Flußufer von Tobias Burghardt, 2001, Kooperative Dürnau1.) - 2.)

Flußufer.
Gedichte von Tobias Burghardt, mit sephardischen Gedichten von Clarisse Nicoïdsky (2001, Kooperative Dürnau).
Besprechung von gam in Neue Zürcher Zeitung vom 27.7.2002:

Nachdenkliche Zurückhaltung

«Beständig ist das leicht Verletzliche»: Als Motto dem Gedicht «Distelmond» vorangestellt, könnten diese Worte Oskar Loerkes für alle Texte gelten, die der Stuttgarter Lyriker und Übersetzer Tobias Burghardt in seinem vierten Gedichtband versammelt hat: «Flussufer» heisst das liebevoll gestaltete schmale Bändchen und zugleich das einleitende Triptychon aus freien Dezimen, in dem Burghardt eines seiner wiederkehrenden Themen umkreist: Das Nächtliche, Flüchtige, Vergängliche. Manche dieser Gedichte lesen sich in ihrer nachdenklichen Zurückhaltung schon wie jene Haikus, die sich im zweiten Teil anschliessen. Dieser siebzehnteilige Zyklus, «Tokioter Bagatellen», wird begleitet von drei kalligraphischen Blättern des japanischen Malers und Poeten Taijin Tendo, und das Zusammenspiel zwischen entschiedenem Federstrich und den gleichsam schwebenden Gedichten führt in eine Sphäre, in der Gedanken direkt aus dem Herzen und dem Blick in die Natur erwachsen. Burghardt ist ein Grenzgänger, bewegt sich zwischen Poesie und Essay, asiatischer Strenge und den üppigen Farben der lateinamerikanischen Lyrik, als deren Übersetzer er sich in Deutschland einen Namen gemacht hat. In «Flussufer» stellt er zum Schluss die sephardischen Gedichte der französischen Autorin Clarisse Nicoïdsky vor, die um den Glanz, die Erinnerungsmacht und Verwundbarkeit der Augen kreisen... Fortsetzung

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Flußufer von Tobias Burghardt, 2001, Kooperative Dürnau2.)

Flußufer.
Mit sephardischen Gedichten von Clarisse Nicoïdsky (2001, Kooperative Dürnau).
Besprechung von
Tobias Burghardt aus Jüdische Allgemeine vom August 2002:

Auf Entdeckungsreise 
Erstmals liegen die sefardischen Gedichte von Clarisse Nicoidsky vor

Clarisse Nicoidsky gehört zu den hier erst noch zu entdeckenden jüdischen Autorinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Poesie ist ein Schlüsselwerk der zeitgenössischen sefardischen Poesie, einer großen Poesie der vielfältigen Verwaisung, der mehrfachen Diaspora und des Exils an sich.

Zu Lebzeiten veröffentlichte sie als Vierzigjährige einen Band mit dem Titel Lus ojus, las manus, la boca (Die Augen, die Hände, der Mund), der längst vergriffen ist; ein zweiter sollte folgen, aus dem einige Gedichte in einer Zeitschrift vorabgedruckt wurden und der ansonsten verschollen ist: Caminus di palavras (Wege der Wörter). Ihre Poesie ausfindig zu machen und erstmals ins Deutsche zu übertragen, ist gleichsam eine poetische Notwendigkeit. „a la maniana dil lugar ...“:

Am Morgen des Ortes
wanderten die Erwachten.
Laß mir deine Stimme,
gib mir die Farbe der Zeit,
um
die Augen zu tauschen,
um nah am Fluß entlang zu gehen,
die Sonne kommt,
ein Regenband entfernt sich,
beladen
wie ein Schleier aus Erinnerungen.
Bück dich,
nimm das Gras in die Hand,
das ist die Vergangenheit.

Die sefardische Poesietradition geht auf das Sefarad, die biblische Bezeichnung für Spanien, zurück. Mit der Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel (1492) gelangte die sefardische Sprache, die auch unglücklich, weil begrifflich verwechselbar, „Ladino“ oder unschön bis abwegig „Judenspanisch“ genannt wird, in andere Weltregionen der Diaspora und nahm manche fremdsprachliche Einflüsse in ihren altspanischen (kastillischen) und hebräisch leicht gewürzten Wortschatz auf. Das sefardische Kulturerbe der jüdischen Vorfahren von Clarisse Nicoidsky lebte mehr als vier Jahrhunderte in Sarajevo weiter, sowohl väterlicherseits als auch seitens ihrer Mutter, die schließlich in Norditalien aufwuchs. „il vistidu abucaradu di tu alma ...“:

Das löchrige Kleid deiner Seele
ließ
eine
Träne vergießen, rot wie Wein,
Träne aus Wein,
aus Vergessen.
Du bist einsam;
gib mir deine Hand.
Hand und Stimme
öffnen
gemeinsam die Tür einer Landschaft
aus Zittern und Frost,
die Windblume
fiel
sehr langsam
auf das schlafende Wasser.
Du bist einsam;
gib mir deine Hand.

Clarisse Nicoidsky wurde im August 1938 in Lyon geboren. Ihre Eltern - aus Sarajevo und Triest - hatten sich auf der Flucht vor dem Terror der Naziverbündeten in Barcelona kennengelernt und gelangten 1936 nach Frankreich, wo sie heirateten und eine kleine Familie gründeten. Mit ihren ersten beiden Kindern überlebten sie den Holocaust - im Gegensatz zum Großteil der in Sarajevo verbliebenen Familienangehörigen, die alle dort umkamen.
In ihrem Elternhaus wurde die Sprache der Familie, der Verstecke, der Geheimnisse und der Schrecken, das Sefardische - muestru spaniol - gesprochen, aber auch Italienisch, Serbokroatisch, ein paar Wörter Deutsch und ein wenig Französisch. Die französische Romanschriftstellerin und Essayistin verfaßte nur ihre Gedichte auf Sefardisch als Kaddisch für ihre verstorbene Mutter und die verlorene Kindheitssprache. Jedesmal, wenn sie ein Buch auf Französisch beendete, schrieb sie Verse und Lieder in „unserem Spanisch“, damit die mütterliche Stimme erhalten bleiben möge, damit der Tod ihrer Mutter nicht der Tod einer Sprache sein möge. Clarisse Nicoidsky verstarb im Dezember 1996 in Paris.
Ihre glühenden Verse inspirierten den argentinisch-jüdischen Dichter Juan Gelman zu seinem einmaligen, grandiosen und unlängst auch auf deutsch erschienenen sefardischen Gedichtzyklus Dibaxu-Debajo (Darunter). Im europäischen Exil, der Zuflucht vieler lateinamerikanischer Intellektueller vor den Todesschwadronen der Militärdiktaturen der siebziger und achtziger Jahre, fand Gelman den Zugang zu Nicoidskys Gedichten und zum Sefardischen als der vielleicht extremsten Exilsprache dieser Welt. Die sefardische Poesiesprache gab ihm eine „verlorene Reinheit“ wieder und „eine Zärtlichkeit aus anderen Zeiten, die lebendig ist und deshalb voller Trost.“ Ihre Gedichte charakterisierte Gelman zutreffend als „diaphan wie ein Feuer“. Die argentinische Schauspielerin und Sängerin Dina Rot vertonte die sefardischen Gedichte von Clarisse Nicoidsky und auch die von Juan Gelman, die gemeinsam zu den wenigen und unentbehrlichen Dokumenten zeitgenössischer sefardischer Poesie gehören. Ihre Gedichte zu entdecken, bleibt ein Glücksfall.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

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