Föhn von Nina Neumann, 2008, Landpresse1.) - 3.)

Föhn.
Gedichte von Nina Neumann (2008, Edition Landpresse/Verlag Ralf Liebe).
Besprechung von
Ludwig Steinherr für die "horen", 2008:

DIE ZUGKRAFT DER WELT
Gedichte von Nina Neumann

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Dieses Wittgestein-Zitat stellt Nina Neumann dem ersten Gedicht ihres Bandes "Föhn" voran - das Gedicht aber trägt den Titel "Schreib ein Gedicht." Es lautet: "Schreib ein Gedicht,/ein leises Wort/ gegen die schreiende Gegenwart.// Gib eine Stimme/ dem Schweigen,/ damit jeder hört,//wovon/ man nicht/ sprechen kann."
Tatsächlich sind diese Verse in langem Schweigen gereift. Die Verfasserin wurde 1946 in dem kleinen Dorf Jandoby der ehemaligen Sowjetrepublik Tschuwaschien geboren, und wenn sie auch bereits während ihrer Schulzeit die deutsche Sprache erlernte und später an
deutschsprachigen Kultur- und Literatursendungen des Rigaer Rundfunks mitwirkte, begann sie doch erst mit ihrer Übersiedelung nach Deutschland 1996 Gedichte und Prosa in deutscher Sprache zu schreiben. Es gab zwar Veröffentlichungen in etlichen Anthologien, auch einen Privatdruck und zwei Auszeichnungen - doch "Föhn" ist nun der erste   "richtige" Band von Nina Neumann.
Diese Gedichte blicken auf viel Leben, viele Erfahrungen zurück - vielleicht können sie deshalb so einfach sein - einfach im besten Sinne. Nirgends gibt es das leere Pathos, die großartige Geste. Vielmehr evoziert diese Lyrik mit sparsamsten sprachlichen Mitteln intensive Momente. Oft geht der "Blick in die Kindheit", doch nicht um sich in Erinnerungen zu verlieren, sondern als Spiegel der Gegenwart: "...das lachende Kind/ ist noch in mir,/ verborgen/ wie die kleinste russische Puppe/ in der Matrjoschka."
Auch "Fremde Länder" tauchen auf, erlebte Orte. Zum Beispiel Malia und Kairouan, Pompeji und Tunis. Von "Port-Moniz" bleiben im Gedächtnis "die langen Fische/ mit riesigen,/ traurigen Augen.//Die armen Geschöpfe./Wir haben sie/ zu Mittag verspeist!"
Nina Neumann scheut nicht die schlichte Empfindung - das ist die Stärke dieser Gedichte. Sie kann schreiben: "Hier ist es schön!" Oder in einem Liebesgedicht: "In meinem Alter/ will ich nicht/ lächerlich erscheinen." So spürt man in diesen Versen immer "die Zugkraft/ der Welt".
In welcher Eindringlichkeit und zugleich in welcher Knappheit wird ein ganzer Sommer beschrieben: "Sommer 2000// Ein Tief,/ noch ein Tief/ und noch eins.../ Eine Flutkatastrophe,/ eine Sonnenfinsternis./ Ein Umzug." Ohne ein einziges Verb verschmelzen hier Welt und Ich.
Mein liebstes Gedicht aus diesem Band heißt: "Himbeerrot". Es zeigt eine Dichterin, deren Wahrnehmung bei geschlossenen Augen noch wächst: "Im grellen Licht/ mit geschlossenen Augen/ sehe ich/ jubilierende Farben,/ himbeerrot./ Sie pulsieren/ im Takt meines Atems./ Wie blendet mich/ dieses Licht!"

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Föhn von Nina Neumann, 2008, Landpresse2.)

Föhn.
Gedichte von Nina Neumann (2008, Edition Landpresse/Verlag Ralf Liebe).
Besprechung von
Helmut Kircher in der Günzburger Zeitung, Juli 2008:

Meine Heimat ist die Fremde

Bibertal-Kissendorf:  "Alle sagen: "Vergesst eure eigenen Wurzeln nicht!' - Aber ich bin wurzellos. Der Wind hat mich verweht", sagt Nina Neumann über sich selbst.

Über die Bindungslosigkeit zu ihrem Geburtsort, die Wurzellosigkeit ihres Daseins, die Heimatlosigkeit ihrer Sprache. Sie ist nicht mehr jung, die schlanke, hochgewachsene, blonde ... ja was eigentlich?

Russin, weil sie 1946 in einem kleinen Holzhüttendorf der ehemaligen Sowjetrepublik Tschuwaschien - irgendwo in den Weiten der Wolgaebene - das Licht der Welt erblickte? Lettin, weil sie, studierte Diplomingenieurin, mit Ehemann und zwei Kindern viele Jahre in Riga lebte? Oder Deutsche, weil sie mit ihrem zweiten Ehemann, dem Schriftsteller Walter Neumann, sich am Bodensee niederließ, und seit vier Jahren in der dörflichen Umgebung und grünwuchernden Idylle von Kissendorf heimisch ist?

"Ich bin glücklich, dass ich in dieser offenherzigen Dorfgemeinschaft leben darf" betont sie - und ist trotzdem "Maira". Maira, so lautet der tschuwaschische Ausdruck für Zugereiste. Immer war sie Maira, und überall. Sie ist es heute noch. "Meine Heimat ist die Fremde."

Wie ein Kaleidoskop der Seele spiegeln sich die Stationen ihres wechselvollen Lebens in ihren Gedichten wider, in einer schnörkellosen, geradlinigen, zuweilen bis auf das Minimalste abgespeckten Sprache, frei jeglicher Suche nach dem verlorenen Reim. "Ich sehe unser Haus/ein alter Getreidespeicher/abgedichtet mit Stroh und Moos", skizziert sie ihre Erinnerungen mit lockerem Pinselstrich. "Ich sehe das Kind/das ich war/und die Eisblumen", ergänzt sie ihr Bild und kolorierte es leidenschaftslos "weiß/kalt und/leuchtend."

