Fortschreitende Herzschmerzen... von Katja Kullmann, 2004, KiWi1.) - 2.)

Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad.
Eine Erzählung von Katja Kullmann (2004, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung vom 22.09.2004:

Narziss und Psyche
Katja Kullmann erzählt von «fortschreitenden Herzschmerzen»

Ein höchst ungleiches Paar, aber Poesie operiert gegen die Regeln der Vernunft. Warum sollte es also nicht funktionieren? Er pflegt die Sprache, sie den Körper. Ein junger urbaner Feuilletonredaktor, schnöselhaft, redselig, erfolgsverwöhnt, und das Kosmetikfräulein, ein Landei, frisch hereingekullert ins Souterrain der Metropole, womöglich Frankfurt am Main: Jeden Donnerstagabend zwischen sechs und sieben darf Mona, die eigentlich Simone heisst, ihn behandeln und ihm zuhören, wie er räsoniert über die «Trägheit der Stadt», und am nächsten Morgen kauft sie sich das Blatt, um hinterm Börsenteil das Feuilleton zu finden und seinen Namen unter wortgewandten Artikeln. Sie gibt sich redlich Mühe, wälzt das Fremdwörterlexikon, um ihn zu verstehen, fährt quer durch die Stadt in das Viertel, in dem er wohnt, kurz: Sie ist eben verliebt. Und sollte Liebe nicht belohnt werden, wenn nicht im Leben, dann wenigstens in der schönen Literatur?

Die 1970 geborene Katja Kullmann, die bisher mit einem erfolgreichen Sachbuch hervorgetreten ist («Generation Ally»), versucht sich zum ersten Mal als Erzählerin. Zunächst einmal: Sie kann schreiben, flott, gescheit und witzig. Solange die Geschichte in der Schwebe ist und das Paar eine Chance zu haben scheint, macht die Erzählung Spass. Mona ist in ihrer Liebesunbedingtheit eine sympathische Figur, aber ihre Naivität wird ihr von der Autorin nicht verziehen. Wenn der männliche Held den Zimmerspringbrunnen im Salon begutachtet und meint, es gebe keinen Kitsch, der nicht von der Natur übertroffen werde, wenn er also Siegfried Kracauer zitiert und das Fräulein dabei an Würstchen denkt - dann gibt zumindest der Romantiker im Leser die Hoffnung auf, die Geschichte könnte eine überraschende, also eine glückliche Wendung nehmen. Weit gefehlt: Die Geschichte nimmt den voraussehbaren nüchternen Verlauf, die Heldin steigert sich in ihre unvernünftige Projektion hinein, der Held fühlt sich bedroht und weist sie zurück.

Dass Katja Kullmann aus der Perspektive der Mona erzählt, erscheint dabei als ein fast perfider Kunstgriff: Letztlich verbündet die Autorin sich nicht mit der schwärmenden Heldin, sondern mit dem Mann, mit dem Stärkeren. Der elaborierte Titel - «Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad» - verrät es eher unfreiwillig: Es ist der Mann, der von sich behauptet, die Farbe Türkis löse bei ihm Herzschmerzen aus; aber es ist die Frau, deren Herz gebrochen wird. Sie sieht es auf sich zukommen, aber sie vermag die Zeichen der Realität nicht zu dechiffrieren: «Er war», fällt Mona auf, «mit sich selbst zufrieden, und das schien ihr berechtigt, berechtigte Selbstzufriedenheit.» Sie ist stolz auf die Erfindung dieses Ausdrucks, denn endlich hat auch sie einmal einen Begriff geprägt, was ja sonst die Domäne ihres Idols ist; aber sie begreift nicht, dass die behagliche Zufriedenheit mit sich selbst das Interesse am anderen reduziert, dass dieser Narziss sie nicht umwirbt, sondern nur einen Echoraum braucht für seine Wortkünste, während Mona seine Fingerkuppen verwöhnt.

