1.)
- 6.)
Freiheit.
Roman von
Jonathan Franzen, (2010,
Rowohlt - Übertragung Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld).
Besprechung von Christoph Schröder in der
Frankfurter Rundschau,
7.9.2010:
Der Begriff der Freiheit ist ein ausgeleiertes Gummiband. Jeder darf ihn benutzen, für sich reklamieren; jeder hat eine andere Verwendung dafür, jeweils im eigenen Interesse. Er ist unendlich dehnbar, hält kaum noch etwas zusammen und ist der Beliebigkeit preisgegeben. Das ist umso bemerkenswerter, als die Freiheitsrechte des Einzelnen und ganzer Gesellschaften nach wie vor und besonders in den Vereinigten Staaten nicht nur als das höchste aller Güter proklamiert, sondern – paradoxerweise – oft auch gegen den Willen der Betroffenen mit Gewalt und auf Kosten einer (nur anders definierten) Freiheit durchgesetzt werden.
Es mag also durchaus etwas pathetischer Ernst mitschwingen, wenn Jonathan Franzen seinem neuen, lang erwarteten und acht Jahre nach den „Korrekturen“ in dieser Woche auch in deutscher Übersetzung erscheinenden Roman den Titel „Freiheit“ gibt. Gleichzeitig darf man bei einem so diskurssicheren Schriftsteller wie Franzen davon ausgehen, dass darin ein nicht geringer Ironieanteil enthalten ist. „Freiheit“ ist beides: Ein episch breites gesellschaftliches Panorama der vergangenen 30 Jahre, in dem Lebensentwürfe, Sehnsüchte, politische Haltungen und ökonomische Strategien sich aufbauen, aufeinanderprallen, zerplatzen. Und ein gelungener Versuch, den Freiheitsbegriff in all seinen Spielarten in alle Richtungen hin zu erkunden. Gleichzeitig aber auch, im Individuellen: eine Zurschaustellung der Lächerlichkeit menschlichen Daseins. Geprägt von familiären Friktionen, Selbstzweifeln und Rivalität ist es zwar beständig in Bewegung ist, aber dennoch nicht so recht vom Fleck kommen will. Das macht die Sogwirkung von „Freiheit“ aus.
Die heile, demokratische, auf ökologischen Prinzipien aufgebaute Existenz
Der Präsident selbst lobte den Roman; der Autor wiederum machte sich in all dem Rummel Sorgen, lediglich als Unterhaltungsschriftsteller wahrgenommen zu werden. Dabei ist Jonathan Franzen unter anderem genau das – ein Unterhaltungsschriftsteller, und zwar ein glänzender.
Wie in den „Korrekturen“ dient auch in „Freiheit“ eine Familie als Durchlauferhitzer. Das knapp 50seitige Auftaktkapitel zeigt die Familie Berglund just in jenem Augenblick, in dem der Sprung, der ihre heile, demokratische, auf ökologischen Prinzipien aufgebaute Existenz schon immer durchzogen hat, zum ersten Mal für alle anderen sichtbar wird. Ihre viktorianische Villa in Ramsey Hill, einem Stadtviertel von St. Paul, haben sie mit Akribie selbst restauriert und dem gesamten Quartier damit zu dem verholfen, was man heute „Gentrifizierung“ nennen würde. Walter Berglund arbeitet als Anwalt; seine Frau Patty kümmert sich um die beiden Kinder Joey (eher schwierig) und Jessica (mustergültig). Der grundgütige Walter ist „grüner als Greenpeace“; die Nachbarn machen sich einen Spaß daraus, Patty zu einem schlechten Wort über andere Menschen zu verleiten. Vergeblich. Und doch gerät alles ins Rutschen: Der minderjährige Joey vögelt die ebenfalls minderjährige Tochter der republikanisch-prolligen Nachbarin, die es anscheinend über ein soziales Wohnprojekt nach Ramsey Hill verschlagen hat; Patty fängt an zu trinken und mutiert zur bemitleideten Hysterikerin. Schließlich ziehen die Berglunds nach Washington. Vorhang.
Alles, was vor und nach dieser flirrenden Introduktion geschieht – das erzählt „Freiheit“ in ständigen Zeitsprüngen aus den unterschiedlichen Perspektiven seiner vier Protagonisten. Neben Walter, Patty und Joey ist das noch Richard Katz, Walters ältester und bester Freund aus College-Zeiten, und, das erfährt Walter allerdings erst sehr spät und unfreiwillig, auch der heimliche sexuelle Motor, der diesen an Sex nicht armen Roman beständig auf Hochtouren hält. Ein besonderer Kunstgriff von Franzen ist es, Patty ihre Jugend- und Collegegeschichte selbst erzählen zu lassen – allerdings in der dritten Person und unter dem nur halbironischen Titel „Es wurden Fehler gemacht. Patty Berglunds Autobiographie (verfasst auf Vorschlag ihres Therapeuten)“. Sieht man darüber hinweg, dass es kaum glaubwürdig ist, dass die in ihrer Intelligenz schwer einschätzbare Patty mit der rhetorischen und reflexiven Kraft eines Jonathan Franzen Zeugnis über ihr Leben abzulegen vermag, sind diese Passagen die stärksten des Buches.
