Frau Thomas Mann von Walter und Inge Jens, 2003, Rowohlt1.) - 3.)

Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim.
Biografie von Walter und Inge Jens (2003, Rowohlt).
Besprechung von Katrin Schuster aus der Münchner Merkur, 21.2.2003:

Jessas! Es kommt noch eins
Nun kein unbeschriebenes Blatt: Zwei Biografien über Katia Mann

Sie war sehr klug, ohne eine intellektuelle Frau zu sein." So hat ihr ältester Sohn Klaus Mann seine Mutter Katia beschrieben. Ein Widerspruch? Eher die treffende Beschreibung einer Frau, die viele Namen trug: Katharina Pringsheim, Katjulein, Katia Mann, Frau Thomas Mann. Nun sind zwei Biografien über die Frau Thomas Manns, die sich selbst einmal als dessen "Zubehör" bezeichnete, erschienen: "Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim" von Inge und Walter Jens sowie Katia Mann. "Die Frau des Zauberers" von Kirsten Jüngling und Brigitte Roßbeck.

Sie war die Managerin des Unternehmens Mann

Katharina war das jüngste Kind der Münchner Familie Pringsheim, nach den fünf Söhnen kam 1883 ihre Geburt für alle unerwartet: Der Zwillingsbruder Klaus war schon auf der Welt, als die Geburtshelferin erschrak: "Jessas! Es kommt noch eins!" Die einzige Tochter der wohlhabenden jüdischen Familie schien sich ihrer Stellung von Anfang an bewusst zu sein: Noch nicht einmal fünf Jahre alt, kontrollierte sie schon das Dienstmädchen, indem sie mit einem Bindfaden unterm Toilettentisch überprüfte, ob dort auch ordentlich sauber gemacht wurde. Als Studentin sprang sie einfach ab von der Tram, als sie von einem Schaffner nach ihrem Billet gefragt wurde. In der Straßenbahn saß einer, den diese Szene nachhaltig beeindruckte: Thomas Mann. Er wollte diese Frau. Sie aber zögerte, bis ihre Mutter einen Nervenarzt konsultierte. "Entschlussangst" lautete die Diagnose.

Thomas Mann gewann dann doch das Herz seiner "Prinzessin". Im Oktober 1904 feierte man Verlobung - "auch kein Spaß", so Thomas Mann in einem Brief an seinen Bruder Heinrich; am 11. Februar 1905 heirateten die beiden. Und bekamen sechs Kinder, von denen die meisten lebenslang abhängig vom Elternhaus blieben, ständig Probleme hatten. Auch "Tommy" war eines von Katias Sorgenkindern. Nicht nur sie, sondern vor allem Thomas Mann waren ständig krank. Er neigte zur Hypochondrie. Zu viele Tabletten nahmen beide Ehepartner, die Drogensucht ihres Nachwuchses dagegen nannte Katia stets nur "das Kleinbürgerliche". Wie in der Heimat blieb Katia auch im Exil in der Schweiz und in Amerika die Managerin des Unternehmens Mann, sie war das "Wirtschaftshaupt", wählte das Personal aus; sie schrieb in seinem Namen Briefe, trieb die Honorare ein.

Katia Mann, die am 30. April 1980 im Alter von 96 Jahren starb, äußerte sich selten öffentlich, wollte stets Privatperson bleiben. Das erschwert es, sie festzulegen auf eine eindeutige Meinung oder Haltung. Eher vergrößert es die Gefahr, Klischees immer wieder zu reproduzieren. "Ich konnte nie tun, was ich wollte." Dieser Ausspruch Katia Manns ist berühmt geworden. Auch das Ehepaar Jens betrachtet Katia Mann als eine Frau, die sich aufgegeben hat für Mann und Familie. Je mehr die beiden Literaturwissenschaftler versuchen, Katia von Vorurteilen zu befreien, desto mehr beweisen sie, wie sehr sie selbst an die Ikone der aufopferungsvollen Mutter glauben. Auch deshalb entsteht in dieser Biografie kein wirklich lebendiges Bild dieser Persönlichkeit.

