Fräulein Stark von Thomas Hürlimann, 2001, Ammann1.) - 2.)

Fräulein Stark.
Novelle von Thomas Hürlimann (2001, Amman).
Besprechung von Ursula März aus der Frankfurter Rundschau, 2.8.2001:

Zurück ins Paradies führt kein Weg. Oder doch?
Namen sind nicht Schall und Rauch: Thomas Hürlimann, dem soeben der Breitbach-Preis zugesprochen wurde, sorgt mit seiner artistischen Novelle "Fräulein Stark" für erhebliche Unruhe

Man weiß, dass Peter Handke mit der Schauspielerin Libgart Schwarz verheiratet war und dass es ein Kind aus dieser Ehe gibt, das den Namen Amina trägt. Man weiß auch, dass Handkes 1981 veröffentlichtes Buch Kindergeschichte auf reale Ereignisse und Erfahrungen zurückgeht, die diese drei realen Personen betreffen. Aber man vergisst es bei der Lektüre. Man vergisst es sogar bei einer Wiederlektüre nach zwei Jahrzehnten, die es sich bewusst zur Aufgabe macht, einmal so zu tun, als handele es sich hier nicht um eine literarische Erzählung, sondern um eine private Mitteilung von Herrn Handke über sich, seine Gattin Libgart und Amina. Der ästhetische Gewinn setzt sich schon auf Seite zwei gegen das Wissen um die empirische Herkunft des Stoffes durch.

Dass der Autor seine Figuren nicht bei den Namen nennt, die ihre lebenden Vorbilder tragen, ist einerseits eine der Techniken, auf denen die Metamorphose natürlicher in literarische Wirklichkeit beruht. Andererseits aber auch ein Zeichen der künstlerischen Souveränität, die er im Verhältnis zu seinem Stoff einnimmt. "Das Kind" und "die Frau", wie sie im Buch heißen, sind eben nicht identisch mit dem herangewachsenen Mädel, das gerade sein Matura-Zeugnis heimbringt, und seiner Mutter. Ihre literarischen Namen sind keineswegs unwichtig. Sie kennzeichnen den Abstand zwischen der privaten und der veröffentlichten Form des Stoffes. Handke bedient sich nicht des Authentizitätseffektes, im Gegenteil, er gräbt ihm das Wasser ab - und kam so auch nicht in die Lage, sich fragen lassen zu müssen, ob die berühmte, an Peter Steins "Schaubühne" beschäftigte Libgart Schwarz ihrer Fahrigkeit wirklich so viele Nylonstrümpfe opferte.

In der Epoche des Autobiographismus ist es zur Gewohnheit geworden, solche, an literarische Produkte gerichtete Fragen mit dem Hinweis auf das Banausentum der Fragesteller abzuwehren und im gleichen Atemzug die Freiheit der Kunst zu preisen. Zwar gab die Justiz dem Mann Recht, der vor einiger Zeit gegen Birgit Kempkers Erzählung Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag klagte, da er mit seinem echten Namen als dieser Junge genannt wurde. Die Literaturwissenschaft aber und Teile der Literaturkritik schlugen sich auf die Seite der Autorin und ihres Verlages und rümpften die Nase über die Humorlosigkeit des Klägers, der nicht begreifen wollte, dass seine Verarbeitung zu Text ihn als natürliche Person doch gar nicht betrifft. Wäre ein Spinner auf die Idee gekommen, den Mann nächtens am Telefon zu terrorisieren ("eh, hast du echt mit der Kempker?"), hätte er sich trösten können mit der Überlegung: Der ruft nicht mich an, der ruft den Mann aus dem Buch des Droschl Verlages an. Danach hätte er dennoch eine Schlaftablette benötigt. Und am nächsten Tag den Besuch einer Bibliothek, um bei Derrida nachzulesen, wie der gesunde Menschenverstand um vier Ecken geht, bis er beim Mumpitz kontextloser Philologie wieder herauskommt.

