Fräulein Schröder von Susanne Fengler, 2004. Kiepneheuer1.) - 2.)

Fräulein Schröder.
Roman von Susanne Fengler (2004, Kiepenheuer).
Besprechung von Eckhard Fuhr aus Die Welt vom 7.9.2004:

Fräulein Schröder wird politisch
Susanne Fengler hat einen Roman über die Arbeit in einer Parteizentrale geschrieben

Ein autobiografisches Buch ist "Fräulein Schröder" schon deshalb nicht, weil Susanne Fengler, anders als ihre Heldin, erfolgreich promoviert hat. Die Romanfigur Miriam Schröder erfährt an ihrem 30. Geburtstag, dass ihre altertumswissenschaftliche Dissertation abgelehnt ist. Miriam ist offensichtlich das Opfer des Konkurrenzkampfes zweier Professoren und war viel zu lange und viel zu eng mit dem falschen, dem Unterlegenen nämlich, verbunden. Ein Machtspiel, Politik also, erschüttert Miriams Selbstbewusstsein gewaltig.

Dass sie in einer solchen Krise ähnlich reagieren würde wie ihre Figur, kann man sich bei Susanne Fengler leicht vorstellen: Sie geht erst einmal zum Friseur, finster entschlossen zur äußeren Metamorphose, trifft dort jemanden, der ihrem Leben eine überraschende Wendung geben könnte und lässt die blonde Lockenpracht schließlich doch dran. Was nützt es, wenn ihre Haare als Sternbild enden wie die der Ptolemäer-Königin Berenike, der Miriam fünf Jahre wissenschaftlicher Arbeit gewidmet hat, umsonst. Da sind wir schon mitten in dem Roman "Fräulein Schröder" (Gustav Kiepenheuer, Berlin. 322 S., 24 Euro), der jetzt erscheint.

Der also handelt von einer Altertumswissenschaftlerin, die keinen Doktortitel erhält, zum Friseur geht, dort einen leitenden Mitarbeiter der Parteizentrale der "anderen großen Volkspartei" trifft, von wo aus SIE den Kampf um die Regierungsmacht führen will, von IHM, dem Konkurrenten aus den eigenen Reihen, aber daran gehindert wird, was die gesamte Partei in eine Katastrophe stürzt, wir schreiben das Jahr 2001.

Autobiografisch daran ist, dass Susanne Fengler in dieser Zeit in der CDU-Zentrale (Abteilung Text und Konzeption) als Referentin gearbeitet hat, schließlich ist sie Kommunikationswissenschaftlerin, ausgewiesen durch eine Arbeit über amerikanischen Medienjournalismus. Sie weiß also, worüber sie schreibt, wenn sie Miriam Schröder zum Bewerbungsgespräch schickt bei einer Institution, in der Politik auf eine ganz banale Weise Beruf wird, Angestelltenalltag eben. Dort gibt es kleinkarierte gelbe Sakkos und Herrensocken mit dem Namenszug ihres Trägers am Bündchen; es gibt die dunkel-coolen Outfits der neuen Generation, es gibt alte Parteisoldaten, schwitzende Lagerkämpfer und schlaue Spindoctors. Und natürlich Eifersucht, Eitelkeit, Hofschranzentum. "Fräulein Schröder" ist aber keine Satire auf die Parteipolitik im allgemeinen und die CDU im besonderen. Die Autorin denunziert ihre Figuren nicht. Demokratische Politik ist schließlich ein ehrbares Geschäft. Skandal wird "Fräulein Schröder" nicht machen. Aber ein in Facetten realistisches Bild des Politikbetriebes vermittelt der Roman schon. Überrascht habe sie, sagt die Autorin - aber da gibt sie sich wahrscheinlich naiver als sie ist -, dass in diesem Betrieb mehr improvisiert als langfristig geplant wird. Sie habe sich das alles viel ausgeklügelter und professioneller vorgestellt. Wer gründlich Zeitung lese, wisse genau so viel wie die Parteiakteure. Auch im Machtzentrum einer großen Partei wird nur mit Wasser gekocht. Doch ein genereller Politikverdruss, wie bei vielen ihrer Generationsgenossen, ist Susanne Fengler aus dieser Erfahrung nicht erwachsen.

