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Fragmentierte
Gewässer.
Gedichte von Ron
Winkler (2007, Berlin Verlag).
Besprechung von Carsten Schwedes aus dem titel-magazin
vom 23.7. 2007:
Die Kunst der Paraphrase
In Ron Winklers Gedichten verschiebt
sich der Fokus von der Natur als dem erst zu Entdeckendem auf eine Metaebene: in
der Betrachtung des Bekannten wird das Wahrnehmen selbst zum Thema. Neu ist
diese Idee nicht, doch manifestiert sie sich hier in zeitgemäßer und
vielfältiger Form.
Natürlich ist heutzutage gar nichts mehr, auch
die Natur nicht. Seit Jahrhunderten von Menschen kultiviert, taugt sie nicht
mehr für Ursprünglichkeitserfahrungen. Überall finden sich Spuren
menschlicher Gestaltung; ganze Gegenden werden in touristisch verwertbare Formen
gepresst, um ihnen einen Standortvorteil zu verschaffen. Landschaftsfotografien
à la Reiseprospekt hinterlassen daher meist einen zwiespältigen Eindruck: die
Natur übt darin zwar einen diffusen Reiz aus, im Hinterkopf stellt sich
hingegen sofort die Frage, welchem ästhetischen Klischee man gerade auf den
Leim gegangen ist.
Die Natur im Zeitalter ihrer ökonomischen Verwertbarkeit bleibt nicht ohne
Auswirkungen auf die Naturlyrik. Nach der Anprangerung von Umweltsünden in der
Ökolyrik der 1970er Jahre gerät nun die Gestaltung von Natur in den Fokus. So
etwa in Ron Winklers drittem Lyrikband Fragmentierte Gewässer, in dem
die Natur – neben einigen Kindheits- und Reisegedichten – das dominierende
Thema ist: „die Dinge stehen in Wettbewerb. zwei Strandkiefern / ringen um die
ästhetischste Neigung.“ So wenig wie Natur noch etwas Natürliches ist, so
wenig bedient sich Ron Winkler der Alttagssprache. O-Töne wird man hier
vergeblich suchen; an deren Stelle treten einfallsreiche, aus einer Vielzahl von
Themenbereichen ausgewählte Formulierungen, die in kurzen Bildsequenzen
aneinandergereiht werden: „aus einer vorbereiteten Köderlandschaft
extrahierten wir einen Teil des Weichbilds: / eine typische Unschärfepopulation
Rehe.“ Solcherart dekuvriert Winkler kulturell vermittelte Schemata
gegenwärtiger Naturwahrnehmung, wobei bisweilen seine sprachlichen Fügungen
etwas steril oder ungelenk wirken.
Diese Form der erhellenden Verfremdung stößt dort an ihre Grenze, wo sie ihre
ästhetische Funktionalität oder ihre Aussagekraft verliert. Wechselt in
einigen Gedichten bei nahezu jedem Vers das Wortfeld, das auf der Suche nach
neuen Ausdrucksmöglichkeiten herangezogen wird, so zerfällt der Text in eine
Aneinanderreihung von mehr oder weniger gelungenen Umschreibungen. Die Kunst der
Paraphrase beherrscht Winkler in außergewöhnlichem Maß; ihre Wirkung schlägt
jedoch in dem Moment um, wenn die Metapher zum bloßen Ornament wird.
Auf Distanz zur Kitschfalle
In Fragmentierte Gewässer meldet sich auffallend häufig ein „wir“
zu Wort; das lyrische Ich, aufgrund dessen die Poesie als subjektivste der
literarischen Gattungen gilt, taucht nur noch sporadisch auf. Dieses „wir“
lässt sich – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie dem titellosen Schlusstext,
in dem sich xenienartig die Gedichte an den Leser wenden – nicht näher
spezifizieren. Ob sich nun die gemeinschaftlichen Erfahrungen einer Gruppe, ein
aufgespaltenes Ich oder eine gesellschaftliche Konstante dahinter verbirgt,
eines jedenfalls ist klar: aus diesen Gedichten spricht kein vereinzeltes
Individuum mehr, das seine Sinneswahrnehmungen mitteilt.
Dieses „wir“ nimmt durchgängig in eine ironische Grundhaltung gegenüber
der Natur ein. Sie bietet sich an, um gar nicht erst in die Falle des
idyllischen Naturkitschs zu tappen; Wallungswert kann aus einer solchen
emotionalen Distanz heraus allerdings nicht entstehen. Den eher statischen Stil
versuchen hier und da einige Wortspiele aufzulockern, die auch an der Grenze zum
Kalauer nicht halt machen: „die verschiedenen Editionen von Katze laufen
schlechter. / das hier ist auch kein Catwalk.“
Ironie und Abkehr von individueller, sinnlicher Naturerfahrung bilden den
Grundton von Fragmentierte Gewässer. Die Natur ist in diesem Gedichtband
eher Projektionsfläche oder Ausgangspunkt für die Anfügung von Sprachmaterial
und nicht primärer Gegenstand des Interesses oder der Empfindungen. Der Zugang
zu ihr beschränkt sich auf wenige, immer wiederkehrende Elemente wie Wind, See,
Vögel, Sonne oder Regen, Schafe, Rehe oder Kühe. Vielfältig hingegen sind die
Darstellungsformen der Wahrnehmung von Natur. Der Fokus verschiebt sich so von
der Natur als dem erst zu Entdeckendem auf eine Metaebene: in der Betrachtung
des Bekannten wird das Wahrnehmen selbst zum Thema. Neu ist diese Idee nicht,
doch manifestiert sie sich in Ron Winklers Gedichten in zeitgemäßer und
vielfältiger Form.
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