Von der Ostküstenkindheit mit einer demokratischen Politikermutter und einem sozial engagierten Anwalt berichtet Patty, von ihrer Entjungferung in Form einer anschließend aus politischen Gründen vertuschten Vergewaltigung, von ihrer Sportbesessenheit und der Anziehungskraft, die Richard Katz auf sie ausübte. Und von Walter, dem Idealisten, Nichttrinker und Klemmi, der Patty schließlich bekommt, weil Walters bester Freund Richard sie aus Loyalität zurückweist.
Pattys Aufzeichnungen sind unverstellt und ohne Schonung gegen sich selbst; sie sind der Nährboden für alles, was sich im weiteren Romanverlauf ereignet, der einen Bogen von den späten 70er Jahren bis in die Debatten um den von George W. Bush junior angezettelten Irak-Krieg nach 9/11 schlägt und parallel dazu in aller Intimität gleich diverse Kämpfe inszeniert: Kämpfe um Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern (wie zwischen Patty und ihrem Vater, zwischen Joey und Walter), Kämpfe zwischen den Verlockungen des Verbotenen und Triebhaften und der inneren Stimme von Vernunft und Zuneigung (wie sie sich im Spannungsfeld zwischen Walter, Patty und Richard über Jahrzehnte hinweg ereignen).
Die Pflichten gegenüber einem schwer definierbaren Gemeinwesen
Sex, Drugs, Rock’n’Roll, Sport, Religion, Krieg, Umweltschutz und alle, die für dieses oder jenes stehen: Die unzähligen Milieus, die der Roman durchdringt, spiegeln sich permanent in exakt beobachteten Details, und mit geradezu bissiger Schärfe wird Walter beim Studium einer Speisekarte als der Ökoextremist vorgeführt, der er ist. Aber eben nur auch. Seine Ambivalenz verliert der Roman nie. Es geht viel um Moral in „Freiheit“, um die moralischen Verpflichtungen, etwas zu tun oder auch nicht (keine Kinder zu bekommen, um nicht zur Übervölkerung des Planeten beizutragen), um die Grenzen der Selbstbestimmung und den Pflichten gegenüber einem schwer definierbaren Gemeinwesen, und doch ist dies glücklicherweise kein Buch mit einer moralischen Haltung. „Freiheit“ will nicht erziehen, sondern erzählen. Gut so.
Sicher, Einwände gibt es immer. Die seien hier noch in Kürze vorgebracht: Dass Franzen eine Neigung hat zu Stereotypen, weil sein Personal nicht bloß als eine Ansammlung von Charakteren, sondern immer auch als Träger von Ideen zu funktionieren hat. Wie allerdings diese Stereotypen dann ausgebaut und zum Leben erweckt werden, ist wiederum eine Kunst für sich. Man kann sich auch des Eindruckes nicht erwehren, dass der Autor ein wenig zu viel Freude hat am Brillieren und deshalb die Lebenshintergründe seiner Figuren bis in die letzten Verästelungen hinein so intelligent erfinden muss. Geschenkt. Knapp 800 Seiten und davon vielleicht 50 zuviel – das ist ein sauberer Schnitt.
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2.)
Freiheit.
Roman von
Jonathan Franzen, (2010,
Rowohlt - Übertragung Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 7.9.2010:
Halten wir uns - relativ -
kurz. Der Roman ist mit mehr als 700 Seiten lang genug, und hier und jetzt Patty
Berglund mit ihrem ersten Freund ins Spiel zu bringen, der keine Zahnspange trug
... das würde nur aufhalten von dem, was man ohnehin tun muss.
Nämlich "Freiheit" lesen, um sich keine Blöße zu geben. Danach kann wissend
genickt werden: Jaja, Freiheit bedeutet nicht unbedingt Glück.
"Freiheit", in den USA Ende August erschienen, liegt seit heute, Mittwoch,
flächendeckend in Österreichs Buchhandlungen. Als Sensation ausgerufen wie einst
Harry Potter, bekamen Journalisten erst Ende vergangener Woche per Mail den Text
geschickt. Die pdf-Datei war sogar durch ein Passwort geschützt.
Und tatsächlich stellte sich bei dem Rummel eine Vorfreude ein wie einst
vielleicht bei einem neuen Kinofilm von Coppola, Scorsese.
Der Amerikaner Jonathan Franzen, eben 51 geworden, braucht
jedenfalls keine Vampire, um aufzufallen.
Er hat es aufs Cover des Time Magazine geschafft - "nur" mit der Geschichte
einer - sozusagen - normalen Familie, die er mit Weitestwinkelobjektiv
ablichtet.
Aber hat er das nicht eh schon 2001 in den "Korrekturen"getan?