Jedes ihrer Gedichte gibt einen emotionalen Blick frei in das tiefste Innere der Nina Neumann, in ihre Wünsche und Hoffnungen, in ihre Ängste und Freuden. Mit einbezogen in die Vielstimmigkeit ihrer lyrischen Ausdruckspalette sind Malerfreunde und Dichterkollegen, sind Reiseeindrücke (Bin gekommen/als Fremde/fahre fort/als Verliebte) und meditative Reflexionen voll lustvoller Harmonie.

All ihre Verse lesen sich als poetische Liebeserklärungen, an Paris und London, an die Moscheen von Kairouan und an "Tausend und eine Nacht/am helllichten Tag". Ebenso eine Liebeserklärung: jener 28. Januar, an dem der Tag weiß hinter den Büschen hockte, der kalte Wind über die Dächer heulte, " ... und ich musste/geboren werden!" Natürlich findet sich auch eine Ode an das Gedichteschreiben "Gib eine Stimme/dem Schweigen/damit jeder hört/wovon/man nicht/sprechen kann."

Und Maira? "Ich bin", so schreibt Nina Neumann in einem Prosatext, "schon ein alter Baum. Und alte Bäume verpflanzt man nicht." Doch wer schon vernimmt ihre Stimme! Muss sie wieder fort? Fort aus der Sprache, fort aus dem Land?

Von Trübnis geprägte Abschiedsgedanken: "'Lebt wohl', denke ich. "Ich habe euch geliebt. Wurzellos bin ich! Der Wind hat mich verweht!'"

Nina Neumann "Föhn" Gedichte. Erschienen im Verlag Ralf Liebe Edition Landpresse. 80 Seiten, zum Preis von zehn Euro. Zu beziehen über den Buchhandel oder die Autorin selbst: Rotleitenweg 5 in 89346 Bibertal, Telefon (08226) 868215.

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Föhn von Nina Neumann, 2008, Landpresse3.)

Föhn.
Gedichte von Nina Neumann (2008, Edition Landpresse/Verlag Ralf Liebe).
Besprechung von Peter Salomon für den "Südkurier", 11.August 2008:

Das sind nur Gedanken

       Ach wie schön, dass es endlich eine Gedichtsammlung von Nina Neumann gibt. Erstmals aufgefallen ist mir die Autorin 1999. Das Kultusministerium von Baden-Württemberg hatte einen landesweiten Lyrikwettbewerb ausgeschrieben. Ich befand mich in der Jury für den Landkreis Konstanz und unter den Bewerbern war auch Nina Neumann. Wir zeichneten sie als Beste für den Landkreis Konstanz aus. Ihr Gedicht "Altes Foto" steht nun auch in ihrem Gedichtband:

Altes Foto

Breitästige, silberne Weide,
darunter ein lachendes Kind
und eine Ziege.
Vergangene Zeit,
eingefangen im Bild.

Die silberne Weide
gefällt,
die Ziege - verkauft?
Geschlachtet?

Nur das lachende Kind
ist noch in mir,
verborgen,
wie die kleinste russische Puppe
in der Matrjoschka.

       Nina Neumann ist keine junge Autorin mehr. Sie wurde in der früheren Sowjetrepublik Tschuwaschien geboren und zog 1978 nach Riga, wo sie als Diplomingenieurin arbeitete. Schon als Schülerin erlernte sie Deutsch, war in Riga Mitglied des deutsch-lettischen Kulturvereins und arbeitete an deutschsprachigen Kultur- und Literatursendungen des Rigaer Rundfunks mit. Seit 1996 lebt sie in Deutschland, und erst hier begann sie Gedichte und Prosa in deutscher Sprache zu schreiben, die sie in diesem Buch makellos beherrscht. Sie ist Mitglied der Meersburger Autorenrunde, in der sich die Bodensee-Dichter aus Deutschland, Vorarlberg und der Ostschweiz alle zwei Monate zu Geselligkeit und literarischem Austausch treffen.
"Föhn" ist ihr erster Gedichtband, wenn man von einem kleinen Privatdruck absieht ("Im Brunnen der Erinnerung", 2002). Man liest diese Gedichte gerne, sie tun einem gut. Durch alle schimmert die Lebenszugewandtheit der Autorin, nie schreibt sie poetisch verblasen, sondern stets mit klarer Diktion und Aussage. Angenehm ist auch ihre Selbstbescheidung (oder die ihres lyrischen Ichs); "das sind nur Gedanken", heißt es zum Beispiel einmal, als es um Reflexionen zu einem noch ungeborenen Kind geht, und dann beschäftigt sich das Gedicht mit der Wärme und dem Licht, die die Welt füllen. 
        Stets ist das Leben, so wie es die Autorin wahrnimmt und darstellt, eingebettet in die Natur. Je mehr ihre Gedichte Naturgedichte sind, desto eindrucksvoller sind sie. Ein wenig erinnern sie mich an die Gedichte der aus der Bukowina stammenden Lyrikerin Rose Ausländer (1901-1988); sie sind kurz, die Verse sind klare Notate - und dahinter spürt man die Tiefe der Natur.
        Lyriker haben es schwer, einen Verlag zu finden, nicht mehr ganz junge erst recht. Schön auch, dass die so verdienstvolle Landpresse, die vor allem durch die zahlreichen Lyrik-anthologien von Axel Kutsch bekannt ist, Nina Neumanns Gedichte gedruckt hat. Der Autorin und dem Verlag wünsche ich viele Leser.

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