fluglärm über den palästen
unsrer restinnerlichkeit.
Gedichte von Andre
Rudolph
(2009, Luxbooks).
Besprechung von Gisela Trahms im titel-magazin
vom 11.5.2009:
Säge im Kopf, Schmetterling vor Augen
Ziemlich extrem, wie wir so leben zwischen heute und
heute, zwischen Empfindsamkeit und Brutalität, Leere und Überfülle. Andre
Rudolph blättert die Bilder zur Lage auf.
Das sogenannte wirkliche Leben tendiert ja eher zur
Langeweile: „die straße. dieser öde text. hier / passiert heute nix
mehr. / (scrolln)“ Und das, obwohl doch jeder Augenblick
Möglichkeiten ohne Zahl zu bieten scheint. Na los! Jetzt! Und „jetzt“ ist
tatsächlich das erste Wort dieses Gedichts: „jetzt! spieln wir mit / dem
playboyhasen der zeit.“ Spielen wir also immerzu ein Spiel namens Jetzt, in
dem die Zeit zu Momenten zerbröselt, so dass sich ein seiner selbst gewisses
Ich gar nicht erst bilden kann? Hoppelt ein käufliches Häschen durch unsere
Jahre, immerhin sexy? Oder ist es die eigene Lebenszeit, die wir als
käuflich anbieten müssen, was sie zu einem „öden text“ macht?
Vertrackte Bilder schlingern im Kopf, während man diese Gedichte liest. Ins
Eindeutige übersetzen kann man sie glücklicherweise nicht. Zwar sind wir die
Leser, aber gleichzeitig der ebenso vertraute wie hermetische Text, bis hin
„zum fließtext der leiber“. Gern blieben wir unentziffert, aber das gelingt
nur selten. In der Bewusstlosigkeit der Liebe vielleicht.
Erforscht wird diese Konstellation in einem Korpus von 46 Gedichten gleicher
Form mit dem Titel „schmetterlingssäge.doc“: sieben gegeneinander versetzte
Zweizeiler bilden das Hin und Her der Sägebewegung ab, je sieben Gedichte
gehören zusammen. Die siebente Gruppe bleibt unvollständig; das Textgebäude
demonstriert so sein Trümmerbewusstsein, ähnlich manchen Beispielen moderner
Architektur, in die eine bröckelnde Wand eingebaut wurde. Sieben ist eine
mythische, eine Märchenzahl, daher wundert es nicht, bei der Lektüre auf
Schneewittchen zu treffen, auf Zwerge, Gold, den Wald und die Lichtung.
„jetzt. da // immer. hier“
Flieht da jemand in die Idylle? Überhaupt nicht. Immer geht es um die
ineinander verschraubte Komplexität von Wahrnehmung, Reaktion und medialer
Vermittlung. So stecken wir ja gleichzeitig „in den finsteren jahren der
lohnarbeit“, im Zwang zur Selbstentfremdung also, verfolgt von den Formern
und Verformern unserer Psyche, sprich „mama und papa“, und betreten wir
endlich Heideggers „lichtung“, den
Ort der Kunst, wartet dort die grässliche „schmetterlingssäge“, die zwar
Goldstaub produziert, aber um den Preis der Zerstörung des Kreatürlichen.
Mehrfach begegnen wir dieser Säge, jedesmal macht die Metapher uns
schaudern, verbindet sie doch in extremer Weise Brutalität und Zartheit. In
gegenläufigen Bewegungen nehmen wir uns als vielfach Zersplitterte wahr, und
zersplittert ist auch der Wortspiegel.
So düster wie sich das anhört, wirken die Gedichte jedoch keineswegs. Sie
besitzen die Leichtigkeit des Schmetterlingsflugs, und sicher wäre die
Zweizeiligkeit auch als Anspielung auf das Flügelpaar zu deuten. Unablässig
wechseln die Bild- und Bezugsebenen, die der Schmetterling mühelos
durchquert. Die Straße, also das Draußen, die Realität, ist der Text, der
Text auf dem Bildschirm wird zum Lebenstext, und statt ihn bloß mechanisch
zu scrollen, könnten wir vielleicht seine Schönheiten entdecken – in der
Utopie zumindest.
Die Vorzüge des gedimmten Lichts
In diese Richtung scheint ein Gedicht über die „tiere des waldes“ zu weisen,
aber siehe da: „sie wirkten erschöpft; müde von // den netten gesten,
ausgezehrt / vom wettbewerb um die besseren // freunde. – bei gutem licht /
diskutierten wir über die vorteile // unsrer (künftigen) freiwilligen /
rückverdunklung. das fühlte sich // leicht an und schwer. wie mühlen. / wie
strohspinnen aus gold.“ Glaubten wir zunächst an ein Naturgedicht, begegnen
wir uns selbst und dem Kampf um soziale Anerkennung. Plötzlich klingt es
verlockend, das Licht des psychologischen Scharfblicks und der endlosen
Reflexion zu dimmen und umzukehren zur „freiwilligen rückverdunklung“. Nicht
mehr analysieren, sondern fraglos sein. Nicht mehr Stroh zu Gold spinnen und
dem Reichtum hinterher hetzen, sondern umgekehrt. Nicht mehr die anderen in
den Schatten stellen, sondern sich selbst. Gleichzeitig werden diese
Sehnsüchte nach Dunkel und Ursprung melancholisch belächelt, denn sie äußern
sich ja „bei gutem licht“: das Bewusstsein weiß um seine Helligkeit und kann
den Schalter nicht einfach umlegen.
Andre Rudolph, geboren 1975 in Warschau, aufgewachsen in Leipzig, brachte
das Kunststück fertig, als Autor diskutiert und preisgekrönt zu werden, ohne
ein Buch veröffentlicht zu haben. Nun hat er sich in diesem von Annette Kühn
einfühlsam gestalteten Band endlich materialisiert. Seine Texte besitzen
einen unverwechselbaren Ton – intellektuell, souverän in der
Auseinandersetzung mit der Tradition von Sophokles bis Thomas Kling, an den
die umgangssprachlich verkürzten Formen erinnern („unsrer“, „spieln“), voll
ironischer Brechungen und dann wieder rüde und direkt.
„alethe ost (2004)“ beispielsweise ist sicher eines der besten Gedichte zum
Thema „Nach dem Mauerfall“: „die größten kartoffeln ausm fenster geschmissn
/ die glasierten langweiligen möhren ausm / westen auch … wir sitzen immer
noch, in den ruinen, von / russnkasernen…“ Die ganze Wut und Ratlosigkeit
von „ost“ spricht daraus. Wenn die Schulbehörden das in zehn Jahren
realisiert haben, werden sich noch Generationen von Abiturienten daran
abarbeiten. Sinnvoller wäre es allerdings jetzt. „jetzt!“
[...diese und weitere
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