Hat er. Er schreibt halt jetzt noch besser. Die Dialoge, die er daheim spricht,
schreit, nachspielt, bis sie echter nicht sein können, sind wesentlicher
Bestandteil des Franzen'schen Suchtfaktors.
Damals schenkte er uns 50 Jahre mit den gescheiterten Lamberts. Jetzt kommen die
scheiternden Berglunds aus St. Paul in Minnesota: Patty (perfekte Hausfrau), für
die alles nett zu sein scheint auf der Welt und die ihren Walter (Anwalt und
anfangs grüner als Greenpeace) geheiratet hat, weil der so nett zu ihr war -
obwohl: Haben wollte sie eigentlich dessen Freund Richard, der zu Frauen nie
nett war.
Sie wird ihn noch kriegen.
Doch zunächst nimmt sich in dieser so gesund wirkenden Familie nur Sohn Joey
"die Freiheit". Da können seine Eltern noch so hysterisch schreien: Der zieht
schon mit 16 zur Nachbarin, weil er dort ungestört mit deren Tochter Sex haben
kann und ihm außerdem der diskussionsfreudige Vater auf die Nerven geht.
Der Buchumschlag zeigt ein Ei, aus dem sich jemand schält. Die US-Ausgabe hat
einen Vogel vorne drauf. Franzen mag Vögel.
Dass er einmal eine seltene Maskenruderente gesehen hat, war ihm einen Essay
wert. Er mag Vögel, weil sie keine Zauderer sind. Die tun einfach.
Ob Franzen die Vögel der Familie Berglund mag?
Diesen Eindruck erweckt er nicht. Einzeln werden sie
begutachtet inklusive Angst und Trauer und Sehnsucht. Patty darf im Alter von 52
zum Teil selbst von ihren Fehlern erzählen. Daraus ergibt sich auch ein Bild
Amerikas, das seit den "Korrekturen" anders geworden ist.
Verantwortungslosigkeit ist ein Thema.
Man könnte noch weiter herumreden, aber Jonathan Franzen schreibt gar nicht über
die Berglunds, sondern über uns. Er ist kein Schriftsteller, der etwas auslässt
und Zwischenräume gibt, in denen dann Wesentlicheres steht als im Buch. In
solchen Fällen könnte der Leser "zumachen". Bei Franzen jedoch ist Flucht
unmöglich. Der schreibt alles auf.
Und wenn er die "Korrekturen" zum dritten Mal schreibt, wird man ihn dafür
wieder lieben.
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3.)
Freiheit.
Roman von
Jonathan Franzen, (2010,
Rowohlt - Übertragung Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 8.9.2010:
Auf Seite 653 dieses monumentalen Werkes begegnen wir einem, der sich einen „freien Mann” nennt. Es ist ein „alter Fettwanst vor einem schlammbespritzten roten Zelt”, er bekleidet eine Nebenrolle in diesem großen Ganzen, und er verdient gerade genug Geld fürs Dosenbier. Nicht aber für die Unterstützung seiner zahlreichen Kinder und der jeweiligen Mütter. Der amerikanische Albtraum.
Was ist Freiheit? Im Land der Unbegrenztheiten gibt es gleich zwei Worte dafür. Die Freiheit als Idealvorstellung ist sichtbar in der „Statue of Liberty” und festgeschrieben in der Unabhängigkeitserklärung („Life, Liberty and the pursuit of Happiness”). Die Freiheit als individuelle Unabhängigkeit meint einen Raum der Möglichkeiten, an dessen einem, wild überzeugten Ende Zwangsbeglückungen wie der Afghanistankrieg („Enduring Freedom”) oder Konkurrenzkonzepte (die „freie” Marktwirtschaft) stehen. Am anderen, zweifelnden Ende setzt der neue Roman von Jonathan Franzen an, der heutige Freiheitsvarianten – bis hin zum arbeitslosen Underdog – auf den Prüfstand stellt.
Neun Jahre mussten die Fans von Franzens Bestseller „Die Korrekturen” warten, bis sie nun ein Werk in den Händen halten dürfen, dessen Cover ein aufbrechendes Vogel-Ei zeigt. Im Innern entfaltet sich ein Gesellschaftspanorama, das an die ausufernde Romantradition des 19. Jahrhunderts anknüpft; ein monumentales Werk über die jüngere amerikanische Geschichte der vergangenen 30 Jahre, vielstimmig und zeitspringend erzählt. Erneut lässt Franzens Prosa uns versinken – wie in ein sehr, sehr weiches Sofa, das man nur ungern wieder verlässt. Seine Figuren werden schon auf den ersten Seiten zu Menschen, die uns nahe stehen. Patty und Walter Berglund leben in einer viktorianischen Villa in einem Vorort von St. Paul, sie haben zwei Kinder, Jessica und Joey. Walter ist „grüner als Greenpeace”, Patty ist: anders. „Um einiges größer als die anderen, noch dazu weniger besonders, noch dazu deutlich dümmer.” So schreibt sie selbstironisch in ihrer Autobiografie unter dem Titel „Es wurden Fehler gemacht”, die zentraler, witziger Teil des Romans ist.
