Frau
Paula Trousseau.
Roman von Christoph
Hein (2007, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 23.5.2007:
Die wilden Erdbeeren der DDR
Christoph Hein denkt mit "Frau Paula
Trousseau": Ein großer Künstlerroman über eine scheiternde
Egozentrikerin
Mit epischem Atem, weit ausgreifend,
doch immer eng an der Figur, um die es geht, erzählt Christoph Hein in seinem
neuen Roman eine Künstlerbiographie, verschränkt die erzählte Gegenwart mit
ihrer Vorgeschichte und kehrt noch einmal dahin zurück, wo er als Erzähler zu
Hause war, in die (späte) DDR. Es ist die Geschichte einer gelungenen
Emanzipation und zugleich des Preises, der dafür zu zahlen war: der Preis des
Lebens.
Schon einmal, 1982, hatte Hein eine solche Geschichte erzählt: die Novelle Drachenblut,
mit der er bei uns im Westen bekannt geworden ist. Damals fühlte sich die Ärztin
Claudia gegen "alles gewappnet", sie glaubte sich allein stark, weil
sie sich in ihre "unverletzbare Hülle" zurückgezogen hatte. Tatsächlich
blieb ihr Leben ohne Leben. Die Diagnose, die Hein damals stellte, Entfremdung,
Kälte, Liebesunfähigkeit, wird jetzt als eine Entwicklung vorgeführt,
komplexer, widersprüchlicher, lebensnäher. Dabei lässt sich die
Verwandtschaft von Claudia und Paula nicht übersehen: ",Nein', sagte ich,
‚die Arbeit ist für mich alles.' ‚Und es gibt keinen Menschen, mit dem du
Hoffnungen verbindest? Von dem du träumst?' ‚Gott bewahre', sagte ich nur und
lachte laut auf.'" Nur hat Paula das Glück, Malerin zu sein.
Entwicklungs- und Künstlerroman verschränken sich also. Der weitaus größte
Teil des Buches spielt in der DDR, in den siebziger und achtziger Jahren. Aber
alle Politik scheint allenfalls im Hintergrund auf. Paula interessiert sich
nicht dafür. Sie will malen, nichts sonst. Eigensinnig will sie ihren Weg
gehen. Endlich fange sie an, hält sie zu Beginn ihres Studiums ihrem Vater vor,
"endlich auch einmal an mich zu denken". Das führt zu Konflikten, die
sie austrägt, außer in den - zugegeben seltenen - Fällen, in denen sie an die
politischen Grenzen der Verhältnisse stößt. Politisch lenkt sie dort stets
ein, wo sie den Widerstand für sinnlos hält.
Paulas Verhalten mag uns heute als unpolitisch erscheinen. Es wurde aber zu
Zeiten des seligen Arbeiter- und Bauernstaates, wenn es nötig schien, politisch
gewertet. Was hierzulande & heutzutage kaum noch jemand verstehen kann (oder
will), den wie selbstverständlichen Zwang zur Anpassung, der von den Verhältnissen
ausging und wie das Wetter zur Not maulend wahr-, aber notgedrungen auch
hingenommen wurde, das wird uns jetzt noch einmal an dieser Malerin vorgeführt.
Hein konnte im Westen schon immer auf viele Leser und Freunde rechnen. Nach der
Wende wandten sich allerdings bemerkenswerte viele Kritiker von ihm ab. Seine
Standhaftigkeit und sein Eigensinn, von dem sich einiges in der Figur von Paula
Trousseau wiederfindet, wurden ihm manchmal schwer verübelt. Man attestiert ihm
gerne einen biederen psychologischen Realismus, der sich einer spröden Sprache
bediene. Entsprechend fand der neue Roman neben jubelnder Zustimmung auch schon
harsche Kritik.
Dabei ist das Leben dieser Frau psychologisch schlüssig erzählt. Paula
scheitert mit ihrem Lebensentwurf, wie sie an den Verhältnissen in der DDR
scheitert, als Frau und als Künstlerin. (Ein Problem, das durch die
Wende nicht erledigt wurde, wie die absurde Aufregung um arbeitende Frauen und Mütter
mehr als nur belegt.) Ein Freund hatte sie einst mit der Begründung verlassen,
sie sei unfähig zu lieben. Diese Diagnose, nur zu früh gestellt, bewahrheitet
sich im Laufe der Jahre immer mehr. Dabei zeigt sich Paula, alles andere als prüde,
auch lesbischen Beziehungen gegenüber offen. Ihr Narzissmus schützt und
behindert sie zugleich. Paula genießt den Ruhm, den sie sich als schwangeres
Aktmodell an ihrer Kunsthochschule erworben hatte. Sie bleibt stets
selbstbezogen.
Ein Professor wirft ihr romantische Illusionen vor: "Kunst" sei
"kein Lebensersatz". Sie missbrauche die Kunst, um mit dem Leben
zurechtzukommen. Hein knüpft hier an eine gute Tradition an. In einem seiner
berührendsten Essays hatte der ungarische Philosoph Georg Lukács unter dem
Titel "Das Zerschellen der Form am Leben" das unglückliche Verhältnis
Sören Kierkegaards zu seiner Verlobten Regine Olson beschrieben. Sechzig Jahre
später beschrieb Agnes Heller, eine Schülerin des Philosophen, unter dem Titel
"Das Zerschellen des Lebens an der Form" die autobiographischen Bezüge
in Lukács' frühem Entwurf. Wir kennen aus Kafkas Briefen und Tagebüchern sein
vergebliches Bemühen, künstlerische Arbeit und persönliches Glück zu
verbinden. Eine unlösbare Problematik?