Derzeit muss sich der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann - ihm ist soeben der Joseph-Breitbach-Preis zugesprochen worden - in Sankt Gallen Vorwürfe gefallen und einen kleinen Skandal über sich ergehen lassen. Sein Onkel, der 86-jährige Theologe Johannes Duft, brachte sogar eine Streitschrift wider das jüngste Werk des Neffen heraus, der einer prominenten Politikerfamilie entstammt. Für die literarische Welt sieht es so aus, als läge das Problem des Skandals bei der autoritären Engstirnigkeit Schweizer Provinzler. Mag sein, sie sind grauenhaft autoritär. Mag sein, sie sind komplett verbohrt und wünschen sich heimlich, in Rom gäbe es eine weltweit zuständige Zensurbehörde.

Aber egal, wie übertrieben ihre Aufregung auch ist: Mit dem Kopfschütteln über Prälat Duft u. Co. schafft man die Frage nach dem Verhältnis zwischen der literarischen Souveränität und dem Schlüsselcharakter von Hürlimanns Erzählung Fräulein Stark nicht aus der Welt. Dieses Fräulein heißt auch im Leben und unter ihrer Schweizer Postadresse Stark. Dass es sich der Schriftsteller mit der Namensfindung einfach machte, weil ihm der Name "Stark" eben so gut gefiel, will man zu seinen Gunsten nicht annehmen. Aber warum dann?

Die Geschichte erzählt von einem männlichen Frühlingserwachen unter den schwülen Bedingungen klerikaler Körperverbote und verklemmter Verbotsübertretungen Anfang der 60er Jahre. Sie spielt in der berühmten Bibliothek eines ehemaligen Klosters. Über einige Sommermonate hinweg ist der Neffe des Stiftsbibliothekars, eben jenes Prälats Duft, der im Buch allerdings Katz heißt, bei diesem zu Besuch. Der Onkel, der sich bevorzugt mit Hilfe lateinischer Sentenzen in Moralfragen gern undurchsichtig ausdrückt, gibt dem Nepos eine Aufgabe. Er soll den Besuchern am Eingang der Bibliothek Filzpantoffeln überstreifen, durch die der wertvolle Kirschholzboden geschont wird. Allmorgendlich geht der "Pantoffelministrant" nun vor den Besuchern in die Knie. Er tut dies umso lieber, je mehr er den frommen Blick nach oben als optische Eroberung weiblicher Reize zu schätzen lernt. Denn bei den Besuchern handelt es sich in erster Linie um Besucherinnen. Er riecht an ihren Beinen und Füßen, späht unter ihre Röcke, ins "Dunkle", ins "Geheimnis". Er kann es nicht lassen, obwohl Fräulein Stark, die energische Haushälterin des Onkels, ihm auf die Schliche kommt und ihm wegen der Versündigung gegen das sechste Gebot buchstäblich die Hölle heiß macht. Er bereut, er bekämpft, er wird rückfällig und arbeitet schlussendlich sogar mit einem Taschenspiegel, den er unter die Röcke hält. Fräulein Katz erklärt ihm die Feindschaft, bis sich gegen Ende des Sommers und gegen Ende der Erzählung ihre heimliche, hinter starker Frömmelei verborgene Komplizenschaft mit dem erotischen Beriechungs-, Betäubungs- und Berührungstreiben offenbart.

Voyeurismus ist in der pubertären Epoche üblicherweise Beginn erotischer Reifung. In Hürlimanns stilistisch und erzählerisch meisterhaft verfassten Novelle ist er indes auch das Gegenteil, der Beginn einer symbolischen Regression. Mit ihren Spuren und Zeichen ist der Text geradezu übersät. Der Junge nutzt mehr und mehr nicht nur den Augen-, sondern den Geruchssinn, wenn er da kniet. Größer und größer werdend erscheint ihm das entsprechende, ersatzphallische Organ, wenn er in den Spiegel schaut. Sein Zinken im Gesicht, dessen überproportionales Ausmaß als Erbstück zur ganzen Familie, dem ganzen "Geschlecht der Katzen", gehört.