Am College lebt Patty ihr als ungesund empfundenes Konkurrenzdenken auf dem Basketballfeld aus und lernt den lieben, hilfsbereiten, netten Walter kennen – sowie den Musiker Richard Katz. Er und Walter sind innigste Freunde, ärgste Konkurrenten. Patty plagt die Freiheit der Entscheidung: Sicherheit oder Aufregung? Franzen nimmt sich hier die Freiheit, so banal zu sein wie das Leben selbst. Patty wählt Walter, weil er an das Gute in ihr glaubt, und begeht einen „Lebensfehler”. Jahrzehnte später wird sie sich, in einer wilden Nacht und befeuert durch die Lektüre von Tolstois „Krieg und Frieden”, doch noch auf Katz einlassen („Dreimal... Einmal im Schlaf, einmal stürmisch, einmal mit vollem Orchester”). Während Walter der Mittzwanzigerin Lalitha verfällt. Diese arbeitet wie er in der „Waldsängerstiftung”, die vordergründig Vögel in West Virginia retten will, aber der Kohleindustrie als Feigenblatt für den Gipfelabbau dient.
Derweil läuft Pattys Sohn Joey („mühelos lässig, unerschütterlich selbstbewusst”) über zu den Konservativen, verkauft schrottreife Waffen in den Irak und steht im Begriff, seine Ehefrau mit der schönreichen Jenna zu betrügen. Wohingegen seine Schwester Jessica dem Kreis der Hauptfiguren entgleitet. In ihrem College ist ein Spruch in Stein gemeißelt: „Nutze deine Freiheit wohl.” Vielleicht hat sie es geschafft, irgendwo außerhalb dieses Romans. Sie wäre damit die einzige in ihrer Familie.
In einem Interview sagte Jonathan Franzen, es sei vielleicht sinnvoll, ein bisschen Freiheit einzutauschen gegen Überzeugungen und danach zu handeln. Ist das nicht selbstverständlich? Vielleicht muss man Amerikaner sein, um die große Provokation in diesem Roman so recht verstehen zu können, muss die Versprechen der unbeschränkten Entfaltung inhaliert haben. Franzen zeigt uns nicht einfach nur unsere Fesseln. Er deutet sie um als Netz, das uns durchs Leben trägt.
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4.)
Freiheit.
Roman von
Jonathan Franzen, (2010,
Rowohlt - Übertragung Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld).
Besprechung von Ursula März in
Die Zeit, 8.9.2010:
So etwas nennt man Donnergrollen. Der neue Roman des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Franzen nähert sich dem internationalen Buchmarkt in der Atmosphäre gewittriger Vorerregung, wie man sie eher vom Blockbuster-Kino und in der Literatur nur von Harry Potter kennt. Auf dieses Buch scheint, wer Bücher liest und 2001 Franzens Korrekturen las, gewartet zu haben wie auf kein anderes. Dass das Magazin Time vor ein paar Wochen das Cover mit einem Porträt Franzens und der Titelzeile Great American Novelist füllte, drang bis in die »Kult«-Urteile deutscher Regionalzeitungen. Dass Franzens deutsche Übersetzer bis an den Rand ihrer Kapazitäten schufteten, darf man annehmen. Denn der Roman mit dem Titel Freiheit erscheint, eine Woche nachdem sein Blitz in den amerikanischen Buchmarkt fuhr, nun auf dem deutschen.
Der Autor selbst, der 51-jährige Vogelbeobachter mit dem Dreitagebart, der sich fürs Schreiben in ein mönchisch möbliertes Büro mit verklebten Fenstern zurückzieht und seinen Internetzugang abschaltet, schaut dem Rummel in einer Mischung aus satter Genugtuung und mürrischer Skepsis zu. In einem Internet-Werbefilm für Freiheit sitzt Franzen in einem kurzärmligen Polohemd vor der Kamera und erklärt verlegen, dies sei der »beste Ort, um meinem Unwohlsein über die Notwendigkeit Ausdruck zu verleihen, solche Autoren-Videos zu drehen«. Wer nicht weiß, dass dies Jonathan Franzen ist, könnte ihn für einen barmenden Schreiberling halten, der sich nicht anders zu helfen weiß als mit einem Lebenszeichen auf YouTube.
Ein bisschen war dies ja auch Franzens Lage in den Neunzigern, als seine ersten beiden, ziemlich vertrackten Romane Die 27ste Stadt (1988) und Schweres Beben (1992) unter freundlichem Wohlwollen der amerikanischen Kritik und mäßiger Anteilnahme der Käuferschaft erschienen waren, sein Ehrgeiz zwischen postmodernem Formalismus und klassischem Realismus schwankte und die Autorität seiner Hausgötter Thomas Pynchon, Don de Lillo, William Gaddis dem Wunsch im Weg stand, zugänglichere, leichtere, unelitäre Romane zu verfassen. Als, anders gesagt, die Lamberts, diese durchgeknallte Familie der Korrekturen, noch keine Form gefunden hatten. Auch Barack Obama schloss die Lamberts derart ins Herz, dass er die literarische Nachfolgefamilie fiebrig erwartete. Franzens Verlag ließ ihm ein Vorabexemplar von Freiheit zukommen, und der Präsident äußerte sich über seine Sommerlektüre höchst erfreut – mit gutem Grund.
