Flug von Roman Bucheli, 2007, SuhrkampFlug.
Roman von Reto Hänny (2007, Suhrkamp, Neue Fassung).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue Zürcher Zeitung vom 10.4.2007:

Traum vom Fliegen
Reto Hänny hat sein Buch «Flug» noch einmal neu (um)geschrieben

Es gibt Autoren, die schreiben mit jedem neuen Buch am alten fort. In stetigen Verwandlungen verknüpfen sie die Fäden, aus denen ihr Stoff gemacht ist. Claude Simon wäre zu nennen oder Gerhard Meier. Dann freilich wissen wir von Schriftstellern, die könnten immer am gleichen Text arbeiten, indem sie ihn ohne Unterlass umschreiben, indem sie Geschriebenes löschen und Gelöschtes wieder hervorholen. Ein work in progress ohne Ende – und damit daraus ein Buch wird, muss man den Autoren das Manuskript förmlich entreissen. Das gedruckte Werk hält dann eine vielleicht zufällige und willkürliche, aber jedenfalls nicht letztgültige Momentaufnahme aus dem unabschliessbaren Arbeitsprozess fest. Von den jüngeren Autoren glauben wir von Peter Weber und Michel Mettler zu ahnen, dass sie in dieser Art arbeiten. Ihre Ahnväter mögen Walter Benjamin oder Arno Schmidt heissen, die im Zettelkasten das ideale Abbild für die Dynamik ihrer Werke erblickt haben mochten.

Übermalungen

Nun können wir, was wir längst schon ahnten, auch Reto Hänny in dieser illustren Gesellschaft ausmachen. Vor mehr als zwanzig Jahren, 1985, um genau zu sein, hatte er mit «Flug» sein drittes Buch veröffentlicht: Es knüpfte an seinem Erstling «Ruch» von 1979 (der übrigens 1984 in einer überarbeiteten Fassung wieder aufgelegt worden war) an und leuchtete den Kosmos der Herkunft auf freilich weniger rabiate Weise noch einmal neu aus. In diesen Tagen ist nun auch «Flug» in einer revidierten Fassung erschienen: Abermals hat Reto Hänny – dessen letzte Buchveröffentlichung «Helldunkel» dreizehn Jahre zurückliegt – nicht lediglich Druckfehler beseitigt. Er hat umgeschrieben, neu geschrieben, hat gekürzt, hinzugefügt, umgestellt: Da fehlt ein Wort, weil es den Rhythmus zu stören schien, hier kam eines hinzu, da es dem Autor jetzt nötig war. Manches wurde gestrafft, anderes stärker betont.

Aber ist es ein anderes Buch geworden? Ja und nein. Es sind die gleichen Geschichten – und doch ganz anders erzählt. Und wer «Flug» nun liest oder mit dem Autor spricht, der ahnt: Das könnte noch in hundert Arten ganz anders geschrieben werden. Abermals stellt das Buch lediglich die eingefrorene Bewegung einer im Übrigen nie zum Stillstand kommenden Arbeit am Text dar. Nicht zufällig teilt Reto Hänny mit Michel Mettler und Peter Weber eine starke Affinität zur zeitgenössischen Musik und zumal zum Jazz. Ihre Bücher lassen denn – neben vielfachen inhaltlichen Bezügen – eine strukturelle Verwandtschaft zu Formen der improvisierenden Musik erkennen. Auch dort hält das Konzert oder selbst die Aufnahme bloss die augenblickliche Konkretisierung einer Idee fest.

Getreu der Auffassung, dass es nichts gebe, was selbst mit den gleichen Worten nicht auch noch ganz anders gesagt werden könnte, hat Reto Hänny seinem Buch eine veränderte Gestalt gegeben. «Übermalt» habe er es, sagt er, und er denkt dabei vielleicht an Künstler, die ein Leben lang an ihren Bildern arbeiten. Indessen muss man nicht verhehlen, dass das Buch – ungeachtet solcher «Übermalungen» – in den zwanzig Jahren Patina angesetzt hat: in der Sprache einerseits, doch auch in mancher der erzählten Episoden. Und zugleich hat Hänny allen Versuchungen widerstanden, die Spuren der Zeit zu verwischen: Eher hat er sie deutlicher hervortreten lassen.
Schatten der Melancholie

Dreifach spannt das Buch einen Rahmen auf, der den Traum vom Fliegen und seine Ernüchterung anklingen lässt: Gefeiert werden die Pioniere des Fliegens, doch im Geknatter ihrer Motoren und im Feuerwerk ihrer Flugschauen hören wir bereits das vorauseilende Donnern späterer Bomberstaffeln. Und wir sehen den Knaben, der unbändig in der Bauernstube um den Tisch herumfliegt, bis der Grossonkel energisch dazwischentritt, ihm den gerade eben geschenkten Propeller entreisst und in Stücke bricht. Oder wir begleiten den Erzähler auf einer Flugreise, von der er nicht zu sagen weiss, ist es Flucht oder Abschied, was ihm bevorsteht. So wohnt jedem Aufbruch bereits die Trauer der Ankunft inne, und einen Schatten der Melancholie legt dieser erzählerische Rahmen auf die dazwischen wie in einem Bilderbogen ausgefalteten Geschichten.

Von mehrfachen Aufbrüchen erzählen diese Episoden: Wie der Jugendliche in die Stadt kommt und seiner Welt entrissen wird; wie er für sich selbst Rollen ausprobiert, als Bürgerschreck oder Bohémien; oder wie er in unaufhörlichen Verwandlungen zu sich selbst findet. Das freilich sind dann die ergreifendsten Momente in dem Buch: Wenn der Jugendliche von seinem Lehrer in die Literatur eingeweiht wird, und wenn er für sich selber die Musik entdeckt und auch da wieder von einem Lehrer gefördert wird. Ergreifend und erhellend zugleich, denn nun schliesst sich ein Kreis: Was 1985 aus dem Geist der Musik Bartóks, Strawinskys, doch auch des Jazz entstand, vollendet sich nun, da das Buch diese Bewegung der Musik, das Tasten, das Vorläufige, immer neu sich Konkretisierende, an sich selber vollzieht.

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