Zwei Tanten waren sicher nicht zu verheiraten, weil ihre Nase bis zum Kinn hinunterragte. Riechen aber ist die infantilste sinnliche Möglichkeit des Menschen. Neugeborene und Kleinstkinder, die noch nicht richtig sehen können, erriechen die Muttermilch. Ihre Wohligkeit unterscheidet sich nicht von der des Neffen, den Folgendes beglückt: ". . . immer wieder geschah ein kleines Wunder: Herabflutende Wärme tunkt den Pantoffelministranten in ihren Duft ein." Flutende ist verflüssigte Wärme. Aus der Temperatur wird hier ein Strom. Er kommt von oben, entspringt einem weiblichen Körper. Nicht von einem Zwölfjährigen, der endlich Mann werden möchte, ist also die Rede, sondern von einem Baby im Arm der Mutter, das in diese zurückmöchte. ". . . und bald war ich überzeugt, nicht nur nicht weiterzuwachsen, sondern kleiner zu werden, breiter, runder", kurzum: embryonal formloser. Er kriecht nicht unter die Röcke, weil er etwas wissen will, was in Schweizer Klöstern schwer zu erfahren ist. Sondern weil er sich ver- und zurückkriechen will.

Die Fantasie trägt den Ich-Erzähler sogar zurück ins Paradies. Es liegt, dem christlichen Glauben nach, im Himmel. Und genau dort befand sich der Junge auch einmal - mit Fräulein Stark. Eingebettet in die Erzählung ist die Kindheitserinnerung an einen Ausflug, den das Fräulein mit dem Jungen ins Gebirge unternahm, wo sie, eine Appenzellerin, herstammt. Gemeinsam stiegen sie damals über die Wolkengrenze, über sich nur noch den unendlichen blauen Himmel, und Fräulein Stark gab bei dieser Gelegenheit das geheime Sehnsuchtsmotiv des Textes preis: "Es ist unsere Heimat, sagt sie leise."

Das neue Buch von Thomas Hürlimann ist ein Musterbeispiel ödipaler und damit unfreier Erzählhaltung und Erzählmentalität. Er distanziert sich - wie in all seinen vorangegangenen literarischen Arbeiten - mal ironisch, mal polemisch von der Vaterwelt und ihrer Spezialversion Schweizer Patriarchentums. Und er arbeitet zugleich an einer symbiotischen Abstandsverringerung im Verhältnis zur Mutter- und zur heilen Kinderwelt. Aus der Sicht des in Kinderhöhe knieenden Jungen verkörpert Fräulein Stark einfach alles: Himmel und Erde, Heimat und Schweiz, Verbot und Erlaubnis, Eros und Ernährung. Ihr Name ist heilig wie der des Schöpfers. Das Sakrileg, diesen Namen im Sinne der literarischen Fiktion willkürlich zu verändern, hat Thomas Hürlimann nicht begangen. Er ist ein überaus intelligenter, künstlerisch hochrangiger Autor. Aber er steckt in seinem Stoff wie in einem uteralen Kosmos. Das beschränkt und verhindert eben jene literarische Souveränität, die Handkes Kindergeschichte auszeichnet.

Der Fall Hürlimann - wenn man ihn so nennen will - liegt anders als der Fall Birgit Kempker, wiewohl in beiden Fällen nicht auszuschließen und nicht zu unterschlagen ist, dass sich Personen, die sich plötzlich in einem Buch wiederfinden, gekränkt fühlen können. Kempkers Entscheidung aber, den Namen des Mannes zu nennen, mit dem sie "zum ersten Mal im Bett lag", beruht auf der Afiktionalität forcierter Experimentalliteratur.

Thomas Hürlimann jedoch ist alles andere denn ein experimenteller Schriftsteller. Er ist ein klassischer Erzähler, er bewegt sich in traditionellen Formen. Zu deren Regeln gehört die Fiktionalisierung von Namen. Deshalb ist die Ausnahme, die er bei Fräulein Stark machte, so merkwürdig - und auch fragwürdig. Die Stelle, auf die Hürlimanns Sankt Gallener Onkel den Finger legt und auf der er einen Skandal entfachte, ist tatsächlich ein wenig wund. Johannes Duft beansprucht im Übrigen, für die in ihrer (wie er behauptet) Ehre verletzten realen Frau Stark zu sprechen. Sie selbst schweigt.

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Fräulein Stark von Thomas Hürlimann, 2001, Ammann2.)