So fällt die Autorin ihrer Protagonistin in den Rücken und untergräbt Stück für Stück das utopische Potenzial ihres Textes. Am Ende läuft alles auf eine Desillusionierung hinaus, auf die Demütigung einer naiv Liebenden, die sogar ihren Job verliert und nichts gewinnt. Triumph eines profanen Realitätsprinzips.

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Fortschreitende Herzschmerzen... von Katja Kullmann, 2004, KiWi2.)

Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad.
Eine Erzählung von Katja Kullmann (2004, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Kerstin Meier aus dem titel-magazin, 2004:

Die kunstseidene Kosmetikerin

Systemkritik aus dem Schönheitssalon – in ihrer Erzählung „Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad“ zeigt Katja Kullmann soziale Schichten ohne Schminke.

Über hundert Jahre deutsche Sozialdemokratie ändern nichts an dem Grundgesetz: Runter kommt man die soziale Leiter immer noch leichter als hoch. Dass selbst der unbedingte Wille zur Anpassung kein Ticket zum sozialen Aufstieg ist, zeigt Katja Kullmanns Erzählung „Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad“. Dabei ist die Kosmetikerin Simone aus der bayrischen Provinz fest entschlossen, alle Spuren ihres kleinbürgerlichen und -geistigen Vorlebens auszuradieren. So fest, dass sie sogar Tonbandaufnahmen macht, um ein einwandfreies Hochdeutsch einzustudieren. Außerdem nennt sie sich mondän „Mona“. So wähnt sie sich bestens gerüstet für ihren neuen Job beim „Studio de la beauté“ im Souterrain eines Einkaufszentrums in der großen Stadt. Hier kommt bei pastellfarbenem Dämmerlicht und dauernder Duftbestäubung zusammen was nicht zusammen gehört – die reichen Ladys „von und zu“ und Mädchen wie Simone, die Abendroben und Defileés nur aus der „Gala“ kennen. Doch die Rollen sind verteilt, es ist klar, wer hier wem die Gesichtsmasken anrührt.

Schönheit trifft Bildung

Die geordneten Verhältnisse im Schönheitssalon geraten für Simone jedoch komplett durcheinander, als auf einmal ein Kunde auftaucht, dessen Universum noch fremder scheint als das ihrer neureichen Kundinnen. Der junge Mann arbeitet als Redakteur im Feuilleton der Lokalzeitung und benutzt andauernd Ausdrücke wie „Larmoyanz“ und „ontologisch“. Während sich Simone um seinen Teint bemüht, fackelt er ein imposantes Formulierungsfeuerwerk ab. Soviel Eloquenz macht sie sprachlos. Sie ist fasziniert und vor allem: verliebt. Umgehend beginnt sie die Zeitung zu studieren wie die Bibel einer fremden Religion. Doch genauso wie aus einer Simone nie eine echte Mona wird, wird aus einer provinziellen Kosmetikerin auch nie die Freundin von Feuilletonisten.

Gut gepflegter Standesdünkel

Bei ihrem Bestseller „Generation Ally“ unterstellte die Kritik Katja Kullman, Konsumkultur zu glorifizieren. Spätestens mit „Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad“ steht fest: Kullmann nimmt dezidiert politisch Stellung und scheut sich nicht, Systemkritik literarisch zu verarbeiten. Kein Eintritt ohne den entsprechenden Code, lautet die Bilanz der Erzählung, die Kullmann jedoch nie platt eins zu eins ausformuliert. Stattdessen enthüllt sie die Standesdünkel der Kulturschickeria durch die groteske Bewunderung einer Außenstehenden. Ganz sicher macht Simone bei ihren verzweifelten Annäherungen ans Bildungsbürgertum keine gute Figur. Aber am Ende kommt der Feuilletonist noch schlechter weg. Sein aufgeblasenes Geschwafel stellt Kullmann ebenso bloß, wie seine bourgeoisen Allüren. Den feuilletonistischen Bonmots setzt sie einen relativ schlichten Erzählstil entgegen, für den der merkwürdige Titel glücklicherweise nicht repräsentativ ist.

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