Kirsten Jüngling und Brigitte Roßbeck dagegen nähern sich Katia Mann viel unvoreingenommener und detaillierter, bleiben gleichzeitig immer in kritischer Distanz, werden deutlicher und wagemutiger in ihren Urteilen. Sie bewahren sich den ironischen Unterton. So kommen die beiden erfahrenen Biografinnen den vielen Gesichtern der Katia Mann näher. Sie haben diese Frau ernst genommen, indem sie sie zuallererst als unbeschriebenes Blatt wahrnahmen, um schließlich ihre Worte an ihren Taten zu messen und umgekehrt. Ihr Urteil darüber, dass "Frau Thomas Mann" nie tun konnte, was sie wollte: "Das kann man getrost bezweifeln."

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Frau Thomas Mann von Walter und Inge Jens, 2003, Rowohlt2.)

Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim.
Biografie von Walter und Inge Jens (2003, Rowohlt).
Besprechung von
Matthias Wegner in Neue Zürcher Zeitung vom 27.3.2003:

Frau Thomas Mann
Zwei Biographien porträtieren Katia Mann

Neben Richard Wagner und den Seinen fasziniert kein deutscher Künstler-Clan die Gemüter so sehr wie Thomas Mann und seine Familie. Was den Amerikanern die Kennedys sind und den Engländern die Windsors, scheinen uns die Manns zu sein: Projektionsfläche für voyeuristische Blicke in menschliche Abgründe ebenso wie Matrix für beflügelnde Traumbilder eines gefeierten und sich selbst feiernden, klassenbewussten Kultur- und Bildungsbürgertums, das es in dieser Form nicht mehr geben kann. Seit der Veröffentlichung der Tagebücher Thomas Manns hat eine Flut biographischer Forschungsarbeit den geheimsten Facetten seines Innenlebens und, nicht zuletzt, denen seiner Familie nachgespürt. Ein Ende dieser fast zwangsläufig auf das Private und seine Widerspiegelung im Werk abzielenden Wahrnehmung ist nicht abzusehen. Zu verführerisch, zu «romanhaft» ist die Fülle der biographischen Quellen, zu pedantisch hat der Autor selbst dafür gesorgt.

Jüngste Früchte der, wie Thomas Manns Enkel Frido es kürzlich ausdrückte, «grassierenden Mannomanie» sind zwei gleichzeitig erschienene Biographien über Katia Mann. Sie nimmt in den bisherigen Darstellungen zwar einen ehrenvollen Platz ein, beide Bücher präsentieren jedoch, weit ausholend und mit kaum verhohlenem Behagen, zahllose unbekannte oder bisher nur verstreut zugängliche Einzelheiten.

Ein prosperierender Familienkonzern

Die Frau des «Zauberers» sprengte trotz manchen einschlägigen Vorbildern alle tradierten Muster einflussreicher Dichtergattinnen dank ihrem weitsichtigen, mitdenkenden und mitplanenden, selbstlos tätigen und aufopferungsvollen Einwirken auf das Leben und den Erfolg ihres Mannes. Als Richard Dehmel, einer der ersten Schriftstellerkollegen, die den Rang Thomas Manns erkannten und es ihn umgehend wissen liessen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der «soliden Firma» sprach, die ihn selbst und seine zweite Frau Ida zusammengeschmiedet habe, konnte er sich nicht vorstellen, zu welch prosperierendem Familienkonzern es dieser Autor und seine für ihre Schönheit, ihren Reichtum und ihre Intelligenz gleichermassen gefeierte Professorentochter Katia Pringsheim über zwei Generationen hinweg bringen sollten.