Denn die tiefere Botschaft, die Jonathan Franzen in Freiheit anstrebt, die er im letzten Romandrittel narrativ geradezu erzwingt, diese Botschaft läuft auf den Idealismus nationaler Bekehrung und Selbstreinigung hinaus, der 2008 mit Barack Obama Gestalt annahm. Franzens neuer Roman ist, auf den kürzesten Nenner gebracht, das literarische Fegefeuer der Bush-Ära. Er leuchtet sämtliche Scheußlichkeiten aus, die sich im Tunnel der Jahre 2001 bis 2004 zutrugen, und geht dann dazu über, das Licht am Ende zu feiern. Er leistet sich, was schon verblüfft, ein Happy End auf voller Linie und ist tatsächlich von seinem Ende her am besten zu verstehen: vom Versöhnungsglück der Berglunds. So heißt die Familie, die mit einigen Nebenfamilien und einem Dutzend Nebenfiguren das exorbitante, drei Jahrzehnte amerikanischer Politik umfassende Material bindet. Die Berglunds sind: Walter und Patty und ihre Kinder Jessica und Joey.
Walter und Patty Berglund, die sich seit Collegezeiten kennen, die wirklich alles durchmachen, was ein Ehepaar auseinandertreiben kann, sich trennen, sechs Jahre nichts voneinander hören, finden als Mittfünfziger neu zusammen. Im letzten Absatz des Romans verlassen sie ihr Ferienhaus an einem See in Minnesota und brechen mit einem Miettransporter in ein zweites Leben nach New York auf, »Walter hupend, während Patty zum Abschied winkte«. Patty, die seelisch seit je angekratzte, sich neurotisch umkreisende Vorstadtmutter mit Alkoholvergangenheit, Humor und sprödem Liebreiz, weiß nach dreißig Jahren, was Ende der Siebziger schon zu wissen gewesen wäre: dass Walter der Richtige ist.
Walter wiederum, fanatischer Naturschützer und Weltverbesserer, zerfetzt mit einer spektakulären Bekenntnistirade den politischen Teufelspakt, den er mit amerikanischen Kohleunternehmen einging, und lebt seitdem als blamierter, aber moralisch intakter Aktivist. Sohn Joey, der aus seinem liberalen Elternhaus zu den Republikanern überlief und sich während des Irakkriegs ins Waffengeschäft begab, schwört der reaktionären Gesinnung ab und ist nach jahrelanger gegenseitiger Verachtung der beste Freund seines Vaters. Tochter Jessica, immer tüchtig, immer von Patty weniger geliebt als der impertinente Joey, hat der Mutter den Seitensprung mit Richard verziehen. Auch für diesen findet sich ein gutes Ende. Denn Richard, Rockmusiker, Drogenkonsument, unheilbarer Womanizer, der die Ehe der Berglunds von Beginn an unterwanderte (in dieser Dreierkonstellation liegt die Figurenparallele zu Natascha/Pierre/Andrej in Tolstojs Krieg und Frieden ), findet auf seine älteren Tage in New York ins Milieu anspruchsvoller Kunst und zu einer Frau, bei der er es länger aushält als drei Nächte. Ja selbst für zwei Tierarten, die eigentlich auf Kriegsfuß stehen, Katzen und Vögel, ergibt sich auf den letzten Romanmetern eine Friedenslösung. »…während Patty zum Abschied winkte, kam eine Spezialfirma und errichtete rings um das gesamte Grundstück einen hohen, Katzen abhaltenden Zaun.«
Was Jonathan Franzen hier bietet, ist ein erstaunliches Genesungsprojekt der amerikanischen Gesellschaft, das mit einem Bein im Kitschverdacht steht. Ein Roman, an dessen Ende man sich fühlt wie bei der Entlassung aus der Reha und weiß: Er ist, nachdrücklicher als die Korrekturen, ganz allgemein auch als Genesungsprojekt für die von Popularitätsschwäche heimgesuchte Literatur gedacht. In einem Essay aus dem Jahr 2002 unterschied Franzen zwischen »Status-Romanen« und »Kontrakt-Romanen«. Der Autor des Status-Romans schaffe überhebliche Kunstwerke, die nicht dem Leser, sondern ihrer ästhetischen Kompromisslosigkeit verpflichtet seien (Franzen hatte dabei den Kollegen Gaddis im Auge). Dem Autor des Kontrakt-Romans hingegen liege die kommunikative Vereinbarung mit dem Leser am Herzen. Er wolle ihn nicht befremden, sondern heimatlich umhüllen. Er wolle der Literatur jenen Platz im Zentrum der Gesellschaft zurückerobern, den sie nach Franzens Ansicht im 19. Jahrhundert hatte und von dem sie durch Unterhaltungsmedien, durch Erzählformen von Film und Fernsehserien vertrieben wurde.
