Fräulein, der Hundefänger kommt von Edgar Dutka, 2010, BraumüllerFräulein, der Hundefänger kommt.
Roman von Edgar Dutka (2010,
Braumüller-Literaturverlag - Übertragung Julia Hansen-Löve)
Besprechung von Alena Wagnerová in Neue Zürcher Zeitung vom 13.07.2010:

Wenn Bojana stirbt
«Fräulein, der Hundefänger kommt» – der Tscheche Edgar Dutka versucht, sich literarisch auf vier Pfoten zu begeben

Mit seinem Prosadébut «Am Waisenhaus 5», in dem er seine Heim-Erfahrungen verarbeitete, avancierte Edgar Dutka 2003 auf Anhieb in die erste Reihe der zeitgenössischen tschechischen Literatur. Es war ein später Beginn, wie bei so vielen Autoren in Tschechien nach 1989. Dutka, 1941 geboren, seit 1974 als Drehbuchautor, Regisseur und Dramaturg in einem Trickfilmstudio beschäftigt, schrieb seine Geschichten aus einer Anstalt, wo er zwei Jahre verbringen musste, nachdem seine Mutter, seit dem Februarputsch 1948 als Fluchthelferin tätig, verhaftet worden war, bereits zu Beginn der sechziger Jahre. Veröffentlichen konnte er vor 1989 nur ein paar davon, und so blieb das Manuskript halb vergessen bis 2003 in der Schublade. Nach dem Erfolg dieses ersten Buches brachte Dutka schon ein Jahr später das zweite heraus, den Roman «Fräulein, der Hundefänger kommt!», für den er den tschechischen Staatspreis für Literatur bekam. Die Idee dazu ist vor Jahren entstanden, beim ersten Aufenthalt des Autors bei seiner Mutter in Australien in den Jahren 1968/69. Jetzt liegt der Roman in der vorzüglichen Übersetzung von Julia Hansen-Löve auf Deutsch vor.

Das Fräulein, die Ich-Erzählerin, ist die Schäferhündin Bojana mit ihrem Zuhause in Hawkesbury Ride nördlich von Sydney bei Joe und Nela, zwei tschechischen Emigranten. Um sie versammelt sich jedes Wochenende eine bunte Gesellschaft, eigentlich eine Schicksalsgemeinschaft gestrandeter Mitteleuropäer, zu rauschenden Festen. Das allerdings ist inzwischen Vergangenheit. Nela ist vor einigen Monaten gestorben, Joe ist nach einem Schlaganfall gelähmt, ausgeliefert der gleichgültigen, mitunter brutalen «Pflege» seines missratenen Stiefsohnes Peter. Auch die Hündin Bojana ist inzwischen alt und krebskrank, geplagt von Todesangst in der Gestalt des Hundefängers, der nur darauf wartet, ihr die Schlinge um den Hals zu ziehen.

Immerhin ist Bojana im Vollbesitz ihrer Erinnerungen. Diese werden für sie zu einer Ersatzgegenwart. So entsteht ein Assoziationsgeflecht von Geschichten und Episoden, aus dem Hunde- wie aus dem Menschenleben, an der Peripherie der Zivilisation und an der Grenze zur Wildnis, mit existenziellen Niederungen, die nicht ohne heroische Züge sind. Formal schwankt Bojanas Erinnern zwischen innerem Monolog und auktorialer Erzählung. So, wie sie gerade aus dem Gedächtnis auftauchen, ordnen sich die einzelnen Reminiszenzen neben- und nacheinander. Sie überschneiden sich, gehen ineinander über, werden oft nicht zu Ende erzählt, weil schon die nächste in den Erzählstrang drängt, so dass man sich an einigen Stellen einen klarer strukturierten und gegliederten Text wünschen würde. Dies auch darum, weil die menschlichen Protagonisten, eingeschlossen Nela und Joe, blass bleiben – zumal im Vergleich mit den sehr plastischen Hundefiguren wie Alfi oder Stoppy, die allerdings klare menschliche Züge haben.

Und so ist es auch: Wer hier erzählt und sich erinnert, ist keineswegs ein Vierbeiner, der aus der Perspektive des Tieres die Welt sieht und dadurch verfremdet, sondern ein Zweibeiner mit Menschenaugen. Die Chance des Perspektivenwechsels blieb ungenutzt. Indem der Autor zum Schluss Bojana erkennen lässt, dass sie nur ein Hundekopf auf einem Menschenkörper ist, löst er letztlich selbst den Widerspruch, welcher der Figur Bojanas innewohnt. Nur einmal verlässt Bojana diese Zweibeinerperspektive: in der Schilderung der Zeit, die sie, ausgerissen, in einer Meute blutrünstiger wilder Hunde im Busch verbrachte. Das Buschfeuer, das Bojana in einer von Giftschlangen bewohnten Felsspalte als Einzige von dem Rudel überlebt, gehört zu den Höhepunkten des Buches. Aber auch das Erinnern hat einmal ein Ende. Nachdem Joe gestorben ist, heisst Bojana den Hundefänger willkommen – in der Hoffnung, im Jenseits ihrer Meute wieder zu begegnen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home I 0810 LYRIKwelt © NZZ