Je mehr sich der offenbar noch immer unerschöpfliche Reichtum der Quellen erschliesst, desto mehr offenbart sich, wie schwer oft die Autorschaft Thomas Manns und das Mitwirken seiner Ehefrau zu trennen sind. Allein die jetzt von Inge und Walter Jens vorgelegten Zeugnisse für das Echo von Katia Manns eigenen, ihrer Mutter detailliert berichteten Davos-Erlebnissen im «Zauberberg» - leider sind die Briefe verschollen, die sie während ihres Sanatoriumsaufenthalts an den Gatten schrieb - lassen erkennen, dass sich Katia Mann nicht nur als «Frau an seiner Seite» bewährte. Das mag so ähnlich auch für andere Dichter-Ehen gelten, doch findet sich wohl nirgendwo eine so umfangreich dokumentierte Beweislast. Fragt man sich, was wohl aus Thomas Mann noch geworden wäre, wäre er der klugen Stütze seiner Existenz nicht im Jahre 1904 in München begegnet, so darf man vermuten, dass es zumindest die strahlende Repräsentationswürde des zeitlebens qualvoll gegen die Irrungen und Wirrungen seiner erotischen Problematik ankämpfenden und anschreibenden Erzählers schwerlich gegeben hätte. Mit seiner Ehe habe er sich, so meinte Thomas Mann mit kühler Sachlichkeit, «eine Verfassung gegeben» - sie hat den Bürgersohn aus Lübeck ein halbes Jahrhundert lang auf seiner stets von äusseren und inneren Katastrophen begleiteten Lebensreise von München in die Schweiz, an die Ost- und Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika und zuletzt wieder in die Schweiz (über deren Bevölkerung Katia Mann in einem Brief vom 17. Januar 1958 an Lion Feuchtwanger schlecht gelaunt meinte, sie sei «fremdenunfreundlich, ungastlich und engherzig») zu dem werden lassen, was er immer sein wollte: dem literarischen Heros seines Jahrhunderts.

Für die erst beharrlich umworbene, dann wie eine bürgerliche Prinzessin vor den Traualtar geführte, 1883 in Feldafing am Starnberger See geborene jüdisch-bayrische Professorentochter, die Mutter von sechs vielseitig begabten, aber gefährdeten Kindern wurde - die Eltern sollten ihre liebe Mühe und Not mit ihnen erleben, taten aber für sie, was immer sie konnten -, musste das Leben an der Seite eines so produktiven Erfolgsautors Erfüllung wie Last bedeuten. Sechs Jahre nach Thomas Manns Tod bekannte sie zwar gegenüber ihrem Zwillingsbruder Klaus Pringsheim, sie habe in ihrem Leben «nie das getan, was ich tun wollte», doch dankte sie ihm gleichzeitig noch einmal dafür, dass er «diese Ehe gestiftet» habe. Sie wusste, dass sie als weibliches Familienoberhaupt keine geringere Leistung vollbracht hatte als ihr Ehemann, auch wenn der Glanz seiner Genialität ihr abverlangte, hinter ihm zurückzutreten - es erschien ihr selbstverständlich.

Resolute Familienmutter

Die Frage, was die einstige Mathematikstudentin Katia Mann «wirklich» gewollt hätte, wäre ihr Leben in anderen Bahnen verlaufen, grundiert beide Biographien, und es kann nicht überraschen, dass es darauf keine befriedigende Antwort gibt. Sie wusste es vielleicht selbst nicht. Doch eines stand für sie von Anfang an fest: Nichts war ihr wichtiger als ihre Familie, für sie lebte und liebte sie. Die «Firma Thomas Mann» hatte die vielseitig begabte, energiegeladene Gralshüterin eines literarischen Kosmos in eine dienende Funktion gedrängt. Aber ohne die Souveränität der resoluten Familienmutter, ohne seine durch sie abgesicherte «Verfassung» wäre der Autor von den Verlockungen des Eros und der Einwirkung der historischen Ereignisse vielleicht in die Knie gezwungen worden. Man muss nur an die Rolle denken, die Katia Mann gegenüber ihrem wankelmütigen Partner bei der Emigration aus Deutschland spielte. An politischer Weitsicht war sie (wie ihre Kinder Erika und Klaus) ihrem Thomas zweifellos überlegen.

Was unterscheidet die gelegentlich die Gefahr hagiographischer Hingabe streifenden, aber liebevoll um Gerechtigkeit und psychologische Genauigkeit bemühten Biographien? Welche verdient den Vorzug? Das Gespann Kirsten Jüngling und Brigitte Rossbeck, als Biographenteam bereits ausgewiesen, entwickelt den breiter angelegten, materialreicheren Erzählteppich. Zwar gleitet ihr zitatgesättigter Positivismus gelegentlich ins allzu Jovial-Vertrauliche ab, aber das liegt bei so offen sympathisierenden Rechtfertigungsbemühungen in der Natur der Sache. Das wortreiche Bestreben um Einfühlung und Nähe wird mehr als aufgewogen durch die sorgfältig belegten Ergebnisse einer detektivischen Spurensuche, die sich allerdings - anders als das Buch von Inge und Walter Jens - oft von bereits zugänglichen Befunden der Sekundärliteratur leiten lässt.