In Freiheit gestaltet Jonathan Franzen den Kontrakt verbindlicher, bekömmlicher denn je. Er führt den Leser mit einem sicheren Navigationssystem durch die über 700 Seiten, hält ihn mit Suspense bei Laune, greift jeden Handlungsfaden mehrmals auf, kehrt in Schleifen zu seinen Ausgangspunkten zurück und hält sich an das Prinzip restlos erschöpfender Auskunft. Er verzichtet auf die felsige Metaphorik der Korrekturen, vor allem aber verzichtet er auf eine zwingende Form. Freiheit besteht aus unendlich erweiterbaren, locker verzahnten Erzählmodulen. An jeder Stelle könnten Geschichten von Vorfahren, Ökoprojekten, Washingtoner Schweinereien und erotischen Eskapaden eingefügt werden, ohne dass sich am Gesamtbild des Romans irgendetwas änderte – so sehr ist dieser auf behagliche Breite angelegt. So perfekt macht Franzen tatsächlich jenen sozialpsychologischen Familiensagas Konkurrenz, die Folge um Folge ihr Publikum vor die Fernseher ziehen.
Nur erntet er eben auch deren eher banale Versöhnungsdramaturgie und ihre etwas bieder gleichmäßige Erzählökonomie, die weder Aussparung kennt noch Exzess. Daraus kann gute Unterhaltung entstehen, seltener große Kunst. Freiheit hat Anteile von beidem. Und man muss anerkennen, dass der Versuch, maximal anschlussfähige Literatur zu schaffen, nichts anderes sein kann als ein Balanceakt zwischen Ambition und Affirmation. Wir haben es mit solider, weltweit verkäuflicher Literatur zu tun, nicht mit Weltliteratur. Seine Qualität verdankt Freiheit den Figuren, ihren Charakteren und verwickelten Psychen. In Menschenkenntnis ist der Vogelbeobachter Jonathan Franzen einfach ein Meister. An die Lamberts kommen die Berglunds allerdings nicht heran. Denn die Berglunds haben nun mal die schwere nationale Aufgabe, sich zu besseren Menschen zu entwickeln. Die Lamberts mussten nur den freien Fall ihres Wahnsinns aufhalten.
Die Geschichte, die Franzen erzählt, ist im Kern ein Gleichnis der amerikanischen Selbstbeschreibung des zurückliegenden Jahrzehnts: Erst scheitern alle Figuren; was sie machen, führt in die Paranoia. Patty hält ihre proletenhaften Nachbarn nicht mehr aus und zersticht aus geballter Lebensfrustration deren Autoreifen. Walter glaubt, die vom Aussterben bedrohte Vogelart der Waldsänger sei dadurch zu retten, dass ein gesamtes Waldgebiet für den Kohleabbau entvölkert und weggesprengt wird, um sich im Lauf von Jahren in ein renaturiertes Vogelreservat zu verwandeln. Richard gerät an den Rand der Verwahrlosung. Joey will mit Macht in die Upperclass und lässt das Nachbarsmädchen, mit dem er sich als Zwölfjähriger einließ, ein Jahrzehnt zappeln. Dann er- und bekennen alle ihre Fehler und leisten Abbitte. Sie erfüllen das Ritual, das sich apology nennt und in der amerikanischen Lebensmythologie einigen Rang genießt. Man kann es in der Letterman-Show erleben, wenn Stars mit feuchten Augen ihre diversen Süchte beichten oder sich an Clintons öffentliche Lewinsky-Beichte erinnern. Der Abbitte folgt die Buße. Bei Walter fällt sie am härtesten aus. Die junge Frau, die er während der Trennungszeit von Patty tatsächlich liebt, stirbt bei einem Autounfall. Bei Joey fällt die Buße am komischsten aus.
Das therapeutische Paradigma des Romans aber verkörpert Patty. Sie verfasst im Auftrag ihrer Psychotherapeutin einen autobiografischen Bericht. Er heißt: »Es wurden Fehler gemacht« und ist in den Roman als langes autonomes Kapitel eingegliedert. Der Titel des Romans, Freiheit, mag seine Gesprächsthemen bestimmen. Am Tisch einer reichen jüdischen Familie Washingtoner Republikaner wird über Freiheit geredet und ist die Freiheit gemeint, den Irakkrieg mit Lügen zu begründen. Am Tisch von Demokraten wird in einer Parallelszene über Freiheit geredet. Aber das kommunikative Verfahren des Romans ähnelt dem einer talking cure, das den Leser stärker als jedes andere ins Vertrauen zieht und einbindet. Franzen begegnet dem Leser gleichsam auf persönlicher Augenhöhe, nicht darüber, nicht darunter. Hier liegt der Unterschied zu Tolstojs Werk Krieg und Frieden , auf das sich Franzen überdeutlich beruft. Denn dieses Werk ist mitsamt seinen über 300 Figuren, die Philologen errechnet haben, und seinen zermürbenden Kriegsberichten eine einzige elitäre Zumutung. Ein waschechter Status-Roman. Er war dies auch schon im 19. Jahrhundert.