Fräulein Stark.
Novelle von Thomas Hürlimann (2001, Amman).
Besprechung von Wolfgang Bortlik aus der Wochenzeitung, Zürich, 2.8.2001:

«Starkes Stück. Lesung von Hürlimann abgesagt. Wirbel um das neue Buch ‘Fräulein Stark’ von Thomas Hürlimann», las ich in der alten Tante NZZ so um den 20. Juli herum. Meine gesamte Ferienentspannung war zum Teufel. Ja was war denn jetzt schon wieder los? War er wieder beleidigt, der Hürlimann? Wie 1998, als er an der Frankfurter Buchmesse fest schwitzend fäustelte mit Muschg gegen die bösartigen Kritiker, die ihm seinen grossen Kater geschlachtet hatten? Und sich einer Grosslesung verweigerte, aber total! Worauf schon mal ein Skandälchen da war. Und das schadet nie, so was!
«Hürlimann liest nun doch», las ich aber anderntags an selber Stelle. Mein Erleichterungsseufzer wird sogar die aus völlig undurchsichtigen Gründen beständig das Centovalli abfliegenden Helikopter übertönt haben. Klar, er soll, er muss lesen, Hürlimann, das ist seine Bestimmung! Hürle, wie er bei uns jüngeren Schriftstellern wohl etwas flott, aber doch nicht despektierlich genannt wird, Hürle also stellte sich dem Widersacher, verweigerte sich diesmal nicht. Sein Onkel, der Stiftsbibliothekar, der in «Fräulein Stark» eine Hauptrolle spielt, war sauer darüber, wie ihn der Nepos, der Neffe, in der autobiografischen Novelle dargestellt hatte. Und der sanktgallische CVP-Buchhändler als Veranstalter der Lesung war auch irgendwie vergrätzt ... Ja aber wieso denn? Gerade Letzterer müsste doch eigentlich ein Interesse daran haben, Hürles neues Buch zu featuren beziehungsweise zu verkaufen. Dachte ich. Aber so eine Verteufelung treibt schliesslich ja auch noch den letzten katholischen Analphabeten in die Buchhandlung, um sich das Satanswerk zu krallen. Und das Skandälchen scheucht nicht nur mich aus dem Liegestuhl, sondern die gesammelten Kulturhyänen der Medien an ihren Schreibtisch. Hoppla, ich verstand, das war eine geradezu dialektische, nein, eine Dreifaltigkeitskampagne. Teuflisch clever, echt! Von wegen Provinzposse. Weil man muss ja heute sowieso über Promis in der Verwandschaft oder mindestens einen Top Dog als Seitensprung der Mutter schreiben, um noch in die Hitparade zu kommen. Vielleicht müsste ich halt doch mal in meiner leider allzu proletarisch-bäuerlichen Vorfahren- und Verwandtschaft wühlen.