Hein verwechselt zum Glück nie die psychologische mit der kausalen Begründung
eines Geschehens. Es geht ihm vielmehr um den Spielraum eines Lebens, die
Zusammenhänge, die sich ergeben, die Wechselwirkungen, die sie erzeugen. Also
gerade nicht um einfache Erklärungen, sondern um ein differenziertes Bild der
Verhältnisse. (Dass ihm dabei gelegentlich etwas holzschnittartige
Formulierungen unterlaufen - geschenkt!)
Paula, die in einer Familie mit einem tyrannischen Vater und einer schwachen
Mutter aufwuchs, flüchtete, wie das in der DDR üblich war, sehr jung in eine
Ehe. Anders als ihre Schwester, die nur raus wollte, um jeden Preis, will sie
aber mehr. Nur was sie hinter sich hoffte, das holt sie immer wieder ein. Ihr
Wunsch, sich künstlerisch auszudrücken, lässt sich nicht, wie ihre verschmähten
Liebhaber gern behaupten, umstandslos auf die innere Verhärtung zurückführen,
die sich in ihren "grauen Bildern" zeige.
Für ihre Ansicht, dass man sich auf andere letztlich nicht verlassen könne,
findet Paula naturgemäß immer neue Bestätigungen. Auch der Mann, ein
erfolgreicher Architekt, den sie, gleich zu Beginn, heiraten wird, wünscht sich
nur das Heimchen am Herd, das nebenbei dann ein bisschen malen darf. Der
Hochzeitstermin ist festgesetzt. Paulas Lebensbericht beginnt mit einem Besuch
bei ihren Eltern. Sie will, eine Woche vor der Hochzeit, den Termin verschieben,
weil sie am Tage der geplanten Hochzeit zur Aufnahmeprüfung an der Berliner
Kunsthochschule zugelassen worden ist. Der Roman steigt also ein mit einem
Konflikt, den Paula, wie viele, die ihm noch folgen werden, durchstehen wird,
bis sie am Ende, nur konsequent, einfach aufgibt.
Ihr geliebter Sohn ist erwachsen geworden und aus dem Haus, er braucht sie nicht
mehr. Nach der Wende, die Menschen hatten andere Sorgen, war (nicht nur) ihre
Kunst kaum mehr gefragt. Sie lebte mittlerweile allein, hatte sich im Laufe der
Jahre mehr und mehr isoliert. Mit der paradoxen Wirkung, dass uns diese Frau, je
weiter sie sich von den anderen entfernt, immer näher kommt. Deshalb geht sie
nun auf ihre letzte Reise, die in Frankreich, in einem fast unzugänglichen
Nebenarm der Loire, endet. Ihr Selbstmord war gut vorbereitet. Ihr Nachlass
geordnet.
Ein (fast) abstraktes Bild, das sie selbst "das weiße Bild" nennt,
wird zum Symbol ihres Scheiterns. Ihr zeitweiliger Lebensgefährte, einer ihrer
Professoren, begriff es als Kriegserklärung. In der DDR wurden Bilder dieser
Art zum Politikum. Die Professoren an der Kunsthochschule mussten für ihre
Studenten gerade stehen. Von heute aus betrachtet schwer vorstellbar. Doch muss
man nur darin erinnern, dass in den fünfziger und sechziger Jahren der
amerikanische Geheimdienst abstrakte Kunst finanzierte, in der erklärten
politischen Absicht, sie im Kalten Krieg als Waffe gegen den Ostblock
einzusetzen. Hein beleuchtet hier nur, von der anderen Seite her, noch einmal
die Angst des totalitären Regimes vor dem, was sich seinem Zugriff - und sei es
dem begrifflichen - entzog.
Paulas weißes Bild strahlt aus. Es beleuchtet ihr Leben. Es bewertet ihr künstlerisches
Werk. Sie selbst hat es eindrucksvoll beschrieben. Es geht kompromisslos aufs
Ganze. Das, was es zeigt, ist nämlich dem Nichts, dem bloßen Weiß, in langer
Arbeit abgerungen. Paula hat dieses Bild gegen den gespürten Widerstand gemalt.
Sie hat aber nie dafür gekämpft. Das wäre in der späten DDR möglich
gewesen. So weit wollte sie nicht gehen. Hein verzichtet hier, wie überhaupt,
auf jede Stellungnahme. Er präsentiert die Figur, wie sie (glaubt man der
Widmung: "Für Paula T.") wirklich gewesen ist.
Den Lebensbericht schrieb Paula für ihre Tochter, die ihr als Dreijährige bei
der Scheidung genommen worden ist. Der Vater erhielt das Sorgerecht und
verweigerte der Mutter fortan, ihr Kind zu sehen. Sie leidet etwas, aber wehrt
sich nicht. Die Tochter konnte ihr die Trennung nie verzeihen und gibt
konsequenterweise das Manuskript ungelesen zurück. Schade (für sie), denn Frau
Paula Trousseau ist nicht nur ein umfangreiches, sondern vor allem reiches
Buch geworden. Es ist das schönste, das Christoph Hein bislang geschrieben hat.
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