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5.)
Fast könnte man meinen, die Literatur habe an gesellschaftlicher Relevanz gewonnen: Jonathan Franzen ist überall. Das Time Magazine widmete dem 51-jährigen Schriftsteller eine Coverstory. Präsident Obama wurde im Urlaub auf Marthas Vineyard mit einem Exemplar des neuen Franzen-Romans gesichtet, noch bevor das Buch offiziell erschienen war. Sämtliche nationalen und internationalen Medien berichteten darüber und darüber, dass sämtliche nationalen und internationalen Medien darüber und über Jonathan Franzen berichteten. Der Mann hat ein Buch geschrieben. 730 Seiten über das Schicksal einer amerikanischen Mittelschichtsfamilie aus dem Mittleren Westen. Neun Jahre nach "Die Korrekturen", einem 780-seitigen Buch über das Schicksal einer amerikanischen Mittelschichtsfamilie aus dem Mittleren Westen. "Die Korrekturen" verkauften sich weltweit fast drei Millionen Mal.
"Freiheit" verfügt über die besten Chancen, diesen Rekord für einen zeitgenössischen literarischen Roman zu brechen. Wichtig ist der Zusatz literarisch. Denn, so wird man nicht müde, uns zu versichern, Jonathan Franzen sei eben nicht John Grisham und auch nicht J.K. Rowling (dabei ist die Franzen-Hysterie der Harry-Potter-Hysterie durchaus vergleichbar). Jonathan Franzen sei ein ernstzunehmender Autor, ein guter, ja ein genialer Autor und "Freiheit" ein epochales Werk. So zumindest der Tenor der amerikanischen Rezensenten. Das Echo im deutschsprachigen Raum fiel bisher kaum weniger positiv aus, obgleich man sich hierzulande für simple Elogen natürlich zu fein ist und deshalb das Urteil "toll" möglichst verklausuliert formuliert. In einem Punkt sind sich alle einig: Jonathan Franzen habe den klassischen Gesellschaftsroman zu neuem Leben erweckt. Tatsächlich tendierten viele Schriftsteller in den letzten Jahren zu kapriziösen Experimenten. Man verfasste Thriller mit Fußnoten und Liebesgeschichten in Form von Lexikoneinträgen. Jetzt kommt Franzen und knallt einem eine Art "Buddenbrooks" des 21. Jahrhunderts vor die Nase.
"Freiheit" ist tief im psychologischen Realismus verwurzelt. Glaubwürdige Figuren führen darin glaubwürdige Dialoge über glaubwürdige Probleme und treiben eine glaubwürdige Handlung voran. Es werden keine obskuren Subkulturen erforscht, keine zweifelhaften Erzählperspektiven geschaffen, keine stilistischen Purzelbäume geschlagen. Bloß: Für die sogenannte Unterhaltungsliteratur gilt dasselbe. Dass Jonathan Franzen ein literarisches Werk vorlegt, dem jegliche Schrullen fehlen, sollte man also bitte nicht mit dem achten Weltwunder verwechseln. Im Zentrum von "Freiheit" stehen die Berglunds: Vater Walter, Mutter Patty und die Kinder Jessica und Joey. Der Roman spielt hauptsächlich in der Ära von Bush II, wobei auch ausführlich Rückblick gehalten wird auf die Berglunds der 1980er und 1990er Jahre in St. Paul, Minnesota. Geschildert werden die Geschehnisse abwechselnd aus der Sicht der einzelnen Akteure, jedoch in der dritten Person. Einen Teil des Romans stellt die "Autobiografie" dar, die Patty auf den Rat ihres Therapeuten hin schreibt - ebenfalls in der dritten Person. Die Ouvertüre des Romans bildet ein Porträt der Berglunds.
Es zeigt die Berglunds als neumodische Liberale der ersten Stunde, als Leute, die sich mit drängenden Fragen auseinandersetzen wie: "Waren die Pfadfinder politisch akzeptabel? Gehörte Bulgur wirklich auf die Speisekarte? Wohin mit alten Batterien? Was tun, wenn eine mittellose Frau anderer ethnischer Herkunft einen beschuldigt, man mache ihr Wohnviertel kaputt? (...) Sollte man Bettlern Essen geben oder besser gar nichts? War es möglich, beispiellos selbstbewusste, glückliche, hochintelligente Kinder großzuziehen, wenn man ganztags arbeitete? Durfte man die Bohnen für den Morgenkaffee schon am Abend vorher mahlen, oder musste das unmittelbar vor dem Frühstück geschehen? Walter arbeitet für eine Umweltschutzorganisation, Patty geht in ihrer Rolle aus Hausfrau und Mutter auf. Jessica ist das Muster-, Joey das Problemkind. Spätestens als Joey im zarten Alter von sechzehn Jahren bei seiner Freundin und deren republikanischem Anhang einzieht, beginnt der Zerfall des Hauses Berglund.