Zwei verdienstvolle Hommagen

Kirsten Jüngling und Brigitte Rossbeck warten mit vielen Trophäen ihres gewaltigen Fleisses auf. So nimmt die Frühgeschichte der Familie Pringsheim, ihr Aufstieg aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst bei ihnen einen grösseren Teil ein. Gerade in diesem Abschnitt finden sich viele bisher nicht oder kaum bekannte eindrucksvolle und amüsante Details über den Aufstieg einer durch und durch assimilierten deutsch-jüdischen Patrizierfamilie. Katias brillanter, kluger und generöser Vater als vergnügter Schürzenjäger, die Mutter Hedwig Dohm als Diva des Sachsen-Meininger Hoftheaters - solche und andere Fakten werden ebenso lebendig vorgetragen wie die Früchte der übersetzerischen Leistung Katia Manns (William Thackerys tausendseitiger Roman «Jahrmarkt der Eitelkeiten») oder deren halsbrecherische Fahrkünste, die ihr zur weithin hörbaren Erbitterung zuletzt den Führerscheinentzug einbrachten. Die staunenswerten Fähigkeiten Katia Manns auf den Gebieten der Haushaltsführung, des Entwerfens, Bauens und Mietens oder Einrichtens der einzelnen Domizile im Ausland, des Wirtschaftens (vom Überwachen der Zahlungseingänge bis zum Verfassen von amerikanischen Steuererklärungen), des souverän-diplomatischen Makelns, des Schreibens und Organisierens für ihren Mann, der unermüdlichen Hilfe gegenüber Menschen in Not (nicht nur gegenüber Schwager Heinrich und den Kindern, sondern auch gegenüber Verfolgten der Nazidiktatur oder der DDR) und natürlich immer wieder der ehelichen Fürsorge - das alles ist spannend zu lesen und rundet sich zu einem gewinnenden Lebensbild.

Inge und Walter Jens, ausgewiesene Archivforscher und stilsichere Erzähler, gehen ihren Gegenstand etwas konzentrierter und, vor allem, analytischer an. Sie beschränken sich weitgehend auf originale Quellen, unter denen sich viele bisher unbekannte Briefe befinden. Dazu gehören insbesondere solche an Katia Manns einzige vertraute Freundin, Molly Shenstone, der sie sich anschloss, als diese Thomas Mann während seiner Princeton-Jahre mit Korrespondenz und Schreibarbeiten zur Hand ging. Das stets taktvolle, gleichfalls von viel Sympathie getragene Buch des Ehepaares Jens (beide werden die eine oder andere Parallele zur eigenen Arbeitssymbiose entdeckt haben) ist, obgleich anschaulich und gelegentlich auch amüsant erzählt, «akademischer», scheut nicht vor literaturwissenschaftlich kompetenten Betrachtungen zurück. Ihr Porträt fällt in seinen Ergebnissen kaum anders aus als das ihrer Konkurrentinnen, es setzt seine Akzente jedoch etwas deutlicher.

Beide Bücher sind eine verdienstvolle Hommage an eine grossartige Frau und unterschätzte Heroine der Literaturgeschichte. Wer sich der «Mannomanie» nicht zu entziehen vermag - und dafür gibt es gute Gründe -, sollte sich an beide Darstellungen halten. Zusammen mit Herrmann Kurtzkes glorioser und Klaus Harpprechts detailverliebter Thomas-Mann-Biographie ergeben sie das psychologisch und historisch äusserst fundierte Bild eines Autors und seiner Familie, wie sie in einem Jahrhundert (wenn überhaupt) nur einmal vorkommen dürften.

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Frau Thomas Mann von Walter und Inge Jens, 2003, Rowohlt3.)

Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim.
Biografie von Walter und Inge Jens (2003, Rowohlt).
Besprechung von Viola Roggenkamp aus Jüdische Allgemeine:

Geborene Pringsheim
Zwei Biographien über Thomas Manns jüdische Ehefrau Katia

So lange hat die Thomas-Mann-Gemeinde auf eine Biographie über Katia Mann gewartet, und nun liegen gleich zwei vor. Die eine Lebensbeschreibung hat das Ehepaar Inge und Walter Jens verfaßt, die andere das Autorinnenpaar Kirsten Jüngling und Brigitte Roßbeck. Ich las zuerst Jensens Frau Thomas Mann und war ganz zufrieden - was keine gute Vorbedingung war für Jüngling/Roßbecks Die Frau des Zauberers - Katia Mann. Aber dann las ich dort doch weiter und weiter, denn unterschiedlich eröffnen und vernachlässigen beide schreibenden Paare Einblicke in diese bemerkenswerte Frau, so daß ich am Ende ganz gut bedient war mit beiden Büchern zusammen.

Kann man über irgendeinen Aspekt, der mit Thomas Mann zu tun hat, schreiben, ohne dabei selbst ein bißchen in den Stil des selbstgefällig wohlmeinenden Lübecker Spötters zu verfallen? Das Ehepaar Jens jedenfalls konnte es nicht; wenn man ihnen das erst einmal nachsieht, liest sich ihre Lebensgeschichte der „Frau Thomas Mann“ ganz unterhaltsam. Es scheint, als hätten Jens und Jens dadurch ziemlich genau Katia Manns eigenen, in allen Lebenslagen depressionsabweisenden Gefühlston getroffen. Jüngling/Roßbeck können das nicht so gut, dafür geben sie viel mehr Einsicht in Briefe, Papiere, Unterlagen der Katia Mann. Sogar der Name Walter Jens wird einmal erwähnt. Die sechsundsiebzigjährige Frau Mann lehnte ihn als möglichen Präsidenten einer zu gründenden Thomas-Mann-Gesellschaft ab. Das mag den beiden Biographinnen gefallen haben. Leider zitieren Jüngling/Roßbeck viel zu wenig aus den Briefen der Hedwig Pringsheim, Katias Mutter. Diese Frau konnte schreiben! Und wie sie ihren Schwiegersohn erkannt hatte: „Tommy lebt Material.“ Manches in ihren Briefen liest sich wie Thomas Mann in die Feder diktiert, man denkt, das kenne man doch aus dem Zauberberg. Wohl wahr. Zuerst aber stand es in einer Situationsschilderung der Hedwig Pringsheim. Nicht von ungefähr war sie die Tochter der Hedwig Dohm, der brillantesten Polemikerin der ersten deutschen Frauenbewegung.
Jens/Jens wiederum zitieren aus den Briefen der Mutter Katias erfreulich viel, vernachlässigen jedoch insgesamt die Geschichte der jüdischen Familie Pringsheim-Dohm-Schleh. Das mag ganz im Sinne der portraitierten Katia Mann sein, bleibt aber doch ein Versäumnis. Jüngling/Roßbeck dagegen führen zurück bis in die Ur-Großeltern-Generationen, was aufschlußreich zu lesen ist, da man nicht zu Katharina Pringsheim, spätere Katia Mann, hinführen kann, ohne vom assimilierten deutschen Judentum zu erzählen. Aber vor dem Jüdischen weichen auch Jüngling/Roßbeck in spezifischer Weise aus. Zum Beispiel: Katia Mann mußte mehrmals zur Liegekur ins Sanatorium und traf dort, so schrieb sie an ihren Mann, auf „weiß Gott lauter Juden, aber keiner von der unangenehmen Sorte“. So ausführlich das Autorinnenpaar zitiert, das haben sie nun weggelassen. Bei Jens steht es, und ist ein Beispiel für die Selbstverständlichkeit des eigenen jüdischen Blicks der Frau Thomas Mann.
Katharina Pringsheim, die einzige Tochter und das fünfte Kind einer jüdisch-deutschen wohlsituierten Familie, wächst protestantisch getauft auf, ohne zu wissen, daß sie Jüdin ist, ein hochbegabtes Mädchen: alte Sprachen und alles Logische, wie Mathematik, Physik und philosophisches Denken sind ihr Feld. Sie ist noch keine zweiundzwanzig Jahre alt, als sie 1905 Thomas Mann heiratet. Nach pünktlich neun Monaten kommt das erste von sechs Kindern, und dann kommt alles das, was die Thomas-Mann-Gemeinde sowieso schon bestens kennt, und seit der Verfilmung dieser Familiensaga auch das bessere Fernsehpublikum.