Zwei historische Romane, die im Berlin der friderizianischen Zeit und im Vormärz spielen, hat sie bisher veröffentlicht. Zusammen mit der Dissertation, Aufsätzen und journalistischen Arbeiten ist das für eine Dreiunddreißigjährige schon eine Menge gedruckte Hinterlassenschaft. Von der melancholischen Lethargie der Generation Golf merkt man bei Susanne Fengler wenig. Ihr dritter Roman sollte ebenfalls ein historischer werden. Eine himmelskundliche Sendung im Deutschlandfunk über das Sternbild "Haar der Berenike" weckte ihr Interesse für die Ptolemäer-Herrscherin. Die Wasser des Nils spielten für Kult und Politik in ihrem Reich eine zentrale Rolle. Der äußere Feind war der Seleukide Antiochos. Was passiert, wenn man im Jahr 2001 mit diesem Stoff im Kopf einen politischen Kommunikationsjob in der CDU-Zentrale antritt? "Da legte sich plötzlich der Schalter um", beschreibt Susanne Fengler die Erfahrung, wie sich in ihrem Hirn der historische Romanstoff und der gegenwärtige Politikstoff miteinender verzahnten. Miriam wird zur rückwärtsgewandten Prophetin. Ihre Kenntnis entlegener Papyrus-Fragmente gebiert Kommentare zum Tagesgeschehen, die sie als Seherin unter lauter Betriebsblinden erscheinen lassen. Fortsetzung

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Fräulein Schröder von Susanne Fengler, 2004. Kiepneheuer2.)

Fräulein Schröder.
Roman von Susanne Fengler (2004, Kiepenheuer).
Besprechung von Beatrix Langner in Neue Züricher Zeitung vom 30.11.2004:

Haarsträubend
Susanne Fenglers Wahlkampfsatire

Angenommen, man lässt bei den nächsten deutschen Bundestagswahlen das Volk durch Lachen abstimmen: Susanne Fenglers Roman «Fräulein Schröder» bietet dafür die ideale Gebrauchsanleitung. Mit der grimmigen Lust einer Entomologin beobachtet ihr Alter Ego, die Altertumswissenschafterin Miriam Schröder, hinter den gläsernen Schreibtischen der Wahlkampfstrategen traurige Satrapen in gelben Sakkos mit Entenkrawatten, Kreaturen wie in Schillers «Kabale und Liebe», die aufgerieben zwischen Reformstau, Konjunkturmotor und Parteikarriere «als Wegelagerer an den Windungen des Dienstweges (gediehen), so wie Bakterien sich in den Ausbuchtungen des Darms an vorüberziehenden Stoffen labten». Dass die geschichtsverliebte Verfasserin, die bisher historische Romane schrieb, auf zwei skurrile Professoren der Archäologie, die sich nebenher einen erbitterten Streit um systemtheoretische oder individualgeschichtliche Geschichtshermeneutik liefern, nicht verzichten zu können meinte und zudem noch seitenweise den kyrenischen Hofdichter Kallimachos in fingierten Nachdichtungen zu Wort kommen lässt, ist ein bisschen schade. Denn so erlahmt der Ulk immer wieder in diskurstheoretischen Pikanterien für Postdoktoranden.

Von IHR, der Grossen Vorsitzenden, die im Wettstreit um die Kanzlerkandidatur unsichtbar alle Fäden zieht, sieht Fräulein Miriam Schröder allerdings nichts. Ausser einem Haar, das sich in ihre Personalakte verirrt hat: diskretes Zeichen einer Macht, deren Stern zu sinken scheint - nur eine Haarlänge vom Kanzleramt entfernt.

Als sie vor den Kameras der Pressekonferenz erscheint, die Grosse Vorsitzende, leuchtet ihr Haar golden und gut geschnitten im herbstlichen Abendlicht. Sie, von deren Haar das ganze Land seit Jahren spricht, das alle parteiinternen Krisen um Aktenkoffer und Kandidatenrochaden im Bundeswahlkampf authentisch ostdeutsch überlebte, bis ein Berliner Starfriseur es getönt, geföhnt und wahltaktisch zurechtgetrimmt hat. Opferte doch auch jene kyrenische Prinzessin Berenike ihr Haar auf dem Altar der Aphrodite, damit ihr Gatte Ptolemäus den Krieg der Ägypter gegen den Syrer Antiochos gewinnen sollte. Kallimachos hat Berenikes Geschichte zur Mythe stilisiert. Durch Catull geriet sie in die römische Spätklassik....Fortsetzung

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