Inhaltliches

Okay, meine Tasse Tee ist es ja nicht, das «Fräulein Stark», dieses neue Novellchen unseres katholisch-konservativen Schreiberlings. Das ist mir alles zu hermetisch. Ein braves Heldchen überbrückt bei seinem hedonistischen Prälatenonkel die Zeit, bis es in die Klosterschule eintreten muss. Armer Hund. In der kostbaren Stiftsbibliothek, welcher der Onkel vorsteht, bekleidet das Neffchen die Füsse der Besucher mit Filzpantoffeln zur Schonung des Bodens. Und bei weiblichen Füssen rutscht dem Nepos dann der Blick öfter nach oben. Das sieht das Fräulein Stark, die Haushälterin des Onkels, nicht gern. Und unter allerlei Seelenheildisput, sexueller Wirrnis und Wörtergeklingel vergeht die Zeit. Lachen kann man auch nicht so recht. Ich bin ja zufälligerweise auch so ein Kathole, und ich hätt da schon ein paar kräftigere Sachen erwartet. Beispielsweise unsere Schweinebacken-Mutprobe auf dem Dorf: Dem Pfarrer vor die Tür scheissen, eine Zeitung drüberlegen, anzünden, läuten und aus der Ferne zukucken, wie die Haushälterin oder Hochwürden höchstpersönlich das Feuer austreten will. Da kommt Freude auf.
Ja gut, sag ich mal, Hürle ist doch eher einer von der verklemmteren, verschwiemelten Front. Da kicherts und wisperts und transpirierts wollüstig rund um diesen Neffen, und weil alles schön gravitätisch aufbereitet ist und bildungsbürgerlich – immer mal wieder Kant, Wüstenprophet und ordentlich Latein zitiert in einer Welt aus Büchern – gefällts natürlich auch den einschlägigen Kreisen bis zum Interpretationsstillstand.
Wobei ich sagen muss, dass der Maestro natürlich gut umgeht mit der Sprache. Das kann er, da gibts keine metaphorischen Peinsamkeiten wie beim ollen Muschg oder so. Hürle erzählt seinen Stiefel beziehungsweise seinen Pantoffel runter, da kann ihm keiner kommen.
Obwohl, so ein paar Konstruktionsschwächen knarren schon im Novellengebälk. Beispielsweise diese hinzugefügte Sippengeschichte, die jüdische Herkunft, deren sich der Neffe erst langsam bewusst wird, ist ein bisschen dünn aufgestrichen. Das ganze Katzentum, Katz-Judentum, ist doch kryptisch, da druckst Hürle doch herum. Da klemmts doch. Um was gehts denn jetzt da? Zeigen, dass man trotz jüdischer Herkunft Stiftsbibliothekar und hoher katholischer Würdenträger werden kann?
Und der Neffe, der mit seinem Katz-Zinken, also bitte!, den Butzen beim Filzschuhanziehen unter die Röcke schielt und so – was auch sonst – das Geschlecht entdeckt, na ja, das hab ich schon wo anders ausreichend gelesen. Kess fand ich irgendwie die masochistische Latte am Ganzen. Der Typ zieht sich zum Wichsen Wollstrümpfe über den Schniedel. Aua! Und dieses Fräulein Stark mit ihrem ambivalenten Appenzeller Surrealismus, das dem Heldchen die Socken gestrickt hat, wäscht sie ihm dann nachher auch noch wieder aus. Na, wenn ich so ein Frauenbild in ein Romänchen hinskizzieren wollte, dann hätt ich aber echt Krieg zuhause.

Spezifisches

Das mit der Erotik, die die KritikerInnen in dem Buch überall am Wallen und Wullern sehen wollen, hab ich auch nicht ganz verstanden. Voyeurismus und Onanie sind zuerst mal ganz offiziell Perversionen, nicht wahr. Und Fetischismus sowieso. Und so wie Hürle die Spannerei des Neffchens und deren Objekte beschreibt, ja also, echt, eine perverse Sau, der so was erotisch findet. Ich wiederhole: Wollsocken! Wieso nimmt der Neffe für seine Handverrichtungen eigentlich nicht gleich so einen Filzpantoffel? Den vom zartesten Füsschen des Tages! Ziemlich lustig allerdings ist die Szenerie in dieser dürrenmattschen Weltuntergangsbeiz zum «Porter», wo einmal der betrunkene Verbindungsdepp dem Wirt wie selbstverständlich den Arsch knetet, weil die übliche Serviertochter frei hat.
Nennen wir das ganze Novellchen halt eine Entwicklungsgeschichte. Hätte vielleicht vor fünfzig Jahren erscheinen sollen. Jetzt liest man zum einen Auge rein und zum anderen raus oder so ähnlich. Der Bildschirm flackert, die Festplatte bleibt leer. Warten aufs nächste Skandälchen. Puff!
Okay, und zum Schluss: Was ist denn das für eine Übersetzung von «nomine ante res», die ja immerhin so ein ziemlich übergreifendes Motto bildet in der Geschichte. Hürle, das hast du nicht aus dem Lateinunterricht, Mann. Das heisst doch ganz glasklar «Der Name vor dem Ding», nicht «Die Wörter zuerst». Wo ist das Zitat eigentlich her? Aus so einer gotteslästerlichen Bibelfälschung? Der Mensch kann nicht die Dinge verstehen, nur die Namen. Beziehungsweise: Man denkt in Begriffen. Klaro!
Und vergiss dieses reaktionäre Motto: «Am Anfang war das Wort, dann kam die Bibliothek und erst an dritter und letzter Stelle kommen wir, die Menschen und die Dinge.»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

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