Neu ist es ja für niemanden, aber weil sie seine Frau war, die Frau des großen deutschen Schriftstellers, schien es nie passend, über ihr Jüdischsein zu reden. Die Leserschaft wußte und weiß es. Gleichwohl nie so ganz genau. Halb? Viertel? Doch nicht etwa ganz? Die rassistische Nazi-Bruchrechnerei wird auch die erwachsenen Kinder der Familie Mann beschäftigt haben, vielleicht mehr noch nach 1945, abwehrend und von feiner Ignoranz dem eigenen Jüdischen gegenüber, auch im Blick auf die verdrängende deutsche Nachkriegsgesellschaft. Nach der Halacha immerhin waren die Kinder von Katia und Thomas Mann allesamt noch ganz gute Juden. Zwar, oj, getauft, aber, nu.
Im Familieninnern der Pringsheims war das Jüdische Teil ihrer großbürgerlichen Lässigkeit, ihrer freundlichen Arroganz, ihrer blitzgescheiten Brillanz und großzügigen Gastfreundlichkeit. Später, im Machtbereich des Zauberers, des deutschen Dichters, war das Jüdische unpassend, zumindest nach außen hin; innerhalb der Familie, hinter verschlossenen Türen, womöglich nicht.
Vor der Nazizeit hatte Thomas vor seiner Mutter und auch vor Bruder Heinrich zu rechtfertigen gehabt, daß er nun Schwiegersohn einer schwerreichen und hochangesehenen jüdisch-deutschen Familie geworden war. Ihn wird das Jüdische gereizt und angezogen haben, vielleicht ähnlich wie die Homosexualität, als das verbotene Andere. „Momentweise glaube ich, ein klein bißchen Judenthum durchblicken zu sehen, was mich jedes Mal sehr heiter stimmt“, schreibt er 1905 an Heinrich mit Blick auf seine Erstgeborene, die Tochter Erika.
Das Jüdische und die deutsche Gesellschaft. In beiden Biographien, so scheint mir, ist vermieden worden, diesen Gedanken als hörbar deutlichen Grundton einzuziehen ins Beschreiben und Nachdenken über Katia Manns Leben. Gerade das Negieren des Jüdischen in der Familie Thomas Mann wäre zu deuten gewesen, vielleicht als ein verinnerlichter Antisemitismus der getauften Jüdin Katia, die andererseits in Momenten auch jüdischen Stolz zeigen konnte; diesen Spannungsbogen zu analysieren, wäre wichtig gewesen. Jüngling/Roßbeck behandeln den Aspekt immerhin in der Zeit vor der Eheschliessung und zeigen den gojischen Verehrer der Katia Pringsheim, den „leberleidenden Rittmeister“ aus Lübeck, wie ihre Brüder ihn spöttisch nannten, auch ein wenig als Parvenü. Später, in der Zeit der Flucht vor den Nazis und in Amerika, als die Manns umgeben von anderen geflohenen Juden leben, verlieren die Autorinnen das brisante Thema - vergleichbar der Familiendynamik im Hause Mann, wo als von den Nazis bedroht und tatsächlich gefährdet Ehefrau und Kindern allein der Zauberer gewesen zu sein scheint, und nicht sie selbst.
Ich glaube, wir müssen noch auf ein weiteres Buch warten. Ein Buch über diese beachtenswerte jüdisch-deutsche Frauen-Dynastie: Angefangen bei besagter Hedwig Dohm, geborene Schlesinger, der Ur-Feministin, deren Texte noch heute aktuell sind, über ihre Tochter Hedwig Pringsheim, der eloquenten und wunderbar lästernden Briefeschreiberin, über deren Tochter Katia Mann, der Thomas-Mann-Managerin, bis hin zu Erika Mann, mit der etwas zerbrach und aufhörte zu sein.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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