Walter verrät seine Ideale, indem er sich für giftgrüne Projekte der Energieindustrie einspannen lässt, Patty geht nicht mehr auf, sondern ein. Jessica bleibt dieselbe und Joey schmuggelt Waffen nach Irak. Kompliziert werden die Dinge durch Affären: Die Pattys mit einem Freund Walters aus Collegetagen, die Walters mit seiner jungen Assistentin. Den letzten Aufzug des Dramas orchestrieren wieder Berglundsche Nachbarn. Diesmal die in einer Neubausiedlung. Auf den hoffnungsvollen Auftakt folgt der Schwanengesang. Die Familie als Spiegelbild der Gesellschaft - dieser Trick hat schon oft funktioniert. Und Jonathan Franzen ist ein Meister seines Fachs. Ökoheuchelei und Technologiegläubigkeit, Pin-up-Pluralismus und persönliche Verantwortung - und eben "Freiheit" und ihre diversen Interpretationen: Franzen verleiht solchen abstrakten Begriffen eine literarische Gestalt. Er verwandelte soziale Phänomene in literarische Gestalten.
Auch "Freiheit" durchzieht ein satirischer Grundton wie schon "Die 27ste Stadt" (1988) und "Schweres Beben" (1992). Jonathan Franzen war nämlich schon Schriftsteller, bevor er zum Bestsellerautor wurde. Nur krähte damals kein Hahn nach ihm. Wird die Literatur von nun an die Welt verändern, weil Franzen ein paar Wochen lang in aller Munde war? Bestimmt nicht. Doch sollte jemand abends zu "Freiheit" greifen anstatt zum Fernsehprogramm, ist schon eine ganze Menge geschafft.
Die vollständige Rezension mitg Abb. von Sacha Verna finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
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6.)
Freiheit.
Roman von
Jonathan Franzen, (2010,
Rowohlt - Übertragung Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld).
Besprechung von Ulrike Frick im Münchner Merkur,
20.9.2010:
Zehn Jahre hat sich Jonathan Franzen nach seinem Bestseller „Die Korrekturen“ Zeit gelassen. Nun scheint Amerika offensichtlich reif zu sein für eine weitere Aufarbeitung der Wirklichkeit.
Ähnlich wie in den „Korrekturen“ widmet Franzen das gesamte Buch einer einzigen Familie: Waren es vor zehn Jahren die Lamberts, eine Mittelschichtsfamilie aus dem Mittleren Westen, dreht sich in „Freiheit“ alles um die Berglunds, ebenfalls Vertreter des typischen amerikanischen Mittelstandes. Und da der immer eher langweilig erscheint, gewinnen die Berglunds rechte Größe auch erst in ihrem finalen Scheitern. Noch deutlicher als in den „Korrekturen“ treiben die einzelnen Familienmitglieder die Handlung des Romans voran. Weshalb es auch nicht mehr um die Fehler der Elterngeneration geht, sondern um diejenigen, die man selbst macht.
Leichtfüßig-
Bildete in den „Korrekturen“ Alfred, ein Mann, den
eigentlichen Nabel der Geschichte, so stehen in „Freiheit“ die Frauenfiguren, so
unterschiedlich sie auch sind, im Zentrum des Geschehens, das sich von der
Reagan-
Doch der von Franzen scharf kritisierte Optimierungswahn, der die Welt in den letzten Jahrzehnten immer stärker packte, erweist sich in „Freiheit“ nicht nur auf zwischenmenschlicher Ebene als Fluch. Das Private ist bei dem bekennenden Demokraten und Umweltschützer Franzen immer politisch, und so ist „Freiheit“ auch eine glasklar erzählte, vielschichtige Chronik dieses ersten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends. Als die USA nach den Anschlägen des 11. September der Welt zeigen wollte, wo es lang geht. Und als schließlich alles ganz anders wurde, als es sich der Präsident gedacht hatte. Walters bitteres Fazit ist denn auch die Erkenntnis: „Das, was einem keiner nehmen kann, ist die Freiheit, sich das eigene Leben zu versauen, wie man will.“
Was Struktur und Sprache des Romans angeht, ist Franzen wagemutiger geworden. Erschien einiges in den „Korrekturen“ noch sehr effekthascherisch, experimentiert Franzen in „Freiheit“ viel origineller mit verschiedenen Textformen und Perspektiven. Doch trotz aller politischen Anspielungen und sprachlichen Wagnisse vermittelt der kunstvoll gewobene aber zugleich leicht lesbare Text eine freundliche Behaglichkeit, die den Leser ähnlich gut unterhält wie eine anspruchsvolle Fernsehserie.
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