnymphe, eingewandert als Blumenzwiebel, als Lilie? Eine Göttin? Und die Brücke zu Nesîmî? Raffiniert und augenzwinkernd leuchtet Frischmuth die ehrgeizige Argumentation aus den verschiedensten Blickwinkeln aus. Amüsante Diskurse, die sie scheinbar mühelos funktionalisiert.
Dies alles geschieht vor der reizvollen Kulisse Altaussees. Ganz beiläufig betreibt Frischmuth in diesem Buch, in das sie übrigens zahlreiche biografische Details gewoben hat, im Anschreiben gegen das Vergessen interessante historische Spurensicherung. Inmitten idyllischster Flecken zwischen Almen und Seen, wo über die Traumzeit langsam Vergangenheit gewachsen ist, gibt es nicht nur byzantinische Zeugnisse oder kultische Relikte, sondern man stößt auch unumwunden auf Erinnerungen an den Nationalsozialismus.
In diesem Text berührt die weibliche Geschichte auf erhellende Weise eine fremde Tangente und beginnt als dunkles Bedeutungspuzzle aufzugehen, ohne dass Geheimnisse gelüftet werden, wohl aber um Ahnungen, Chiffren und Erinnerungen eine tonsichere Stimme zu geben. Frischmuth erweist sich einmal mehr als großartige Erzählerin.
Die großen Zusammenhänge, die Auseinandersetzung mit dem Fremden und mit der versunkenen weiblichen Kulturgeschichte gehören untrennbar zum thematischen Fächer Frischmuthscher Schreibpraxis. Dies macht auch ein Sammelband deutlich, der pünktlich zu ihrem 60. Geburtstag im Residenz-Verlag erschienen ist. Fremdgänge, Streifzüge heißt es da. Sie bieten einen gut aufbereiteten Querschnitt durch Frischmuths Schaffen. Seltsamerweise ohne eigene Berücksichtigung der Klosterschule. Hier geht es um die Mythenaneignung in den Trilogien, um weibliche Identität und Beziehungsmodelle, um Kindschaft versus Herrschaft, um Begegnung mit dem Fremden oder um die Literarisierung der Gartenwelt. Den einzelnen literaturwissenschaftlichen Aufsätzen sind thematisch dazugehörige Auszüge aus Frischmuths Werk vorgeschaltet. Als Auftakt eine Fahrt durch Anatolien, ein noch unveröffentlichter Text aus den Jahren 1960/61. Einen zusätzlichen Reiz erhält das Buch durch zahlreiche Fotos, die Blitzlichter auf Lebensstationen und schriftstellerische Reisen werfen. Eine interessante Lektüre zum Einlesen, Vertiefen, Weiterdenken ...
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